Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDISCHE VOLKSSTIMME Bezugspr olse: halbjahrig. ganzjåhrig . . . . . . DeiitschSsterreich. Kronen 80.— Deutschland, ganzidhrig ... . Mark 35.— Redaktion u. Administration: BrOnn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltige Millimeterraum K5 —*40. Unverlangte redaktionelle Beitråge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rflckporto beizufflgen. ' Jahrgang XXI. BrOnn 1 1920 orunn, 1g 8M0i Nummer 27. Am Montag, den S. Juli, um 7 Uhr abends veranstalten die zionistischen Organisationen im groøen Tempel (Stiftgasse) eine HERZL-TRAUERFEIER. THEODOR HERZL. Am 2. Mai dieses Jahres ware Theodor Herzl 60 Jahre alt geworden. Am 6. Juli begehen wir Seinen 16. Todestag. Keine Qestalt des Diasporajudentums ragt in solch’ gewaltiger H6he in die Entwicklung unseres Voikes, kein Mann der Judenheit, von so eminenter Bedeutimg flir die Qeschehnisse seines Voikes. Wir haben in der Galuth Manner besessen, die schdrfer an Geist waren, die aus jUdischem Wissén, wie aus éinem lébendigén Bdrtref sChdpften; die sich unsterbliche Monumente gesetzt haben in der geistigeh und auch reiigidsen Evolution des Judentums. Theodor Herzl iiberragt sie alle. Ueberragt sie um Haupteslfinge durch die Tat„ 25. Jahre sind verflossen, seitdem Herzl seinen flammenden Protest gegen europåische Kultur erlassen hat; seitdem er an dem grofien Justizirrtum ih Frankreich, das an D r e y f u s begangen wurde, sein schwaches jlidisches Låmpchen aiTziindete, das bald zum lodernden Feuer in der ganzen Welt werden soilte. Nicht einmal eiti ganzes Dezennium war unserem Heros gegonnt, liir sein Judentum zu kampfen und zu streiten, und doch hat er eine Fiille an Arbeit geleistet, zu denen ein Menschenleben gehort und er hat seines auch geopfert. Im Jahre 1904 durchzitterte die jiidische Welt der Satz: Theodor Herzl gestorben! Wer kann heute noch ermessen, was er uns damals bedeutete. Wer kann heute nachfuhlen, was damals Tausende von Herzen erduldeten, als. dieses groBe, schwache Herz zu schlagen aufhorte. Und gerade damals standen wir vor, oder besser, in einer schweren Krise des jungen Zionismus. Diese Krise hat ihn getOtet. Diese Krise, die durch Uganda entstanden war, hat dem Riesen das Lebenslteht ausgeblasen, hat einen seelischen Konflikt ui dieser harmonischen Personlichkeit ausgelost, an dem sie zugrunde gehen muBte. Unzdhlige Wanderer sah er taglich wandern. Die Pogromwelle, die sich iiber RuBland stiirzte, warf Tausende Emigranten nach dem Westen. Herzl stand in Verfiandlungen mit England und gerade i.i diesem Momente machte die englische Regierung den Uganda-Vorschlag. Herzl und seine Freunde, wir alle wuBten, Uganda ist nicht Palåstina, kann es, wird es nicht sein.' Die Russen, mit Ussischkin an.der Spitze, bekåmpften Uganda, Herzl und seiuen Getreuen Nordau bis aufs Blut. Eine Konferenz jagte die andere, eine Besprechung die zweite. Herzl bereits krank, reiste, sprach, schrieb, verhandelte, prdsidierte. Schon hatte er die Majoritet ftir sich gewonnen, schon hiefi es Uganda sei nur als Nachtasyl zu verwenden, doch fiigte er sich noch gerne, eine Kommission nach Uganda zu entsenden. Der erste groBe RiB geht* durch die Bewegung, Herzl starb und Mandelstamm, Zangwil!, Syrkin suchen in einem anderen Territorium die Heirpstatte der Juden, sie haben sie nicht gefunden: Im eschkochech Jeruschalajim tischkach jeminih! Dieser Schwur des sterbenden Filhrers hat sie doch, hat uns alle aufgeriittelt. Und eine Klage aus einmiitigem Munde war ■ ausgestofien, als dieses édelste Herz zu vibrieren aufhorte. — -- Da regte sich. aber auch der hinterlistige Gegner. Mit dem Flihrer ftel die. Bewegung, der BauherF--set''gestGrben,4«vBaawiFdhi Tniunmem. nachstiirzen. „Wenn Ihr wolit, ist’s kein Marchen!" l/nd sie wollten nicht, diese hdlsstarrigen Jøden. Der Zionismus muB ein Mårehen bleiben, getråumt von elnem Dichter. Die Charteridee muB Ideologie bleiben, ausgedacht im Gehirne seines Schdpfers und fortlebend in den Gehirnen seiner wenigen Getreuen. So sangen und sagten sie, alle, denen eine Renaissance des Judentums ein Dorn im Auge war. Alle diejenigen, die sich da duckten und versteckten, wenn das Wort Jude fieU Und ein neuer Kampf entbrannte nun zwischen piaktischen und politischen Zionisten, ein Kampf, der noch zu Lebzeiten des Meisters anhob, wurde nun érbittert weiter gefiihrt. Hie Konzessionen, planvelle Kleinkolonisation, prbktische Arbeit in und fur Palastina, dort Charter, planvolle GroBkolonisation; Alles oder Nichts. Hie P a s m a n i k, dort W o 1 f f s o h n. Und wir glitten immer mehr in d^is Fahrwasser des praktischen Zionismus, der unter vielen Sphlagworten erschien. Bald hiefi er Kreditbasis fur Palåstina, bald Siedlungsgenossenschaften, bis endlich eine Synthese beider grofien Bewegitngen geschaffen wurde, der praktischen und politischen. Jahre sind vergangen, heute wåre Herzl 60 Jahre alt geworden, die Jugcnd, von der es im Jahre 1914 hiefi, sie watidle nicht die Bahnen Hcrzls, — dieser^Satz als Triumpfgesang aufgefafi' — kehrt langsam zu Herzl zurUck, wie sie alle, alle?il Herzl zurUckgekehrt sind. Alle? Neinv noch nicht alle, denn es fehlen noch immer diejenigen, die er selbst als Triarier bezeichnete, die damaligen Studenten, die sind zum Teile noch nicht da. . 16 Jahre sind nicht viel. 16 Jahre spielen in der Entwicklung eines Voikes gar keine Rolle. Es kann sich normaler Weise in 16 Jahren nicht viel anderu. Und doch. Kein Jahr kann mit mehr Berechtigung Herzlieiern sehen, als das Jahr 1920. Denn der Traum ist ausgetråumt, der Dichter ist zum Propl eten geworden, die Ideale, Realitåten, der Cha- - ter verwirklicht. Was sich Herzl in seinen kiihnsten Tråumen ertråumte, Ist nun wahr. Der Charter ist gewonnen, diese Ggneralkonzession ftlr Palåstina. Die Konzession ist da. Die Verwirkllchung gewonnen. Die verwirklichte Tat aber fehit noch. Wir bentttigen Milliarden. Der Jiidische Nationalfonds mufi seine statutengemåfie Summe turmhoch iibersteigen. Der Palåstinarestaurationsfcnds mufi gestårkt werden. Amerika sammelt 20 Millionen Dollar, England 25 Millionen Pfund. Palåstina hat Tausende Pfund abgeliefert, dieses kleine, schwache Land. Herzlgedenktage haben keinen Zweck, wenn wir an ihnen nicht unserer Pflicht gédenken. T(erzl hatte-sich Monumente und: Denkmalér verbefem^d man hat seinen Wunsch géehrt. Aber das jiidische Volk hat versprochen einen Hérzlwald in Palåstiria zu errichten und hat sein Versprechen nicht gehalten. Das jiidische Volk hat versprochen, alles darart zusetzen, um Palåstina zu gewinnen und nun es da ist, hat maii auch dies Versprechen nicht gehalten. Ein kleiner Kreis waren wir, nun sind wir måchtiger geworden. Am selben Tage, an dem Herzl gestorben war, wird die Jahreskonferenz iiber das Lebenswerk des verstorbenen Fiihrers zu entscheiden haben, wird dem grofien Manne endlich das Denkmal setzen, dafi er verdient. Den Aufbau Palåstinas. Die grofien Erben Herzl’scher Politik W e i zrnann und S o k o 1 o w haben diese Politik zu Endo gefiihrt. Die Vertreter der Machte der ganzen Welt haben dieser Politik zugestimmt, sie gebilligt. Nun liegt es an uns Juden. Auch die Juden der Cechoslovakei, nicht nur die Zionisten, .miissen an diesem Aufbauwerke mitarbeiten. Nicht nur organisk i te Parteigenossen, sondern die Juden in ihrer Gesamtheit. Was wir versprochen haben, mussen wir hallen. Der Hérzlwald mufi erstehen, das Land bedarf du Aufforstung, heute mehr, denn je. Die zu griinf.cnde Universitat bedarf hente eines grofleren Kapi- ( tals als vor 10, als vor 6 Jahren. Der Hérzlwald muu grbfier werden, soli er sein fttr diesen kultureller, Zweck bestimmtes Ziel erreichen. Wir tQrmen keine Marmorblficke auf, keine (i«anitfelsen. Nein, stolz und bescheiden, wie der Fuhrer war, soli auch sein Denkmal sein, ein Oelbaumhain, ein Hérzlwald. Und wenn nach Hunderten von Jahren Judenkinder in dem Schatten dieses heiligen Haines spielen werden, und ein linder Wind durch d'e 1 sduseln wird, dann wird ein Wjpfel dem andern erzahlen von Theodor Herzl, den Menschen, von Benjamin Seef, dem Juden. Juden, schaffet das Denkmal! ErfQJlet Euer Versprechen! #