Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-07-08 · Heft 28 (8.7.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 28 (8.7.1920)
Date
1920-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622096--4414-2625721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JODISCHE VOLKSSTIMME. Bezugspr else: halbjtihrig.KC 21.— ganzjåhrig.. . . „ 40.— Deutschdsterreich.Kronen 80.— Deutschland, ganzjtihrig .... Mark 35.— vCl;‘7 Redaktion u. Administration: Brflnn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltige Millimeterraum K£ —40. Unverlangte redaktionelle Beitrftge werden nicht honoriert Manuskripten Ist RDckporto beizufflgen. Jahrgang XXI. BrUnn 8 Jul11888 uiumi, 22 t#mui 8880i Hummer 28. Ungeltfste JUdische Probleme. Von Dr. Hermann K a d i s c h. II. So notwendig mit Riicksicht auf die Lage der Juden in Qesamteuropa und besonders im Osten eine planmaBige Emigration, daher auch eine groBztigige Paltistinaarbeit (wie ich bereits im ersten Artikel ausfiihrte), ist, so zeigen doch die panasiatische bezw. panislamitische Bewegung und speziell die Vorgtinge in Paltistina deutlich, dafl der Zionismus keine ausschlieBlich paltistinensische Kolonistenbewegung werden kann. Mehr als, wie je, miissen wir uns mit dem, schon von Ruppin dargelegten Qedanken befreunden, daB die Majorittit der Juden ftir absehbare Zeit ihr Heim, sowie die Sicherung ihrer nationalen und okonomischen Existenz nur in Europa finden kann und jede Abstrahierung von (Jteser Tatsache die schwerste bedeutet. Darum mussen wir uns auch tiber eine groBztigige Volkspolitik hierzulande endlich einigen, wobei ausdrucklich betont werden muB, daB nur eine sololie Politik den Namen einer Realpolitik verdient, welche hierzulande mit den Lebensbedingungen der Cechoslovakei in Einklang gebracht wird und es als eine spezifisch jtidische Aufgabe ’ansieht, mit allen dem jiidischen. Volke zur Verfiigung stehenden Mitteln, die Anntiherung der Nationen, Konfessionen und Stande zu fordern. Diese Notwendigkeit folgt in. gleichem MaBe aus der Diaspora der Juden, aus ihrer geschichtlichen Mission und sozialen Struktur sowie der politischen Lage Europas. Kein Volk und keine Religionsgemeinschaft ist IrJolge ihrer Siedlung so angewiesen auf den Schutz der Minoriteten, auf nationale wie religiose Tole- FEUILLETON. Eine JUdische Delegation auf dem Wiener KongreS.*) Die „delegation des juifs“ bel den Friedensverhandlungen in Versailles, St. Qermain, San Remo hat bereits eine Vorgångerin auf dem Wiener KcngreB und es ist nicht uninteressant nachzulesen, wie vor mehrN deun 100 Jahren die Vertreter der deutschen Judenschaft ftir ihre Rechte eingetreten sind. Wohl hatte sich diese Delegation nicht so hohe Ziele gesteckt, wie unsere Delegation. Handelte es sich doch damals nur um die Rechte der Frankfurter xJuden und die der Hansasttidte, doch wurde spater daraus eine Vertretung der Judenschaft Deutschlands und Oesterreichs. Der Pariser Friede vom Mai 1814 liefl sehr viele Fragen offen, die auf einem allgemeinen nach Wien zi: beschiekenden Kongrefl geldst werden soliten. *) Siehe das gut fundierte Buch: D r. S a 1 o Baron: Die Judenfrage auf dem Wiener KongreB. Auf Grund von ziim Teil nichtgedruckten Quellen dargestelit. Herausgegeben mit Untersttitzung der historischen Kommission der isr. Kultusgemeinde in Wien. 1920. R. L6wit. Wien, Leipzig. 1 8 "'v ranz wie die Juden und daher ist jede jtidische Politik selbstmflrderisch, welche das nationale oder religiose Gefilhl einzelner )ndividuen oder ganzer Velker verletzt oder gar nationale, religibse sowie Okonomische Herrschaftsbestrebungen fbrdert. Wer aufmerksamen Auges die Ursachen des Zusammenbruches des alten Europas, sowie weiters die schwere, auch nach Kriegsende fortdauernde europåische Krise in nationaler wie in sozialer Hinsicht objektiv verfolgt, erkennt auch deutiich den organischen Zusammenhang des Antisemitismus mit allen pseudonationalen, pseudoreligiosen und pseudosozialen Bestrebungen. Jede nationale Bewegung, die nicht in positiver kultureller und wirtschaftlicher Hebung der produzierenden Schichten des eigenen Volkes ihre Aufgabe erblickt, sondern dem Gbtzen einer einseitigen nationalen Staatsidee zu Liebe auf nationale Vergewaltigung gerichtet i^st, schtidigt nicht nur andere Volksståmme, sondern auch den eigenen. Siesteht im stårrep Oegensatze zur jtidischen Ethik genau so ^le zur cbrlstlichen und ist mit dem Wesen eines wahren Kulturstaates alliiberall ebenso unvereinbar, als religtåse Intoleranz und einseitige Klassentyrannis. Die Entwicklung in den verschiedensten Staa-, ten zeigt aber auch, daB alle diese Bewegungén positiv nur einseitige Mandatspolitik zeitigen und auf die Dauer blofi ein einziges Ergebnis haben, den Kampf Aller gegen Alle und daher naturgemtiB in erster Linie den Kampf gegendie Judeh als nationale „Fremdlinge", als „Nichtchristen", als ,Jcapitalistische Parasiten'* bezw. als „revolutionere Umsttirzler“. ... Es ist daher eine Wandlung der Geister und eine Kltirung in den gegenseitigen Beziehungen der Nationen und Konfessionen, der Rassen und Klassen notig: Im Sinne des echten Kulturnationalismus, der Wir wissen, daB der Wiener KongreB, noch mehrTummelptatz aller Politiker und Diplomaten wurde, den Versailles. Wir wissen, daB, wenn sich auch Metternich und Talleyrand als Diplomaten die Wagschale hielten, die hervorstechendsten Personlichkeiten neben Pozzo di Borgo, dem russifizierten Korsen und groflten Gegner Napoleons, die beiden Vertreter PreuBens waren: Hardenberg und Hum^boldt, j Letzterer ist wohl auf dem KongreB der gewichtigste Fiirsprech der Juden und sein Briefwechsel mit Carolina, seiner Frau, die seine Auffassung im der Judenfrage nicht teilen mochte, gibt uns Zeugnis von de% unerschiitterlichen Liberalitet dieses hochbedeutenden Staatsmannes. Der erste Jude, der die Bedeutung des Kongresses auch flir sein Volk voll erfaflte, war der Liibecker Moses B1 o c h, der sich auch gleich mit Dawid Friedltinder (Berlin) in Verbindung setzt, um eine Vertretung am Kongresse zu erwirken, doch kommt ihnen Frankfurt zuvor. In den Wiener Polizeiakten**) finden wir Rap porte iiber die beiden Vertreter der Frankfurter Judenschaft, Gumprecht und Jacub BarrncH: Isaac Gumprecht stammte aus Oottingen, studierte an den Universittiten Jena und Oottingen, verheiratete sich spåter nach Frankfurt, wo er sich als **) Mitgeteilt bei A. Fournier: Die Geheimpolizei auf dem Wiener KongreB. (Wien—Leipzig 1913) pag. 208, zit. bei Baron: pag. 82. allein eine Briicke bilden kann 2um vdlkerverbindenden Internationalismus, im Sinne verinnerlichter Religiositat, die nicht identisch ist mit konfessionellen Zelotismus und in Formen erstarrenden Zere* monialismus; schlieBlich miissen neue Bahnen zur Ldsung des sozialen Problems auf Grundlage eines synthetischen, konstruktiven Kultursozialismus be» treten werden. So lange diese Voraussetzungep fehlen, wird in der Diaspora wie in PalSstina kein einziges der ungelosten jtidischen Probleme seine Lbsung finden, dem Antisemitismus dagegen da und dort stets neue Nahrung zugefiihrt werden. Ob man nach der Cechoslovakei oder nach Polen, nach Deutschosterreich, Ungarn oder nach Jugoslavien etc. etc. blickt, iiberall beståtigt die verworrene, politische, zur parlamentarischen Krise zugespitzte Lage, das wachsende soziale Elend, die Richtigkeit dieser Anschauungen. Der aus dem ungeklårten Verh&ltnisse der Sukzessionsstaaten zueinander sowie weiters aus den sich immer erneuernden nationalen, konfessionéllen Rassen- und Klassenkfimpfen automatisch resultierende nationale, religiose sowie okonomische .Antisemitismus beweist aber den engen Zusammenhang der Judenfrage mit den Zeit- und Streitfragen der Lander, in welchen die Juden wohnen. So vielfach auch in den einzelnen Staaten die politischen und wirtschaftlichen Verhdltnisse von einander differieren, so weit sie einander åhneln, erheischen sie doch eine paralelle Jtidische Politik lo allen Staaten, wo eine Jtidische Volkspolitik tiberhaupt mdglich ist. ' Ist in den Grundziigen aber auch nicht zwischen jenen Juden, die sich als Volk bekennen, in den einzelnen Staaten eine diesbeztigliche Einigung m6glich, dann droht dier gesamten jtidischen Volkspolitik in absehbarer Zeit ein Fiasko. Man muB in der Ce- Kaufmann niederliefl. Jacub Baruch, der Vat/dr Ludwig B 6 r n e’s, wird als vollendeter Hofmann geschildert und war beftihigt, mit seinem Kollegen die Rechte seiner Judenschaft zu vertreten. Zu‘ ihnen geselite sich als Verteidiger der Ltibecker Judenschaft Dr. Carl August Buchholz, ein junger nichtjtidischer Advokat. Es war nur zu bedauern, daB diese 3 Vertreter der deutschen Juden nicht eintrtichtig vorgingen, wtihrend Buchholz und nicht minder Humboldt, die Emanzipdtion der Juden ganz Deutschlands vor Augen hatten, gingen die Frankfurter eigene partikularistische Wege und wollten nur ,den Juden ihrer Vaterstadt geholfen wissen. Buehholz legte dem KongreB am 9. Dezember 1814 eine Vorstellung vor, die auch im Jahre 1815,bei Cotta in Stuttgart und Ttibingen unter dem Titels ,Actenstticke die Verbesserung des btirgerlichen Zustandes der Israelietn betreffend“ in erweiterter Form gedruckt wurde. Buchholz war Anhtinger Mendelsohns und Dohrns und derén Geist erftillt seine Schrift und Handlungsweise. Er schlieBt das Vorwort mit folgenden Worten: „Sollen Vorschlåge der bezeichneten Art tiberhaupt entfernt bleiben von der Beratung des deutschen Komitees, so ist das Schicksal dieser Bititter und einer der deutschen Comitée tibergebenen Ydrstellung geweissagt. Sollen sie es nicht, so werden die nachstehenden Darstellungen nicht ohne Erfolg die Frage behandeln: Ob die Verbesserung des btirgerlichen Zustandes der Israeliten in Deutschland*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.