Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. BO wlDDtSCHC VOLKSSTIMME" Siøl, suchte auch das Erziehungswesen, den noch viele Mangel anhafteii, zu verbessern. Und nun — schloB Dr. Weizmann — gilt es nur eine Rettung fiir Palåsfina. Es mtissen neue schopferische KrSfte ins Land kommen, um zu arbeiten und zu produzieren. Nur das kanti bewirken, daB die gesamte palastinensische Judenheit zur wirklichen produktiven und schaffenden Arbeit herantreten sollen. Auf der vierten Sitzung hat die Konferenz eine Reihe von Kommissionen eingesetzt und zwar:\Eiiic Finanzkommission, eine Kommission fiir Palastinaarbeit, ’eine Kommission fiir Erziehungswesen, eine Kommission fiir nationale Arbeit in der Diaspora und eine fiir die Vorbereitung des jiidischen Weltkongresses. Der BeschluB zur Einsetzung dieser Kommission, die den jiidischen Weltkongrefl einzuberufen haben wird, ist mit 72 gegen 69 Stimtncn angenommen worden. Am dritten Tage war die sechste Sitzung mit der Fortsetzung der Qeneraldebatte ausgeiiillt. Dawid Yellin (Jerusalem) fiihrte aus, dafl die palåstinensische Judenschaft die Arbeit der zionistischcn Fiihrer wohl anerkenne, gleichwohl fordert sie, sie in der Wiederaufbauarbeit des Landes nicht Srge« j als die Neueingewanderten zu behandeln. Nur die pal&stinensische Judenheit sei befåhigt Friede!*. zwischen Juden und Arabern wieder herzustellen. An der Debatte beteiligten sich noch die Her ren Mereminski, Ref. Goldbloom, Dr. Charodezky. v/orauf der Vorsitzende, Oberrichter Brandeis, den zionistischen Fiihrern zur Entgegnung das Wort ertøilt. Herr Ussischkin lehnt die Verantwortung fiir die zionistische Kommission, bevor er nach Palæstina gekommen ist, ab. Er gesteht, daB die Zionist. Kommission nicht viel geleistet hat, das riihre aber daher, weil die gegen uns wirkenden Faktoren stdrker sind. Es ergreift das Wort Dr. Weizmann und erklSrt, daB seine Politik nicht zu den’Exzessen in Jerusalem gefuhrt hat, sondern zu der bald hierauf erfolgten Ernennung Sir Herbert Samuels zum Verwalter Palastinas. Betreffs Jabotinskys*) wurde alles was menschenmdglich unternommen, er besitze aber nicht die Macht der englischen Regierung dessen Befreiung zu befehleii. Herr GroB mag in seitiem Vorwurf recht haben, daB er* Dr. Weizmann eine Politik der Angst getrieben håbe. Ich gestehe offen, daB wir jenen Schritt angstlich iiberlegt haben, da nur derjenige Held ist, der friiher die Grenzen seiner Macht kennt. Wohl sei unser Bericht iiber die Arbeit in Paldstina bloB skizzenhaft gewesen, aber das Tatsachenmaterial, das der Konferenz vorliegt. zeigt was dort geleistet wurde. Er ziehe seinen Ausspruch iiber unseres Menschenmaterial in Paiastina nicht zurlick, denn dies sei die Wahrheti, wenn sie auch unangenehm ist. In Paiastina miisse Arbeit geschaffen werden, wodurch allein die Reibungen zwischen verschiedenen Parteien aufhoren werden. Das amerikanische Bataillon der jiidischen Legionen bestand nicht aus lauter solehen Leuten, wie wir sie mit Recht erwarten konnten. Sie waren iiberaus ungeduldig und kehrten nach Amerika in einer Stimmung der Meraglim zurttek. GewiB sei die jiidische Legion fiir Paiastina eine Notwendigkeit; wir konnen jedoch nicht vor der englischen Reglerung mit der Forderung erschelnen, auf ihre Rechnung fiir uns eine jiidische Legion zu schaffen. Es wird geklagt, c'aB unter den Tiirken die Lage eine bessere war, wobei man vergiBt, daB wir von den Ttirken nichts weiter verlangt haben als uns im Leben zu belassen. Oegenwartig wird jedoch in Paiastina einigermafien mehr verlangt, worin man bei einzelnen Stellen auf Schwierigkeiten stoBt. Man diirfe nicht vergesser daB es in Er\gland viele Politiker gibt, die der Meinung sind, daB Orofibritannien fUr Palåstina keinerlei Interesse haben kann, da dies neue Schwierigkeiten heraufbeschworen wird. Nicht alle Englander sind Balfaurs und das diirfen wir nicht auBeracht lassen. Mairche fragen, warum die Araber sich ja befestlgen konnten und eine Regierung geschaffea haben. Die dieses vorbringen haben vergessen, daB die Araber im Lande wohnen, wåhrend wir noch nicht in Paiastina sind. GewiB wUrden wir anders auftreten, wenn wir im Lande selbst zu mindest 200.000 Juden hatten. Dr. Weizmann erkiart schlieBlicli, daB er es nicht erwartet håbe, solche Vorwiirfe zn horen. Er hat die ganze Zeit hindurch v seine Pflicht erfullt und ftthle sich berechtigt zu fragen: „Was hast Du, ffidisches Volk, wAhrend dieser Zeit g@tan?“ Herr Sokolow faBt die vorgebrachten Vorwiirfe zisammen und beantwortet sie mit wenigen markigen Worten. Er appellierte an die Versammeiten sich von den Rede-Duellen zu befreien und praktische Vorschiage zu unterbreiten. Es hat keinen Simi iiber die Zahl der Einwanderer zu spintisieren. Wenn der Herr Groflmann von uns verlangt „groBe Juden" an die Arbeit heranzuziehen, so m8ge er uns ihre Adressen bekanntgeben. II. Landeskonferen? des deutschen Landesverbandes „Hapoel Hazair". 2. Tag. (S ehlufi.) ‘ Der 2. Verhandlungstag der Konferenz begann mit einem Referat von Rudolf Samuel iiber die Bedeutung der Prager Konferenz. Er fiihrte in kurzcm ungefåhr følgendes aus: „Die programmatische Bedeutung der Prager Konferenz liegt darin, daB man hier zum ersten Male versucht hat, einen Weg zu finden, der aus der genauen Kenntnis der Lage und der wirtschaftlichen Struktur unseres Volkes heraus zu einer sozialistischen Gesellschaftsform fiihren kann. Jeder soziale Organismus folgt bestimmten Gesetzen der Entwicklung, die ihm durch seine Anlagen vorgezeichpet sind. Dårum ist auch die Entwicklung eines jeden Volkes zum Sozialismus abhångig von diesem ihm eigentiimlichem Gesetz. Der Sozialismus wird fiir die meisten Volker verschieden sein und daraus erklårt sich die Vielgestaltigkeit der allweltlichen sozialistischen Bewegung. — Wie in jedem Volke so ist auch im jiidischen die wirtschaftliche Entwicklung und der Uebergang zum Sozialismus abhangig von seiner Wirtschaftsgeschichte und seiner wirtschaftlichen Struktur. ‘Unsere Wirtschaftsgeschichte ist gekennzeichnet durch ihre Exterritorialit&t und die Unproduktivitåt der Volksmasse. Die wirtschaftliche Struktur ist bedingt dadurch, daB die tragenden Typen der Produktion der Handwerker und der Kleinbauer sind. Was diese beiden.Typen eint und auszeichnet ist ihre Produktion nicht wie die des europaischen Industrieproletariats einem kollektiven MaSsencharakter tragt, sondern ein ausgesprochen individualistisches Wesen zeigt. Der Weg nun, der dieses exterritoriale lebende und nach Paiastina tendierende Volk mit seiner individualistischen Wirtschaftsstruktur zum Sozialismus fuhrt, kann nicht der der europaischen Sozialdemokratie sein. Die Methode des Klassenkampfes ist yielleicht berechtigt fiir eine Zeit der Abwehr und innerhalb des kapitalistischen Systems, aber sie ist erfolglos fiir Zeiten des Uebergangs und des sozialistischen Aufbaus. Es fehit zudem innerhalb unseres Volkes Jegliche objektive Moglichkeit und Voraussetzung, sei sie politischer oder dkonomlscher Natur fiir den Klassenkampf. Unser Weg zum Sozialismus kann lediglich der Weg des konstruktiven sozialistischen Aufbaus von unten herauf sein, wie ihn unsere paiastinensischen Chawerim begonnen haben. Das gilt aber auch fiir den Galuth. Denn wir mUssen auch Galutharbeit leisten. Wenn wir eine Assimilation dauernd verhindern wollen, milssen wir in der Galuth so arbeiten, daB kleine, in sich geschlossene Kreise jiidischer Wirtschaft und jiidischer Kultur entstehen. Das kann nur durch Produktivierung und durch den Aufbau kleiner sozialistischer Siedlungen auch in der Galuth erreicht werden. Das Mittel zur Verwirklichung ist die Chaluziuth im umfassendsten Sinne. Und gerade im deutschen Landesverbande der Weltorganisation wird die Chaluziuth eln primårer Bestandteil unserer Idee bleiben. ' Nach "einer BegrtiBung der Konferenz durch Herrn Dr. K1 e e, den Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung flir Deutschland, erhielt ÅrJosoroff das Wort zu einem Rechenschaftsbericht iiber die Arbeit des Zentralen Waad in Deutschland. Arlosoroff: „In der AuBenarbeit des Waad Merkasi standen wåhrend der letzten Jahre drei H^nntnrobleme im Vordergrund: das Problem der Achduth baawodah, die Schaffung des Weltverbandes und die Stellung zur Zion. Organisation. Zum ersten Punkt ist hier lediglich die allgemeine politische Einstellung zu zeichnen. Wir haben uns sofort riickhaltlos auf die Seite der palåstinensichen Chawerim gestellt, als die Nachricht kara, daB sie sich von der Achduth als kleine Qruppe, wie es schien von Fanatlkern, ausgeschlossen, weil wir unbegrenztes Vertranen zn unseren palåstinensischen Chawerim hatten. Wir wuBten, daB wenn sich irgendeine M6glichkeit der Zustimmung zu der Jichudformel von Petach-Tikwah ergeben hatte, sie sich angeschlossen hatten. Aber sie konnten die Kompromispolitik der Aachduth nicht mitmachen und diese Stellungnahme wurde durch die weiteren Ereignisse klar gerechtfertigt. Dazu kam die Stellung der Poale Zion in der Galuth zu den Fragen des Aufbau in Paiastina, die einen Konflikt mit der Achduth schaffen muBte, welche auf diese Art arbeitsunfahig werden muBte. Gruppen der Poale Zion in Paiastina haben sich auch in der Tat gegen die Achduth ausgesprochen. Jetzt hat sich bereits eine dritte, rein poalezionistische Arbeitergruppe gebildet. Es galt, von uns aus ein starkes Zentrum zu schaffen, das einen Riickhalt flir die guten Kråfte aller Gruppen bilden wiirde. Erst die Einigung zwischen Zeire Zion und Hapoel Hazair ermdglichte eine solche Kraftekonzentration. Selbstverstandlich streben auch wir die Einigung der gesamten paiastinensischen Arbeiterschaftén, verlangen also die Unabhangigkeit der paiastinensischen Arbeiterschaft von den Poale-Zion der Galuth, die heute mit dem Zionismus kaum mehr etwas gemein haben. — Fiir die Vorbereitung des Weltverbandes hielten wir uns fur besonders geeignet, weil wir eine Briicke zwischen Paiastina und dem Osten noch mit paiastinazentrischem Geiste durchdringen konnen, der dort nicht immer sehr stark ist. Dies muB unsere Zukunftsaufgabe sein. Die Stellung zur Zion. Organisation hat im deutschen Landesverband nicht die Rolle gespielt wie. anderswo, wo es groBe Kampfe zwischen Fraktionalismus und Fdderalismus gab. Es war hier keine prinzipielle Frage, weil es sich aus den Verhaitnissen klar ergab, daB wir innerhalb der' Organisation stehen und keine Føderation bilden. Erst durch die Schaffung des Weltverbandes sind wir Foderation geworden, was ja auch im Charakter unserer spezifischen Paiastina- und Galuthaufgaben liegt. Es klafft noch ein Abgrund zwischen unserm Weg und dem der Organisation trotz deren Sympathien fiir unsere Ideen. Dennoch ist unserer natiirlicher Platz innerhalb der Zion. Weltorganisation-, der wir nach der Prager Konferenz bereits ein neues Programm des inneren Aufbaus vorgelegt-haben. Es folgte nach einem Teil der prinzipiellen Debatten und des Referates Biumenfeld, das sich mit den in der Debatte geauBerten Meinungen auseinandersetzte. Biumenfeld beschaftigte sich ausfiihrlich mit dem Problem der Organisation .des deutschen Landesverbandes*.. Er skizzierte noch einmal die zwei gegnerischen Ansichten. Eine Stromung trat daflir ein, daB der Hapoel Hazair in Deutschland nur eine reine Chaluzorganisation werde, deren Aufgabe es ist, die Menschen so grttndlich wie mOglich fiir Paiastina vorzubereiten. Von jeder Politik muB Abstand genommen werden, da jede politische Aktion nur dazu angetan ist, AeuBerlichkeiten Konzessionen zu machen und damit die Bewegung zu verwassern. Eine entgegengésetzte Richtung vertrat den Standpunkt, daB der Hapoel Hazair auch in Deutschland wesentliche politische Aufgaben zu erfiillen håbe, und das es man versuchen mliBte, durch eine umso intensivere Arbéit des einzelnen Menschen die Gefahreti politischer Arbeit zu iiberwinden. Biumenfeld beschaftigte sich giusfiihrllch damit, eine Form zu findén, in der beide Anschauungen zu ihrem Recht kommen konnten. Die Debatten befafiten sich auch nach dem Referat Biumenfeld immer wieder mit diesen beiden Gegensatzen und es bildete sich bei beiden Parteien die Ueberzeugpng heraus, daB nur durch eine Synthese von „Partei und Bewegung" der richtige Weg gefunden werden kdnnte. Die Spezialreferate von Gerda A r 1 o s o - o f?- G o 1 d b e r g Aber die spezielle Arbeit in Deutschland und von Kauffmann u. SyrHin Aber die Chaluzfragen fAhrten nicht zu speziellen Debatten, sondern auch die Aussprachen Aber diese Punkte fiihrten immer wieder in das eine groBe prinzipielle Problem herein, das alle Mitglieder der Konferenz gleichmaBig bewegte. Nach SchluB der Verbandlungen berichteten die Kommissionen Aber ihre Arbeit. Es folgten die Abstimmungen Aber die Resolutionen und die Wahlen zum Waad Merkasi und?um Schieds^icht der Partei. Es wurden in den Waad Merkasi gewahlt: FUr Berlin: Weltsch, Dawidovitsch, Samuel, Loewenthal, Reinhold Cohn, Qerda Arlosoroff, Albert Baer, Dr. Stahl, Biumenfeld, Blumberg, Kornberg. *) Ist bereits frei,