Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-06-10 · Heft 24 (10.6.1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 24 (10.6.1920)
Date
1920-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622092--4381-2625684
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

w k: £ W'\'- h i I;-' 84*4 Hr. 24. Begebenheit auf, welche die Zattberin von Endor betrifft. Sie erweckte den Propheten Samuel aas dem Tod« und zwang ihn, dem Saul die Zuk'unft zu verkQnden. Diese Stelle beweist, daB die Totenbeschwdrung den Juden nicht fremd geblieben ist. Infolge der Bertihrung mit den Persern und zahlreichen anderen Vfllkern beginnen sich die aberglåubischen Anschauungen beim jiidischen Volke seit dem babylonischen Exil stark zu entwickeln. Die Mischna und Gemara erzahlen von Wunderkuren, Geisterbannung, Dåmonenfurcht und Gespensterglauben, von der Heilung durch Zaubermittel, .vom Glauben an Vorbedeutungen und Wunderzeichen, von Astrologie, vom Tråumen und Traumdéutungen. Auf die Zeit der Mischna und Gemara gehen die meisten aberglåubischen Bråuche zurtick, wie sie sich durch das ganze Mittelalter und auch tiei in die Neuzelt traditionel! fortpflanzten. Wichtige Éreignisse Im Leben des Einzelnen und im Bestande der Oesamtheit standen in enger Verkniipfung mit man« cherlei aberglåubischen Formen, deren Hebung als Voraussetzung eines gUnstigen Verlaufes galt. Wie bei vielen anderen Volkern war auch bei den Juden die Geburt mit allerlei Aberglauben verbunden. Wenn die Stunde der Geburt nahte, brachte man an Tiiren und Fenstern der Wochenstube „Kindbettbriefchen" an, die sowohl die Wochnerin wie das Kind vor boser Geistern und Dåmonen, die durch Fenster und Tiirbffnungen in die Zimmer kommen, zu schiitzen hatten. Es war auch Sitte, wåhrend der Geburt Kreise mit Kreide an die Wånde oder an die Ttire zu machen und gewisse Psalmen zu lesen. In manchen Gegenden Polens ist es noch immer Brauch, unter das Kopfkissen der Wdchnerin kabbalistische Bueher zu legen. Ueberall im Hause befestigt man Talismane „Briefelech“ genannt, die Psalmen enthalten, darunter auch die Worte: „Der Allmåchtige vernichte den Satan". Den Inhalt dieser „Briefelech" bilden hauptsåchlich der Psalm 121, ferner Namen von Dåmonen, welche die Perser fUrchteten, und den SchluB des Verses Exodus 22, 17: „Eine Zauberin solist Du nicht leben lassen". Zahlreiche aberglåubische Ansichten beziehen sich auf den Tod und das Sterben. Wenn der Sterbende auf Bétten aus Daunen und Hiihnerfedern ruht, so hat er einen schweren Tod; dalier schlåft der Jude unter keinen Umstånderi auf anderen Unterlagen als solchert, die mit Gfinsefedern gefilllt sind. Wenn beim Toten der Mund oder die Augen offen bleiben, so ist zu béfiirchten, daB noch jemand im Hause stirbt. Bei Todesfall wird das Wasser, das sich im Hause befindet und sehr oft auclfedas in den zunåchst anstoBenden -lrei Håusern ausgeschtittet. Als Grund dafiir wird angegeben: Der Todesengel, genannt Samiel, ist ein Wesen voller Augen. Er steht zu Håupten des dem Tode bereits nahen Kranken und wenn er sein Amt vollfiihren soli, schwingt er das Schwert, daB er in den Hånden hålt, und låBt den Gallengifttropfen, der an der Spitze desselben hangt, in den Mund seines Opfers fallen; und dessen Leben ist zu Ende. Durch die Bertihrung des Schwertes mit dem Sterbenden wird dasselbe unrein und daher ist der Todesengel genotigt, es rein zu waschen Da man nun fiirchtet, daB der Todesengel das nåchstbeste Haus, in welchem sich Wasser befindet, zt: diesem Zwecke beniitzt, so schiittet man. das Wasser aus. Mystische Anschauungen haben auch dahin geftihrt, daB Juden so rasch als mdglich nach dem Tode beerdigt wurden; man flirchtete nåmlich, daB die bosen Geister, die zur Zeit des Todes in der Wohnung des Sterbenden ihren Réigen tanzen, den Leichnam in der Todesruhe stbren. Beim Hinaustragen der Leiche sollen zahlreiche bose und gute Geister mitgehen. Den Frauen ist die Begegnung mit bftsen Geistern besonders schådlich, deshalb nehmen sie sehr selten an einem Leichenzuge teil und hitten sich davor, mit einem solehen zusammenzutreffen. Interessant ist die Vorstellung, daB im Verlaufe der ersten 7 Trauertage die Seele des Toten in das Sterbezimmer fliegt. Hier brennt deshalb eine Lampe und dabei steht ein Glas Wasser. Da das Wfc&gr im Laufe der 7 Trauertage verdunstet und daher immer weniger im Giase wird, so sehen Jene, die diests Naturgesetz nicht kennen, darin den besten Bcweis flir ihren Aberglauben, daB die Seele des Verstorbenen sich in dem Wasser gewaschen håbe. An dér Wand hangt ein Sttick iener Léinwand, aus welcherd er SterbekitM genåht wurde. Vom Leichenbegångnis zurtickgekehrt, setzen sich die Leidtragendén auf niedere Sitze, und halten den Leichenschmaus; man reicht ihnen nåmlich Linsen, ein Ei mit Asche und etwas Wein. Ei und Linsen sind ruml und sollen darauf hindeuten, daB der Tod in der, Runde herumgeht, und daB daher die Leidtragenden selbst auch dereinst sterben werden. Sehr verschieden sind bei den Juden die an die Unsterbiichkeit. der Juden gekniipften Vorstellungen. Die einen glauben, daB die Seele, nachdem sie den KSrper verlassen, ein ganzes Jahr im Grabe bleibt, und dann erst in den Himmel zuriickkehrt, aus dem sie gekommen ist. Andere glauben, daB die Seele sofort, nachdem sie dem Korper entwichen, in den Himmel hinauffliegt; wieder andere meinen, daB die Seele ein Jahr lang auf dem Orte verweilt, wo sie den Korper verlassen hat; deshalb brennt an dieser Stelle eine Lampe. Einige behaupten, daB die Seele ailtåglich das Grab besuche, daher ist es an einigen Orten Brauch, ein GefåB mit Wasser auf den Begråbnisplatz zu stellen, damit die menschliche Seele darin bade und sich von ihrer sterblichen Unsauberkeit reinigen konne, bevor sie sich in den Himmel erhebe. Die Kaukasusjuden glaubeti auch an die Wanderung der menschlichen Seele durch verschiedene reine und unreine Tiere. Die Seele wechselt håufig ihren Sitz und bleibt in den Tieren hald långere, bald kiirzere Zeit; dabei erdiildet sie schwere Leiden. Dann gelangt die Seele nach einer gewissen Frist in die Hblle, wird dort durch Feuer von ihrer Unreinheit befreit und kommt schlieBlich an dem ihr best mmten Ort zur Ruhe. Die Holle stellen sich die ksukasischen Juden als eine endlose grofle Halle mit viden Abteilungen vor. In jeder Abteilung sind die Engel des Verderbens und Teufel, welche die Siinder quålen: Sie werfen sie in Kessel mit siedendem Wasser, setzen sie auf gliihende Roste, schleudern sie in Abgriinde, werfen sie durch die Luft vpn einem Ende der Welt zu anderen. Am Sabbath findet* keine Strafvollziehung statt, die Teufel und die Siinder ruhen und erholen sich. Am Sabbat-Abend beginnt wieder das Wehgeschrei und die Klage. Das obérste Himmelsgericht stellt man sich gleichfalls als eine groBe Halle vor, in welcher eine unzåhliche Menge von Richtern sitzt: Die Rabbiner und groBen Manner der alten Zeit, grauhaarige Grei- •;c, sitzen in weiBen, langen Gewåndern an langen l ischen. In ihrer Nåhe befindet sich einé groBe Wage auf welcher die guten und bosen Taten gewogen werden. Die Halle ist stets mit allerlei Toten gefilllt, welche von allen Seiten der Welt zusammenkommen; die Neuangekommenen kbnnen ihre Verwandten und Vorfahren sprechen. Sie konnen filr die Verurteilten bitten, daB ihnen die Strafe erleichtert werde. Im Himmel erhålt der gute Mensch fur seine Taten Belohnung: die Seelen der guten Menschen werden, nachdem sie von ihren Siinden befreit sind, ins Paradies geschickt. Die Mittelalterliche Vorstellung, man konne den menschlichen Organismus auf kiinsthche Weise herstellen und ihm Leben einfloBen, biirgerte sich., insbesondere bei den polnischen Juden ein. Weise Månrer kneten den „Golem" aus Ton und hauchen ihm durch eine Beschworungsformel Leben ein. Bekannt ist die Golemsage, die sich an den Namen des hohen Rabbi Low aus Prag kniipft. — „Golem" ist eigenthch eine rohe Masse, ein Klumpen oder ein mifigebildeter Mensch. Der Golem kann nicht reden, yerrichtet jedoch allerlei Dinge und leistet seinem Herrn bienste. Auf seine Stime schreibt man das Wort „Emes", das heiBt Wahrheit. Da der Golem tåglich wåchst, so erreicht er eine bedeutende GroBe. Wird er zu stark und zu groB, so loscht man das „E“ im Worte „Emes" aus seiner Stime aus und es bleibt nur „Mes" d. h, tot, iibrig. Der Golem sttirzt zusammen und ist wieder ein Haufen Lehm. Man erzåhlt, der Golem eines Rabbi in Polen håbe eine solche GrBBe erreicht, daB sein Herr ihn nicht mehr an die Stirne heranreichen konnte, um das „E“ auszuldschen. Da befahl er ihm, sich zu biickén, um seinem Herrn die Schuhe auszuziehen. Als er nun den Buchstaben „E" ausgeloscht hatte, fiel der Golem iiber ihm zusammen und erschlug ihn mit seiner Last. Bei einer Feuersbrunst schreiben die polnischen Juden einige Worte und Zeichen auf ein Stiick Pafrier, welches dann in die Flamme geworfen wird, dutnit das Feuer verldsche. Bei Epidemien gehen einige Personen tåglich nach allen 4 Richtungen aus dem Orte, und lesen bestimmte Stellen aus der Bibel. Bei Krankheiten spielt, ahnlich wie bei anderen VfMkern, das „Besprechen" eine groBe Rolle. Interersant ist die Sitte, den Namen des Kranken zu åndern und so den Todesengel zu tåuschen. Derselbe hat beispielsweise die Mission, einen Mann namens Abraham ins Jenseits zu befordern. Da der Kranke Icdoch infolge des neuen Namens, den er erhalten hat, Isak heiBt, darf er diesen nicht fassen. Wenn den Eltern die Kinder oft sterben, so nennen sie die Neu« geborenen mit dem Namen eines wiiden bbsen Tieres, wie Wolf, Bar, Ldw, in der Hoffnung, daB die ntugeborenen Kinder åhnlich diesen Tieren stark und gesund sein und lang leben werden. Zum Schlusse mochte ich noch einen aligemein tibiichen Brauch anftihren, der bis auf die heutige Zeit sich fast tiberall erhalten hat. Am Morgen vor dem Versohnungstage nimmt jeder Mann einen Halm, jecie Frau eine Henne, am besten von weifier Farbe, nach dem Spruche des Jesaias: „Wenn eure Siinde gleich blutrot ist, so soli sie doch schneeweiB werden" und sclnvingen sie dreimal um den Kopf, wobei sie sprechen: „Dieser Hahn oder Henne vertrete meine Stelle, er komme an meinerstatt, er sei eine Versohnung flir mich; dieser Hahn sei dem Tode geweiht, mir und ganz Israel ein gliickseeliges Leben". Auf diese Weise tibertrågt man seine Siinden auf die Hiihner, die dann geschlachtet und gegessen werden. Rundschau. Palåstina-Amt Prag. Ehemalige jtidische Angehorige der Marine (Offiziere, Ingenieure, Unteroffiziere, Matrosen) sowic Motorbootlenker und Chauffeure der Autogruppe, die die Absicht haben nach Palåstina auszuwandern, werden ersucht sich mit ihren Dokumenten zwecks Aniegung eines Katasters im Palåstinaamt Prag II., RMova 24, einzufinden. Voriibergehende Stagnation Im Handel Palåstlnas. J. Q. B. meldet aus Jaffa: Infolge der politischen Unruhen im Lande, sowie wegen mangelhafter Verbindungen mit dem Binnenlande, herrscht jetzt in Palåstina ein gewisser Stillstand. Entsendung von Vertretern des amerlkanischen Judentums In den „Waad Haarazoth". J. C. B. meldet telegraphisch aus Paris: Dr. Salkind, Mitglied des Commité des Delegations Juives in Paris ist, nachdem er sich seiner Mission in Amerika entledigte, nach Paris zuriickgekehrt. In einer dem Pariser Gewåhrsmann des J. C. B. gewåhrten Unterredung, åuBerte sich Dr. Salkind ziemlich optimistisch iiber das Ergebnis seines Amerikatournees. Er teilte mit, daB der amerikanisch-jiidische KongreB demnåchst wieder zusammentreten werde, um nebst den anderen zur Beratung stehenden Fragen, die Entsendung von ståndigen Delegierten in den „Waad Haarazoth" zu beschlieBen. Lloyd George an den zionlstisclien KongreB In Amerika. J. C. B. meldet vom 11. Mai aus Newyork: Dem anlåBlidTder Entscheidung in San Remo in Newyork tagenden zion. KongreB ist folgendes Telegramm von Lloyd George zugegangen: „Die Ratifizierung der Balfour-Deklaration durch den Obersten Rat und die Uebertragung des Mandates iiber Palåstina an GroBbritanien bedeutet einen groBen Triumph fur den Fortschritt der iiidischen Sache. Ich zweifle nicht, daB die Juden der ganzen Welt mit GroBbritanien zusammenarbeiten werden, um Palåstina nicht nur zum gliicklichen Heime fiir die Juden. sondern zum Lande der Freiheit und des Wohlstandes auch fiir alle anderen Einwohner zu machen." Lloyd George. Sir Auckland Geddes an den zionlstlschen KongreB In Amerika. J. C. B. meldet vom 11. Mai aus Newyork: Sir Auckland Geddes, der britische Ambassadør in Newyork, iibersandte dem zionistischen Kongresse in Newoyrk folgendes Telegramm: „Ich bedauere lebhaft, daB ich verhindert bin Euerem Kongresse beizuwohnen. Ich wiinsche Ihnen vollen Erfolg und schlieBe mich Eueren Gebeten und Hoff nungen an. Moge das jtidische Volk in Palåstina jenes Heim und Kulturzentrum linden, nach dem Sie sq lange strebten." Geddes, britischer Ambassador. Eine SchUfahrtsgeseHschaft Uir das Tote Meer. Der Palåstinakorrespondent des J. C. B. drahtet, daB die Christen aus Betlehem eine Fischerei- und Schiffahrtsgesellschaft fiir das Tote Meer gegrtindet baben. Der Zweck dieser Gesellschaft ist der Waren- und Reisendentransport zwischen den verschiedenen Ortschaften, die am Strande gelegen sind, besonders nach Salinghoo, wo Wasserbåder und Hotels errichtet werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.