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Jüdische Volksstimme · 1920-07-08 · Heft 28 (8.7.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 28 (8.7.1920)
Date
1920-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ausflug per Boot und Dampfschiff stattfinden, welch Letateres die Schiffsgesellschaft au Gunsten des Geulah-Fonds 2ur Verfdgung gestellt hat. Samstag wird das Aufrufen der Thora zu Gunsten des „Ke> ren Hageulah" versteigert. Freitag wird der Ertrag der heiBen yQuellen dem Befreiungsfond zufliefien. Und so wird die ganze Woche hindurch får den „Keren Hageulah" gearbeitet. Heute brachte man aus Dagania einen geschmiickten Wagen mit allen Arten GemQse, Oefftige), Tauben, Eiern, eine Kuh, ein Kalb, Blumen etc. zum Bilro des Hapoel Hazair ira Zentrum der Stadt. Dort wurde ein Dagania* Bazar errichtet und alles wurde zu Gunsten des „Keren Hageulah" versteigert. labneel (Jemma, 350 Einwohner): Gestern, am 7. Siwan, ver anstal tete man ein Fest des „Keren Hageulah". Schon Samstag vorher und wåhrend des Schawuthfestes herrschte eine gehobene Stimmung in der Kolonie. Die J. N. F.-Kommission veranstaltete eine Versammlung am Schawuoth-Nachmittag. Es wurden einige Reden gehalten. Ein Redner schlug vor, die Frauen mogen ihren Schmuck opfern. Man bestimmte die Ordnung des mocgigen Festes. Montag, den 7. Siwan (wie bekannt, wird in Palåstina Schawuoth nur einen Tag gefeiert), begann das Geulahfest. Bis Mittag wurde gearbeitet, um 3 Uhr versammelte sich das ganze Dorf beim Bethaus, am Platze wehten Fahnen, die månnliche und weibliche Jugend und die Kleinen aus dem Kindergarten kamen in einem Festzug. Es wurden Reden gehalten, dann ging man zur Tat fiber. Die Herzen und die Beutel wurdeh gedffnet. Als erste brachten die Frauen ihren Schmuck vor ihren Kindern dar. Der Name der Spender wurde aufgezeichnet und an den Schmuck Zettel mit dem Namen der Spender gehångt. Nachher wurden Gelder und andere Spenden gesammelt. Wie z. B. Prozente von der Getreide- und Mandelernte; Rinder, Kålber, Geflhgel, verschiedene Gerate etc. Viele spendeten im Bethaus und viele durch Sammlungen von Haus^zu Haus. Hapoel Hazair und Misrachi hatten spezielfe Sammellisten. Der Gesamtertrag waren ca. 2000 Pfund. Nach Beendigung der Entgegennahme der Spenden ging ein Festzug nach Beth-Gann (bei Jabneel liegendes Dorf von 16 Familien). Der Zug wurde von Reitern und den Kindern des Kindergartens empfangen. Man zog singend in das Dorf, blieb dort eine Stunde, sammelte dort Geld und verschiedene Gegenstande im Werte von einigen hunderten Pfunden. Am Abend wurde in Jabneel ein schoner Festabend veranstaltet, mit groBer Tombola und Buffet. Auch hier waren groBe Ertragnisse. Bis Mitternacht tanzte man und freuté sich. Der Waad Hasmani, der Juden PaUistinas, gab seinen Willen kund, daB das Geld, das in Paiastina får den Geulahfond gesammelt wurde, der Erlosung des Bodens nach den Prinzipien des Nationalfonds gewidmet sein solle. Der Waad Hasmani wendet sich an die Organisationen der anderen Lander und bittet sie auf die gleiche Art die Verwendung der Gelder zu bestimmen. Zwisehen Depression und Erwartung in Palåstina. Der Jerusalemer Korrespondent des Londoner J. C. B. schreibt: Wir befinden uns Wochen vor der ersehnten, von der Presse der ganzen Welt besungenen Datum des 1. Juli, an welchem der groBe Wechsel in der hiesigen Verwaltung eintreten soli. Am 22. Juni helBt es, verlåflt Qberkommissar Sir Herbert Samuel mit seinem Stabe London und am 1. Juli 1920 tritt er sein Amt als Vizekånig von Palåstina an, das er ira Namen Sr. M. Regierung und unter ihren Anweisungen austiben wird, mit der bestimmten Absicht, Palåstina in eine nationale Heimståtte des jildischen Volkes zu verwandeln. Andererseits ist soeben die Geulah-Woche, die Woche der groBen Opfer und finanziellen Anstrengungen voriiber. Noch ist das definitive Resultat in Palåstina nicht bekannt, noch wissen wir gar nichts iiber die GroBe der Betråge, die im Auslande fiir den Erlfisungsfond gesammelt worden sind. Aber anzunehmen ist, daB wir die groBen Summen fiir den Beginn der Erschlie- Bungsarbelten in Palåstina erhalten werden. Die Aussipbten stehen somit gUnstiger, als noch vor wenigen Mpnaten ein Jude zu hoffen wagte, und man håtte allen Grund zufrieden und ruhig. zu sein. Leide/ ist dies aber nicht der Fail. Noch nie war der Zustand und die Seelenverfassung der Palåstinenser schlimmer, als in dies'em Augenblick. Noch nie hat man in der Presse solche pessimistische Artikel gelesen, wie dies jetzt geschieht. Noch nie, auch zur Zeit Dschemal Paschas nicht, hat man so viel AnlaB gehabt, auf offentlichen Versammlungen Klage gegen die Verwaltung und die durch die bisherige Politik tm Lande geschaffenen Verhåltnisse zu fohren, wie in den letzten paar Wochen. Man bedenke aber auch, was es fiir die Palåstinenser bedeutet, wenn Jabotinsky und seine Freunde von der Selbstwehr seit 2 Monaten im Qefångnis schmachten, ohne daB es bisher moglich ge* wesen wåre, auch nur die Revision des PfdzfesSes auszuwirken, obwohl dies einen Augenblick gesichert zu sein schien. DaB diese Leute ihre „Strafe" abbiiBen, weil sie das Leben und die Éhre jådischer Frauen und Kinder schiitzen wollten, wåhrend die Verbrecher zum groBen Teil entwichen oder freigesprochen worden sind. Dafl sie, aus Vérzweiflung iiber die Ungerechtigkeit, nunmehr mit dem Hungerstreik beginnen wollen. DaB seit Monaten und trotz allen Vdrstellungen an allen erreichbareu Instanzen Mord und Ranb ih Galilåa an der Tagesordnung sind, kein Tag vergeht, ohne daB ein neuer Ueberfall getneldet werde, wobei die jiidischen Kolonisten ungeniigend oder gar nicht geschiitzt werden, ihr Hab und Gut an englischen Militårposten vorbei ins Ostjordanland wandert und die ertappten Verbrecher und Raubmdrder, wenn uberhaupt, zu låcherlichen Freiheitsstråfen verurteilt werden, anstatt daB mit starker Hånd Ordnung gemacht werde. DaB ferner und infolge diesér Sachlage der ganze Jischub mitbeben, sich in zwei Lager: Verteidiger und Verteidigte, teilen muB, damit daB, was noch ilbrig gebljeben ist, nicht ebenfalls vernichtet werde. Dieser Sachlage gegeniiber nehmen sich die wenigen tatsåchlichen oder in Aussicht stehenden Fortschritte auf diesem oder jenem Gebiet, wirklich nicht sehr bedeutend aus. Ich will daråber kurz berichten, da sie immerhin als Ereignisse Vermerkt zu werden verdienen. In Tel Awiw ist eine Obligationsanleihe auf 20.000 Pf. St, ausgegeben worden, die erste im ganzen Orient und der Zweck ist: Sammeln von Kapital zum Ausbau und der Verschonerung des Stådtchens, VerlångefUng einer HauptstraBe an das Meer und Einfiihrung von elektrischem Licht. Dies letztere Soli in zwei Monaten vollzogene Tatsache sein, die notigen Maschinen sind då und die Vorarbeiten sind bereits begOMleri. Auch eine Postfiliale, mit Telegraph und ‘Télephon ist in Tel- Awiw eroffnet worden, bis zur Stunde das sauber-; ste und niedlichste Postbåro, das in und unl Palåstina herum (Aegypteri ausgenommen) gesehen worden ist. Die Verkehrsgesellschåli „Palestina Express" bereitet alles Vor, um in der nåchsten Zeit einen regelmfiBigen Autoverkehr zwisehen Jaffa und den umliegenden Kolonien einzurichtett, der bis zum piojektierten AUsbau der EtSeribahn dem Verkehr mit diesen K.olonein groBe Dienste erweisen wird. Es wird sich alterdings erst zeigen mussen, ob die halsbrecheflschen StraBen, die bisher von der Verwaltung, offenbar aus „Mangel an Mitteln" oder gutem Willen, nicht bertihrt worden sind, fiir einen solehen Verkehr uberhaupt brauchbar gemacht werden konnen. Die seelische Erschlaffung und Abgespanntheit ist heute in Palåstina eine derartige, daB wir nicht Ubertreiben, wenn wir behaupten, daB die Palåstinenser mit geringen Ausnahmen heute direkt erholungsbedårftig sind. Nur eines leisten noch die Palåstinenser mit bewundernswerter, kaum begreifhcher Energie und Aufopferungsfreude: Die Verteidigung der erworbenen Positionen gegen den Angriff, gegen jede Gefahr. lfijåhrige Jånglinge verlassen die Schulbank irtid wandern nach Galilåa um die in Gefahr befindlichen Kolonien zu beschutzen. Mådehen melden sich freiwillig als Kochinnen und Pflegerinnen fiir die Schutzwachleute, die nach dem Norden ziehen, Manner verlassen Familie und Stelluns und ziehen ohne Bedenken in Gefahr, Frauen rusten ihre Sohne und Månner Kleider, Nahrungsmittel, Reisebedarf, damit sie ja rascher nach Galk låa kdnnen. Man glaubt die Tage der Romerkriege wieder zu erleben; die gesamte palåstinensische Bevblkerung hat får nichts anderes Interesse, als fiir Jabotinsky oder die Lage in Galilåa. Das unter solehen Umstånden jedes offentliche Leben so gut wie aufgehdrt, daB die Auflosung bis in die Schulen hineingegriffen hat, daB die ganze Einwohnerschaft die Tage und Stunden zåhlt, bis die groBe Aenderung kommt, ist selbstverståndlich. Es ist nur zu wånschen, daB bald Ablosung fiir die abgehetzten Leute in Gestalt einer grdBeren Einwanderung junger, kråftiger Element© kommt, die ihnen die Last zum Teil oder ganz abnimmt und sie wieder zur Ruhe kommen låBt. Das Land braucht mehr denn je neue, gesunde organisierte und wtdcrstandfåhige Kråfte, denn anders ist an eine normale Arbeitsweise auch nach der Regimeånder ung kaum zu denken. Eine groBe PalSstinadebatte im englischen Oberhause. Lbndort, 1. Juli. J. G. B. Im englischen Oberhause wurde gestern eine gfoBe und åberaus scharfc Debatte fiber die åuf ein jådisches Paiastina bezughabenden Fragén åbgefuhrl. Lord Sydenham eroffneté die Débåtte durch eine umfassende Anfrage, welché die zionistisch-freundliche Politik Englands einer scharfen Kritik unterzog. Der Redner ståtzte sich in seinen Ausfåhrungen auf die bekannten von judenfeindlicher Seite verbreitéten Geråchte, daB die Zionisten die Absicht hatten ein Minoritåtsregime einzurichten, um die nichtjiidische Bevolkerung in Palåstina unter zionistischen Druck zu setzen. In die Debatte griffen auch die Lords Lamingtom, Newton und 'Islington ein. Lord Lamington meint, es wåre richtiger gewesen, die Verwaltung Palåstinas unter die Souzerånitåt Emir Feisals zu stellen, statt der unglåcklichen Wahl, einen Juden zum hoben Kommissår fiir Palåstina zu bestimmen. Nun ergriff Lord Curzon das Wort zu einer sehr msfuhrlichen Rede iiber die Politik der englischen Regierung in Palåstina, insbesondere betreffs der ^rrichtuug der Jådischen Heimståtte. Er waiidte sich zunåchst gegen diese Ueberlieferilng des Haiises — widerstreitende Form der Diskussion und indeni er nachgewiesen hat, daB rtamentlich Lord Sydenham sich teider den VorUrteilert gegen Jiidert und Zionisten bewegen lieB, fiihrte er aus: „Die seinerzeitige Ausweisung vdti beutschen und Oesterreichern aus Palåstiiia Sei lediglich aus Kriegsgrttnden erfblgt, kelneswegs aber damit deren Eigentutti den Juden oder den anderen Einwohrierri zufalle. Deren Repatriierung wird åbfigeiis iii Kurze von Sir Herbert Samuel in die Wege geleitet werden, da durch sfcinéii Åmtsåhtritt eine Zivilverwåitung éingerichtet wird. Was deri Émit Feisui bétrifft, so sei ér riiehrmals nach Europa eingeladen worden, man stehe mit ihni dauefnd iri Fuhiung und es besteht die Hoffrtflrigi ihri iri Bfilde in Europa zu sehen uin sowbhl iri tmsér.erri als auch im interesse der Alliiertén seine Stéliuiig klarzulegen. Wir haben zweifellos eigene Interessen iri Palåstina, aber nicht solche, die iri Pfunds, Schillings und Pence gemesseri wrerden. Unser Interesse entspringt historischen, religiosen und im gewissen Sinne auch gefuhlsmåBigen Momenten. Nun da wir das Mandat ubernommen haben, konnen wir nicht, wie es Lord Sydenham getan hat, uns von anti-jiidischen oder nichtzionistischen Empfindungen leiten lassen. Wir måssen vielmehr ver« suchen die ganze Sache von einer hoherén Perspektive zu betrachten und eine Idee aufzunehmen, vermoge welcher die Interessen aller Beteiligten befriedigt werden konnen. Den geehrten Lords ist zweifellos bekannt, daB Palåstina eine groflere Bevolkerung, eine hohere Kultur, ein dichteres Eisenbahnnetz und ein besseres Sanitåtswesen braucht, sowie daB es einar Aufforstung auf wissenschaftli« chen Grundsåtzen bedårfe, und nach Entwicklung aller Hilfsquellen des Landes verlange. Woher soli nun diese Entwicklung kommen? Die Tårkert waren auBerst&nde dies zu besorgen und die Araber sind ebenso'unfåhig dazu. Kein Freund der Araber wird diese Tatsache best?elten wollen. Unter dieseri Umstånden war es nur opportun, den Juden diese Aufgabe in ihrer alten Heimat anzuvertrailen. Solite diese Beurteilung der jådischen oder der zionistischen Fåhigkeiten der Grund sein får den Antagonismus zwisehen den Juden und Nichtjuden in Palåstina? Es wurde hier der jådischen Kolonien Erwåhnung getan. Nun sind viele von ihnen blåhende Gemeinwesen und ich glaube, daB diese mit ihren Nachbarn in voller Freundschaft gelebt haben. In der Tat sind die durch den in das Land gebrachten Reichtum, sowie durch die modemen Entwicklungsmittel, im ganzen Lande auflerordentlich populår geworden. Mir sind FåUe bekannt, wo arabische Scheichs — und zwar ganz prominente — mit den Håuptern der jådischen Kolonien in tiefster J^reundschaft verkehren. Es kann nur von einer Nebeneinanderstellung der beiden Rassen gesprochen werden; einerseits der Patriotismus der Araber, ihre lokalen Interessen und die Bescheidenheit ihres

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