Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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mm i. Jensen! volksstimmefrr-mrm-' iiFÉ‘"*wrt mm ■ vi* h r ■„ sinn -f« Nr. 32. Juden Trotzkl organisierten Armee. Die GroBmåuler, diese politisehen Charlatane, die au! die Knie jåmmerlich niedergezwungen, noch dem siegreichen, russischen KoloB Vorschriften machen mochten. Wenigstens wollen sie es der Welt vormachen, So schnell hat kein Volk sein Geschick ereilt, weil es schuldig ist, schuldbeladen, durch die letzten Worte sterbender, wehrloser Manner und Frauen tausendfach verflucht und vermaledeit. Noch ist Polen nicht verlorenl Fin stolzer Satz, aber dieses Volkes nicht wiirdig, daB flir alle Zeiten mit dem Fluche beladen ist, und das Wert ist zugrunde zu gehen, weil es mit seiner Freiheit nichts anderes zu tun wuBte, als Unschuldige zu bedriicken und zu quålen und weil sich auch in der Geschichte lede Schuld auf Erden racht. Der Zionismus und seine VerwirklPhung. i Von Ing. B. Zimmermann. Uebertragen aus dem Polnischen von Beffrihard 2 u p n i k. Selten standen in der Geschichte die Menschen vor einer so merkwiirdigen Tatsache, wie es die ■Verwirklichung einer Idee ist. Diese Tatsache . ersclieint umso merkwiirdiger, als die in Rede stehende Verwirklichung gleichzeitig den Uebergang eines allgemein als Utopie betrachteten Oedankens in den Bereich grei!barer Wirklichkeit bedeutet. Einer so selten begegneten Erscheinung gegeniil-er steht heute die ganze Welt in Anbctracht der zionistischen Idee. Denn die Sehnsucht vieler Jahrhunderte ist im Begriffe, in Erfiillung zu gehen, das Ideal vieler Millionen Menschen geht seiner Verkorperung entgegen, die Utopie vieler Idealisten wird in konkrete, lebendige Tat umgesetzt. Leider hat das zwanzigste Jahrhundert aus den Herzen der Menschen das warme Blut bis zur Neige rfusgesogen und ihre Seelen jeder Begeisterungsfåhigkeit beraubt. Wie konnte man sich sonst diese vollståndige Apatie der Welt gegeniiber der unverhofften Erfiillung der vor Jahrtausenden ausgesprochenen prophetischen Verheifiungen — erklåren? Aber noch. unyerståndlicher ist der Seelenzustand eines Volkes, flir welches das Eintreffen dieser Weissagungen gleichzeitig nicht nur die Bewahrheitung der Tråume ungezåhlter Generationen vom bevorstehenden Aubruch eines neuen Morgenrots ist, sondern auch die endliche Erhfirung sovieler heifien und inbrilnstigen Gebete — und vor Allem — die Be- Ireiung aus geistiger und korperlicher Knechtschaft bedeutet. Erinnern wir uns — um mit einem historlschen Beispiel zur Hånd zu sein — jenes wilden Begeisterungstaumels, iener beispiellosen Extase, die die Judenheit der ganzen Welt ergriff, als der angetliche Messias, Sabbatai Zwi, erschien und dem Volke die Wiederkehr in den SchoB seiner alten Heimat verkiindete. Was sind diesem gegeniiber alle unsere heutigen Enuntiationen, Konferenzen, Kommissionen, mit denen in ganz ntichterner Weise und Nacht". Seine Gattin sorgte fiir den kargen Laushalt. Sie storte den lieben Gefåhrten in seinem „Lernen“ nicht, die £orgen des Tages, die Not des Lebens, soliten an ihn nicht herantreten. Das war des Judentums Idealismus. Der Kaftan, den er trug, harigt noch immer in der Stube, ih der er studiert hatte, die Stube selbst solite dem Unterrichte in der Thorah geweiht sein. So hatte es die liebende Gattin nach dem Tode ihres gelehrten Gatten testamentarisch festgesetzt. WeiB nicht, ob es noch jetzt so gehalfen wird, in dieser Zeit frechen Schiebertums. Das aber weifl ich und daran kann ich mich erinnern, daB die Witwe, die jetzt auch auf dem ,guten Orte* ruht, ihres Glanzes, ihrer Pracht, wie sie ihren Gatten mit Recht Lezeichnen konnte, nie vergaB, wie sie an den „furchtbaren Tagen“ laut aufweinte, wenn das erschUtternde Gebet verrichtet wurde, welches das gottliche Gericht mit machtigen Posaunentonen kilndet. Gehen wir einige Schritte weiter. Da ruht der Vertreter einer Familie, die sich schon, vor mehr als einem halben Jahrhundert, des Besitzes reicher irdischer Giiter erfreute. Zwischen Handel und Talmudstudium teilte sich sein Leben. Er besaB, um mit den .Sprlichen der Vater" zu reden, „Mehl und Thorah", war auch Vorsteher der Qemeinde, mehr wegen seiner Gelehrsamkeit, als seines Reichtums, und verstand es, die Qemeinde stets wiirdig zu vertreten. Se ine Enkel haben schon lange die bekannte Metamorphose vollzogen, durch die Bekenntnis und auch uer Name geanderl werden... Wie anders mutet tøæsageit mit dem Bleistift in der ttand auf das Er* seheinefl der histOrischen Gerechtigkelt, auf dieses strahlende und weittragende Wunder reagiert wird? Nicht nur låBt sich nicht beobachten, als ob aui die frohe Botschaft hin, daB die Gebete des jlidischen Volkes in Erfiillung gegangen, eine hesonders gehobene Stimmung der jiidischen Seelen sich bemåchtigt båtte, sondern vielmehr kann man kotistatiefen, daB sogar in zionistischen Kreisen, also bei denienigen Teilen des Judentums, flir den die Idee der Wiedergewinnung Palåstinas der Mittelpunkt ihrer Wunsche ist, daB also sogar hier ein gewiaser Skeptizismus sich bemerkbar macht, und eine qtiasi durch Enttåuschung hervorgerufene Apatie die herrschende Stimmung ist. In den Herzen vieler Zionisten gåhrt der Keim einer Unzufriedenheit, die schwer zu definieren oder gar zu begrunden ist. Manche von ihnen wollen diesQuelle dieser Unzufiiedenheit in der so plotzlfch zutage getretenen Unmoglichkeit der Ueberfiihrung aller vierzehn Millio- J.’en Juden der Welt nach Palåstina finden. Solange die zionistische Idee in ihrem territorialen Teile, insbesondere aber rUcksichtlich ihrer politischen Realisierbarkeit als Utopie galt, legte man sich dariiber keine Rechenschaft ab, daB der Fassungsraum Palåstinas ein nur beschrånkter ist. Unter der bcriickenden Suggestion des schonen, wenn auch nur allgemein klingenden Schlagwortes von der Selbstbestimmung im kommenden jiidischen Staate fragte man nicht nach der Zahl der Einwoliner dieses Staates und bestimmte nicht dessen Grenzen. Die prajctische Seite der zionistischen Idee sah man hinter einem dichten, undurchdringlichen Nebel. Man glaubte. Glaubté, daB gleichzeitig mit der Verwirklichung des Zionismus der vollkommene und in jeder Hinsicht mustergiltige judische Staat erstehen, daB aber auch gleichzeitig damit das Galuth — gleichsam durch Beruhrung eines Zauberstabes — ins Nichts versinken wird. Als sie aber bei der herannahenden Erfiillung ihrer mystischen Sehnsucht auf dem Boden der nuchternen Wirklichkeit zu stehen kamen, krampften sich ihre Herzen vor Schmerz zusammen. Denn hier stieBen sie schon auf die Frage: Was soli mit den im Galuth zuriickzubleibenden zwolf Millionen Juden geschehen? und wie ist der arabischen Mehrheit in Palåstina beizukommen? Wie bei einem Menschen, der nach langer Kiankheit das Augenlicht wiedergewinnt, vollzog sich auch bei Ihnen ein gewisser Riickschlag, indeni sie mit kritischem, ja skeptischem Blicke die Welt ihrer Idee zu betrachten anfingen. Unwillkiirlich wirft sich uns die Frage auf, ob — und inwiefern mit "Recht — diese Zionisten es herausfuhlen, daB dieser nunmehr so wunderbar aufgehende Keim eines jiidischen Staates noch immer nicht die Ankunft des Messias bedeutet, daB dieses Selbstbestimmungsrecht bei weitem noch nicht die ganze Erldsung in sich schlieBt, daB dieser Judenstaat, dessen Umrisse immer deutlicher am Horizont auftauchen, mit der Verwirklichung des Zionismus sich noch lange nicht restlos deckt. mich die Mazebah an, die mit schlichten Worten vermeldet, daB hier ein Lehrer und Vorbeter der Genieinde ruht. Es war ein Mann, dessen ich nie vergessen werde. In der heiligen Sprache wohi bewandert, stbrieb er ein Lehrbuch der hebråischen Sprache, ubersetzte die Psalmen in’s Deutsche, hungerte dancbén fleiBig, unterrichtete die Kinder in strengwohlwollender Weise in den Fåchern der ehemaligen, jiidischen Normalschule, erzog seine Sohne, trotz seiner kårglichen Mittel, so, daB sie hochachtbare Månner in gelehrten und praktischen Berufen wurden. Auch er ist schon, nahezu ein halbes Jahrhundert, tot. Wie fliegen sie doch die Jahre pfeilschnell dahin ... Und dann das Grab der Frommen und Klugen, der wir in diesen Blåttern bereits gedacht haben, der wackeren Frau, deren geflilgelten Worte ich heute noch mit Ehrfurcht, Freude und Wehmut zugleich gedenke. Sie war arm und kannte die Macht des Mammons. Wie håtte sié sonst sagen konnen: „Geld låBt nicht trauern." Viel realistische Philosophie liegt in diesen Worten, deren Wahrhelt uns die Erscheinungen unserer Zeit vor Augen fiihren. Sie besafien viel Lebensweisheit, nennet sie Mutterwitz, unsere Altvordern, ich wollte, es fånde sich einer, der alle die alten Ausspriiehe sammelte zu Nutz und Frommen eines jungen Geschlechtes. Da ruht der Talmud-Lehrer unserer Qemeinde und nicht welt von ihm sein Sohn, der es zu einem hoben Staatsamte gebracht hatte. Er hatte es ge* , Man muB den Zionismus bis in seine reinsten, noth nicht durch Formeln. beschwcrten Anfånge vtrfolgen, um zu begreifen, daB in diesem iustinktmåfiigen Herausfuhlen der glaiibenden Zionisteff ein WåhreS) Wenn auch im UftterbewuBtsein wurzélndes Erkeririen liegt. Fiir niichtern dettkende Zionisten unterliegt es keinem Zweifel. daB auch eine in politischer Hinsicht noch so yollkdmtnene Form de? jiklischeit .Staates noch iriftfler nicht der Vcrwitffctictnmg uer zionistischen Idee gleichzustellen ist. Denn der Zionismus ist nicht die Summe der zur Wtederaiifnchtung des jiidischén Staates hinstrebenden Kråfte, sondern die Anbahnung des zur nationalen Wiedergeburt des jiidischen Volkes fiihrenden Weges. Denjenigen, die sich auf die Baseler Definition berufen wollen, bringen wir in Erinnerung, daB im Oegensatz zu Herzl, der die Tendenzen des Zionismus ais das Bestreben nach Erlnngung eines offentlich-reclitlich garantierten Vaterlandes in Palåstina charakten.‘a :rte, schon der offizielle Zionismus nicht die Formle vom bifentlich-rcchtlich garantierten Vaterlande, sondern die Losung von einer nationalen Heimståtte aufstellt. Wir v-n!!cn hier nicht den Untetschied erortern. c.’er r vv ise'i.en dem Begriffe eines offentlich-rechtlich garantierten Vaterlandes und dem einer nationalen Ueimståtte obwaltet. Dagegen werden wir lins gcstatten, auf den charakteristischen Umstand hinzuweisen, daB selbst Herzl in den . Anfången seiner politisehen Aktion, wie nicht minder in seinem „Jtidenstaat", auf Palåstina nicht bestaqd. Die hitzige tgandadebatte auf dem 6. Kongresse weist gleichfalls darauf hin, daB es schon damair viele Zionisten gab, flir welche nicht Palåstina, sondern die Wiedergeburt des jiidischen Volkes ihrer zionistischen Ueberzeugung Ziel und Inhalt verlieli. Zum eigentlichen Verståndnis des Zionismus, seinem inneren Wesen nach kann es nicht iibergangen werden, die Quellen festzustellen, aus denen seine Voraussetzungen flieBen. Die Pramissen der zionistischen Ideologie zerfallen in solche religioser, politischer, okonomischer und kultureller Natur. Herzl war einer von jenen Juden, die unter dem Drucke ihres Milieus, das durch den Antisemitismus immer mehr verwilderte, zum Zionismus gelangten. Und so steht die Mehrzahl der Zionisten noch immer auf dem Boden negativer Pramissen. Sapir und Ruppin weisen nach, daB die okonomischen und kulturellen Bedingungen der Diaspora naturnotwendig das Judentum der Katasitophe zutreiben, falis nicht durch die Schaffung neuer, auf gesunder Basis beruhender Existenzbcdingungen in Palåstina eine Sanierung der jetzigen ar.omalienhaften Zustånde herbeigefiihrt wird. Zollschan bereitete die wissenschaftliche Unterlage fiir eine positive Begriindung des Zionismus vor, indeni er nachwies, daB es im Interesse der Gesamtmenschheit liege, die der jiidischen Rasse innewohnenden, eminent schopferischen Kråfte aus ihrer jetzigen Gebundenheit freizumachen und zu mobilisieren. wiinscht, dort begraben zu werden, wo sein Vater schlåft und sein Wunsch wurde erfiillt. Aus der ehemaligen Residenzstadt haben sie ihn hieher jlberfi:l rt in die Nåhe von Vater und Mutter. Dieses Talmudlehrers erinnere ich mich mit einem genissen Schrecken, denn schwer lag, wbrtlich genommen, — seine Hånd auf uns, seinen Schiilern. Der nahm es sehr ernst mit dem Studium der talmudischen Dialektik, mit den Lehren von Kauf und Verkauf, von Eheverbindungen und Scheidungen, von Sabbathheiligung und Entweihung, vom Sehen und Finden des Sauerteigs am Fessah, und wie sie heiBen m6gen, alle die Winduugen und Wendungen der alten Kasuisten, Dezisoren und Glossatoren. Nein, teuerer Lehrer, du hast es uns nicht leicht gemacht. Wir sohwitzten sehr, als wir auf der langen Bank in deiner verråucherten Stube im „oberen GåBchen" sa- Ben. Du standest vor uns, die unvermeidliche lange Tabakspfeife, die nie recht brennen wollte, im Munde, mustertest uns, wie der Feldwebel seine Rekruten und wir zitterten vor deinem gestrengen Blicke — und liebten Dich doch. — Und, wenn wir Dir unsere Gymnasial-Zeugnisse brachteri und Dir vorlasen, wie herrlich weit wir es In Latein u. Griechisch und Mathematik gebracht, da schmunzeltest du und die gefltigelten Worte entflogen dem Gehege deiner Zåhne: „Das sind alles .Narrischkeiten*. jetzt wollen wir Thorah lernen." Und wir schwltzten, wåhrend der Ferienhitze, und lérnten die Ausspriiehe Abaies und Rabbas, die dem Talmudisten h8her standen, als die Ciceros und des gottlichen Plato, hOher als