Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1920)
- Date
- 1920-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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jmtscae volksstimme« Nr, $L mi i. chen Orkan blittartlg hinansleuchtet — nach dem Verdikte von Sart Remo liegt PalftStina vor uns ausgebreitet; eine jiidische Heimståtte ist ans feierlich von den irdischen VVeltlenkern verbrieft worden, ein Traum, der durch zweitausend Jahre als Marchen galt, ist zur Wirklichkeit gewordenl Nun erst gilt es der Mahnung des groBen ’ttdi* schen Qesetzgebers und Staatsmannes gerecht?u werden „nicht .mehr zn tun, was einem Juden recht ist in Seinen Augen“, da wir vor der Schwelle stehen, aber die wir schreiten sollen, um „zur Ruhe und zum sicheren Besitze zu gelangen". Wle werden wir da wieder mit Anklagen ttber- Muft, mit denen des Kapitalismus, wie mit den gegensåtzlichen des bolschewistischen Kommunismus, urrf uns vor der Welt dem vernichtendem Urteile zu Uberantworten. Wie wenn ein Volk flir die Schuld Einzelner bttBen soilte, die sich bei den andern Vølkern mindestens in gleicher Zahl vorfinden. Wie packend wurde dies in einem Drama eines bertthmten neueren Sehriftstellers Jttdischen Stammes dargestellt, wie da der Jude dem christlichen Baron, der die Juden beschuidigt, zuruft: „Wie, kennst du denn den Juden I? Woher? Aus den Juden deines Kreisesl Bis der Jude in deinen Gesellschaftskreis kommt, ist er l&ngst kein Jude mehr!“ Ebenso ist es mit den bolschewistischen Juden. Bis diese in diesen Kreis hineingelangen, in diesen schrecklichen Win sal nihilistischer Ideen, sind sie langst keine Juden mehr! Man wirft sie uns vor, ohne dafl sie zu uns gehoren. Ebensowenig wie die protzenhaften Geld- -menschen, die in den Bars und auf den Rennplåtzen sich breit machen, långst nicht mehr zu uns zahien, ebensowenig sind es Diejenigen, die die Rebellionen, Putsche und Aufstande veranstalten; sie selbst, die Einen, wie die Andern wollen sich gar nicht mehr zu den Juden zShlen. Wohl aber begreifen wir hiedurch, den fttr die Galuthzeit besonrfers aufgestellten Kernsatz; „Jeder in Israel ist BUrge fUr den Andern.“ Wir haben es zu fUhlep bekommen im Mittelalter, wie in de' Neuzeit, wie da die Existenz der grøBten Manner, die Juda der Menschheit auf allen Oebieten der Kultur geliefert, uns nicht schtitzen konnte gegen d'e VorwUrfe lind yorurteile* die der Judenheit im Allgemeinen angedichtet worden sind, weil hie: utid da ein Einzelner sich was zu schulden kommen HeB. Da erst erkennen wir diese Bedeytung eines Vergleiches, des diésbezøglich von den jttdischen Weisen aufgestellt worden fst. Sie ftihren nSmlich die EigentUmlichkeit vor, daB der grøBte Judenfeind, Bileam Israel als eine Zeder bezeichnet hat, wtthrend der Prophet Achia sein Volk, daB er gewiB n*it allen Fasern seines Herzens liebte, nur mit dem minderwertigen Schilf verglichen hatte. Sie haben hiefiir folgende Erklarung gefunden. Eine Zeder zu sein, ist nicht immer vorteilhaft, sie treibt keine SchoBlinge, sie beruht nur . auf einen Stamm und die traurige Fofge hievon ist, wenn sie von einem Sturme erfaBt niedergebrochen wird, ist soli den Herrn des Hauses mehrere Tausend Taler gekostet haben.. Dabei waren beide Hauser streng preuBisch. Mehr preuBisch, denn jUdisch, so daB es liardeaberg und Humboldt, den beiden preuBischen Vertretern, auch unangenehm war. Dies war wohl auch der Grund, warum sich Metternich und sein alter ego Gentz von dem Salon fernhieiten. Aber Gentz, der Feinschmecker und Vorrichter seines allmdchtigen Herrn, Metternich, hatte bald ein ander es Haus ausfindig gemacht, in dem ebenso gut gespeist wurde und in dem auch Frauenschønheit, Gunst und Qeld zu finden waren. Dies war das Haus von Arnsteins Neffen von Herz. Mit diesem Bankier stand Gentz und infolge dessen auch Metternich in Verbindung. Metternich hatte sich ftir dieses Haus sogar stark exponiert, denn er fUhrte dort Wellington und Castlereagh ein. Und doch waren diese Salons ftir die Geschicke der Juden nicht zu interessieren und es wttre wohl die ittdische Delegation auf dem Kdngrefi zu gar ke(« nem Resultate gekommen, wenn nicht ein Mann ganz besonders fttr seine Brttder eingetreten wttre. Simon von LSmeL Arnstein-Eskeles verschwanden sofort aus Wien als die Judenfrage am KongreØ besproeben wurde. Aber Lamel gab nicht nach und zwang auch seinen Brttnner Kollegen Auspitz, der etwas weniger tatkrttftig war, zur Mitarbeit. (Warum sich wohl schon damals die Brttnner Eliteluden nicht fttrs Judentum exponieren vollten?) L ft ro el war GroØkaufmahs in Prag, hatte gro* Sie unwiederbringlich verloren. Nicht so das Schilf;' das hat zahlreiche SchoBlinge, hat tausende Ver* wurzlungen, und wenn noch so viete Storme au’ dasselbe losbrechen, es leistet Widerstand, erhftlt un 1 erneut sich immer wieder. Dies hat sich in der zweitausendjåhrigen Diaspora auch bewfthrt. GewiB, Israel hatte immer Zedern, auf die es stoiz sein konnte; Manner der Kunst und der Wissenschaft, Kapitals- und FinanzgrøBen, aber das Judentum als solches, ist nicht durch diese, erhalten worden; kaum daB ein Sturm der Verfolgung losgebrochen ist, siild sie umgestilrzt, uns entfremdet geworden und neue SchoBlinge haben sie dem jttdischen Volke nicht gebracht. Ein Beispiel unter Vielen. Im 18. Jahrhuiidert, dem Beginn der Haskala, als sicii, die Judenheit der Befreiung des Geistes von den Vorurteilen der Menschheit gegen dasselbe nåher fiihlte, da ragte die høchste Zeder aus der Mitte Israels in die Welt mnaus — Moses Mendelsohnl Von ihm ging eine neue Weltanschauung aus. Und siehl Im Jahre 1884, als der hunder tjtthrige Todestag diedes Geistesheros in Berlin, der Metropole seines geisi*- gen Wirkungskreises, in der JUdischen Gemeinde in der groBen Synagoge feierlich begangen werden soilte — welche Irortte der iudischen Geschichte — da fand sich kein einziger jttdischer Nachkomme, der als Jude an dieser Feier teilnehmen konnte! Sein Geschlecht war nicht ausgestorben, es hatten sich nur die Kinder und Kindeskinder samtlich in dem groBen Schmelztiegel der andern mttchtigeren Konfessionen aufgelost. Und dieses eine Beispiel ist keine spezielle Eiuzelheit, sondern ein vielfach sich wiederholendes Merkmal des judischen Lebens. Sic — den Sitzungssaal der iudischen GroBgemeinde Wien, der groBe Teil der Ahnenbilder derselben, selbst so mancher Seelenhirten, nicht ausgenommen, ihre Namen bluhen auf nichtjttdischen Gefilden! Erst erheben sich so einzelne Zedern aus der Gftsamtheit des iudischen Volkes heraus. Sie sind auch stolze Merkmale der Judenheit, in denen sich die Lebenskraft, die Energie, die Elastizitat, die GeistesgrøBe des Judentums kundgibt, aber sie kommen wohl der Menschheit, nicht aber dem Judentume zu Gute. Mit ihrer Høhe und GrØBe, die sie erreichen, von judischem Geiste herausgehoben aus der Tiefe, ziehen sie vielmehr den HaB und- Neid auf uns herab und sie selbst, die sich vom jtidischen Rassenblute genåhrt, zu hochragenden Zedern ehtwickelt haben, werden uns untreu, verleugnen ihren Ursprung und bieten 'uns keinen Ersatz fttr die Zukunft, entwurzeln sich ihrer iudischen Bodenstttndigkeit und vermehfen die Reihen unserer Feinde. FUrwahr, die wunderbare Erhaltung des Judentums haben wir nicht diesen Zedern zu verdanken, wenn wir auch bnit falschem Holze auf diese zu blicken gewohnt sind, daB wir, wenn ein Jude irgend eine hohe Stellung erreicht, im Staatsdienste, in den Ben EinfluB durch das Vertrauen, das er beim Bruder -des Kaisers, dem Erzherzog Rudolf, Kardinal- Erzbischof von Olmiitz, genoB. Sein Name ist mit Jerusalem ewig verbunden, durch die „Simon Edler v. Lamel-Stiftung“ in Jerusalem, von der auch Ludwig Aug. Frank! berichtet. Von Auspitz gibt uns sein Enkel, der ehemalige Hofrat und bekannte Philosophieprofessor Theodj'* G o m p e r z ein schønes Charakterbild; „Einem inannlicheren Mann, als Lazar Auspitz es war, bin icii in meinem nunmehr schon recht langen Leben nicht begegnet. Wuchtig wie seine gedrungene Gestalt, wie seine massiven Gesichtszttge war sein groBes Wesen; die Kraft seines Willens, sein Unabhdngigkeitssinn, die Selbstandigkeit seines Urteils. Dem kynisch stoischen Ideal der „Wahnfreiheit" stand er so nahe als møglich. Nur auf das Wesentliche war sein Sinn gerichtet, mit schwerem, oft mit schroffem Ernst und mit heftiger, auch unduldsamer Abneigung gegen die Vertreter Jedes Scheinwesens. Unverbrtichlich treu war er der Maxime, die er von seinem vdterlichen QroBvater ’empfangen hatte; niemals zu Ittgen, aber freilich auch nicht iedem und zu jeder Zeit alles zu offenbaren."-(Essays und Erinnerungen. Stuttgart u. Leipzig 1905, pag. 4.) So ta ten sich denn diese 5 Juden Oester reichs zusammen: Arnstein, Eskeles, Herz, Lamel und Auspitz, um fttr ibre Volksgenossen etwas zu erwirken. Ja es wird sogar erztthlt, daB Lamel, er war die treibende Kraft, Humboldt fttr dessen Intervention fttr die ittdische Sache am KongreB ein Geschenk von 3 Ringen, Smaragden mit groBen Brillanten be- Oelehrtenkreisen, oder im Welthaadel, tt la lUea Zeitungen stoiz hinausposaunen. Ganz anderswo haben wir die Erhalter des Judentums zu suchen, dort wo in der Niederung das jttdische Leben pulsiert, das wie das Schiff tausendfach verzweigt und mit einander verwurzelt zusammenhålt, aus denen immer neue SchøBIinge fttr die Judenheit herauswachsen, deren Kinder und Kindeskinder dem alten jttdischen Leben treu bleiben; von dort aus, wo der Sturm vergebens an diese ruttelt, nur von dort aus erhalt és sich und erneuert sich in allen verschiedenartigen Lebensereignissen, die an Israel ril ttein und es unverwundbar und unzerstørbar finden. Die Konservatoren des Judentums sind zu suchen unter denen, die in den Gotteshausern erscheinen, in den jiidlschen Lehrhausern, um sich dort in den Mysterien der Religion zu vertiefen, in den Jeschiwoth, wo die jungen Leute, ganz ohne Rttcksicht auf Existenzfragen sich mit der jttdischen Lehre béfassen. Zu diesen kommt seit der neuen Zeit der jiidischen Renaissance der aufstrebende Stock der zionistisch gesinnten Jugend, die als selbstbewuBte Juden fiir Palåstina sich vorbereiten, Chaluzim, die Poalc-Zion,- die den jttdischen Boden urbar zu machen sich vorbereiten und einen dicken Strich ziehen zwischen sich und der 1 falschen europttischen Kulturlttge der Vergangenheit — von diesen beiden angeftthrten Judenkreisen aus, die sich zum Heil der Zukunft des Judentums einst zu verbinden bestimmt sind, kønnen gewiB weder die Tttuflinge, die schon langst innerlich vom Judentum abgefallen sind, noch auch die herausfordernden kapitalistischen Protzenmenschen und am allerwenigsten die bolschewistischen Rebellen. Fiir dieses Judentum kønnen wir vor der Welt einstéhen und fttr diese auch soli das neue Paiastina gelten, von welchem wir traumen und von dessen Verwirklichung wir so beglttckt uns ftthlen. Da gibt cs uns zu sagen, wie wir es so oft in dem Weltkriege als Vorbedingung eines Sieges gehørt haben: Es gibt eine Front und ein Hinterland. Beides gehort zusammen. Soli die Front bestehen, dann rnuB das Hinterland mit durchhalten. Unsere Front wird und soli von nun an Pa- 1 å s t i n a seirt, die gesicherte Heimståtte mit der gesicherten Ruhe lind dem gesicherten Besitze. Wenn unsere Palåstinafront bestehen soli, dann muB das Hinterland durchhalten; dieses Hinter- 1 and fttr die jiidische Paiastinafront, das sind dio gesamten Juden der Lander der Welt! Wenn wir etwas stiften, leisten wollen fttrs Judentum, miissen wir in erster Reihe dorthin unsere Krafte konzentrieren; dorthin, \uo nach dem erlosenden Volkerspruche in San Remu die Front der gesamten Judenheit aufgerichtet ist, in der sehnsuchtsvoll erreichten Heimståtte von Paias-jtin al! Gleichenberg, im Juli 1920. setzt oder 4000 Dukaten anbot, das aber Humboldt, wie er in einem Brief vom 4. Juni 1815 an seine Gattin berichtet, nicht annahm. Ein Umstand, den Gentz. der von der Affare erfahren hatte,, nicht begreifen konnte. Die jiidische Sache kam ins Stocken. Arnstein, Eskeles gingen nach Hietzing und Baden. Frankfurt durch Baruch — dem Vater B8rnes — und Uffenheimer vertreten, der ursprttngliche Gesandte der Frankfurter Judenheit, Gumprecht, muBte heimreisen, gingen eigene Wege, Bayern, Wttrttemberg, Hessen — Darmstadt, die Hansastadte machten groBe Opposition — und.so kam fttr'die Juden, trotzdem Hardenberg und namentlich Humboldt mit aller Energie fttr sie eintraten, nur eine grøBere Toleranz zutage. Baron schlieflt sein sehr interessantes Werk, das allen Liebhabern jttdischer Geschichte warm empfohlen wird, mit folgendem Aspekt: „Durch den Wiener KongreB erlangte die deutsche Judenfrage eine europåische Bedeutung, und solite nicht frtther ausschelden, bis sie --— — in einem sturmbewegten Jahre ihre Løsung im Sinne der vølligen Emanzipation erlangte. Auf dem langen Wege, den sie bis dahin zurttcklegen muBte, bildete der Wiener KongreB nur eine Etappe, aber eine der allerwichtigsten.****)-Heute kønnen wir sagen, daB sie in San-Remo 'die KrØnung fand. ***•) pag. 316. Quvtav Kohu.