Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1920)
- Date
- 1920-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622101--4459-2625761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JODISCHE VOLKSSTIMME ■éMi£ - Bezugspr elses Redaktion u. Administration: Brflnn, Krapfeng. 19. halbjfthrig . . . . ^.Kd 21.— ganzjahrig ... . „ 40.— Inseratet der einspaltlge MilHmeterraum Kfi —’40. DeutschOsterreich.Kronen 80.— Unverlangte redaktionelle Beitrflge werden nicht Dentschland, ganzjahrig .... Mark 35.— honoriert Manuskripten ist ROckporto beizufOgen. Jahrgang XXI. BrUnn, ft Walt"1, Hummer 33. mmsiumauumaaamBBmmsaKanmBBsmasssBamam Elul. Dies ist eiiv Monat, der zum Nachdenken anregt. Wie ieder Wendepunkt. Wenn er feierlich in der Synagoge verkiindet wurde, ging es, wie ein Schiuchzen durch die Gemeinde, besonders in der „Weiberschule" hdrte man es, unterdriickt, manchmal mit Weinen untermischt. Der Sommerglanz wird nun bald durch den Herbstnebel abgeldst werden. Und die Tage des Qerichts werden kommen. Schon ertbnt der Scbophar. Ernste Tage ziehen heran. Es ist Zeit, daB die Menschen wieder emporgerii ttelt werden aus ihrem sinnlichen, irdischen Taumel. Und denken daran, daB die gewohnlichen Lebensbedlirfnisse nicht den Sinn des Lebens allein ausmachen. Das Judentum lehrt durch seine Religion nicht nur Geschichte, sondern auch Psychologie. Das ist die Lehre von der Seele. Jude, lehre deine Seele verstehen, das ist wahres Judentum. Unsere Seelen rein zu halten, das ist es, was unsere Religion von uns verlangt. Rein von Falschheit, Heuchelei, rein von Lippen- und Ohrendienst. Keinen Schaden an der Seele erleiden, das verlangt sie. Nicht dem Eiteln nacbjagen,- nicht Gotzendienst treiben vor den Machtigen, Sattén, Uebermiitigen. Unrechf aus (Jer Welt schaffen urid eine Welt der Liebe aufbauen. Viel ist’s was von uns verlangt wird und wieder leicht, es zu erreichen, wenn wir guten Willens sind. Schadet nicht einer' dem; andern, wenn ihr euch schon nicht helfen kbnnet. Elul. Wir mbchten die Etymologie, das ist den Ursprung des Wortes kennen. Die Gelehrten, von denen wir ihh erfahren soilten, htillen sich in ein billiges Dunkel. Dunkel ist die Etymologie, wie die der meisten Hidischen Monatsnamen. Wird wohl im Persischen zu suchen sein. Andere erklåren den Monatsnamen als „Traubenmonat“. Da hatte ich einen alten Lehrer, der gab Erkiarungen fiir die Monatsnamen, die unsere Orientalisten, Assyrologen, Aegyptologen, Arabisten gewiB nie hatten gelten lassen. Was scherte dies meinen alten Lehrer? Er erkiarte frisch und frei das Wort durch: „Zu Gott." Nicht wissenschaftlich, aber tiefsinnig klingt’s. Aus dem Herzen, zum Herzén. Schla- FEUILLETON. Die Khilliade. Ein homåhrisches Epos, von Dr. Max S t e i f. Der Herr Rabbiner. Als in der Wieg’ er lag und gefeiert wurde die Ssude1), da erkiarte die Tante: „Es soli qur ja kein Rabbiner aus dem Jungen einst werd'n, dieAsei heut wenig rentabel; ein Jurist verstehe zumindest, die Leute zu schinden, und es schau ’was heraus dabei desgleichen ein Doktor der Medizin behandelt die Kranken und schickt sie .ins Jenseits und verdiene httbsch Geld, — hlngegen soleb’ ein Rabbiner sei nur ein unniitzes Mdbel, und ein Menscb, ein wirklich modemer, wiss’ was Gescheiteres zu tun, als die Leut’ zu moralisteren I” Also die Ratschiag' der Tant’. Docb, als er erwachsen, da kehrte torichterweis’ er sich wenig daran, — wer ahnt auch die Zukunft? — Und nachdem die Matura er heil und glilcklich umsegelt, und das Diplom auch erlangt des JDoctors" wie des „Rabbiners” fand den Konkurs elner Khille er in dér Zeitung des „Bloches", die gen wir die Bibel auf. E i n m a I finden wir in dem gånzen Buche den Namen Elul, und zwar im Buche des Nehemjah, Kapitel VI, Vers 15. Und was wird hier gesagt: „Die Mauer wurde vollendet am 25. Tage des Elul nach 52 Tagen." Nehemiah, der grofie Patriot, hatte das ganze Volk angefeuert,- die zerstSrten Mauern Jerusålems wieder aufzurichten und siehe, das Werk gelang in iiberraschend knrzer Zeit. Denn, wasxein Volk in Eintracht unternimmt, begeistert, gekråftigt durch starken Willen, das mufl erreicht werden. Und die Feindé des Volkes hdrten und sahen esp und „fielen in ihren Augen". So zu lesen in demselben Kapitel, Eine gute Lehre liegt darin filr unser jiidisches Volk. Und vier Wochen nach der Verbrennung des Tempels durch Titus, etwa ein halbes Jahrtausend nach der Errichtung der Mauern Jerusålems durch Nehemjah, wieder im Monate Elul, wurde das letzte Bollwerk der heiligen Stadt, die Oberstadt, die Zionsburg, die Jochanan von Oiskala und Simon bar Giora, bis zum letzten Blutstropfen verteidigt hatten, von den R8mern eingenommen. War ein blutiger Elultag, wie Josephus berichtet. Was Eintracht aufgebaut, Zwietracht hat §s zerstdrjt^Qjui£ -. der Weltgeschichte. Wir habeii és nicht •e ffirn gT erfahren und an urts verspiirt Das Judentum lehrt Geschichte und Psychologie. Und besitzt sein eigenes Kalendarium, zwei Jahreszeichen, vom Pessah bis Sukkoth, und vom Sukkoth zum Pessah, Sommer und Winter. So haben wir er bewahrt. Die Bauernregel des Erez Israel ist unsere Regel geblieben bis auf unsere Tage. Fiir den Bauer ist die Ernte das wichtigste, ist sie vortiber, dann beginnt das neue Jahr fiir ihn. Und der Elul, er soli uns gleichsam auf das neue Jahr vorbereiten, er soli es ankiindigen, er tut es. ernst genug, indem an ihm des Schophars Ton måchtig erklingt. Man sieht, der Monat tragt etwas ahnungsvolles in sich, wie wir bereits andeuteten, etwas zum Nachdenken stimmendes. Jiidischer Humor war stets an der Arbeit und machte selbst vor dem Ernste nicht halt. Nimmt man’s recht, so liegt darin des Humors Wesen. Unter" Weinen Lachen, so wurde der Humor definiért. einen Sorger der Seele sich wUnscht und 1200 Kronen zahlet in Barem nebstdem noch Sporteln und etwas „Matones".8) Dafur jedoch soli ein Demosthenes er sein an Rednerbegabung, wie auch ein Mann von schdner Erscheinung und feinen Manieren. (Namentlich wurde verlangt das letztere von allen Damen.) Zweifelnd, ob dies er besitze, wagt dennoch er hin sich zur „Probe", und ward gleich auch erwåhlt aus 23 Bewerbern. Bald nachdem in die Khille er feierlichst Einzug gehalten, werden vereinzelte Stimmen schon laut, die bisher geschwiegen, um in allerlei Form an ihm jetzt Critik zu tiben. So im Kaffeehaus, wo in der Rund man den iiblichen „Schwarzen" vor der Tarokpartie schlurft, tauscht nun auch gem seine Meinung Uher den Rabbi man aus, und jeder weiB eine Seite, die ihm gar wenig gefdllt bei dem neuen Sorger der Seele: d e m ist flbertrieben er fromm, dem wieder scheint er ein Freigeist, wdhrend die Art im Verkehr ein drifter glaubt tadeln zu mtissen. Als besonders Jbeliebt gilt’s zu sprechen fiber die Predigt, upd der am meisten geschlafen dabei, er findet es sejtsam, wie so wenig an Geist und Gehalt sie gewbtyi* *) Beschneidungsmahl. — ’) Spenden. oder unter Lachen Thrflnen. Sie weinten unsere Vor* fahren, aber das Lachen verlernten sie deshalb nicht. Und so fragte einst ein doppelt Kluger: „Worirt besteht der Jildische Sommer?" Es erwiederte ihm ein dréifach Khiger kurz und bilndig: „7 Wochen zdhlt man, 3 Wochen weint man, 4 Wochen blåst man." Gut und echt jUdisch. Zu den 7 Wdchen der Zåhlimg zwischen Pessah und Schebuoth kommen die 3 Wochen, ben ha Mezarim „zwischen den Engen", zwischen dem 17. Thamuz und 9. Ab, die 3 Trauerwochen, ihnen folgen die 4 Wochen des Elul, in denen Schophar geblasen wird, hier habt ihr ein Stilck vom jttdischen Kalender, der so uralt und doch so fehier- und ltickenlos ist, daB er uns noch nie im Stiche liefl. Er hat in diesem Betracht selbst den ausgekliigetten Kalender der Vater des Konzils von Nicåa hinter sich gelassen, die da melnten, es so fein festgesetzt zu haben, daB ihr Ostersonntag nfe mit dem ersten Pessahtage zusammenfalle. Und haben sich doch geirrt. Im Rechnen, besonders in der Regeldetrie, waren wir stårker. Dies mtissen wir nicht erst von Heine lernen. Doch kehren wir zu uns ’ rem Elul zurtick. Unsere nfchtjildischen Mitbiirger wandten, in frliheren Tagen, ihre Aufmérksamkelf gerne jfidischen Bcåuchen zu, nicht nur in deutsehen, sondern auch in slawischen Landen. Sie lernten auch manches von uns, seien wir nicht undankbar, auch wir manches von ihnen. Man denke nur an Chanuka und Weihnachten. In Cechischen Bezirken, ich denke hier an unser liebes Heimatsland Måhren, wurde man auf das Schopharblasen im Monate Elul aufmerksam. Und da in ihm die Herbstnebel einzogen und manchmal sich schon die Herbstkiihle etwas gar zu .empfindlich fiihlbar machte, sagten unsere' Cechischen Mitbiir- :er geheimnisvoll in ihrer Sprache: „Die Juden blan*n den „mråz", d. i. d’n Frost heran." Keine ilble Bcobachtung. Der Jildische Kalender trllgt nicht. Es „ellelzt", sagt man noch jetzt håufig und will damlt ausdrtteken, es triibt sich, es wird, kulter, besonders am Morgen, und wenn der Elul zu Ende geht und die Selichoth-Tage beglnnen, „selichezt" es, d. h. dann leiten die triiben Morgen den Herbst ein, mit lich aufweise, und daB er bessere Reden schon gehfirt und auch grSBere Redner. Einmal nun ward ob der Predigt ein Sturm in der Khille entfesselt, well sich durch ihren Inhalt getroffen fiihlte Herr Grelner, der zwar ein Gerber von Håuten, jedoch auch Vertreter des Pråses. Als nun die Ftthrer der Khille. am ' Sonntag zusammen sich fanden, zu ’ner Beratung, wie ttblich, da gelang*« ihm, durch es zu setzen, daB fortab die g e s c h r i ebene Red’ stets vor go legt werde, um sie vorerst zu prilfen, ob geeignet sie flir die Kanzel. Schleunigst nun ward der Rabbiner geholt, den BeschluB zu vernehmen, daB er darnach in Zgkunft sich nicht’ bei Straf’ der Entlassung, falis er es wage zuwider zu handein gen* solche Verfiigung. Doch dieser sagte ganz ruhig: „Meine Herren, ich halt* meine Reden stets aus dem Stegreif und kann darum ihren Wunéch nicht erffillen.” Aber da schnellt schon empor von dem Sitz der Gerber der Håute, schlpg mit der Faust auf den Tisch und schrie voll gewaltigen Zornes: „Alsdann soli* er v o r l e g e n ein ledesmal uns Seinen Steggrelf!" Schrie’s und setzte sich nieder. Doch wie’s der Rabbiner befolget, dieses Råtsel zu 15sen, Qbersteigt selbst die Kra% unserer Muse.