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Jüdische Volksstimme · 1920-08-05 · Heft 32 (5.8.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 32 (5.8.1920)
Date
1920-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32. jmmm volksstimme* Setf $. Ohne darauf einzugehen, welche von den vorstchenden Theorien des Zionismus die Wesentlichere ist, filhren wir diese Verschied'enheiten in der Auffassung der Quellen der zionistischen Idee als Beweis an, daB nicht bloB in der Definition, sondern auch in der Ableitung des Zionismus noch immer die Begriffe scihwanken. Wahr ist es, daB Palåstina der uiverriickbare magnctische Pol ist, auf den die zionistische Bussole hinweist. Nichtdestoweniger war Palåstina niemals Selbstzweck, sondern stets nur das zum Zweck fiihrende Mittel. Als das absolute, cndgiltige Ziel galt die Wiedergeburt des jiidischen VoJkes. Welche Schliisse lassen sich aus dieser Erkenntnis folgern? Bevor wir richtige Antwort auf diese Prage finden, miissen wir uns vollste Klarheit und sichere Orientierttng in folgenden Fragen verschaffen: Wie soli diese jiidische Renaissance neschaffen sein? Welche Wege ftihren zu derselben? Welche von den jiidischen Parteien befassen sich mit der zur wahren Wiedergeburt des jiidischen Volkes fiihrenden Arbeit? Was die jiidische Renaissance anbelangt, miissen wir nach vielseitiger und gewissenhafter Prflfung der Struktur derjiidischen Psyche zum Ergebnis gelangen, daB viel eher eine Umgestaltung des Judentums als dessen Wiedergeburt anzustreben ist. Wenn ein Bassin zur Hålfte mit Schmutzwasser angefiillt ist, so wird dessen sanitåtswidrige Beschaffenheit durch Hineinschiitten reinen Wassers sich nur wenig åndern. Da gibts lcein anderes Auskunftsmittel: Der Bassin muB bis auf den Orund entwåusert lind gereinigt. werden, wenn wir es iiberhaupt ciarauf absehen, daB dessen Wasserin Zukunft den Anforderungen der Hygiene entsprechen soli. Die Renaissance-Bestrebungen der jiidischen Sozialisten, Demokraten und dergl. Parteien, die das Judentum der Zukunft auf dessén Gegenwart aufbauen wollen, gleichen der Mengung verunreinigten Wassers mit frischem Quellenwasser. Indem sie die im Qaluth und durch dasselbe geschaffene Situation zum Ausgangspnnkte wåhlen, wollen die gedachten Parteien zwar gewisse Aenderungen durchfiihren, im OroBen und Oanzen aber die bereits eingeschlagenen Richtlinien beibehalten. Soweit es aber iiberhaupt denkbar wåre. dar dieser Weg zur angestrebten Renaissance fiihren konnté, so unterliegt es andererseits keinem Zweifel, daB das solcherweise wiedergeborene jiidische Volk mit dem h istor isch festges teliten Wesen des jiiaischeti Volkes nichts Gemeinsames haben wird. Unter nationaler Wiedergeburt ist die Wiederherstellung der ethisch-kulturellen Werte der Vergangenheit und deren Kontinuitåt in der Entwicklung nach- Verkniipfung derselben mit den Kulturelementen der Gegenwart zu verstehen. Sobald vermittelst dieser Defition der Begriff einer wahren Renaissance •festgesetzt ist, werden wir leicht hegreifen, daB eine Wiedergeburt des Judentums, wie sie von allen je- Ilias und Odyssee und der pythagoråische Lehrsatz, hdher als alle Siege Hannibals, Cåsars und des gro- Ben Alexander, hoher selbst als das, was Goethe und Schiller gesagt. ■— Ruhe sanft, alter Lehrer des Talmuds, wie ferne ist, was einst so nah uns war. Heifi scheint die Sonne hernieder auf diese utitergegangene Welt. Auf den benachbarten Feldern måhen die Schnitter im SchweiBe ihres Angesichtes, die goldenen Halme. Der ganze Glanz des Sommers umhtUlt uns mit seinem hellen Schimmer. Verhei- Bungsvoll liegt die Zukunft vor uns. Wird sie unsertm JUdischen Volke auch die Erfiillung dessen bringen, wonach es sich sehnt, was es erhofft und erwartet? Die da In kUhler Erde ruhen, haben får unser Judentum gekåmpft und gelitten, gerungen und geduldet-. Ihnen war es aufrichtig um das Judentum zu tun. Darin liegt ihre OrdBe, deshalb verehren wir sie. Da war keine Heuchelei, kein falscher Schein, kein aufdringliches sich Hervortunwollen, keine leere Fitelkeit, kein låcherljcher Snobismus. Was sie sprar chen, was sie taten, da von warensie iiberzeugst, ihnen war das Judentum Leben und eid Stiick ihres Wesens. Oråber sind es, an denen wir weilten, åbér fiber die, welche in diesen Gråbern ruhen, haben der Tbd, die Unterwelt ihre Macht verloren* Eine Welt ist' untergegangen, eine neue v/ird erbllihen. Wie der alte sagenhafte Vogel aus den Flammen wiederersteht, so griiBt uns die Morgenets des sich verliirigenden Judentums. Mit diesem Trostésgedanken nahm ich Abschied von den Gråhtkrn Dr. M. Griinfeld. nen Parteien, deren gefneinsamer Exponent die jiidische Sprache ist, gedacht wird, gleichfalls eine Umgestaitung gewisser Art bedeuten wird, und zwar eine Umgestaltung mti Minuszeichen. Es wird eine neue Kuitureinheit entstehen, eine Einheit, welche, anknupfend an die Gegenwart, einen ganz unterschiedfichen 'Gesichtswinkel, ganz unterschiedliche C.efuhlstiefen und Handlungen aufweisen wird. Eine neue Nation wird entstehen. Das Verhåltnis dieser Nation zur jiidischen wird ungefåhr so beschaffen sein wie das Verhåltnis des heutigen Italieners zum Romer des auguståischen, des heutigen Griechen zum Griechen des periklåischen Zeitalters. Aber auch dieser Vergleich gibt noch kein treues Biid von der zuktinftigen Fisiognomie eines auf der Entwicklungslinie der heutigen JUdischisten sich umzugestaltenden Juden. Ist doch der zeitgenossische Italiener oder Grieche das Ergebnis eines Umgestaltungsprozesses, der sich auf demseiben Boden vollzog, auf dem seine groBen Ahnen ihre unsterblichen Werke schufen. Er lebte inmitten der Denkmåler einer alten Kultur und In derselben Atmosphåre, in der seine Altvorderen atmeten. AuBerdem erfreute er sich immer einer P oli t isch teilweisen, biirgerlich aber vollen Freilieit, und war ihm die Mdglichkeit seines kulturellen Sich-Auslebens niemals irgendwie eingeschrånkt. Seine wirtschaftliche Struktur war eine normale. Da er hinter sich einen måchtigen Bauernstand hatte, bildete er einen geschlossenen 6konomisclien Ring. Der Jude der Diaspora kann sich auf alle diese Faktoren nicht stiitzen. Deshalb ist die Ueberzeugung wohlbegriindet, daB die Wiedergeburt, die von den Jiidischisten angestrebt wird, nicht nur das Judentum in minus umgestalten, sondern iiberhaupt eine karrikaturale Volkscinheit, eine Schopfung, welche sowohl fiir sich wie auch fiir andere einen Stein des ewigen Anstosses bilden wird, zutage fordern diirfte. Wenn wir unsere Definition der Wiedergeburt als das objektive Erfassen, der Pråmissen und Ziele jeder nationalen Renaissance ansehen werden, so miissen wir zugeben, daB diejenigen Parteien, die wahre Wiedergeburt anstreben, die einerseits beim Wiederaufbau desjiidischen Lebens an die Kulturwerte der Vergangenheit ankniipfen und andererseits gleichzeitig die Bedingung der Kontinuitåt erfiilien, indem sie die Elemente einer Kultur, die sich als Ergebnis von uns bereits fremden, okonomischmoralischen Bedingungen herauskristallisierte, mit den Elementen der heutigen Kultur verschmelzen. Deshalb werden nur diejenigen Parteien in ihrem Bestreben nach Wiedergeburt des jiidischen Volkes positive Ergebnisse zu verzeichnen haben, die die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft des jiidischen Volkes eher tlberbriicken als noch weiter aufreiBen wollen. Und eben fåilt der hebråischen Sprache die Aufgabe zu, eine solche Verbindungsbrficke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft linseres Volkes abzugeben. (Fortsetzung folgt.) Juden und der Bokchewismus. Von dem bekannten russischen Publizisten B u r z e w, der unter dem Titel „Deutschland und der Bolschewismus“ folg. schreibt: Als der Krieg begann, wurdejl in Deutschland und Oesterreich. viele hervorragende russische Bol- ' ov ikon verhaftet und wåhrend alle anderen Russen an ihrer Person erfuhren, was solche Verhaftungen von Burgern kriegfiihrender Lander zur Kriegse.u-: bedeuten, wurden db russischen Bolschewikefrebelassen, trotzdem sie militårnflichtig waren, und zwar ganz gesunde Leute, auf die man sich aber verlassen konnte, da sie den Bolschewismus in Rufiland predigen und mit seiner Hilfe RuBland zersetzen "/arden. Die einen von ihnen reisten nach der Schweiz, wo sie in Zimmerwald und Kienthal die .rundlage zur kiinftigen bolschewikischen Internationale legten, die anderen aber nach RuBland. Lenin, Sinowjew, Bucharin ynd andere machten sich in der Schweiz an die Arbeit. Die deutschen Agenten suchten auf Defehl von Berlin ihnen auf jede Weise behilflich zu sein. Sie halfen ihnen, bolsche- ■» fkischs Organisationen zu grfinden, die bolscbev’ kische Literatur zu veroffentlichen und zu verbreiten usw. In allen Unternehmungen der russischen Bolschewiken wåhrend des Krieges und nach dem Kriege kann man die Hånd der deutschen Agenten spilren. In den Spalten des „Obstsche D)elo“ verfiffentlichte ich in den Jahren 1917 bis 1920 genaue Angaben dariiber mit Namen, Daten usw. In meinem Artikel „Azew und Lenin" erzåhlte ich zum ^Beispiel mit Dokumenten und Angaben von Zeugen, wie Lenin bereits im Jahre 1916—17, als er ein russischer Fli chtiing war, zu den deutschen Militåragenten Be-* ziehungen ankniipfte und von ihnen fiir seine bolstbewikische Propaganda Gelder empfing. Zur Forderung der bolschewikischen Propaganda in RuBland beforderten die deutschen Behorden unter Verwendung von groBen Geldmitteln eine lange Reihe russischer Bolschewiken in plombierten Wagon fiber Deutschland nach RuBland. Darunter Lenin, Sinowiew, Lunatscharski und andere, die dann u ter den Sowjetkommissåren eine fiihrende Rolle spielten. Die bolschewikische Propaganda zur Zeit Kerenskis wurde in RuBland in eitjem betråeluli ' "■!f Hilfe deutscher Regierungsorgane und Geldes gefilhrt. Mit ihrer Hilfe wurde von den Bolschewiken im Uerbst 1917 der Staatsstreich ausgefiihrt, der den A rifang aller anderen Weltkatastrophen bildete, Katastrophen, unter denen auBer RuBland, England und Frankreich auch Amerika, Italien, Polen, slawische Lånder, Tschechien und vielleicht noch mehr Deutschland und Oesterreich leiden. In der ersten Zeit nach der Staatsumwålzung behaupteten sich. die Bolschewiken in Rufiland mit deutscher Hilfe. Mit deutscher Hilfe schufen sie auch ibn Armee, bis sie die deutsche Hilfe entbehren konnten. Ohne deutsche Hilfe konnten die russischen Bolschewiken also in RuBland nicht aufkommen. Sie hÉtten sich der Staatsgewalt nicht bemåchtigen konnen. Ihr Deutschen habt zugleich, um den Weltkrieg zu beginnen und die Entente zu besiegen, noch eine fii> die Russen furchtbare Katastrophe herbeigefiihrt. Ihr begannet, RuBland zu zergliedern, in eine Reilie von Kleinstaaten zu verwandeln, und das habt ihr nicht nur mit RuBland versucht, sondern auch mit all en unsere^n Verbiindeten, hauptsåchlich aber in RuBland, und hier habt ihr unerhorte Erfolge errungen. ' Rufiland wurde von den Bolschewiken in kurzer Zeit zugrunde gerichtet und verlor (natiirlich nur voriibergehend) seine Weltbedeutung. Ihr Deut- -.'•bpn habt gesiegt und euer Ziel, RuBland zu zergliedern, erreicht. Welchen Prels habt ihr aber fiir diesen Sieg bezahlt? Weder die bolschewikische Propaganda noch FQrdcrung des Separatismus in RuBland, noch Unterstiitzung der Bolschewikenorganisation haben Deutschland in diesem Kriege gerettet. Deutschland l.ai sich nur in eine unbeschreiblich schwere Lage gebracht und die ganze Welt der jetzigen bolschev ikischen Anarchie preisgegeben. Das war so Deutschlands Politik. Die åben Gcwalthaber haben -sich mit den Bolschewiken verbåndet, um die Welt unter ihre Knute zu bringen. Forderung des Bolschewismus, um die Reaktion zum Slo»»e zn ftihren. Nnn aher machen die;utschen ’^aHsten und Ihre iibrlgen Geslnnung verwandten die Juden fiir die Ausbreltung der roten Welle vet antwortlich. ,,W. M. Z,‘‘ Die zionistische iithre«konferenz in London. Resolutionen fiir die Erzlehungs- und Kulturarbeit in der Diaspora. London. 23. Juli 1920. J. C. B. 1. Die Zionistische Jahreskonferenz besohlieBf, daB die Zionistische Organisation die Leitung der F-2iehungs- und Kulturarbeit iibernehmen und ihr Budget einen besonderen Posten flir diesen Zweck U'itnehmen soli. 2. a) Das Zentrum der Erziehungs- und Kulturarbeit muB in Palåstina sein. b) Die Organirieriing und1 Leitung der Erziehr*gs- und Kulturarbeit in der Diaspora so'l durch cm autonomes Zentralbttro durcbgeftihrt wen’^n, das ln der Nåhe Østeuropas zu errichten ist. 3. a) Die Aufgabe des ZentralbUros in Pa:. stina wird die Ausarb.eitung der Programme flir alk unser e Erziehungsinstitute, die Vorbereitung von L und Lesebttchern und pådagogischer Literatur, die Griindung von vorbildlichen Instituten, wie Lehrer-

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