Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1920)
- Date
- 1920-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JOWSCIR YOUSSTMUB.1 Nr. 28. choslovakei genau so wie in Polen, in Oesterreichf und in Ungarn in nicht allzuferner Zeft wieder mit den Neuwahlen fiir die Nationalversammlungen, mit Riicksicht auf die verschiedenen politischen und so« zialen Krisen reclinen, zu welchen die Juden als Natioit, wetm sie nicht als eine quanfité negligeable erscheinen wollen, klar and unzweidentig Stellung nehmen miissen. Soli dies aber mit Erfolg geschehen, dann wird alltiberalt hinzu eine umfassende Aufklftrungsarbeit iiber den Zusammenhang der allgemeinen Probleme mit dem jtidischen, .unter groBztigigem Qesichtspunkte erfolgen mfllsen, welchem auch der lm Juli zusaihtnentretende jiidische Studententag sein besonderes Augenmerk zuwenden solite. Zur Entwirrung. P. Sch . . z. An zwei Vortragsabenden in der Lese- und Redehalle JUdischer Studenten in Wien sprach Dr. Elijahu Rappeport iiber das Thema: Unsere Arbeit i:i Und flir Palæstina. Er zeigte sich als revolutionårer Arbeiter liir den Aufbau Palæstinas, revolutionær im wahrsten Sinne des Wortes. Er brachte és zu Stande, in wenigen Stunden seinen interessiert, aufmerksam und gar oft erstaunt la'uschenden ZuhOrern ein Bild der allgemeinenJLage der national - j ti dischen Bewegung und der sozialen Lage der Juden zu entwerfen. An air den Fehlern, die auch von Zionisten gemacht worden waren, legte er mit sicherer Hånd das Messer des Chirurgen an, er geifielte mit aller Schærfe und Klarheit die bisher verfolgte imperialistische Politik, die lediglich auf Qewinnung der Macht gerichtet war, ohne sich mit Problemen der Erziehung, Umwertung und Vorbereitung abzugeben. Ein ebenso vernichtendes Urteil sprach er iiber die heutigen sozialistischen Parteien aus, die sich „revolutionær1* nennen, in Wirklichkeit aber mit den Mitteln der kapitalistischen Weltordnung eine soziale Neugestaltung hervorrufen wollen, ebenfalls nur durch Qewinnung der Macht in den Vertretungen des gesamten oder des arbeitenden Volkes, ohne Umwertung der Einzelmenschen. Alle die heutigen Hauptparteién der Sozialisten (die tibrigens alliiberall Marxisten sind) seien ebenso fiir eine jiidische Volksbewegung unbrauchbar wie der von ihnen vertretene Klassenkampf in Palæstina ebenso unfruchtbar wie unnotig sei; denn iiber die Staats- und Wirtschaftsordnung in Palæstina werden die jtidischen Arbeitenden zu entscheiden haben und mit allen den Parasiten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, den Wucherern, Zwischenhændlern etc. werde man keinen Klassenkampf ftihren, sondern sie einfach als Verbrecher behandeln. In diesem idealen Lande miiØte Nationalismus und Sozialismus fiir die Juden etwas einheitliches, zusammengeh&riges, nicht von einander trennbares sein. Die Qrundlagen des jtidischen Volkssozialismus mtiBten Arbeit, soziale Gerechtigkeit und gegenseitige Hilfe sein. zu den gegenwårtigen Bedtirfnissen Deutschlands gehore oder nicht.11 Das Resultat der Verhandlungen wird in folgenden Såtzen zusammengefaflt. Artikel 14: „Den Bekennern des jtidischen Qlaubens werden, in so fern sie sich der Leistung aller Btirgerpflichten unterziehen, die denselben entsprechenden Btirgerrechte eingeråumt und wo dieser Reform Landesverfassungen bestimmt entgegenstehen, erklæren die Mitglieder des Bundes diese Hindernisse so viel als mdglich hinwegråumen zu wollen11, und in, Art. 16 „Die Bundesversammlung wird in Beratung ziehen, wie, auf eine moglichst ubereinstimmende Weise, die btirgerliche Verbesserung der Bekenner des jtidischen Qlaubens in Teutschland zu bewirken sey, und wie insonderheit denselben der Qenufi der btirgerlichen Rechte, gegen die Uebernahme aller Btirgerpflichten, in den Bundesstaaten verschafft und gesichert werden kdnne. Jedoch werden den Bekennern dieses Qlaubens, bis dahin, die denselben von den einzelnen Bundesstaaten bereits eingeråumten Rechte erhalten.***) Wie auf dem Kongresse dies Resultat erzielt wurde, und welche Rolle dabei die Wiener Salons Arnstein, Eskeles, Herz und d$ren schone Frauen —- von denen Fanny von Arnstein als Wiener „Recamier" bezeichnet wurde — gespielt haben, das wollen wir spater untersuchen. Dr. Qustav Kohn. ***) Pag. 170. Jedenfalls bedeutet das von Dr. Rappaport entwickelte Prograntm einen groBen Schritt vorwærts vom einseitigem nationalen Chauvinismus der Bourgoisie und vom einseitigen, verwachsenen Klassenstandpunkt des Marxismus zum kulturellen Nationalsozialismus. Bedauerlich ist nur, daB selbst ein so revolutionærer Kæmpfer wie Dr. Elijahu Rappeport sich noch nicht von einigen Schlagworten einer veralterten Auffassung von Nationalismus, die einem sozial Denkenden fern sein muB, losgerungen hat: Es ist dies die sogenannte Galuththeorie mit allen Ihren verhångqisvollen Folgerungen. „Um die im Oaluth verbleibenden Juden werde ich mir kein graues Haar wachsen lassen11, sagte er, „hochstens so weit sie fiir Palæstina in Betracht kommen...11 Er spricht noch immer von Wirts- und Qastvdlkern und von einem ideal aufgebauten Palæstina, in dem es keine solehen Kåmpfe und Streitigkeiten geben darf wie in Europa. Ist es nicht auf der Hånd liegend, daB man durch solche Politik den grOBten Teil der Juden der Assimilation preisgebe. Wie kann ein Sozialist, der das Raubeigentum der Einzelmenschen beseitigen will, letzteres fiir Vdlker gelten lassen; folgt nicht aus dem Qrundsatz „Es darf keine Privateigentum an Produktionsmitteln (z. B. am Boden) geben" fiir die Staaten, in denen mehrere Nationen leben, das Recht ieder Nation auf den Boden und alle Produktionsmitteln und absolut kein AusschlieBungsrecht irgendeiner Minoritæt. Es gibt keine Wirts-, es gibt keine GastvSlker, die Majoritæt darf nirgends das Recht haben, eine Minderheit (sei sie national oder religiøs), in kultureller oder wirtschaftlicher Beziehung zu unterdrilcken. Ebensowenig, wie man, fuBend auf einer alten Wirtschaftsordnung, keine neue aufbauen kann, ist es unmoglich, ein imperialistisches Majoritåtsprinzip, — das jedem Volke nur dort, wo es in der Majoritæt lebt, das Recht auf kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung und auf Unterdrtickung jeder Minderheit gibt — zu tibernehmen. Und so sagte eine Gruppe von Zionisten (extrem ausgedriickt) sich etwa folgendes, oder dachte es zumindest: „In der Diaspora dtirfen wir gehaut werden, dafiir diirfen wir in Palæstina hauen". Die letzten Ereignisse in Palæstina haben bewiesen, daB wir auch dort die nationale Frage haben, religiose Differenzen haben wir dort nur zwisehen Christen, Mohamedanern und Juden und zwischen religiosen, areligidsen und freisinnigen Juden. Nach einem authentischen Berichte bestehen dort 5 soziålistische Hauptparteien, abgesehen von kleineren Gruppen: Dies alles ist wohl ein gentigender Beweis, daB nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Palæstina ein Chaos herrscht, das zu hannen, Pflicht einer nationalsozialen Bewegung wåre. Bericht Ilbar die Plønarsitzuno des zion. Zentralkomttees der Sechoslovaklschen Republik vom 13. und 14. Juni 1920 In Briinn. Der von 15 Zentralmitgliedern besuchten Plenarsitzung erstattete Norbert Adler den Tåtigkeitsbericht tiber die abgelaufene Tætigkeitsperiode des Exekutivkomitees. Er berichtet tiber die Verhandlungen des Exekutivkomitees mit der Londoner Leitung und die Anwesenheit Schmarjahu Lewins, sowie Kurt Blumenfelds. Organisatorisch hat sich das E. K. besonders mit KarpathoruBtønd beschæftigt, doch seien die Arbeiten erst im Stadium des Beglnns und das E. K. untersttitzte vorltiufig die dortige Agitation durch Entsendung seines Sekretærs Langer, der zugleicb die Aufgabe hatte, Informationen tiber die Verhåltnisse in Karpathorufiland einzuziehen. Der historische BeschluB von San Remo hat zur Veranstaltung von Vortrægen «in den einzelnen Distrikten geftihrt, die mit elner Sammlung flir den J. N. F. verbunden wurden. Samuel Betteltteim (PreBburg), der einen antizionlstischen Artikel in der „Republik", dem Regierungsblatte der Slovakel, verdffentlichte, wurde aus der zionistischen Organisation ausgeschlossen. Zur Organislerung der Juden in den dechischen Gegenden wurde ein elgener Sekretær Glaser bestem. An dieses Referat schloB sich ein Kassabericht, welchen Ing. Slonitz erstattete und aus welchem hervorgeht, daB bisher 4650 Schkolim eingelaufen sind, doch ist die Schekelpropaganda noch im vollem Gang. An Parteisteuer wurden abgefiibrt 12.688 Kronen, die Sammlungen fiir den Arbeitsfond ergaben K5 24.241, fiir den Paiæstinaaufbaufond sind 100.877 K£ gezeichnet. Die Debatte zum Rechenschaftsbericht ergiht ein volles Einverstandnis der Z. K.-Mitglieder mit dem E. K., welchem fiir die abgelaufene Periode das Vertrauen ausgesprochen wurde. Die Vormittagssitzung vom 14. Juni Bescliåftigtc sich besonders mit der Stellungnahme des Z. K. zu dem eben tagenden Briinner Nationalkongresse und ganz besonders mit der Tætigkeit des Nationalrates, da von vielen Seitcn Befiirchtungen laut wurden, daB die innerpolitische Tætigkeit zu viele Kræfte absorbiere, die fiir die Palåstina-Arbeit verloren seien. SchlieBlich wurde eine Botschaft an den Briinner NationalkongreB folgenden Inhalts gerichtet: „Das zionistische Zentralkomitee bringt dem heute versammelten KnogreB seine unerschiitterliche Ueberzeugung zum Ausdruck, daB die Ldsung der Judenfrage nur durch den Aufbau der nationalen Heimstætte fiir das jiidische Volk in Palæstina moglich ist. Das zion. Z. K. hælt die poljtische Galutharbeit ur.ter den derzeit gegebenen Verhæitnissen fiir eine Notwendigkeit und wird aus diesem Grunde den jiidischen Nationalrat in seiner Arbeit utiterstiitzen, verlangt aber von allen Zionisten und ganz besonders von den im jtidischen N. R. tiitigen, daB sie die Arbeit fiir das jiidische Palæstina als ihre erste. wichtigste und vornehmste Aufgabe ansehen und erftillen." Weiters wurde beschlossen in das Statut des jiidischen N. R. die Aufnahme eines Passus zu beantragen, nach welchem der N. R. die Vertretung der Juden Bohmens, Mæhrens und Schlesiens sei und in welchen die zionistische Organisation ihre Vertreter entsehdet. Als Delegierte fiir den neu zu wæhlenden N. R. wurden die Herren Insp. Slonitz, Dr. Epstein (Prag), Lgr. Dr. Birnstein (Måhr.-Ostrau) vorgeschlagen. In der Nachmittagssitzung erstattete Emil Theiuv sein Referat iiber den Paiæstinaaufbaufond und den Organisationsfond. Zur Beschaffung bedeutenderer Geldmittel, welche der organisatorischen Aufgabe der zion. Organisation in der Cechoslovakei gewidmet werden sollen, ist es notwendig, daB nach Analogie der deutschen Zionistensteuer leder Zionist groBe Summen fiir diese Zwecke dem Organisationsfond zur Verftigung stelle. Alsdann wåre es moglich, ein Btiro mit den notigen Hilfskræften zu erhalten, wolches die groBen uns bevorstehenden Organisationsarbeiten zu erledigen hætte. Weitere Geldtr seien zur Beschaffung von Propagandamltteln notwerdig. Fiir den Paiæstinaaufbaufond wurden bereits 100.877 K6 gezeichnet, wåhrend das uns von der Leitung vorgeschriebene Kontingent 1000 Pf. Sterling betrage. Zur Losung der wichtigen Frage der Einwanderiing der Chaluzim, welche groBe Geldopfer von den Zionisten verlangt, hat sich das E. K. entschloss.en, einen Chaluzimfond ins Leben zu ru*en, zu dem die Untersttitzung aller Juden notwenirg ist. Es Sul! durch diesen Fond unbemittelten Chaluzim die M'glichkeit zur Einwanderung nach Palæstina gewæhrleistet werden. , Sæmtliche Z. K.-Mitglieder, welche in der Debatte zu diesem Referat das Wort ergriffen, erkannten die Wichtigkeit der Aufbringung der genannten Fonde an. —- Auf Antrag Fin2i wii*d beschlossen, daB Palæstinakommissionen in den, einzelnen Ortsgruppen mit Hinzuziehung von Philoziopisten einzusetzen sind, welche sich dem Paiæstinaaufbaufond und Chaluzimfond auf Sorge zu nehmen haben. Der Nachmittag war einem ausftihrlichen Paiæstinareferat des Z. K.-Mitgliedes, Alex Felg gewidmef. Feig entrollte ein Gesamtblld des Standes der heutigen Paiæstinabewegung und betont als die wichtigste Frage, die Frage der Immigration, welche infoke der derzeitigen miBlichen Verhæltnisse in Palæstina keine besonderen Fortschritte gemacht håbe. Es mtisse auf der Jahreskonferenz an die Londoner Lei ung herangetreten werden, den Chaluzim und sonstigen Palæstinawanderern die Einwanderung nach Palæstina in grdfierem MaBe, als dies unter der Militærverwaltung mdglich war, zu ermdglickeil. FCr die Aufgaben der Sechoslovaklschen Zionisten sei es unbedingt notwendig, ein Paiæstinaamt in gro- Berem als dem heutigen Umfange zu eroffnen. Hferauf erfolgten die Wahlen zur Jahreskonferenz, welche folgendes Ergebnis hatten: Aus dem bdhmischen Distrikt: Delegierter: Feig, Ersatzmarirt Prof Dr. Federmann, Pilsen. Aus dem mæhrisclum