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Jüdische Volksstimme · 1920-06-10 · Heft 24 (10.6.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 24 (10.6.1920)
Date
1920-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Schauturnen anzunielden. Das tåt uater anderem1 auch ein Schiiler, der ein begeisterter Turner ist. Was war aber die Folge? AIs er zum Buschengrunde kam, um der Weisung des Lehrers gemfiB unter die Turner eingereiht zu werden, da wurrie er um sein Glaubensbekenntnis befragt. Da er sich als Jude bekannte, V/urde ihtn seine Nummer weggenommen und ihtn bederitet, daB Jaden vtm de> Teilnahme ausgeschlosstn Seien. Wte das finf da? Gemtit des Knaben wirken muBte^def sich ' als Deutscher ftihlt.braucht nicht gesagt ku werden. Ist das der Weg zur Elnigungdfirr DeåtscHeh,; ist das der Weg, die Jugend )Udisehén 0!&ubens» Idic deutsch .Jilt, dprn Deutscftjjum ti erhalten? Ja das fragen* Wir aucTT*1 Wirtragen aber noch mehr. Ist das die vielgeriihmte deutsche Kultur? Ist das die Toleranz, die brtide/liche Liebe, die. uns clie Artikelschreiber des ,jfagesbote“ so oft vor den Wahlen versprochen haben? Wie schrecklich, wie entsetzlich muB es sein, wenn schon der..„Tagesbote“ davori entsetzt ist. Das klingt.Ja bereits.an Budapest an. port soli es vorgekommen sein, daB man Morer nach dem.^tlaubgSsb.ekenntnisJragte, daB man sie, falis sie Juden waren, an mittelalterlichen Marti rn erinnernde Schikanén aussetzte. Ist es berei s bel uns im Cechoslovakischen Staate so weit gekommen? Darf man "das *'Jtidischen Kindern und Eltern bieten. Solehen jtidischen Eltern, die. mit Hintansetzung ihres riationalen Geftihles mit ihren Kindem die deutscheri Schulen auffiillen? Wissen øenn un-r sere Herren Deutschen noch immer nicht, daB viele ihrer Schulen nur bestehen kønnen — in de.r.Proviriz z. B. — weil sie jUdische Kinder besuchen. Wissen denn die Deutschen noch immer nicht, daB allp iur.j. Turnverbfinde, soweit sie nicht deutsch-radikal sind,1 nur von den Juden erhalten werden? Ftihlen unsere. deutschen Juden, die docji sonst ein fein ausgebjldetes Ehrgefiihil haben, sie waren doch meistens deutsche Burschenschafter, noch immer nicht die Schmach und die Schande die man ihnen antut? Wo ist denn die deutsch-demokratische Freiheitspartei? Die muB doch, da sie freiheitlich und demokratisch ist, gegen solche Barbarei eine Einspruchsversammlung machen. Hrc Rhodus, hic salta! Hier zeiget Euere Kunst. Man will die in 2 Lagern stehenden Turner Brilnns einander nfiher bringen, miBbrauc! dazu jtidische Kinder und Eltern und setzt sie dann dem Hohne und dem Spotte des Publikums aus. , So wahrt man *di¥ Seeferi* der jtitlisciien Kiriåér. Wir heiflen es gewiB nicht gut, dafij jtidische Kinder zu fremdnationalen Veranstaltungen gehen. Aber wenn sie schon. eingeladen werden, wenn man schon die Schulen dazu erniedrigt, um auf die jtidischen Schiller einen moralischen Druck auszuiiben, damit sie zu einem Feste gehen, wohin sie nicht gehoren, dtann ist es verfluchte Pflicht und Schuldigkeit der Veranstalter dafilr Sorge zu tragen, daB Gaste nicht auf die niedertrfichtigste Art und Weise bloBgest.ellt werden. Gastrecht ist sogar den sogenannten „Wilden“ heilig; die sintl aber noch Gottseidank mit sogenannter deutscher Kultur nicht iibertlincht. So sieht die Wirklichkeit aus. . Die deutschen Literatur. „Der Jude.u Eine Monatsschrift. Herausgegeben von Dr. Martin Buber. „Der Jude“ .wird im neuen Jalusang, dem fiinften, eine weitgehende Umgestaltung md Erweiterung erfahren, Trotz der auBerordeni ohen Schwierigkeiten bei Herstellung und Papierbeuliaffung wird der U m f a n g der e i n z e 1nen Hefte stark vergroBert werden. Die VergrøBerung soli insbesondei;e der Einftihrung einer Umschau zugute kommen, deren einzelne Rubriken sifindigen Referenten zugewiesen wurden und die nachfolgend gegliedert ist: 1. Leben und Bewegung: Politik: Dr. Sigmund Kaznelson.— Zionismus und nationale Bewegung; Dr. Nachum G o 1 dntann. — Volkswirtschaft: Ref. I. d. Osten Nathan S z w a 1 b e. Ref. I. d. We§ten Ernst K a h n. -r Jtidi« sche Arbeiterbewegung: Berl Locker. — Sozialismus: Dr. Markus Reiner. — Emigration: Dr. A. Gronowsky. Kolonisation: Dr. Nathan beu Nathan. — Jugendbewegung: Dr. Siegfried Bernf e 1 d. — Religiøses Leben: Dr. Robert W e 11 s c h. — Erziehung und Volkskultur: Moses C a 1 v a r y. — Berichte vom Jtidischen Leben: Stfindige Berichte aus Palfistina, Polen, Ukraine, GroB-RuBland, Deutschland, Deutsch - Oesterreich, Cechoslovakei, GroBbritanien, Amerika. — Hebrfiische Literatur: in Palfistina Dr. Hugo Bergmann; in der Diaspora Meir W i e n e t —■ Jiddische Literatur: Fritz Mordechai Kaufmann. — 2. Forschung nnd Erkeontnsj Rassenkunde. Dr. Elias A u e r b * c h. Redner, die deutschen Zeitungen kdie tn WirlRehkeit ilidisch -sind — wollen tins gtaubtn machen, daB dem deutschen Vo%d der AntisJmiitsiqtts in aejfter Gesamtlieit fernsteht, daBlnur die bosen JUdischnationalen und die noch furchtbareren Zionisten den AntisemitisitHd sehen, der doch nlcht in Wirklichkeit existiert und iiehe die Pfiantasieft der bosetl Zionisten sind ntm Realiteten. 44 “ * Sind gro^ Realiteten, denn der Ausfall ,der jctzigert Reiclisratswahlen im deutschen Retche bripgt etflje reakt ion fire antisemitis c h e M e h r h e i t. lind da fragt noc|i der „TageSbpte'*: j,Wohin steuern wir?“ Wer? Dte Deutschen p ^im Aiitisemitismus. Man mtiBte fiber diese naive Trage'nachen, wenn es nicht so traurig wfire. Wir steuern zur judenreinen deutschen i urnerei. Ganz Recht. Warum gehen auch die Juden in die deutschen Turn- und Sportvereine, wenn sie eigene haben; aber solche bornierte Eltern. [fissen ihren Kindern lieber einen lebenslangen physfschen Klaps versetzen, bevor sie zur Einsicht kommen, daB es denn doch besser wfire, endlich mit dem Deutschtume aufz.uhQren^DofilL jnein^iie jjt JD-b et d i-r-e k t o-r- K 6n i g, als Obmann des Vereines „Deutsches Haus*1 gestattet ja den Juden groBmfitig den Pesuch. Nattiriich in Brilnn kann man sich den Luxus nicht erlauben, aus der Judenfrage eine Angelegenheit zu machen. Judenfrage? Das gibt es in Brfinn nicht, sonderbar und in derselben Nummer des „Tagesbote“ lesen wi^, daB jiidische Kinder zum Turnfest nicht zugelaSsen wurden. Gott, wenn es Zionisten gewesen wfiren, dfe haben nach dem Ausspruche des Herrn K 6 n i g im Deutschen Hause nichts zu .suchen.. Aber es war ja ein.' jiidisch-deutsches Kind: ' DéulscTie iJiidén Vind auch dem Herrn Køn i g im Deutschen Hause willkommen. Auf eihmal? Vpriges Jahr waren sie es noch nicht.' GroB muB noch das Defizit des Vereines. sein, wenn ihm nun Judesn willkommen sind. Aber die Zionisten nicht. Also Juden nicht. Herr K ø ni g und seine Gienossen solien lieber, mit dem Feuer . nicht spielen. GewiB, man wird das Vorgehen beim Turnerfest mit jugendlichem Ungestfim entschuldigen. Aber wie wjll man es erklfiren, daB das deptsche V o Jk i m Re iche i n tt be r wi eg e n der Majo ri tfit an tisem i tisch gewfihlt hat. Juden, das ist ein Symptom. Das sind Zeichen der Zeit. Und die soli man, sagte einstens ein deutscher- Staatsmann, beachtep. Wir. møchten nur die Herren Deutschen in Briinn fragen, wer ihnen das deutsche Theater im Deutschen Hause, wer ihnen die Konzerte, wer ihnen die Vortrfige besuchen wird, wenn die Juden das Deutsche Haus meiden sollen.Deutsche Kultur, was man so in Briinn nennt, wird meistens von Juden unterstiitzt. Wenn die judenreine deutsche Turncrei Platzgreifen solite, dann wird es mit dem Deutschtum in Briinn nicht lange halten. Aber das ist alles umsonst. Unsere lieben Juden bleiben ja doch deutsch. Werden weiter im Deutschen Hause Karten spielen, das ist ihnen vom Herrn K ø n i g gestattet und werden weiter ihre Kinder fn den deutschen Turnverein schicken. Nur nicht in den - Vølkerpsychologie: Dr. Elias Hurwicz. — Sexiologie: Dr. Gottfried Enloariu. — Judaistik: Dozenfc Dr. Harry Torczyner. — Geschichte: Hans Kohn. — Philosophische Literatur: Dr. Felix W e 11 s c h. Statistisches: Dr. Hugo Bergman n. 3. — Meinung und Erørterung: Judenfrage: Arnold Z w e i g. — Revue der Presse. — Ueberdies soli der Hauptteil der Zeitschrift durch besondere Berficksichtigung wissenschaftlicher Einzelfragen und aktueller geistiger Probleme, sowie durch geschichtliche Darstelluhgen an Sachlichkeit urid Aktualitfit gewinnen. AuBerdem werden in diesem Jahrgang .der Monatsschrift ganz besondere bedeutsame und interessante Dokuménte aus der Geschichte der zionistischen Bewegung, insbesondere Briefe und apdere Manuskripte Theodor H e r z 1 s verofientlicht weiden. „Der Jude" erscheint ab April im Jtidischen Verlag, Berlin. Die Berliner Redaktion ftihren Doktor Siegmund Kanznelson und Dr. Max StrauB. per Abonnementpreis betrfigt pro Vierteljphr: flir Deutschland 15 Mark, ffir Deutsch-Oesterreich und Ungarn 40 K, flir die Cechoslovakei 18 K, flir Polen 35 poln. Mark, flir die Schweiz Frcs. 7.50, ftir Holland 4 holl. Guiden. Bestellungen sind an den Jtidischen Verlag, Abt. „Der Jude", Berlin W 15, Sfich^i* scheitr. 6, zu richten. ititltschen. Gott behtite. Denn dort ist ja das Kind Schikanen nicht ausgesetzt und eln deutscher Jude wffl Jmd mufi doch ffir sein Deutschtum letden. Er wiif Mfirtyrer sein, und Mfirtyrer machen. — Nur weiter so! Die Soiialisiening dis Rabbinerstande**). Von Dr. I. E i s e n % e r g. D o b f i s c h-P r a g, Jtfi Mai 1920. Dem Wunderrabbi Léwi Jizchak aus Bsrd i t s c h é-W, erzfihlen seine Verehrer, wurde cutst eine geschlachtete Henne vorgelegt, in deren Magen ein Nadelsplitter stak. Er solite entsqheiden, ob das Fleisch rituell genieflbar sei. Der Rabbi begann: „Warum soli dehn dieser kleine Fremdkorper die ganze1 Henne ungenieBbar machen? Das arme Tiun fand vielleicht im Hause des Besitzers nicht geniigeml Futter vor. Es mufite hungern. Deshalb suchte es den Misthaufen eines Nachbarhauses ab und verschluckte dabei die Nadel. Wfire es nicht ein Unrecht, setiou deshalb die geschlachtete Henne ftir „trefu" zu erklfi«- ren? Allein — fuhr er fort — diese Anschauung scheint doch nicht ganz zutreffend zu sein. J e d e r Besitzer sorgt ftir seine Tiere, daB sie genligend Nahrung bekommen. Diese Henne aber begntigte sich nicht damit.‘Sie suchte auf dem fremden Oebiete nach Løctorei^li und beftirchte^e nicht, daB sie dadurch die ‘Nahfung einer ånde ren Henne wegnehmen komite. Ja, ein:solcbes Vorgehen .ist freilich verwerflich, aiso ,4refu"i Diese schlichte Diehtung kami urtleugbar als Axiom in unserer modemen Soziologie angesehen werden. i fT Wer sich nicht mit dem Ertrag seines c; i g e n e n Gebietes begniigt, sondern auf dem nachbarlicliem Feide nach Leckerbissen sucht, der versiindigt sidi gegen die Gesamtheit und untergrfibt die moralische Kraft selner Standeséenossen. Warum haben denn unserer Arbeiter, Lehrer, Privat- oder Staatsbeamten gerade in der so harten Nachkriegszeit so ungeahnte Erfolge erziélt. Die gemeinsame Not zwang ihnen gémfeinsamé Interessen und Bestrebungen apf. Ja noch mehr! Die gemeinsame Not zwang" ihnen Parteidisziplin und Solidaritfitsgéftihl auf, um solche Erfolge zu erringen. Wie steht es aber ih der „Res publica rabbino-. rum" aus? .Verwandtschaftliche, efheiratete Protektion, nåmentlich in deri GroBstfidten, macht Talent 'und Wissen fibérfltissig. Protektionskindern, auch orthodoxer Coulem wer.den zwei, drei u. m. Portionen zugewiesen, ohne Bedenken, daB dadurch ebenso vielen Koliegen die Existenzmøglichkeit genomnien wird. Was Wunder, daB solche Freunde von Leckerbissen jeder Organisation fern stehen. ♦WB .Tian.inaj mm-v/n 'bn uh ntti Der Staat praktiziert die in sozialer Hinsicht gewiB lobenswerte Einrichtung. Beamte, Vfiter von Kindern, welche Mittel- oder Hochschulstudien obliegen, in Stfidte mit der betreffenden Bildungsmoglichkeit zu versetzen. Wie viel Kummer wtirde so manchem Famillenvater genommen werden, wenn auch unsere KultJsgem,einden diese soziale MaBnahme verstehen wollten. Statt dessen suchen unsere bohmischen, besser situierten Gemeinden,, wem sie ein Rabbinat zu veregben haben, mit Vorliebe Ledige, die weniger kosten. Verheiratete erhalten aber zuweilen ihr Sch'eiben mit dem Vérmerk „Alter tiber 40 Jahre, verheiratet, 2, 3 oder mehr Kinder" zurtick. Das sind traurige* Tatsachen! Ein Ehekriippel ist also ftir eine solche Gemeinde a priori untauglich."") So!handeln Fami-‘ lienvfiter gegen Familienvfiter! Wenn ein Chef gegen seinen Buchhalter so vorgehen wtirde, wtirde er die Entrtistung der ga izen Genossenschaft hervorrufen. Aber die jtidischen Religionsdiener sind ja nicht organisiertl Unsere Brtider freuen sich, wenn ihre AngehØrigen in Banken, Btiros etc. høhere Gehalte erzielen, die den Zeitverhfiltnissen entsprechen. Sie sind auch selbst bestrebt, ihre Waren, Landesprodukte usw., der Vorkriegszeit gegentiber, um zehnfach tibersteigende Preise abzusetzen. Gønnen sie aber auch ihren Angestellten einen wenn auen nur ftinffachen Gehalt? Nein! Jeder Kultussteuererhøhung wird mit dem Austritt aus der Religionsgenossenschaft gedroht, zuweilen auch geantwortet. . . : T *) Vgl. Nr. 19 vom 6, v. M. Die Not des Rabbinerstandes. *") Mit dem 40. Lebensiabre beginnt demnac i ffir den Rabbinar das geffibrlicba Alter. t t _

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