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Jüdische Volksstimme · 1920-07-29 · Heft 31 (29.7.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 31 (29.7.1920)
Date
1920-07-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sitie O jmscm VOLKSSTfMME" Hr. SI. Von Woche zu Woche. ,»Svai Cechfi-2i d ft v Ceskosloven* ské republice." Das Sekretariat dieses assirnilatorischen Verbandes in BrUnn „Cesko2idovsk£ sekretariat v Brné, Hnsova 3" versendet namentlich an måhrische Juden dringliche Aufrufe, zur Anmeldung zu diesem Verbande. Wir glauben, unsere måhrischen Juden nieht darauf aufmerksam machen zu miissen, welche grofle Qefahr in dem Beitritte zu Uiesem Verbande lur das Judentum liegt. Wir erinnern nur alle Juden an die groBen Wahlplakate, die sich diese unsere éechisch-jUdischen Freunde geleistet haben, in denen sie erkiarten, die Juden sollen sich entscheiden, ob sie fiir Palåstina oder Prag w&ren. f Ex ungue leonem! An der Klaue erkennen w.r die Herren 1 Der Verband hat in seinem Programm den Kampf gegen den Antisemitismus aufgenommen — und druckt in aufgeregten Zeiten, wie ja Wahlen stets sind — Plakate mit einem Texte, dessen sich die argste antisemitische Partei nicht zu schamen brauchte. Wir Juden haben unter der Konjunkturpolitik unserer lieben teiitschen Vertreter genug zu leiden gehabt, wir sehen in Polen und Ungarn die Friichte jiidisch-assimilatorischer Politik und an ihren Friichten erkennen'wir sie. Gott, wenn es Juden in unserer Republik geben soilte, die vielleicht schon im Gefolge der Libusa. und vielleicht sogar des Krokus ihre Ahnen gehal.t haben, nun den konnen wir ja den Beitritt zu einem Cechischen Verbande nicht verwehren. Sie laden nur die gleiche Lacherlichkeit auf sich, wie die teutschen Juden, die mit Hermann dem CJierusker gekåmpft haben, oder die magyarischen, die mit Arpad in Ungarn eingewandert sind. Nein! Nein, wir perhorreszieren jegliche AssimP lation, auch die an das Cechische Volk. Wir sind selbst ein Volk sui generis. Wir brauchen kerne Assimilation, umso weniger ’als gerade bedeutende dechische Geistesheroen, ja sogar H a v 115 e k- Borovsktf, von Masaryk ganz zu schweigen, die jiidische Assimilation ,verurteilen, und den nattonaljUdischen Gedanken hochhalten. Wir BrUnner Juden konnten uns ja bei der San-Remo-Feier selbst davon ttberzeugen, welch heftige Worte dér Fiihrer einer starken Cechlschen Partei und BUrgermeister der GroBstadt Brflnn fiir jedwede Assimilation hatte und welch begéisterte Worte er fiir den Zionismus fand. Lasset Euch daher Ihr måhrischen Juden nicht durch diese assimilatorische Aufrufe kodern, auch nicht verleiten, den „Rozvoj“ zu lesen. Fiir Cechischlesende Juden geniigen wohl die „Zidovské zpravy". Haltet Euch stets vpr Augen, was fiir Vertreter wir an den deutsch-assimilatorischen Politikern haben. Brauchen wir diese Vertretung nun in einer anderen Farbe? Das Gesetz gewåbrleistet die Anerkennung der Jiidischen Nationalitåi. Und wir selbst wollen wedcr Cechen sein noch Deutsche, sondern nur Juden! Der Kampf gegen den Antisemitismus Avird nicht zu Ende gekåmpft, durch assimilatorische "Måtzchen, durch Versteckerlspielen, durch Vogel-StrauB-Poiitik, sondern durch das stolze und offene Bekenntnis: Iwri onochi! Ich bin ein Judel Wenn es den Herren vom „Svaz“ tatsåchlic'n ums Judentum zu tun ist, dann mogen sie ihren fremdnationalen Chauvinismus fallen lassen und dorthin gehen, wohin sie Kraft ihrer Natiirlichkeit und ihrer Abstammung gehbren: Ins groBe Lager des Zionismus, denn in seinem — und nur in seinem Lager ist Israel! 1 O alte Burschenherrlichkeit! wohin blst du geschwunden, sieht man sich auszurufen gezwungen. In Deutschland spielte der Korpsstudent stets eine groBe Rolle, und wer einem feudalen Korps nicht angehorte, konnte nicht Regierungsbeamte werden. Man glaubte, daB der Krieg, der soviel revolutionlerte, auch unter studentischen Sitten und Gebråuchen Wandlung schaffen wird, aber man irrte sich. Dip Unsitte, Juden als satisfaktionsunfåhig y erklfiren, war Osterreichisches Gewåchs, darauf hatten die Osterreichischen Farbenstudenten das Patent, von dem einige Verbindungen, Vereine, Burschenschaften abwichen, weil sie sogar einsahen, daB man einem anståndigen Menschen nicht die Ehre deshalb absprechen konne, einzig und allein, well er Jude'wftra, Diesen Stumpfsinn, von dem sich, wie gesagt, schon die vernUnftig denkende altdsterreichiscfte Studentenschaft freizumachen suchte, ahmen mm Deutschlands Studenten nach. Habeant sibi! Freiburg im Breisgau. Hochberiihmt. Alte philosophischø Fakultåt. Gute Professoren. Etwas katliolisch wohl, so sagte man, vielleicht weil in Freiburg einer der groflten katholischen Verlage existiert, aber sonst war gegen die Universitåt nichts einzuwenden. Die Studentenschaft fleiBig und national nicht allzuhitzig. Freiburg i. B. sehnt sich aber nach den Lorbeeren von Wien, Graz und Innsbruck. Die Studentenschaft mochte gerne exklusiv sein. Splendide Isolation. Man veranstaltete dieser Tage an der dortigen Universitåt eine Oedenkfeier flir im Kriege gefallenen Lehrer und Horer. Es sollen auch Juden gefallen sein, gribt man zu. Die Studentenschaft, in Flaus und Wiohs, Bånnertråger in hohen Lackkanonen, Stulphandschuhe an den Hånden, rtickt aus. Als vorletzte die jUdische und nach ihr die liebe „Markomania". Sotane mag aber hinter Juden nicht marschieren, muB wohl Distanz halten und bewahren ~ wird es auch im Feldzug vielleicht getan haben — und låfit einen Intervall zwischen der jUdischen und der eigenen Studentenschaft entstehen; und das anvisende blddsinnige Publikum stimmt beifållig zu. Eine Heldenehrung soli auch Kultur beweisen. Alt-Heidelberg Du feine! Auch Du? Jawohl, die I.eidelberger deutschc Studentenschaft spricht ihren jiidischen Kommilitonen die Ehrenhaftigkeit ab. So gesohen im Jahre des Heiles 1920 im Monate Juli (AHheil!). Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, verbandelt der eben tagende Studententag in Gottingen Uber die Judenfrage. Ob wohl diese ehrwiirdigen Univjrsitåten ihren Horern nicht andere Kultur zugeftihrt haben. Es ist traurig. Barteis und Delitzsch praeceptores Germaniae. Dieser Studentag mischt sich aber auch ir Staatsgeschåfte ein. Sieh da! Was in Deutschland noch alles werden mag. Der Studententag will Einbtirgerungen nach dem August 1914 nicht gelten lassen; und wer nicht cingebUrgert ist (es klingt beinahe nach eingedeutscht) darf die Universitåteri nicht besuchen. Richtet sich wohl gegen polnische und russische Juden; damit Gottbehilte nicht sogenannt deutsche Kultur in andere. Lånder getragen werde. Das konnte vielleicht den Deutschen schaden.-Arme Germania, jetzt erst bist'Du tief gesunken! Brilnner Nachrichten. Brunner Gemelnderat. — Sltzung vom 23. Juli. Auf der Tagesordnung befindet sich u. a. der Bericht des Rechtsausschusses Iiber die Zuerkennung von Heimatsrechten. Der Obmann des Rechtsausschusses Dr. Novotny (lid. strana) leitet seinen Bericht damit ein, daB er in einer Gewerbetreibenden- Versammlung der Nationaldemokraten angegriffen wurde, weil er angeblich die Zuerkennung des Heirnatsrechtes an einen polnischen Juden beantragt håbe. Er stelle fest, daB er niemals einen solehen Antrag gestellt håbe, hingegen håbe gerade ein nationaldemokratisches Mitglied einen solehen Antrag untersttitzt. Hierauf meldete sich Gg. Gemeinderat Ing. Singer zum Worte und gab zunåchst seiner Ver-* wunderung dariiber Ausdruck, daB der Obmann des Rechtsausschusses es fiir notwendig befunden håbe sich entschuldigen zu miissen, weil einem, aus Galizien stammenden Juden, das Heimatsrecht erteilt wurde. Er erklårte, daB die Verleihung nach bestimmteri rechtlichen Voraussetzungen erfolgte und es nicht angehe, einen Untersphied zwischen Juden und Gesuchstellern anderer Nationalitåt zu machen. Wir Jiidischnationale sind hier nicht die Vertreter von Kettenhåndlern oder Preistreibern, aber dort, wo die rechtlichen Bedingungen gegeben sind, werden wir strenge dariiber wachen, daB das Recht im Rechtscusschusse keine einseitige ’Auslegung erfahre. Er verwahrte sich dagegen, dafl durch verspåtete Zustellung des Verhandlungsgegenstandes keine Moglichkeit einer saphlichen Nachpriifung sei, finde es aber auffallend, daB im Namensverzeichnisse der Gesuchsteller auffallend viele Ablehnungen bei solehen Namen vorkommen, die jiidisch klingen oder nur jttdisch scheinen. Beschlossen wurde, fiir die Folge so lange mit der Zuerkennung von Heimatsrechten an polnische Staatsbiirger zuzuwarten, bis eine Regelung des Ver-i håltnisses zum polnischen Staate erfolgen wird. j Ilm Berlchte des Wlrtschaftsausschosses war u. a. die Bewilligung von Subventionen im Betrage .von Je 200 K an den „Israelit. Fréitischverein" und an den Arbeiterverein „Kinderfreunde" beantragt. Diesem Berichte ging eine Gereiztheit der £cchischen Mehrheit voraus, hervorgerufen dadurch, daB die Deutschen wohl fiir die ErhOhung der Beztige der stådtischen Beamten und Angestellten stimmten, jedoch die beantragte teilweise Bedeckung dieses Erfordernisses durch die Erhohung der Linien-Vcrzehrungssteuer ablehnten, was eine leidenschaftliclic politische Debatte hervorrief. Aus dieser gereizten Stimmung heraus, beantragte der Referent die Streichung der beiden erwåhnten nichtéechischen Subventionen d. i. des israelitischen Freitischvereins? und des Vereipes „Kinderfreunde". Gg. Dr. Theodor Haas (Stellvertreter fiir den abwesenden Stadtrat Dr. FeldrnannL meldete sich zum Worte und erklårte, daB wir gegen die Streichung der Subvention fiir den israelitischen Freitlschverein nichts einzuwenden håtten, wenn, wie von einem Redner beantragt, mit Riicksicht auf die Finanzlage der Stadt, von der Bewilligung* von Subventionen iiberhaupt Abstand genommen wird. E gehe aber nicht an, gerade diese zwei Subventionen herauszugreifen, wodurch die Angelegenheit auf ein politisches Geleise gebracht W’ird. Der kleine Betrag von K 200 falle weder fiir die Gemeinde, noch fiir den Freitischverein in Gewicht und wir k6nnen die Zuerkennung dieses Betrages nur als Anerkennung fiir das auBerordentlich humanitåre Wirken des Freitisehvereines-ansehen. Hiorauf sprach Bilrgermeister Vanék, der sid; bemiihte auf die eregten Gemiiter kalmierend zu wirken und richtete an die Mitglieder der Mehrheit den Appell entgegen dem Referentenantrag fiir die beiden Subventionen zu stimmen. Bei der Abstimmung wmrden diese einstirnmig angenomrpen, da auch der Referent seinen Ablehnungsantrag zuriickgezogeti hatte. Makkabl, Verein fiir Turnen und Sport. Iurnsektion. Turnerfahrten: 1. August: Fahrt nach G a ya zum dortigen Schauturnen. Musterriegé, 6 Mann, Spesen ersetzt. Zusammenkjinft viertel S Uhr frtih vor dem Bahnhof. Fiihrung Tb. Gelbkopf. Riickfahrt 7 Uhr nachm. Gåste willkommen. — 8. August 1920. Fahrt nach Eibenschitz zum dortigen Schauturnen. Zusammenkunft der Musterriege um drelviertel 6 Uhr friih vor dem Bahnhof. Fiihrer Tb. Gelbkopf. Atisflug der Turnsektion nach Eibenschitz, Zusammenkunft viertel 11 Uhr vorm. vor dem Bahnhof, Verpflegung mitnehmen. Fiihrung Tb. Fuchs. Geineinsame Riickfahrt 9 Uhr abends. An diesem Ausfluge haben sich såmtliche Tschw. und Tb. zu beteiligen. Personainachricht. Julius und Else Schulier feiern Samstag, den 31. Juli 1920 die Barmizwah ihres Sohnes Hugo. Der religidse Teil der Feier findet am selben Tage um halb 11 Uhr vormittags im groBen Tempel, Briinn, Stiftgasse. Aufruf! . Im Nåchsten Herbste soli der Pflege des ostjiidischen Volksliedes mehr Aufmerksamkeit als bisher zuteil werden. Die Beschaffung des Materials hat begonnen, stoBt aber auf erhebliche Schwierigkeiten. Ich wende mich an die breite jiidische Oetfentlichkeit und insbesondere an die jtidischen Hochschiiler, die in den Ferien nach Hause fahren, sie mochten uns bei unserem Vorhaben untersttitzen, indem sie selbst Volkslieder aufzeichnen oder bereits gedrucktes Material flir Solo- und Chorgesang sammeln. Diejenigen, welche der Notenschrift nicht måchtig sind, mogen keine Miihe scheuen und sich mit einem Musikkundigen zur Aufzeichnung verbinden. Es gilt, die lebendigen, Uber alle Diskussionen erhabenen Kråfte unseres Volkstums frisch zu erhalten und ihnen einen neuen lebendigen Wirkungskreis zu schaffen. Alle Zuschriften sowie gesammeltes Material sind an Herrn Hermann Adler, Prag-Karollnenthal, Krålovskå 88, zu senden. Der Pflege des ostjUdischen Volksliedes soli in rrag eine neuzugriindende jUdische Singvereinigung dienen, fUr deren Mitarbeit wir alle interessierten Kreise in Anspruch nehmen werden. Max Brod.

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