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Jüdische Volksstimme · 1920-07-01 · Heft 27 (1.7.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 27 (1.7.1920)
Date
1920-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Mm a. •jomscre vousstwu.* Nr. 27. Unsara Frauen. Von F a b I u s ifc h a c h. Ob unsere Zeit sich als fruchtbar liir Erzeugung neuer Ideen und neuer Probleme erweisen wird, ist sehr fraglich. Aber neue Erfassungen und neue Lo* sungen der alten Probleme wird sie uns zu bringen wohl berufen sein. Und im Grunde genommen sind alle Probleme nur neue Seiten des ewigen Menschheltsproblemes, der Frage: Wie gelangen wir zu einer gelåuterten Menschlichkeit? Wie erlosen wir die Menschlichkeit von den Fesseln Mufierer Not und innerer Versklavung? Und zu diesen alten Problemen, die ewig neu bleiben, und an die uns die Geg^nwart immer wieder erinnert, gehdrt auch die Frauenfrage, nicht als politische, sondern in erster Reihe als slttllche Frage. Im Judentum wurde die Frau als Grundstein des Hauses bezeichnet, als Saule der Familie, und in unserer Gsschichte spielt die Frau eine besonders groBe Rolle. Ja, man kann sagen, das Judentum war gesund, solange es echte jiidische Frauen gab. Wer die jiidische Geschichte kennt, weiB, was J>ei uns die Frau bedeutete. In schwerster Zeit war sie die Trågerin jiidischer Poesie, und wo das tragische Geschick alles zu verdunkeln drohte, bestrahlte sie mit ihrer Herzenswårme das jiidische Haus und verlieh ihm Schonheit und Stårke. Oft schien es, als wenn die schweren Sorgen den Mann ganz niederdriicken wollten, da war es die Frau, die sanft und still allen Schmerz milder te und Trost und Kraft spendete. Das stille Heldentum, das Leiden im Dienste des Ideals ohne zu klagen und zu vcrzweifeln, die Zuversicht zum Erhabenen, der felsenfeste Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit, — sié fanden ihre starkste Stiitze bei unseren schlichten, groBen Frauen, und ihnen verdanken wir es, dafi das jiidische Haus nicht verkiimmerte, daB trotz aller Not und Sorge das jiidische Geschlecht sich gesund und rein erhielt. Wir wissen es, daB es heute leider anders ist, daB die jiidische Frau viel von ihrem alten Glanze eingebiiBt hat. Schon vor dem Kriege sah es in Westeuropa mit der jiidischen Frau nicht besonders gut aus. Der sprunghafte ProzeB einer unnormalen Entwicklung miifite auf den Charakter einer Frau noch schlimmer als auf den des Mannes wirken. Durch die falschen Bahnen der Emanzipatiort und der mit ihr zusammenhångenden Reform erlebten wir nicht eine Entwicklung vom Ghetto zum fieienBiirgertum, sondern vom Alten, Verknocherten, Versklavten zum Neuen, Entfesselten, Hypermodernen, Protzigen, Luftigen. Dieser ProzeB der VerauBerlichung der besten seelischen Kråfte, der Verpulverung geschichtlicher Potenz, muBte die Seele des Weibes ungiinstig beeinfluBen. Man verlor den alten Boden, ohne einen neuen zu gewinnen, und man diente dem Schein und lebffe fiir die Parade. Die jftdische Poesie wich,-weil sie sich nur mit dem alten, schlichten Wesen vertragen konnte. Die Frau, die frilher ein kleines, aber sicheres Reich hatte, verlor ihren inneren Halt und ihr Streben ging nun dahin, der Nachbarin zu imponieren, und sie opferte diesem Phanton das Beste, ihre innere Natur und die sittliche Zukunft ihrer Kinder. Wer die Verhåltnisse kennt, weiff, daB die Frauen an dem unseligen Renegatentum unserer Zeit" håufig die groBte Schuld tragen. Aber nur eine oberflåchliche Auffassung wird sie beschuldigen konnen, daB sie das geworden sind, was die ungesunden Verhåltnisse aus ihnen gemacht haben. Sie sind das Produkt elner verkehrten Entwicklung. Man hat es leider seiten verstanden, ihre Leere mit einem gesunden Inhalt auszufulleh und ihre Kråfte jiidischen Idealen dienstbar zu machen. DaB die letzte Epoche der Zerstorung aller sittlichen Kråfte, der Entwertung aller Werte, die Frau noch mehr von ihrem alten Beruf abwandte und in die Verirrung fiihrte, — wer wird sich dariiber wundern? GewiB, es ist ein trauriges Bild, das sich uns heute in den GroBstådten darbietet. Jiidische Frauen, die bereijs erwachsene Tochter haben, trippeln mit den kiirzesten Kleidern, mit den grellsten Farben auf den Boulevards herum, singen und tånzeln wie auf einem Karneval — und das zu einer Zeit, wo der Abgrund uns zu verschtingen drohtl Aber auch dås wird man menschlich begreiflich finden. Jede Krankheit setzt sich da am festesten, wo alles zerfressen ist. Unsere Zeit hat die Zerfahrenheit des Weibes fordern mussen, und wo der innere Halt fehit, zeigen sich alle traurigen Begleiterscheinungen des Auflosungsprozesses. Heute gilt es nicht, zu klagen, sondern Einkehr zu halten und den Versuch zu machen, zu retten, was zu retten ist. Denft, daB mit der Frau die ganze Zukunft bedroht ist, braucht nicht erst bewiesen zu Werden. Das Frauenproblem ist heute bitter ernst, urid es wird so zu formalieren sein: Wie schaffen wir eln neues Feid zur Betåtigung des Weibes, um es Surs Judentum zu retten? DaB wir die Zeit nicht zuriickschrauben konnen, wissen wir. Auch das erkennen wir, daB die alten Formen, mogen sie noch so schon sein, fiir die Meisten nicht mehr zu retten sind. Es kann sich nur darum handeln, den alten Inhalt in neue Formen und den jiidischen Geist mit den Ideen unserer Zeit zu einer Einheit zu verschmelzen. Wahrhelt, tielé Rellglosltåt, Schlichtheit, Demo* kratisierung und Sozialisierung des Lebens, wlrkliche Modernlsierung, — das soli das Programm bilden. — Wie bei allen groBen Wandlungen mussen auch hier Einkehr und Erkenntnis vorangehen. Wir miissen Einkehr halten. Wenn man nicht weiter kann, muB man sich umsehen, ob man auf dem richtigen Wege ist, muB den Mut finden, umzukehren, und daraus erwåchst dann die Erkenntnis. der die Tat folgen mufi. > Die Wahrhelt ist die Grundalge jeden Fortschrittes. Wir diirfcn uns nicht anmaBen, die abso- Iute Wahrheit gefunden zu haben, aber was wir als wahr erkannt haben, das miissen wir ins Leben hinaustragen und zum Prinzip miserer Handlungen machen. Dieser Drang nach Wahrheit, dieses Streben nach Vertiefung der Weltanschauung muB uns zum jiidischen Wesen zuriickfiihren, und nur an jiidischem Wesen, an der Verschmelzuug unserer Individualitåt mit der Individualitåt unserer Gemeinschaft konnen wir gesunden. Das gilt von der Frau noch mehr als vom Mann. Denn ohne innere Schonheit und Harmonie ist eine edle Weibli.chkeit unmoglich, und alle Harmonie baut sich auf Wahrheit auf. Wir miissen mit allem, was wir als Lug und Trug erkannt haben, radikal brechen und unsere Frauen dazu erziehen, die Wahrheit zu erkennen und zu bekennen. GewiB spielen die anmutigen Formen im Leben des Weibes eine groBe Rolle, aber sie sind dazu da, die Wahrheit in schoner Gestalt zu kredenzen und nicht die Liige an Stelle der Wahrheit zu setzen. Jede Schonheit und Grazie auf Kosten der Wahrheit ist nicht nur ethisch, sondern auch åsthetisch wertlos. Eine Theatersonne leuchtet und wårmt nicht. Diese Wahrheit muB im ganzen Leben zum Ausdruck kommen, in den Sitten und Manieren, in der Kleidung, in der Sprache tind in jeder Handlung. Wahrheitsentfaltung ist nicht Zynismus, und wenn man wissen will, wie die wahre Keuschheiv mit der Natur sich paaren kann, dann braucht man nur die Bibel in ihrer grandiosen Wahrheit und Schlichtheit zu studieren. Das Merkmal einer wirklich freien Natur ist nicht die hohle Phrase, sondern die' Art, alles im Leben und in der Natur rein und losgelost von allem HåBlichen und Raffinierten zu erfassen. Mit diesem Ringen nach Wahrheit mufi sich das Tiefste, das in utis lebt, die Rellglosltåt, verbinde i. Religiositåt heifit nicht starres Kirchentum, nicht dogmatisches Glauben ohne zu begreifen, nicht fanatisches Verfolgen anderen Denkens, sondern die Erkenntnis, daB die Welt kein sinnloser Mechanisinus und keine anarchische Zufålligkteit ist, sondern •on einem einheitlichen Gedanken geleitet ist, der zugleich das hochste sittliche Prinzip des Lebens ist. Rellglos empflnden helBt, verbunden sein mit Vergaugenheit und Zukunft durch die Idee der Ewlgkelt. Wir Juden sind das Volk der Propheten, und bei uns war immer die Religion nicht etwas, was neben dem Leben herlåuft, sondern der Kern des Lebens. Die Religion war das erhaltende Element der Judenheit unter allen Zeiten und allen Schicksalen. GewiB ist die jiidische Religion national, d. h. sie entspringt dem tiefsten Innern der jiidischen Psyche, und sie entwickelte sich im Einklang m'.t der jiidischen Natur. Aber nicht der Nationalismus FEUILLETON. Lemke Boruch.*) (Eine Gestalt aus dem Osten.) (Von E. K o n i g. DaB dieses kleine, schielende, mit zerzaustem Bart und im zerrissenen Kaftan daherschleichende Jiidchen den Namen Lemke fiihren konnte, war so ziemend begreiflich; ist doch Lemke ein zårtlicherer Ausdruck fiir Lejmech, einer biblischen Bezeichnung die mit Unfåhigkeit, Unbeholfenheit u. dgl. zu tun hat. Im ganzen Stådtchen wollte man wissen, daB er auf seinen Papieren (Dokumente meinte man) die kein Mensch bei ihm jemals gesehen, ebenfalls so hieB. Woher aber Boruch? Dies hebråische Wort bedeutet ja „gesegnet" und gab es keinen besseren Witz auf Erden, wenn ein solch verschrobenes, verwahrlostes, armes Judenmånnlein auch nur der kleinsten Segensspur nahe stand? Umso mehr muB man staunend erfahren, daB er sich den Beinamen Boruch selbst gab und diese Tatsache lieB tnir keine Ruhe. Ich suchte ihn eine Stunde vor dem Minchah- Gebet in der Husiatyner Klause auf; ein niedliches, halb-eingefallenes, lehmwandig Bethaus in einem schmalen, triiben GåBchen, woselbst Anhånger des Wunderrabi aus Husiatin ihren Gottesdienst zu verrichten pflegten. Ich traf ihn auf der Ofenbank sitzend. In Gedanken ver sunken durchblåtterte er *) Aus dem jiddischen Original vom Verfasser selbst libertragen. einen alten, von Motten zerzupften iTalmudfolianten. „Schalom Alejchen reb Lemke" wagte ich es, ihn zu storen. „Waruin nur Lemke, heiBe ich denn nicht auch Boruch?" blickte er sanft auf und streckte mir die diirre Hånd entgegen. „Tja ... ich weifl nicht, man sagt in der Gemeinde, Ihr habt bei der Geburt nur den Namen Lemke erhalten und wie sollte ich Euch anders rufen?" „Stimmt schon", unterbrach er meinen Einwand, „vor ungefåhr drei Jahren bin ich zum zweitenmal auf die Welt gekommen und gab mir selbst den Namen Boruch." „Wa-a-as?" Ich sprang auf, in der Befurchtung. einen Geistesumnachteten vor mir zu haben. Doch er hielt mich låchelnd zurilck, bat mich bei ihm zu verweilen und fuhr fort: „Ja, vor drei Jahren wurde in mir das BewuBtsein wach, zwei Seelen zu besitzen, eine åuBere und eine innere; ja, versteht mich nur. Die erstere, årmliche, zerschundene, die hat die Welt gefunden und nennt sie Lemke. Die zweite håbe ich entdeckt und nun ich iiber meine innere Seele mehr verfuge als wie Menschen iiber meine håBliche Aeufierlichkeit, deshalb nenne ich mich Boruch, einen Gesegneten. Ich bin eben gesegnet, die Zweiheit meines Lebens rechtzeitig erkannt zu haben und das ist mein Reichtum. Ist es bei Vielen der Fali? Seht z. B.- den reichen Itzig an, den Eisenhåndler vom Ringplatz. Er treibt mit mir Spafi, lacht mich aus, lacht und lacht, daB sich die glildene Kette am Bauch schiittelt, er glaubt dabei der Kliigste zu sein, ... ich lachte mit, doch meine zweite Seele, die sich eine«- Schnecke gleich ins zerbrochene Gehåuse zuriickzieht, sie griibelt iiber diesen reichen Itzig, der eigentlich so arm ist nach, weint und beweint ihn...“ Hier schwieg der kleine Jude, ein unheimlicher Schatten der Trauer huschte iiber sein mageres Gesicht, dann setzte er nach einer Weile lort: „Ja, wie arm er sein muB. Denkt nur nach, hat solch ein Kerl eine innere Seele? Wir werden einst alle dem Tode verfallen . . . soli dann nichts von uns bleir ben? Nein, daran wollen wir nicht glauben. Der -droben, dessen heiligen Namen wir nicht befåhigt sind anzurufen. Er verlangt dann unser inneres Wesen viel reiner zuriick als es einst auf den weiten Weg ins Leben mitgegeben wurde. Nur so ktinnen wir zu Steinen werden fiir das Gebåude Gottes, das man, Ewigkeit heiBt." — Bei diesen \Morten glanzten seine Augen wie Funken und åuBertmi eine unbezåhmbare Kraft, welche diesem schwachen Kbrper innesaB. „Wovon lebt Ihr eigeritlich?" „Wovon eigentlich der Lemke lebt, meint Ihr, ja der Lemke bekommt vom Kahal fiinfzehn Kreuzer tåglich und es geniigt knapp, um den satten Boruch drin festhaiten zu kdnnen. Die Leute denken immer, der Geist leide keinen Hunger, wenn der Magen voll ist, ha-ha-ha, dann geht hin zum Hungcrleider Schmulke, fragt ihn, was Schechina heiBt und er wird Euch davon so viel erzåhlen, daB er beinahe einige- Tage an Speise und Trank vergiBt." „Und wenn sich Lemke knapp auf den Beinen hftlt, wovon lebt Boruch?" „Da frågt Ihr richtig. Boruch lebt von Gedanken, er denkt ttber die Welt, tiber deu Zweck ihres

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