Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1920)
- Date
- 1920-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mn 4 Nr. 20. dringenden Bitte um Hilfe. Es ist zwcifellos, erst hierdurch die volle Aufmerksamkeit all dieser Organisationen auf die Sachlage gelenkt wurde. Wir schrieben an das Joint Distribution Comitee of America Newyork, an das ZentralbUro der Zionistischen Organisation in London, an die Jiidische Federation in Newyork, sowie personlich an deren Pråsidenten, Oberrichter Louis Brandeis, an das Kopenhagener Bttro der Zionistischen Organisation, an das Ji'idische Hilfskomitee Kopenhagen und an die Zionistische Organisation in Shanghaj. Durch die Zionistische Federation in Newyork traten wir mit Herrn Charles Pergier, dem Cechoslovakischen Oesandten in Japan in Verbindung, der seine Hilfe zusagte. Das Londoner Zentralbiiro gab auf unser Ersuchen einen ausfiihrlichen Bericht dem Comité des Delegations juives, die in der Angelegenheit mit dem Volkerbunde eingesetzten Kriegsgefangenenkommission verhandelt. Im Auftrage des Jiidischen Nationalrates haben Herr Paul Sonnenschein aus Prag und Herr Direktor Eisler aus Lemberg, die im Oktober resp. im Feber nach Newyork reisten, dort interveniert. Herr Ing. Oswatd Fuchs, der im November nach Shanghaj reiste, erklårte sich auf Ersuchen des Nationalrates bereit, alles in seiner Macht stehende fiir die jiidischen Kriegsgefangenen zu tun und sich zu diesem Zwecke mit den jiidischen Organisationen in Japan und China in Verbindung zu setzen. Durch das erwåhnte Abkommen des Joint Distribution Comitee of America ist begriindete Hoffnung vorhanden, daB nunmehr die Heimkehr aller von Wladiwostok erreichbaren jiidischen Kriegsgefangenen in absehbarer Zeit erfolgen wird. Leider sind in diese Aktion nicht die in Westsibirien belindlichen Oefangenen eingeschlossen, die sich in einer weit traurigeren Lage als die ostsibirischen befinden. Wir mussen daher jetzt unser Hauptaugenmerk auf das - 2. Oebiet der Kriegsgefangenentåtigkeit i richten, ndmlich den Oefangenen in Sovjet-RuBland Hilfe zu bringen. Wir glauben, daB uns dies durch die Vermittlung der jiidischen und zionistischen Organisationen RuBlands, mit denen wir uns in Verbindung gesetzt haben, gelingen wird. Die ganze Kriegsgefangenenaktion bedeutet sehr viel Arbeit fiir den Nationalrat, da sie eine ungeheuere Korrespondenz mit allen oben genannten Korperschaften, ferner mit den Angehdrigen der Kriegsgefangenen notig macht. Da es unmOglich ist, jede individuelle Anfrage der letzteren zu beant- ,worten, werden regelmåBige Berichte in der „Selbstwehr" und „Zidovské Zpravy“ veroffentlicht. Durch einen Anfang Juni nach Wladiwostok abgereisten Kurier wurden mehrere Hundert von Briefen an Kriegsgefangene befdrdert, die von dem Kurier soweit es moglich ist, personlich iiberreicht werden. Dies war fiir viele Angehorige die ersteJ Moglichkeit, eine sichere Nachricht nach Sibirien gelangen zu lassen. v Ich mochte noch bemerken, es wird ein Finanzreferat erfolgen, diesem Referate bitte ich die groBte Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist begreiflich, daB( keine Exekutive arbeiten kann, wenn sie nicht finanziell fundiert ist. Wenn wir uns in unseren Sitzungen mit Finanzfragen befassen miissen, so ist das zum Schaden der Sache. Die Hauptfragen werden vernachlåssigt. Noch eines. Man hat von allen Seiten gehort, Parteien, welche 80.000 Stimmen aufgebracht haben, miissen auch eine Tagespresse haben. Wir haben wohl sehr gute Wochenbiatter, aber diese Blåtter sind meist nur als Revue in bestimmter Richtung aufzufassen. Wir brauchen aber ein Tagesblatt, welches uns gegeniiber Angriffen schtitz* und auch die Basis sind fur die zukttnftigen Wahlen. Wir konnten uns nicht wehren, weil wir keine Presse hatten. Es hatten sich nun in Prag eine Gruppe von Kaufleuten zusammengetan, um eine Presse zu schaffen. Sie haben Gelder gesammelt und wollen eine Druckerei schaffen, welche, wenn sie kaufmannisch geleitet ist, sicberlich auch prosperieren wird. Wenn jeder Jude von diesen 80.000 seir Scherflein beltrSgt, so wird es sicherh^h 'W ’P"’’ sein, daran kann kein Zweifel sein. Ein Vertreter dieser Leute ist auch zum KongreB gekommen. Sie konnen sich an diesem Unternehmen beteiligen, sodaB die nBtige Subskription einlåuft. Die Presse m'i(! objektiv urteilen und kfinnte ein WHtblatt j Die neue Leitung steht vor grofien Aufgaben, vnsere Angelegenheiten sind noch immer nicht bercinigt, wir mtlssen nicht, was uns noch fiir Gefahren drohen und ich kann aus meiner innersteu um Ueberzugung sagen: Es handelt sich uns nicht um Macht, um Prestige. Ich mochte sagen: wir werden etwas erlangen nur dann, wenn wir einig sein werden. Es hangt vom Erfolg und von SuBerem Bild des heutigen Kongresses sehr viel ab. Ich spreche nicht um leere Phrasen. Was sie heute beschlieBen, ist wichtig fiir die nachtrågiiche Arbeit. Sie miissen sich bewnBt sein, daB die Judenschaft hinter ihnen steht und Sie miissen meinen, daB alle diejenigen, die an das jiid. Volk glauben und an seiner Erhaltung hinter ihnen stehen. 2. Tag. Sehul-Referat. Dr. Engel. Hoher KongreB! Es war mein Wunsch, Ihnen auf dem KongreB mitzuteilen, daB wir nicht nur unser Recht auf eine jiidische Schule verlassungsgcmSB erlangt, sondern auch praktisch durchgesetzt haben. Wenn das Ministerium fiir Schulwesen und Volksaufklårung seine bestimmten Erkiarungcn, die es wiederholt gegeben hat, nicht einer Person, sonderri immer ganzen Deputationen, auch nur teilweise eingehalten hatte, wåre ich heute nicht in der traurigen Lage, Ihnen nur Teilresultate zu iiberlassen. — Um die gegenwårtige Situation in der ganzen Schulfrage richtig zu iiberschauen, ist es notwendig, eines zu erkennen, daB wir seit den Oktobertagen 1918 vor allem bestrebt sein muBten, den Besitzstand zu wahren, den Besitzstand an jUd. Schulen in der Slovakei.wie den in Måhren. Noch bevor der KongreB im Jånner 1919 zusammentrat, reiste ich nach Zilina, um mit dem noch gegenwårtig im Amt befindlichen Stefanik in einer fiinfstiindigen Konferenz die Schulfrage zu besprechen. Damals schon hieB es, daB die jiidische Minoritet ihre Schulen verlieren werde. Hunderte Lehrer drohten brotlos zu werden, und um es offen zu sagen, der Minister fiir Unterricht und Volksaufklårung hat nicht nur nicht das Geringste getan, um vom Anbeginn dem Kulturskandal ein Ende zu beretten, sondern hat zugesehen, und erst als wir recht energisch wurden und ich ihm offen erklårte, daB durch die Sperrung der jiidischen Schulen ein Kulturkamp! entstehen wird, der der Republik den schwersten Schaden bringen konnte, als im Auslande fiber die Sperrung der Schulen hin und her diskutiert wiirde, ist, diese Verordnung zuriickgenommen worden, ist der groBte Teil der geschlossenen Schulen wieder geoffnet worden. Ich muB ihnen sagen, daB speziell der Minister, der doch sozialistischer Gesinnung ist, und der Staatssekretår Drtina, der einmal in den Reihen der Realsiten stand, fiir unsere Schulfrage kein Verståndnis gezeigt haben. Wir haben alles getan, die Schulfrage 1919 einer provisorischen Losung zuzuftihren. Wir wuBten, je langer wir warten, desto harter wird der Kampf. Ich muB hier offen sagen, daB wir in den Sommermonaten 1919 jedesmal mit der Erklarung vertrostet wurden: Solange der Ministerrat sie nicht als nationale Minderhelt anerkennt, solange der Friedensvertrag sie nicht als jiidische Minoritat anerkennt, konnen sie mit der Annahme ihrer Forderungen nicht rechnen. Und es wåre gefahrlich gewesen, ein Prevenire zu schaffen, bevor wir als ethnische Minoritat anerkannt wurden und ein Schulwesen auch nur in kMnsten Stiicken aufzubauen, das den Stempel des konfessionellen den andersnationalen gegeniiber getragen katte. Wir personlich haben nattirlich nichts gegen das Konfessionelle, das in engster Verbindung mit nationalem Wesen sein muB, aber den Andersnationalen hatte es unbedingt geschienen, daB wir eine jiid.-konfessionelle Schule dauernd aufzubauen gewillt sind. Es war ein Gliiek, daB in den Ferien 1919 wenigstens die Frage fiir die Lehrer der Slovakei gelost wurde in der Weise, daB man ihnen die Moglichkeit gab die slovakis.che Sprache zu lerngn, und mit Beginn des neuen Jahres ihre Tåtigkeit aufzunehmen. Blonders mit Hilfe des Oberlehrer Reichenthal (Trnava) ist es gelungen, so einen Kurs fiir die Erler nung der slovakischen Sprache ins Leben zu rufen. Fast alle Lehrer sind wieder in den Dienst getreten und so ist der Anschlag vernichtet worden. Ganz anders stand es mit den Schulen in Mahren. Ich muB es offen heraussagen, daB ein groBer Teil der jiid. pol. Gemeinden seine Pflicht mcht erfUllt hat, daB Im Tritbel des Unisturzes Schulen gesperrt wurden, die lebensfahig waren. Nur zwei Schulen haben sich bewahrt: Die Lundenburger und Ung.-Broder, weil die dortigen Juden ihre jiid. Schule haben wollten und ihre Gemeindevertreter dies mit Nachdruck vertraten. Wenn wir heute in Måhren nur so eine kleine Zahl vo,n Schulen haben, so sind unsere Glaubens- und Volksgen. daran schuld. Sie hatten den verschiedenen Anschiagen mannhaft entgegentreten milssen und ein grolier Teil der Schulen ware so erhalten geblieben. Man benachrichtigte werder den Landesvolksrat, noch Nationalrat und man erfuhr erst spater davon. GewiB in mandlen Fålien war eine Intervention unmoglich, da der Chauvinismus zu groB war. Aber das Schonste ist, daB gegen unseren geringen Besitzstand, von deutschen Parteien eingeschritten wurde; besonders Lundenburg hat immer von Neuem gewiihlt. Die Lundenburger haben damit begonnen, ein Schulhaus in Besitz zu nehmen, dessen Besitz noch strittig war, um durch Anziehung der 62 jiidischen Kinder die deutsche Schule zu erhalten. Aus diesem einen Beispiel sehen wir, wie sich die deutsche Minoritat auffiihrt, wenn es sich um jiidische Interessen handelt. Sie sind brutal, wenn sie glauben, irgend etwas durchsetzen zu konnen, weil die andere Minoritat noch nicht die Mittel und W'ege gefunden hat, um sich zu verteidigen. Um den rechtlichen Bestand der Schulen in Måhren zu sichern, haben wir die verschiedensten Wege unternommen. Zwischen dem Wortlaut des Schulgesetzes, daB der Verfassung vorausliegt und dem Wortlaut dieser Akten ist ein ganz gewaltiger Unterschied. Im Schulgesetze wird Immer von der Sprache gesprochen, aber nie von einer ethnischen Minderheit. Daner kommt es, daB die Herren im Ministerium fiir Schulwesen, nicht wissen, was sie mit uns beginnen sollen. Als ich darlegte, daB fttr unser Schulwesen das Utraquisierungswesen eine Lebensfrage sei, da sagte mir der Referent: Wissen Sie, daB sie eine kulturpolitische Gefahr fiir den Staat bedeutet; denn es konnte vielleicht eine Cechische Minoritat auf den Gedanken kommen, eine solche Schule zu begrilnden oder zu besuchen. Das Ist eben der Grund, daB wir mit unseren Forderungen immer vor die groBten Schwierigkeiten kommen, weil die Herren im Misinterium und im KulturausschuB, sich fiber unsere Forderungen nicht einigen konnten und kein Ve.*' standnis besaBcn. Herr Prof. KrejSf, ein warmer Anhanger und vielleicht der einzige Anhanger unserer Schule erklårte: Nein, gegen eine utraquistische Schule bin ich selbst. Ich wiinsche, daB die Schule einen einheitlichen Charakter erhalte, mag sie deutsch, Sechisch oder slovakisch sein. Ganz anders denkt heute merkwilrdigerweise Minister Habrman iiber den Stand der Frage. Als wir vor vier Wochen bei ihm erschienen, erkiarte er: Meine Herren, ich håbe Sie lange nicht verstanden, aber ijetzt endlich beginne ich Sie zu begreifen. Es hat 18 Monate gedauert, bis er darauf kommt, was wir eigentlich wollen und wie wir es wollen. Es ist eine Lebensfrage der jiidischen Schule, dort, wo es von der Elternschaft gewilnscht ist, utraquistisch zu sein, weil ihre Absolventen sich auch sprachlich in der ganzen Cechoslovakei zu Hause fiihlen werden. In der Bukowina haben wir die gleichen Verhaitnisse. Es gibt auch dort Juden. welche gegen die jiid. Schule auftreten,-und die Hebraisierung zu hintertreiben suchen, und welche bemiiht sind ihre ganze Konkurrenzfahigkeit, ihre Kulturfåhigkeit der deutschen Sprachlichkeit zu erhalten. Wir dilrfen die Berufsumschichtung und Berufsforderungen unserer Jugend -nicht aus depi Auge lassen; die Tatsache laBt sich nicht leugnen, daB das Ministerium fur Schulwesen und Volkskultur zufrieden ware, wenn wir sofort ein hebraisches Schulwesen aus dem Boden stampfen wurden. In Munkaez existiert es bereits, die einzige jiidische Schule auf slovakischem Boden. Wir befinden uns in derselben Lage wie die Bukowinaer. Wir haben keine padagogisch gebildeten Lehrer. Wenn in der Bukowina ein judischer Landesschulinspektor sein eigenes Amt fiihrt, ein Gymnasium mit judischem Direktor. Wenn solche Falle sich ereignen, dann muBten wir dies bedauern, daB hier kein einziger Volksschullehrer sich befindet, der sofort mit der Eroffnung einer solehen Schule beginnen kann. Die tschechischen Juden sind die argste Gefahr, wir sehen ununterbrojhen, wie sie gegen uns arbeiten, wir konnen sogar die Personen nennen, die Tage neonen, an welchem sie iin Ministerium gegen unsere Schulforderung auftraten. Es gibt eben Leute, die ihren Weg zum Ministerium fiuden. L e d e r e r ist fv