Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSSTIMME. Bezogspr eiset halbJAhrig. . . KC 21.— ganzjåhrig. . „ 40.— Dentschdsterrelch. Kronen 80.— Deutschland, ganzl&hrig . . . . Mark 35.— Jahrgang XXI. Redaktion u. Administration: Brfinn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltige Millimeterraum K5 —‘40. Unverlangte redaktionelle BeitrAge werden nicht honoriert. Manuskrlpten ist ROckporto beizufflgen. Brllnn 6. August >920. 21 Ab 6680. Nummer 32. Polnische GfitterdSmmerung. Noch ist Polen nicht verloren! Ein Trostwort, mit dem durch 150 Jahre fast ganz Europa genas* fiihrt wurde. Wie die Polen iiberhaupt die Geschicklichkeit hatten, Europa zu tAuschen; Europa einzurcdcn, daB kein Volk auf Erden so unglticklich, so edel, so tapfer sei, wie das polnische. Seitdem Polens weifier Adler nicht mehr fiber der Zitadelle Warschaus flatterte, seitdem Habsburgs Doppelar fiber dem Wawel seine Fittige ausgebreitet hatte, zerflossen Polens edle Frauen in TrAnen und in Leiden, und niemand wurde so bemitleidet, wie das unglfickliche Polen, das in 3 Teile zersttickelt ward. Kam den polnischen Politikern, seinen korrupten und vertrackten Beamten, seinem Klerus, seinem Adel nie der Oedanke auf, daB ein bewuBter Wille in der Geschichte herrsche? DaB der Bibel Wort: die Stinden der VAter wilrden g'eahndet werden bis ins dritte und vierte Geschlecht auch an ihnen zur Wahrheit werden kdnne? Alle die Radziwille, die Potocki, die Lanckoronski. Sapieha und Daszynski mit ihrem ganzen Nachtrapp der LBwensteine, Horowitze, Aschkenase und LieberrtiAhnérn haben jahraus, jahrein getåuscht, geschwindelt, geblufft; Altdsterreich wurde betrogen, alle Vdlker, die diese korrupte Doppelmonarchie bewohnten, hinter das Licht geffihrt, wenn am Wiener Pranzensring Daszynski — der beste Redner des Hauses — seine Tiraden hielt, wenn Badeni, Goluchowski, Abrahamowicz, wenn Dszieduszicki fiber den Untergang ihres geliebten Vaterlandes weinten, wenn in Galizien unter den rafischenden KlAngen des Dombro wskymarsches der Schwur erschalite, brausend wie Donnerhall (nétlbich) „Noch ist Polen nicht verloren 1“ DaB aber Potens BeVdikerung pauperisiert sei, daB jShrlich Tausendie upd Ab^rt^u^d^ zum .Wa.ii- D^r selige Montecuccoli hat, wie bekannt, das geflfigelte Wort géprAgt: „Zum Kriegftihren braucht man Geld, danij wieder Geld und drittens wieder Geld." Wir spfiren die Wabrheit dieses Satzcs in allen Qiiédérn, ietzt da yir im Freden kein Geld besitze% D^sér, nicht allein von Kar] Kraus grfindl:ch vérfluchte Krieg, hat in . radikaler Weise alle Werte umtfe^ejtet, um mit Nietzsfihe zu reden. Der. redlich gekampft, der sich ehrlich dårum bepifibt hatte, sipb einén ruhigen Lebensabend zu beretten* sieht sich gendtigt, den scbweren Daseinskampf wieder aufzijnehmén, um nicht zu verhuogé^ Dies ist keine teere Redénsart, sondern bittere Wabrheit. Der skrupeljose Q^njAcher triumphiert auf alien Linien, der Shiobismus.'bliht sich auf und das internationale. Verbr.echertum hat tatsfichlfch den Sieg davongetragen. Doch genug dieser BetracUtungen* die unser Elend doch nicht bessem werden. Zum Kriege gehort Geld und zum Reisen nicht minder, mehr denn je» das lehrt heutescbon ein .Blijvk auf die Eisenbahn«. fahrt-farife. Frutier, in der Z$lt, die. lange hinter uns liegt, konnte sich auch der kleine Beamte eine kurze Erholtmgsfahrt wihrend der beifi ersehnten Ferien iflnuenNp diesem Jahre l$t ihm dies, mdgen die Ferien noch so hetfi sein, unmdgllcb geworden. Da derstabe greifen muBten, weil ihr Vaterland nicht imstande war, sie zu ernåhren; weil polnische Slachzizen beinahe den ganzen Grundbesitz in ihren Hfinden hielten, daB alljfihrlich Tausende verproletarisierter Kleinbauern fiber die Grenzen auf den Markt geworfen wurden, wo sie die Lohne drfickten, und immer wieder die Losung der sozialen Frage hinderten, darfiber schwieg man in den heiligen Hallen des osterreichischen Parlamentes. Man schwieg auch da von, daB Polens Jtiden, das ungliickseligste Los gezogen hatten, daB kein Mensch so entmenscht, so bedrfickt, so bespien wurde, wfe der Jude, weil Polens edle Heldensfihne nur den Ausspruch kannten: Jud und Hund. 6 Jahre sind es her. Der Radetzkymarsch erklangi die „Neue Freie Presse“ und in ihrem Gefolge alle Wiener liberalen BlAtter, die ProvinzblAttchen eingeschlossen, berichteten fiber Putsche in Warschau und mit fliegenden Fahnen und rauschender Musik werden die fisterreichischen und deutschen Regimenter in Warschau, Lublin, Lodz einmarschicren, denn Polens tapfere Held£ns5b$e \pfirden die Tore 5ffnen, es firtit ja der Befreiung des Vaterlandes. GroBe TAuschung. Der ganze Schwindel mit den polnischen Legionen war nicht imstande der Welt die Augen zu offnen, nicht einmal dann, als im denkwfirdigen Herbste 1916 Polens Wiederherstellung gswåhrleistet ward. Als das Jahr 1918 kam und alle Volker der Monarchie, die versklavt waren, die Freiheit erhielten, da erst zeigte sich die Tapferkeit der polnischen Soldateska. Hekatombeir Jfidischer Opfer fielen auf dem Opferaltar ffirs Vaterland, ungezAhlte jfidische MMdchen und Frauen wurden gesclifindet und gemordet, unschuldige Greise, Jfinglinge, Kinder, SAuglinge wurden gemartert und getfitet und bewiesen die Tapferkeit polnischer Soldaten. Nun ist aber der Tag der Rache gekommen. Ltlngst erbeten, mit bebendem Herzen erwartet und erhofft, um die ganze Hohlheit, Polens, diesen Gro- Benwahn, diese Mauldrescherei dieses verlumpten nid verlotterten Gesindels der Welt zu zeigen. Ein Polen von Meer zum Meer, anders gab man es nicht. Schlesien, Teschen, Nordungarn, Posen, Ostgalizien, das alles, so sagte auch Daszynski, der Pazifist — nicht umsonst heiBt er Ignaz Loyola — muB an Polen kommen; es muBl Es erbot sich dieser aufgedunsene Frosch der Entente, in RuBland Ordnung zu schaffen. Ja wenn es mit dem Munde ginge, dann vielleicht. Aber hier h;eB es Mann gegen Mann zu stehen. Hier gilt nicht gedrechseltes, aalglattes, einschmeichelndes Geplfirre, augenverdrehendes, all zu hoflich und siiBliclies Gesichterscfineiden. Hier heiBt es: das Schwert in die derbe harte Faust und dem Feinde mutig ins Auge geblickt. Tapfere Amazonen sollen im polnischen Heere stehen, so belehren uns alle illustrierten Blfitter, aber wir kennen die Arbeit dieser wéiblichen Hilfskrfifte. Ja als es galt Judert zu morden, zu pdgromieren, zu martern, rauben, schfinden, stehlen, da waret fhr polnischen Aristokraten, ihr Kleriker, ihr Offlziere und Soldaten Helden! als es galt unschuldigen deutschen Mfinnern und Frauen in OstpreuBen und Posen das gleiche Schicksal zu bereiten, wie den gleich v'ehrlosen Juden, da tobte sich Euere verruchte Tapferkeit aus, aber jetzt, wo es gilt Euer heiligstes zu verteidigen, Euer Vaterland, selbst da seid ihr feig, erbdrmlich, Memmen, Politiker, die nur aurch Unterrocks Gnaden groB werden konnten. Aber Trotzki ist kein Napoleon und Sapieha samt Daszynski keine Walewska. Das Geschick hat sie erreicht. Durch die Juden, die sie geschfindet hahen, werden sie gestraft und die Armee, die nicht genug Juden morden konnte, flieht ietzt vor der vom heifit es, schfin zuhause bleiben. SchlieBlich findet ei im Augarten und auf dem Spielberg auch grime BAume und erfrischende Kiihle. In den Schreibwald oder nach Bilowitz zu fahren, das ist schon kostspielig er. Ich g&hnte mir, trotz der gerade nicht groBen Annehmlichkeit, die jetzt mit einer Eisenbahnfahrt dritter Klasse, in unsere liebe, reichgesegnete Hanna, verbunden ist, wieder einmal einen kurzen Abstecher in meine geliebte Heimats-Gemeinde, die den Namen hannakisches Jerusalem lange nicht mehr verdient. Einst mochte sie so genannt werden, denn sie hat das Judentum wfirdig vertreten. Es sind wahrhaft tfichtige MAnner gewesen, die in ihr wirkten und aus ihrer Mitte hervorgingen. Zeijten und Ménschen Andern sich. Der Satz gilt insbesondere von den jfidischen Gemeinden, namentlich in unserer Heimat. Auf ihren Niedergång will ich hier kein Klagehed anstimmen und dessen Grund nicht nAher untersuchen. Es lst dies fibrigens in diesem Blatte von berufener und bewAhrter Seite geschehen, und man konnte den Ausfiihrungen des geschAtzten Kenners unserer Kultus-Gemeinde-VerhAltnissie noch manches kiAftige Wort hinzuffigen. Wie sagt Goethe: „Ein gsrstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied! Ein leidig ^ied.“ Ja, ein leidig, Lied isfs, wir wollen uns mit ihin lieber nicht befassen, und es anderen fiberlassen, es1 anzustimmen und sich mit ihm zu beschAftigen. — Daher begab Ich mlch nach der heiflen, in nicht sehr duftenden Gesellschaft zurfickgelegten Bahnfahrt, sofort in das „Haus des Lebens*1, wie so tiefsinnig der Friedhof von unseren Alten genannt wurde. Dort ist sie versammelt meine Gemeinde, dort ruhen sie Vater und Mutter, innig vereinigt, wie im Leben, so auch im Tode. Dort ruhen sie meine Jugendlehrer, dcrt schlafen sie, die einstigen Fiihrer der Gemeinde, die den Schatz besaBen, der denen, die heute mit einer gewissen kleinlichen Eitelkeit und kindischen Selbstbespiegelung sich zu Leitern unserer Gemeinden aufwerfen und sie mit einem Hingst fiberwundenen Selbstherrentiim regieren wollen, féhlt, es ist ist das wahrhaft jfidische Herz, das in allen iiidischen Fragen zuerst zu Worte kommen sollte. Sie besaBen aber auch das Wissen und die Kenntnisse, die den Jfidischen GemeindefUhrern nie fehlen durfen. Doch selbst auf diesem alten „guten Orte“ tritt uns vielfach die neue, aber nicht bessere Zeit, in allerlei miBgestaltigen Erscheinungen entgegen. Sie protzt mit sehr teueren Denkmfilern, auf denen den unter ihnen Ruhenden ein oft gar zu tiberschwAnghches Lob, manchma! in abgebrauchten Versen, gesungen wird, ein Lob, das sie wahrlich nicht verdienten. Auch hier die Blfiten des „Chukat-Hagoi“, ietzt Assimilation genannt. Da wende ich mich denn sofart den GrAbern meiner alten Lehrer zu, In der Mitte des „guten Ortes" ragt die Mazebah des einstigen Daian djeser heiligen Gemeinde empor. Schier 60 Jahre ruht er hier. Ich erinnere mich seiner noch sehr gut. Er war eln schwaches MAnuchen und seine ganze Liebe war seinem Talmud zugewandt, in dem „lernte" er, „Tag