Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M» 1. JtroiSCHE V0LKSST1MME* Nr. 30. Di« zionistische Jahreskonferenz in London. Thø Jewish Correspondence Bureau berichtet.* Erstør Ta«. — Zweite Sitzung. Oberrichtøf Brandeis irSffnete die Sftitmt mfi einer Ansprache in der øf anf den grofien hlstorischen Mofhfttt hinwefstj indøn! wfr jetzf feben und auf die Notwendigkelt alle verfiigbaren Kr fif te les Volkes in den Dienst des Wiederaufbaues von Palfistina zu stellen. Die Konferenz wird eine Reihe von Planen ordrtern mflssen, es dtirfe aber nlcht vergessen werden, daB ohne ausreichende finanzielle Mitteln auch die schSnsten Pifine wertlos bleiben. Wir haben vor uns im gegenwfirtigen Momente viele Fragen zu Idsen und viele Schwierigkeiten zu iiberwinden, denen wir hoffentlich beikommen werden Sfimtliche Generationen der jildischen Vergangenheit haben bewiesen, daB wir bereit sind immer groBes Opfer zu bringen. Jeder Jude muB nun seinen Teil hergeben. Das Wort bekommt der Ehrenprfisident Dr. Max Nordau, welcher ausfiihrt: Bislang wurde die jiidische Stimme nur durcii Leiden und Marter vernehmlich. Erst in den letzten Wochen ertdnt eine neue jiidische Stimme, die Stimme von Freude und Begeisterung. Der BeschluB von San Remo war ein groBes Heilmittél gegen unsere Schmerzen. Infolge besonderer Schwierigkeiten konnte der KongreB nicht einberufen werden. Nun ist die Konferenz gut beschickt und besteht aus ge wfihlten Vertretern, die ihrer Arbeitspflicht mit gro- Bem Ernst nachkommen milssen, um fiir die Mas sen, welche sie hierher geschickt haben rasche und er nste Arbeit zu leisten. Jeder Zionist muB in sich die Erinnerung an unseren verstorbenen Fiihrer Dr. Theodor Herzl tragen, der als erster von einem Judenstaate gesprochen hat. Verschiedene Faktoren befleiBigten sich immer diesen groBen Mann zu verkleinern, indem sie seinen politischen Zionismus ausgelacht haben. Nun miissen jedoch alle zUgeben, daB unsere Bewegung eine politische ist. Wir gehen jetzt daran das Kapitel^der jildischen Geschichte zu schrciben. Wir miissen von nun ab dessen eingedenk sein, daB wir gleich anderen Volkern ein Volk werden und, milssen daher wie ein lebendiges Volk arbeiten. Beweisen wir es der Welt, daB wir wirklich ein Volk mit steifem Nacken sind, wenn es sich dårum handelt, unser groBes Ideal zu erntåglichen. Das Referat ilber Kolonisation fiffentlicher Arbeiten erstattete Herr Julius Simon. Der Referent unterbreitet eine Reihe von Vorschlfigen, um die agrikulturelle Arbeit im groBen MaBstabe zu entwickeln, wofiir in erster Reihe die Erwerbung grofier, bisher unkultivierter Landstrecken, die nicht .den Besitz von Privaten bilden, notwendig sind. Diese freie Baden soli der National-Fonds erwerben. Was die affentlichen Arbeiten betrifft, so miissen wir zunfichst an die Bewfisserung des Landes herantreten, sodann hat die Aufforstung des Gebirges zu fofgeft. Ferner sind flir die Einwanderer Hfiuser zu .bauøn, den kooperatlven Arbeitergruppen mit Kret diten, Maschinep, Baumaterialien usw. zu dienen. Auch soli ein Arbejterdepartement errichtet werden, behufs Regelung alter in Zusammenhang mit der Arbeit und mit den Arbeitern stehenden Fragen. Fii** diese Aufgaben milssen innerhalb der ersten zwei Jåhre 8 Millionen Pfund Sterling gesammelt werden. Hierauf bekam Herr Neiditsch das Wort zu se;- nem Referate flber den Wiederaufbauffflnds. Der Referent schlfigt vor die Aufbringung eines Fondes v-,r, 25 Millionen englischen Pfunds, welche fdr den Wiederaufbau des Landes verwendet werden sollen. Die Ausgaben sollen zum Teile riickzahlbar sein. Di nicht rilckzahlbaren Ausgaben sollen in sich folgendc Arbeiten einschlieBen: 1. Emigration und Immigration u. zw. Wanderungsstationen, Wohnstfitten fin* die.Wanderer, medizlnische Hilfe usw. 2. Professh«- nåle Schulen fil'* Landwirtschaft, technische Arbeil*;n usw. 3. Versuchstationen auf dem Gebiete der Land wirtschaft, der Milchwirtschaft, der Gefliigelzucht usw. 4. Die Organisierung von Schutz, Sicherhelt und offentlicher Ordnung in Palfistina. Die rilckzahlbaren Ausgaben umfassen folgende Arbeiten: Die Kultivierung des Bodens, Trockenlegung der Siimpfe, die Bewfisserung und Aufforstungsarbeiten usw. Die 25 Millionen Pfund Sterling fiir den Wiederaufbaufond sollen nach dem Grundsatze des „Maaser" aufgebracht werden. Jeder vermdgende Juoe soli 10 Prozent seines Vermdgens fiir den Wiederaufbaufond hergeben, die Nichtreichen sollen Abgabe von ihren Einkiinften oder ihren Ausgaben leisten. Es ist geboten, daB fiir die Zeit der Sammlung des Wieder-Aufbaufonds alle anderen Sammlungen, nu Ausnahme des Nationalfonds, der seine Sammeltfitigkeit im bisherigen AusmaBe fortsetzen soli, aufh8ren. Am ersten Tage war die Konferenz von folgenden Lfindern beschickt: Amerika 39 Delegierte, Argentinien 1 Delegierter, Bukowina 5, Bulgarien 4. BeBarabien. 2, Belgien 1, Canada 4, Deutschland 6, Estland 1, Aegypten 2, England 8, Frankreich 5. Griechenland 3, Holland 2, Italien 2, Jugoslavien 1 Litauen 3, Lettland 9, Neuseeland 1, Oesterreich 7, Gstgalizien 5, Polen 30, Persien 1, Portugal, Rumfinien 4, Russische Provinzen 17, Sibirien 1, Schweiz 1 Skandinavien 2, Stl.dafritøa 5, Cechoslovakei 4, Tunis 2, Ungarn 3, WeiBruBland 5, Westgalizien 6 und Livland 3. Misrachi ist durch 40 Delegierte verti r ten, die englischen und amerikanischen Poale Z'*n haben 7, die Achduth Haawoda (Palfistina) 3, Hapoel Hazair 2 und Zeire Zion 8 Delegierte. Zweiter Tag. Die dritte Sitzung unter dem Vorsitze des Oberrichters Brandeis begann mit dem Referate Dr. Chaim Weizmanns iiber die zionistische Kommission in Palfistina. Diese Kommission hat sich das erste mal am 4. Mfirz 1918 nach Palfistina begeberi, nicht als die Abgesandten des Aktion-Komitees, welches zu iener Zeit nur noch dem Namen nach existierte, sondern als kleine politische Sondergruppe. Sie blieb im Lande bis September 1918 und kehrte wieder nach Palfistina erst nach AbschluB des WaffenstiHstandes zurtick, diesmal bereits mit VoBmachten des Aktionskomitees. I« der zweiten Komfftfcsion befanden sich bereits fflf. UsSiSChkin und Df. Rupin. Die Aufgabe dieser Kommission war rein pbhtischer Natur. Sie hatte die zionistische Organisation im LanJe zu vertreten un.1 war als eine Art Gesandtschaft tilr Palfistina gedacht. Infolge des Militårréfcimes war sie nicht in der Lage an konstruktive Arbeit heranzutreten und machte sich daher zur Aufgabe dWj Lage^an Ort und Stelle zu studieren sowie anderseits Tnit Arabern Beziehungen anzuknUpfen. Oie erste Kommission fand im Lande sehr ungiinstlge Zustfinde. Die Bevdlkerung, von der ganzen Welt aogcschnitten war vom vieljfihrigen Kriege total er-" schopft Die Militfirverwaltung ignorierte vollends die von der Zentralregierung angewiesene Politik, hatte gar kein Interesse fUr den Zionismus Und gab sich auch keine Miihc ihn. zu studieren. Der zionistischen Kommission begegnete sie mit MiBtrauen. Dessen •■-reachtet hat sie sich gewisser Aufgaben entlo •!■ : man sich aus den im Besitze der Komm;‘- ■ Ik-ui Jii.Iien Dokumenten Uberzeugen kann. Dr. Weizmaun gibt zu, daB die Kommission nicht aus den besten Talenten zusammengesetzt war, was auch mit der Ursache sein konnte, daB sie der gro¬ Ben Arbeit nicht gewachsen war. Die Kommission hatte auch den Mangel, daB sie sozusagen kinematographisch ausgesehen hat, indem ihre Mitglicder sich nach einander abgelost haben, der eine kam, der andere ging weg, wodurch an eine ernste Arbeit nicht gedacht werden konnte. Die Arbeit unter den Ai abern war .schwer und langweilig. Sie erfordertc viel Nervenkraft, Ausdauer und Lokalkenntnis. In dieser Hinsicht hat die Kommission viel ErsprieBliches geleistet. Was die Zusammenarbeit mit der palfistinensischen Judenschaft betrifft, waren hiefiir groBe Anstrengungen notwendig. Diese ist in viele Parteien und Sekten gespalten, von denen lede glaubt, daB sie allein berufen sei die Wahrheit zu vertreten. Wfiren diese Parteien lebende reale Organismen, so konnte man mit ihnen doch iiber einkommen, leider aber sind sie alle vom wirklichen Leben entfernt und sehr oft machte es den Eindruck, daB diese 80.000 Juden sich so gebfirden, als wiirden sie 2,000.000 ausmachen. Dr. Weizmann teilt die Kolonien in zwei Typen: Die alten Rothschild-Siedlungen, die viel geleistet haben und sich physisch und geistig fur das Siedlungswerk geradezu aufopferten. ohne daB es ihnen gelungen wfire den jildischen Bauer zu schaffen. 2. Die neuen Kolonien wie Degania und die anderen, welche den jiidischen Bauer geschaffen, die hebrfiische Sprache wieder aufgelebt und das jiidische Dorf hervorgebracht haben. Diese kosteten uns viel teurer als die Rothschildischen Siedlungen, sie sind jedoch jeden Aufwandes wert. Wir haben dort 100 Prozent jiidische Arbeit, die uns teurer ist als Millionen in Geld. Die Kommission ver- Vereinigung von Gemeinden auch gegen deren Willen zulfiBt. Diese gesetzliche Bestimmung (vom 7. Februar 1919) war einerseits gegen die deutschen Minderheiten gerichtet, anderseits gegen die Judengemeinden, welche den Cechischen Politikern~wegen ihrer meist deutscher Verwaltung seit jeher ein Dorn im Auge waren. Die ' Judengemeinden wurden auch tatsfichlich, bis auf wenige Ausnahmen, bereits aufgelost, und mit den betreffenden Ghristengemeinden zu einheitlichen politischen Gemeinden verelnigt. Wir haben oft publizistisch darauf hingewiesen, daB rechtzeitig Sorge zu tragen wfire, dafi bei der seit Langem zu erwartenden Aufldsung der politischen Judengemeinden die rituellen Institutionen nicht verloren gehen, Insbesondere die Tempel und die ihrem Ursprunge und Charakter nach jUdischkonfessionellen Schulen. In den Grundbttchern waren die zumeist aus alter Zeit herrfihrenden, vor Errichtung der Kultusgemelnden erfolgten Eintragungen des Eigentumsrechtes zum groBen Teile noch auf den Namen der Judengemeinden lautend, trotzdem darunter gemfiB der Bestimmung der betreffenden Realitfitpn die Judengemeinde im ursprilngUchen, religi&sen Sinne, und nicht im spfiteren politischen Sinne zu 'Verstehen war. Manche Judengemeinden habøn wohl rechtzeitig ihr Realverm&gen, insoweit es rituellen Charakter hatte, ihrer Kultusgemeinde grundbiicherlich iibertragen lassen, aber vielfach ist dies nicht erfolgt, teils aus Gleichgiltigkeit, teils auch durch kleinliche Gegenstfinde und Eifersilchteleien zwischen den Vertretungen der politischen Judengemeinde und der zustfindigen Kultusgemeinde, insbesondere wenn sich dieselben an verschiedenen Orten befanden. Infolge dessen sind bei Aufldsung so mancher Judengemeinde Realitfiten von urspriinglich konfessioneller Bestimmung der betreffenden Christengemeinde zugefallen, die deutsch-jtldischen Schulen wurden fast durchwegs aufgeldst, und selbst die Tempel sind vom revoltierendem Geiste der Zeit nicht unbertihrt geblieben. So ist in GroB-Meseritsch, wo neben einem neun, vor ungeffihr einem halben Jahrhunderte erbauten Tempel ein alter Tempel mit schdnen Fresken sich befindet, der letztere nach dem Umsturze einfach als Magazin angesprochen und verwendet worden, die einen historisch-kiinstlerischen Wert reprfisentierenden Bilder wurden Ubertiincht, die Leuchter zerbrochen In einer anderen Gemeinde verlangte der Gemeindevorstand die Ueberlassung des Tempels fiir Kino-Zwecke, weil derselbe bis auf wenige Tage im Jahre gar nicht beniitzt wird. Die Schande wfire doch zu groB gewesen, und so entschlossen sleb die Gemeindeangehfirlgen, nunmehr auch an Sabbathen den Tempel zu besuchen, und ihn so seinem eigentlieben Zwecke zu erhalten. Ein bezeichnendes Streiflicht auf die herrschenden Verhfiltnisse wirft die bei einer Tagung des Landesverbandes der mfihrischen Kultusgemeinden - bezeichnender Weise von einem Rabbiner erfolgte Anregung, die vielen iiberfliissigen Prauches, - Silber- und Goldgerfite, welche in manchen mfihrischen Gemeinden durch fromme Stiftungen zusammengekommen sind, und welche heute in keinem Verhfilt- - nisse zum Stande und zu den Bediirfnissen der Gemeinde sich befinden, zu verkaufen, und den Erl&s zur Aufbesserung der Lage der Kultusbeamten zu verwenden. Wenn auch die Anregung im ersten Momente stutzig macht, und vielfach auch an den Bestimmungen der Stiftsbriefe auf Widerstand stoBen dttrfte, so ist sie doch nicht einfach von der Hånd zu weisen, sondern es wfire zu erwfigep, ob nicht das tote, zum groBen Teile unbeuiitzte Gut zur Aufbesserung der Lage der Lebenden zu verwerten wfire. Die politischen Judengemeinden sind zum gr$Bten Teile aufgeldst, die. kleineren Kultusgemeinden stehen vielfach am Rande ihrer wirtschaftlichen Existenzmtiglichkeitr und nur die Wohnungsnot in den groBen Stfidten und die auf derselben basierenden gesetzlichen Einreisebeschrfinkungen verhindern eine volistfindige Entvolkerung der lfindlichen Kultusgemeinden; es sind trUbe Auspizien fiir die Erhaltung' des Judentums auf der Provinz und dem flachen Lande, und es wird rechtzeitig und sachgemfiB Vorsorge getroffen werden miissen, um die Frtichte jahrhundertelanger Jttdischer Kulturarbeit nicht verschwinden zu lassen.