Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622095--4407-2625713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nf. 27. uJGSftCfll »OttSSTIMME,1 Seftt 3t brachte die Religfosftfit, sondern alles Nationale ist in der Religion verankert. Ein nationales Leben ohne Religion ist ftir den Juden undenkbar. Namentlich in der Diaspora fehit jeder gesunde Boden fiir eine jiidisch-nationale Entwicklung, wenn man die Religion verneint. Wollen wir das jiidische Hans national gestalten und in der jiidischen Frau starke nationale Instinkte erzeugen, dann miissen wir hier die Religion walten lassen. Noch starker als der Mann muB die Frau zum Judentum erzogen werden. Es muB ihr das QroBe und Gewaltige im Judentum nåher gefiihrt werden, damit sie es begreift un 1 liebt. Das Familienheim, die beste und stårks:c Stiitze der Frau, muB wieder jiidisch werden. Der Freitagabend muB wieder der Hohepunkt des Fimilienlebens werden, die jiidischen Feste miissen wieder ihren Cilanz in der Familie entfalten. Das Geschichtliche soli tiicht in der Luft hangen, sondern einen kråftigen Boden haben. Alles Schone und Erhabene, das mit dem Jiidischen verkniipft ist, muB hier eine Ståtte finden, hier muB sich das jiidische; Gemiit frei und natiirlich entfalten, uml die Frau muB wieder die Trågerin jiidischer Poesie werden. Das kann nur auf dem Wege der Schiichtheit geschehen. Die Schiichtheit war die Physiognonne des jiidischen Familienlebens. Sie ist das Råtsel der jiidischen Gemiitlichkeit. Mit dem Aufkommen des fremden Luxus, des Scheinwesens, des widerlichen Protzentums wich diese Gemiitlichkeit aus dem jiidischen Heim. Zu dieser Schiichtheit miissen wir zuriickkehren, und lieute, wo die wirtschaftliche Not uns Schranken auferlegt, ist dies gewiB nicht schvver. Wir miissen wieder lernen, das Gliick nid in rauschendeit Freuden, sondern in stillen, stiminungsvollen Stunden zu suchen. Hat denn diese ganze Maskerade die jiidische Frau innerlich gliicklich gemacht? Ist nicht nach jedem tollen Rausch der Katzenjammer gefolgt? Ist nicht der Zweck des Lebens, uns selber und den Unsrigen zu leben und nicht der Mode und ihren Auswiichsen? Der Reichtum mit all* seinen Begleiterscheinungen hat den Juden selten zum Gliick und zum Segen geréicht, weil die innere Natur des Juden nRht recht dazu paBt. Das Judentum ist eine Pflanze, die nur in bescheidenen VerhSltnissen gedeiht. Der Talmud sagt: „Die Armut ist Israels groBter Schmuck.“ Die Geschichte hat dieses Paradox' klingende Wort beståtigt. Israels GroBe zeigte sich stets in der Armat und nicht im Reichtum, in Leid und nicht in Freud. Schlicht sein heiBt natiirlich sein, wahr sein. Dazu sind wir alle berufen, Manner wie Frauen. Aber wirklich feinen Frauen verleiht die Schiichtheit eine seltene Anmut, die sich durch nichts ersetzen låBt. Wollen die Frauen die Hiiterinnen der Schonlieit sein, dann miissen sie erkennen, daB ihr hochster Reiz in der ererbten gemiitvollen Einfachheit ruht. Nichts aber gestaltet das Leben so reich wie die Fulle freiwillig iibernommener Pflichten. Das Gliick Laufes, er denkt ob kein Zusammenhang bestehe zwischen allen irdischen und iiberirdischen Erscheinungen. Boruch iiihlt sich bei solehen Gedanken immer hoher und hoher gehoben, er schwebt wie auf leichten Silberwolken umflossen von himmlischblendbndem Licht, verschmilzt beinah mit diesen Gdttessphåren und blickt auf die tiefe Er de, wo reiche Leute innerlich verhungern ..Er schilderte es derart lebhaft, daB ich mich wie auf leichte, zarte Wolkenschleier gehoben ftihlte, immer hoher, licht umflossen, gliickselig, låchelnd . . . meine zweite Seele erblickte dabei zum erstenmal das Licht der Welt ... ich empfand in mir plotzlich eine merkwiirdige Zweiheit; zwei Wesen grundverschieden voneinander, das erste hinfållig mit Schwåchen belastet, das zweite immer jung, unverwiistlich . . . Das eine OefåB, das andere Inhalt, der wenn das GefåB in Scherben zerschmettert liegt, in ein anderes GefåB aufgefangen wird oder in die Erde sickert um dort neue Keime zu schlagen, sich in fabelhafte Bliitenformen kleidet, oder in krystallbetaute Grashålmchen drångt. Immer neu verjtingt geht dieses zweite Wesen im ewigen Gotteswunder auf, wåhrend der Korpe’r, der einige Jahrzehnte dessen GefåB gebildet, und das die Menschen in ihrer Blindheit liebten und pflegten, zu Staub in ein Nichts zerfållt . . . Lange noch, sehr lange miiBte ich in diesen gliicklichen Gedanken schwelgen, wenn mich eine kreischende Stimme nicht aufgeriittelt hatte: „Juden, ein Minjan ist beisammen, beten wir Minchah . , . .“ der Judeffiieit im Laufe der Geschichte war der Reichtum an Pflichten religidser und sozialer Natur. Anch das Innere der Frau muB mit sozialen Pflichten ausgefiillt werden. Uns Juden, die wir zuerst die Menschbeitswiirde und den sozialen Gedanken verkiindet haben, darf es wohl nicht schwer fallen, sozial zu empfinden, und vom Empfinden zum sozialen Handeln ist nur ein Schritt. Die Frau muB wieder ihren wahren Beruf in der Ausiibung reiner Menschlichkeit, in der Milderung von Not und Elend suchen und finden. Hier ist ein reiches Feid von Arbeit fiir alle, die sich als Kinder Gottes, als Glieder der hoheren menschlichen Gesellschaft fiihlen. Und die Frau findet durch ihre feineren Instinkte und ihre praktischere Natur leicht den Weg zur Kleinarbeit, die die Mosaik sich zu einem groBen sozialen Bilde erhebt. Diese Tåtigkeit konnte zu einer wirkllchen Modernisierung der Frau fiihren, d. h. zu einer Anpassung an die kulturellen und sozialen Forderungen unserer Zeit, ohne das eigene Wesen zu verleugnen. Man hat in den letzten Jahren viel MiBbrauch mit dem Worte „modern“ getrieben. Und manche Frau glaubte, recht modern zu sein, wenn sie sich nach dem Modejournal richtete und ihre christliche Nachbarin in geschmacklosen Kleidern und Hiiten, in håBlichen Manieren und Oberflåchlichkeiten noch iibertraf. Man ist aber alles andere, als modem. Wenn man das alte nicht iiberwindet, sondern mechanisch abstreift, dann gelangt man nie zu einer in sich geschlossenen Weltanschauung und zu einer Festigung des Charakters, und man hångt dann ganz in der Luft und verliert den Boden unter den FiiBcn. Modern sein heiBt, sich zu einer frelen Weltanschauung durchringen und sein Inneres damit verschmelzen. Nur wer nach Wahrheit ringt, sich selber tren bleibt, -das Morsche und Veraltete Iiberwindet, und den neuen Geist in sich aufnimmt, ist modern. In uns allen wirkt nicht nur die Gegenwart, sondern anch die Vergangenheit. Wir diirfen uns nicht von dem Boden losreiBen, in dem unsere ganze Kraft wurzelt. Je mehr die jiidische Frau in die Tiefe dringt, desto jiidischer wird sie sein, desto mehr wird sie erkennen, daB das Jiidische in ihr ihre Starke und nicht ihre Schwåche ist. Die jiidische Frau soli modern sein, soli alles Schone und GroBe, was die Zeit bringt, mit ihrein Wesen vermåhlen, aber sie soli ihre eigene Natur nicht zu verwischen suchen. Sie soli ihre Kråfte dem Dienste der Menschlichkeit weihen, soli aber nicht vergessen, daB ihre engere Volksgemeinschaft ihrer am dringendsten bedarf. Ihr Vorbild soli nicht die germanisclie, sondern die altjlidische Frau sein, sic soli sie nicht kopieren, sondern ihre GroBe in neuer Gestalt auf leben lassen. Jede Schablone, die alte wie die neue, ist von Uebel. Wir sollen uns am Alten bilden nd dem groBen Neuen zustreben. Eine moderr-J Uidische Frau ist eine Frau, die so empflndet und handelt, wie unsere alten groBen Frauen es tåten, wenn sie heute lebten. Die jiidischen Frauen haben ihre Kraft vergeudet fiir Dinge, die weder der Gesamtheit niitzlich, noch ihnen selber eine wirkliche, innere Genugtuung bereiteten. Es ist Zeit, daB sie sich wieder der Welt zuwenden, die ihre Welt ist, und ihr eigentliches Feid bearbeiten. Wie viel GroBes und Schones fiir Gegenwart und Zukunft konnte die jiidische Frau schaifen, wenn sie ihren wirklichen Beruf erkennt und ihre natur lichen Auf gaben mit Liebe und Ernst erfaBt! Kein verniinftiger Mensch wird der heutigen jiidischen Frau predigen, daB sie ihre allgemeinen Aufgaben vernachlassigt und sich von der modernen Bildung abwendet. Aber damit vertrågt sich nicht nur, sondern steht in innerer Harmonie die jiidische Weltanschauung und die Arbeit im Dienste der jiidischen Gemeinschaft. Je' mehr sich die Frau von den Torheiten einer verkehrten Entwicklung abwendet und zu ihrer inneren Natur zuriickkehrt, desto mehr wird sie erkennen, daB sie nur groB und stark ist, wenn sie jiidisch fiihit, — jiidisch und modern im besten Sinne des Wortes. Wir leben in einer schweren Zeit, und es gehort eine'^foBe sittliche Energie dazu, die gefahrdrohende Krise zu iiberwinden. Aber wir Juden haben in den finstersten Zeiten den Weg zum Licht gefunden, weil wir ein Ewigkeitselement bilden, weil wir stets fiir ein groBes Ideal lebten. Wir und unsere Frauen konnen nur gesunden, wenn wir erkennen, daB es unser Beruf ist, fiir die Ideen und die Zukunft des Judentums zu leben und zu wirken. Rundschau. Zionistischer Sieg in Wien. In die Wiener Kultusgemeinde ist folgende zionistische Liste gewåhlt: 1. Ing. Robert Stricker, Abgeordneter u. Vizepråsident der Kultusgemeinde. 2. Dr. I s i d o r S c h a I i t, Zahnarzf; 3. Dr. J a k o bE h r 1 i ch, Gemeinderat der Stadt Wien und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde. 4. Dr. Leopold Plaschk es, Gemeinderat der Stadt Wien und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde. 5. Dr. Karl P o 11 a k, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde. 6. Dr. Josef Auerbach, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, Bethausvorstand im III. Bez. 7. Rudolf Taussig, Regierungsrat. 8. Max Markus, Kaufmann. 9. Dr. I s id or Margulies, Rechtsanwalt. 10. Dr. D e s i d e r F r i e d m a n n, Rechtsanwalt und Ortsschulrat. 11. Siegmund Epler, Bankdirektør. 12. Jakob P i n k a s, Bankier. 13. Isidor Austerlitz, Kaufmann. Aktionen. — Besteuerung lUdischer KuLusgcmeinden, Logen und Banken zugunsten des J. N. F. — Ehrung der in Obergalilåa gefallenen jiidischen Arbeiter. — GroBe Zuwendungen. — Eintragung des italienischen Ministerpråsidenten in das goldene Buch des J. N. F. Dem Hauptbfiro des J. N. F. sind Berichte iiber weitere Aktionen zugekommen, die nach Bekanntvverden der politischen Entscheidungon in San Remo zugunsten des J. N. F. eingeleitet wurden. In Ungarn finden Palåstiin-Wochen statt In Saloniki wurde eine Nationalfondslotterie ver,/(- staltet, die bisher zirka 25.000 Prachmes aufiraclnc. in allen Stådten des Sudslavischen .. 'en groBziigige Sammlungen fiir den J. N. F. ein^eii-n, als deren erstes Ergebnis dem H'v.iptbiro d's J. M. F. Iiber 50.000 stidslav. Kronen iiberwies n wur.l' r.. Die Blumentage in Holland b-arbtrn .1 *m * II. F. ca. 5000 Hfl., der Bazar in Lonbn •ib^r/OJO I, ein NF.-Bazar in Belfast 300 I. de- P’irn’.nt^.";,i Antwerpeu iiber 9000 Frs. In Mhs'- fW'»‘Br",fiV~> 0 fand ebenfalls ein Blumentag sta t. d i/e!i den T.b r 30.000 poln. Mark erzielt wurden. In StraBburg fand eine import' K r* fiir den J. N. F. statt, auf der g/oB? Boitråge gszeichnet wurden. Der Oberrabbiner hielt eine begeisterte Ansprache und appellierte an alle Teilnehmer der Versammlung, die Idee des J. N. F. zu verbreiten und ihn durch Beitråge zu fordern. In Bulgarien haben sich såmtliche jiidischen Kultusgemeinden, Bne-Brit-Logen und jiidische Banken verpflichtet, dem J. N. F. regelmåBig einen bestimmten jåhrlichen Betrag ihres Budgets resp. ihre?. Reingewinnes zuzufiihren. Die Gemeinden verpflichteten sich 4 Prozent ihres Jahresbudgets dem J. N. F zur Verfiigung zu stellen. Auch in der Bukowina haben sich Czernowitz und fast alle anderen groBen jiidischen Kultusgemeinden bereit erklårt, fiir die Dauer von 10 Jahren dem J. N. F. einen Teil. ihrer Einnahmen zuzufiihren. In Polen und dem besetzten Litauen wurden durch unsere Landessammelstellen groBe Sammlungen eingeleitet, urt} einen Fonds zu begriinden, der den Namen „Josef Hagalili1* tragen wird. Hierdurch soli der Jiidische,Nationalfonds in den Stand gesetzt werden, Josef Trumpeldor und den anderen'in Obergalilåa gefallenen jiidischen Arbeitern im Rahmen seiner Kolonisationsarbeit ein ewiges Denkmal im neuen Palåstina zu errichten. Allein in Polen wurden im Monat Ijar fiir diesen Zweck ca. 200.000 Mk. gesammelt., Trotz gleichzeitiger Aktionen fur andere Zwecke haben sich nach den politischen Entscheidungen in San Remo die Einnahmen fiir den T N. F. in Polen bedeutend vergrofiert. Sie betrueen im Monat Ijar ca. 530.000 Mk. Herr Schwarzstein aus Antwerpen hat dem J. *r **. einen Bodenkomplex von 150 Dunan in der Kolonie Chedera (Samaria) geschenkt. In Wien haben nicht genannt sein wollende Gesinnungsgenossen einen Betrag von annåhernd einer Viertel Million Kronen zum Ankauf von 'Boden in Palåstina, der ewige Besitztum des jiidischen Volkes bleiben soli, gestiftet.