Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1920)
- Date
- 1920-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Be zugsprelse: halbjåhrig. ganziåhrig ....... Deutschosterreich. Deutschland, ganzjåhrlg . . . n 40.— Kronen 80.— . Mark 35.— ■ i Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltige Millimeterraum K5 —*40. j Unverlangte redaktionelle Beltrftge werden nicht | honoriert. Manuskripten Ist RQckporto beizufflgen. Jahrgang XXI. Briinn 29. Juli 1920. uruim, 14 Ab M80 Nummer 31. linSØrfi Pflicht llØCh^Søn Remo Wir haben es gesehen als Volk Hottes, das Joch dringend hat sich diese erst gewaltig vergrlBcrt geder Thora, das gewifl nicht leicht ist, auf sich nehzeigt, als der andere, viel traurigere Wendepunkt Von Oberrabbiner W. R e i c h in B a d e n b. W. Seit dem Beschlusse von San Remo stehen wir vor einem gewaltigen, zugleich blendenden Problem. — Die Bibel lost es uns. Denn Moses spricht in derselben zu seinem Volke nicht nur als Gesetzgeber der Religion, sondern auch in seiner unPbertroffennen Voraussicht als S t a a t s m a n n. Moses spricht zu seinem Volke, das durch 40 Jahre in der Wiiste gewandert ist, das nun vor einem wichtigen Wendepunkt seiner Geschichte steht, an der Schwelle seines Eintrittes in das heilige Land der Vater. Wisse, ruft er dem Volke zu, Pa 1 å s t i n a liegt nun vor dir. Wie du Jahre hindurch in i'er Wtiste gelebt hast, das soli und muB nun anders werden 1 Als ein Wiistenvolk, abgeschnitten von der Au- Benwelt, ohne Kontakt mit andern Nationen, ganz auf sich allein gestellt, konntest du dich frei auslebeu; •■d-p liattest ^keinerlei Rtlcksicht auf diV‘ Umwelt zu nehmen; du wuBtest nicht, von ihr und sie nVuts vor dir; du konntest dich ausleben u. dich ungehindert deinen angeborenen Neigungen tiberlassen. Was ging dich die Welt an, was hattest du mit ihr zu tunl? Und so hat sicli auch Israel in der Wiiste f *ei hingegeben, ohne Ztigel, ohne Halt in seinen Tagenden und seinen Lastern, mit seinen Vorztigen und seinen Fehlern, mit seinen gewiB mannigfachen auszeichnenden Eigenschaften, aber auch mit seinen Schwåchen, die ledes Volk der Welt in anderer Weise besitzt. men; wir haben es gesehen mit seiner Opferwilligkeit fiir die heiligen Zwecke der Gotteswohnung wie mit seiner Seligkeit in dem Gottesgedankeu; aber auch mit den Schwåchen der Ungedulci und Unruhe und Unrast; mit seiner Hartnåckigkoit und Halsstarrigkeit, mit seinem Mangel an Ehrfu*cht gegen jede Autoritåt; mit seiner V'iderspånstigkeit, seiner Uneinigkeit und Rechthaberei, mit sei ic.* ewigen Unzufriedenheit, wie es imme* wieder murrte und sich auflehnte; wie da „Jeder tat, was reent war in seinen Augen"; eine Unruhe und eine Unrast. die selbst den Meister der Geduld, einen Moses, zu dem verzweiflungsvollen Ausrufe hinriB: „Wie soli ic'n ertragen eure Miihe, eure Last, euern Streit,?‘‘ Jedoch, siehl Jetzt beginnt ein 3 neue Zeit iiir euch, wie ihr in der Wtiste gelebt håbet, das muB von nun an aufhbrenl In der Wiiste, abgeschlossen von der Welt, da konntet ihr euch* frei gehe.i lassen .ohne deshalb politisch Schaden zu nehmen. „Ihr håbet ja bis jetzt keinen; Ruhejjjmkt und.; keipen .elgenen vIifmdbcsftz^gehåbLw-fe tferde?'ihr im elgenen Lande sein, ein Volk umgeben von audern Volkern; da gilt es bei jedem Vorhnbeu, bel jedem Schritte, sich zu fragen, was werd*n die andern Valker dazu sagen, da heiBt es Rilckslcht auf di 3 Offéntliche Meinung der Umwelt nehmen; jeder Fchler. jede Schwåche wird dir vertausendfacht vorgehalten und vergroBert werden und jeder Fehltritt zu einem Weltverbrechen gestempelt verden, Wenn dies nun bei dem ersten Wendepunkt der jiidischen Geschichte, wo es von einem Wiistenvnlke zu einem staatbildenden, eine feste Heimat be.itzendem Volke geworden ist, eine an Wichtigkeit und Bedeutung alles iiberragende Mahnung war, wie mit dem Beginn der Galuth liber Israel herei.igebrochen war. Das Vaterland verloren, der Heimat beraubt, der Bodenståndigkeit entrissen, „ohne Ruhe und ohne Sicherheit des Besitzejs", aber auch nicht in der Wiiste, sondern mitten in die Menschheit hineingestellt; wie galt es da erst fiir jeden Einzelnen in Israel „nicht zu tun, was Jedem recht erscheint in seinen Augen". Daher doch das groBe Leid, das unvergleichhche MiBgeschick von den verschiedenen Wirtsvdlkern der Welt als ungebetenesQastvolk angpsehen zu werden; miBgiinstig, spheelsiichtig, ungerecht beurteilt; unsere Tugenden, Vorziige, die wir g$wiB besitzen, unbeachtet und totgeschwiegen; unsere Fehier und Schwachen mikroskopisch bis ins kleinste Detail untersucht und verzerrt der Mitwelt vorgefUhrt; verlacht, verspottet, verachtet und dem Hasse preisgegeben durch alle Formen der. Publizitåt, der Jer; Vplk^i^ntMnjpgen, wi$, aufc 4em Ka- Ihidef* Tdér Gelehrten und Wissenschafter .taglich in die Menge hinausgeschrien. Nun stehen wir, n a c h S a n R e m o, wieder vor iehem seit 2000 Jahren der Galuth ersehntem Wendepunkte. Der grause Weltkrieg hat sich in unzåhlige kleine Lokalkriege zersplittert; jedoch die Leideni die der Menschheit roch uniibersehbat auferlegt sind, erfahren die Juden, wie bisher, in unverhåltnismåBigen Steigerungen an sich selbst und das Resultat ist ein iurchtbares Ansteigen des . Judenhasses in allen besiegten Landern, die ihre eigene Schuld der Kriegshetze und des Imperialismus auf das aus tausend Wunden blutende Israel iiberwålzen.— aber ein Llchtblick ist es wenigstens, der aus. dem. schauerli- FEUILLETON. "x Die Wiener Salons.*) Welche Bedeutung ftlr die deutsche Literatur die jiidischen oder halbjudischen Salons in Berlin im Zeitalter der Aufkiarung, des Klassizismus und namentlich der Romantik hatten, wurde uns bereits in vielen Biichern auseinandergesetzt. Wir wissen ganz genau, wer in diésen Salons — die nicht immer literar ische Zirkel waren, — verkehrte, womit man sich dort beschaftigte, was man aB, trank, las und dergl. mehr. Von den Wiener Salons schw^igt die Geschichte. Nur ein Haus wird stets genannt, das der Fra nzlska von Wertheimstein.. Sie vermachte testamentarisch ihre Bibliohtek der Stadt Wien, und der Werthelm s teinpark auf der „Hohen Warte" in Wien wird fiir alle Zeiten das Andenken an diese aufierord$ntliche Frau bewahren, auch dann, wenn man in deutschen Kreisen vergessen haben wird, was diese Jttdin fiir Ferdinand S a a r, ftlr J. J. David, fiir die Eschenbach bedeuiet hat. — jf *) Siehe; „Die Judenfrage auf dem Wiener KongreB “. Auf Grund von zum Teil ungedruckten Quellen dargestellt von Dr. Salo Baron. R. Lowit, Wien. August Fournier; Die Geheimpolizei auf dem Wiener KongreB (Wien und Leipzig, 1913). Eine andere Franziska (Fanny sagen die Wiener, Vogele die Juden) spielte zur Zeit des Wiener Kongresses eine groBe Rolle. Franziska (Fanny) von Arnstein, die Wiener „Recamier", auch „,1a Fanny"**) genannt, und ihre jiingere Schwester Cåcilie (Caroline, Zippora) von Eskeles. Beide Frauen durch Schfinheit, Bildung und Witz ausgezeichnet, waren Gattinnen hervorragender Wiener Bankmånner, die das gemeinschaftliche Bankhaus A r n s t e i n-E s k e 1 e s leiteten. Beide Manner wurden wegen ihrer Anteilnahme an Finanzierimg iOesterreichs nobilitiert, Eskeles 1822 in den Freiherrnstand erhoben, war Hauptgriinder der Nationalbank (der spåteren Oesterr.-ung. Bank), 1816 deren Direktor und spater Stellvertreter des Gouverneurs. Fanny und Cdcilie stammten aus Berlin und waren Tochter des? Berliner Daniel Itzig; die junge Fanny verkehrte noch als Mådchen bei einer Henriette Herz, Rahel Levin und Dorothea Mendeissohn. Einer ihrer besten Bekannten schildert sie, wie folgt: „Eine hohe schlanke Gestalt, von Schfinheit und Anmut strahlend, vornehmen Tons und Betragene, lebhaftem feurigen Ausdrucks, scharfen Verstand und Witz mit frfiblicher Laune vereinent nicht ohne Belesenheit und fremder Sprachen wie der eigenen mit Meisterschaft kundig, war sie in Wien^eine hfichst auffallende und merkwttrdige Erscheinung." Der Arnstein-Salon war das erste Haus seiner **) So nannten sie die Diplomaten untereinander. Baron: pag. 130, vgl. Fournier 338. Art und blieb es lange, bevor andere foigten; von der groBen Fillle ihrer Gåste wåren zu nennen: > arnhagen, die Schlegels, i Justinius, Kerner, Karoline Pichler, Zacharias Werner un$. Tkepdor Kfirner; von Diplomaten, Politikern. und ^.taatsntånnerr,: die Prinzen von PreuBen, Von Hessen-Homburg, Mecklenburg-Strelitz und Hohenzollern, Éugep Benuharnais, Lord Wellington, Stewart, Auckland, Hardenberg, .Humboldt, Fiirst Radziwiil, Kardinal Consalvi, Nuntius Severoli; Monster,, von Bernstorff, von Neipperg, Trautmannsdorff; Fttrst dfir: Moldau Vpsilanti, Stoffregen (Leibarzt des russ. Kaisers), Pozzo di Borgo, Capo d’Istria, Metternich senior, Khevenhilller und andere. Es sol! hier 'betont. werden, daB diesem Salon die Frivolitåteh der Barliner fern lagen und, daB auch Damen zu Oasifl kamen. Namen der hbchsten damaligen bsterrejicbisphen. Gesellschaft: Die schBne Qråfin Bernstorff, /(FOrstin Palm, Gråfin Colloredo-Crenville, Baronin7 Kaiserstein, Dechantin Dietrichsteip; Dorqthea Mendelsschn-Schlegel und Rahel ^evin-Ya^nhagen. Der junge Mayer Beer gab Kop^furte. Uns mutet es wie eine Iropie gn, . wenn 5 Prinz Anton Radziwill am 23, Deaember 1814 an , aeine Gattin schrieb: „Hier ist $eine (des *. Weihnachtsabends) Feier nicht Sitte und das Haus ArnSteln das einzige, wo die Frauen dtø Berliner Gewohnheiffesthalten und ftlr morgen ab^hd alle ^reuheu eingeladen haben, von denen jeder ein .Qesghenk <erhait.u (Fournier „Deutsche Rundschau" Juli 1915. 61*##) [auch Fournier mutet es ironisch an]). Der Abend ***) Mitgeteilt pag. 127. D(«*åchst ersebeint: “W „BKkl* JldiKtør SUkskakWkr".