Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1920)
- Date
- 1920-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 29. Mt 3. hane, zur natUrlich-gewordenen Selbstverståndlichkeit héranreichte. Durchtrånkt von politischen Qesichtspunkten wurde die Griindung einer modernen judischen Schule zur unumstoBlichen Notwendigkeit. War der ostjttdische Cheder These, die staatliche Volksschule Antithese, dann soli die moderne jiidische Schule zur Synthese werden. Und jetzt beim Åufbau dieses Werkes tut es Not die Feile wohlwollender Ratschlåge und gutgemeinter Kritik anzulegen. Geradc der Kritik, dem selbstbewuflten menschlichen Urteil, dem „prtifet Alles und das Beste behaltet" verdanken wir die GroBe unserer Kultur. Nimmermehr .hatte der Mensch die Wissenschaft, die Industrie, den Verkehr, die Rechtsverhåltnisse unserer Zeit erlangt, wenn er nicht iiberall Kritik geiibt, iiberall den MaBstab seines Urteils angelegt hatte. Wir miissen aus den Gebietssphåren des Gedankens in das Reich der Tat hiniiber, dann wird' Idee zur groBten Wirklichkeit. Die Vorkåmpfer der modernen jiidischen Schule haben nur die Gestaltung des judischen Schulgeistes vor Augen, der einerseits auf das Hebråische als Unterrichtssprache eingestellt ist, andererseits auf den Unterrichtsstoff seine Aufmerksamkeit lenkt, kurz ein lobenswertes Streben nach Sauberung der Seelen von den Schlacken niedrigster Ghetto- und Assimilationsgesinnung. Doch kann ich nicht umhin zu bemerken, daB bei aller Prinzipienfestigkeit die Frziehungsmethodik dem Schulgeist bei allen Debatten den Vorrang ablaufen milBte. Wenn man an das beamtisierte Schulwesen, das sich bis heute zu halten vermochte, zuriickdenkt, wie diese Staats-Pådagogen in ihrer vom Mittelalter iiberlieferten, scholastischen Auffassung iiber Individualiteten hinwegschritten, die Zoglinge notizbuchmåBig, quartalhaftig wie Ware verallgemeinernd registrierten und katalogisierten, dann muB einem jeden Kulturmenschen die Revolutionierung des Erzichungswesens Gebot der Stunde bedeuten. Dem jiidischen Menschen als „Ich“-Mensch, der stets im BewuBtsein seiner innersten Freiheit handelt, ihm obliegt diese Aufgabe im doppelten MaBe. Bis nun zu ging man in einer direkt unglaublichen Kritik’--- sigkeit auf Jagd nach vermeintlich guten SchUlern aus, selten nach guten Lehrern; hier liegt die latente Ursache eines krankelnden, unverbesserlichen Systems, eine fiir die Lehrschaft schamvolle Tatsache. die besagt, daB fast alle hervorragenden Kdpfe der - Menschheit einst schlechte Schiiler waren. Die Lehrer miissen sich in erster Linie der Jugend anpassen, miissen sich bei der Beurteilung der Anlagen eines Kind^s den Ausspruch Thomas Carlyle’s ins Gedåchtnis rufen: „Wer das sagt, was in ihm wohnt, der wird gehbrt werden.** Im Weiteren miissen die Schulerzieher zwecks Schaffung von Kulturvorråten auch die Elternschaft zur Mitarbeit heranziehen. Man ermesse doch, daB trotz aller angebiiffelter Padagogik, einsichtsvolle Eltern ihre Kinder immerhin besser entdecken als so manches Lehrergenie, das in jeder Tagesstunde 40—50 andere Kinder bemei- MaBe ihre låndlichen Gemeinden verlassen und in die Stadte iibersiedeln. Der Zug nach der Stadt tritt bei den Juden in einem unvergleichlich hoheren MaBe zu Tage als bei der christlichen BevOlkerung. Wåhrend des Bestehens des osterreichischen Staates war hauptsåchlich Wien das groBe Sammelbecken fiir die Uberzåhlige måhrische Judenschaft, mochten sie sich einem wissenschaftlichen oder praktischen Berufe zuwenden. Seit dem Umsturze und der gleichzeitig eingesetzten Absperrung vom Auslande hat Wien aufgehdrt, den Sammelpunkt fiir die måhrische Judenschaft zu bilden, und sind Brlinn und das Gebiet von Måhr.-Ostrau an dessen Stelle getreten. Bei letzterer Stadt kommt auch noch der Zuwachs aus Ostschlesien und Galizien dazu. Heute hat bereits eine solche Verschiebung in den Wohnverhaltnissen der måhrischen Judenschaft stattgefunden, daB in den beiden Stådten Briinn und Måhr.-Ostrau mit den dazu gehorigen Gebieten fast die Hålfte der måhrischen Judenschaft, rund 20.000, beisammen wohnen. Ein weiteres Viertel der måhrischen Judenschaft, rund 10.000, sind in 6 Kultussprengeln beisammen, in Olmiitz, Iglau, ProBnit/, Boskowitz, Ung.-Brod und Nikolsburg, wåhrend das ganze iibrige lYlåhren, sohin der Bereich von 42 Kultusgemeinden, zusammen bloB ein Viertel der måhrischen Judenschaft repråsentiert. (Fortsetzung folgt.) jOMBCHE tountnae," stert. Die notwendige Umgestaltung des UnterrichtS*- wesens hat sich also vorerst auf den Unterrichtenden zu érstrecken. Lehrerprtifungen dårfen nicht Fachpriifungen, sie miissen Lebenspriifungen sein. Nicht auf den Wissenskram des Unterrichtenden kommt es an, sondern auf dessen Menschenart. Die Erzieher mussen mit dem Strom der Zeit Schritt halten, miissen die Aufgaben dieser Zeit durchschauen lernen, da sie doch diejenigen Menschlein erziehen, welche diese Aufgaben zu iibernehmen haben werden. Man muB erschrecken, wie wenig Verantwortungsgefiihl so mancher Lehrer unserer Jugendzcit hatte, indem er das vernichtende Urteil iiber ein Kind fåflen konnte, das spåterhin als Kunstler oder Gelehrter bahnbrechend wirkte, trotzdem es einst die langweiligen, griechischen Verba auf „mi" mit wenig Begeisterung herzuleiern wufite. Die Lehrer der neu zu erstehenden jiidischen Schule diirfen nicht den Polizeicharakter der bisherigen Staatslehrerschaft. die von der jungen Generation mit MiBtrauen angesehen wurde, tragen. Sie miissen sich mit dem besten Willen schmieden, einer Einsicht, die mit aller Theorie radikal aufråumt, sie miissen den Geist einer neueti Epoche handhaben und aus ihm heraus handeln. Nicht allein mit dem trockenen Verstand sollen sie sich an ihre Pflichten heranmachen, sondern auch mit der Kultur ihrer Herzen, mit dem reinen Gefiihl, das nach Tolstoi Organ der Erziehipig sein will. Das Kind ist eine Realitåt, das nur mit GefUhlsempfindung verstanden wird; man verstehe und priife die Kinderwelt objektiv und nicht mit Hilfe von verbrauchten MaBståben. Aus der scholastischen, verallgemeinernden Auffassung muB sich der Lehrer zur isolierenden Methodik durchringen. Letztere soli des Kindes Denken, Fiihlen und Wollen so zur Ausbildung bringen, daB eine in sich gefestigte Personlichkeit entsteht, deren Seele tragende Kråfte fiir das ganze Leben entfaltet. Es gibt nicht mehr die Schule als Kaserne anzusehen, in der die Einzelnen Soldaten gleich nivellierend behandelt werden. Dies entsprach nur der Ideologie der monarchischeu Schulverfassung, die alle Untertanen gleichdenkend. d. h. urteilsunfåhig regieren wollte, wie Ware nqøh gleichem BildungsmaBe zugeschnitten, um nur keine Individualitåten wachzurtifen, då sie doch "dem Monarchismus, der sich einzig auslebenden Staatsindividualitåt gefåhrlich werden kdnnten. Das jiidische Kind, entrissen den Schulklauen eines unbegabten biirokratischen Systems, soli der jiidischen Schule als geheiligtes Eigentum des jiidischen Volkes zuriickgebracht werden. — Die jiidische Unterrichlståtigkeit fern von jeder staatlichen Aufsicht (mit Ausnahme der zugewiesenen Legate) als sich selbstverwandte Institution konnte in umfassendster Art in der individuellen jiidischen Freiheit, der Freiheit iiidischen Geisteslebens ihr Erziehungswesen festigen, dann wird sie im Sinne Fichtes den Grundbau einer Idealhochschule får das Judentum und fiir die Menschheit vorbereiten. .... Hatinnalit9t u. Kulturspranhe? Unter diesem Titel zerbricht sich, wie wir im „Tagesbote" vom 8. Juli lesen, der wohlbekannte „Dr. M. F.“ wieder einmal den Kopf der JUdisch- Nationalen, anlåBlich der bevorstehenden ersten Volkszåhlung im dechoslovakischen Staate und es Ist wirklich possierlich, wie dieser Mann — wir wissen nicht, warum er sich nicht mit seinem vollen Namen unterschreibt — mit den abgenagten Knochen einer langst iiberwundenen „Theorie" herumwirft u. glaubt, mit seinen abgeschmacktesten Redensarten blenden oder jemand kddern zu konnen. Herr Dr. M. F. scheint In den verflossenen denkwiirdigen Jahren geschlafen zu haben, er weiB nichts, aber gar nichts von der måchtig angewachsenen Idee des judischen Nationalismus und wir raten ihm seine Floskeln bei einem Brudermahle seiner „Bundes“-Oenossen zum besten zu geben oder, er håtte es auf dem „deutschdemokratischen" Parteitage tun sollen. Ein kraftiges „Heil“ wåre dort dem strammen Verfechter der deutschen Nationalitåt der Juden sicherlich .zuteil geworden. Die „deutsch-vfilkischep" Studenten allerdings hatten ihn anders begrUBt. Freiilch der ,.Dr. M. F.“ gehdrt zu jenen Juden, die sich bei einer Ture vom deutschen Volke hinauskomplvnentieren lassen, zur anderen jedoch fein bescheiden wieder hereinkommen. Diese Leute haben nichts gelernt und alles vergessen. Schade fur die Tinte, die man verspritzt und fUr die Feder, die man ihrer wegen verdirbt. Wir wollen uns auch nicht allzulange mit dem Herrn und seinem Anhange befassen. Diesmal hat, Professor Weyr, der Pråaident der Statlstischen Zentral-Kommission in Prag, es dem „Dr. M. F." angetan. Der genannte Profsesor will eine jUdische Nationalitat gelten lassen, der Jude „M. F." aber nicht. Und „M. F.“, das Orakel seiner Bundesbruderschaft, ruft dem Professor Weyr, der doch wohl auch etwas von der Sache versteht, geharnischt die gelehrten Worte zu: „Nein, Herr Professor, vom Standpunkt der Erkenntnis konnen Sie keine jUdische Nationalitat gelten lassen, Sie mUssen vielmehr den Juden vom Standpunkt des Glaubens betrachten, ebenso wie sie ja auch keine christliche oder islamitische Nationalitåt anerkennen." — Dixit. Hatte „M. F." nur diese Worte in seinem langatmigen Artikel geschrieben, wir mUBten laut auflachen Uber diesen sonderbaren Schwårmer und ihn seinem Deutschtum Uberlassen. „Glauben"; kann uns „M. F.“, konnen uns seine BundesbrUder, die einmal im Jahre, mit glUnzenden Zylingern bekleidet, die Synagoge fUr einige Minuten besuchen, sagen, was s i e eigentlich glauben? Es wUrde sch8n mit unserem Judentum ausschauen, wenn es auf den „Glauben" dieser Herren ankåme. Doch „M. F.“ ist gnådig. Er meint, vielleicht wird einmal die Zeit kommen, in der eine jiidische Nationalitåt auf eigenem Boden erwåchst." „M. F." unser Troster, der groBe Prophetl Er soli sich trosten. Die jUdische Nationalitåt ist erstanden, sie war Ubrigens immer da, nur Leute, wie „M. F.‘‘ haben sie zu verdunkeln gesucht und vermochten es nicht. Wir haben eine Sprache, eine gemeinsame Kultur, eine groBe Geschichte und sind deshalb eine Nation. Von alldem weiB „M. F.“ nichts. Er weiB nichts von der Begeisterung unserer Jugend, nichts von dem, was auf unseren Kongressen behandelt wird, er und seine Leute biedern sich unseren Gegnern an, wir aber bewuBte und aufrechte Juden wollen endlich einmal wieder fUr unser Haus sorgen, wir wollen nicht Gåste sein, sondern vollberechtigte BUrger jUdischer Nation auf dem Boden der Republik. Die gelehrt tuenden Unterscheidungen „M. Fs", mit denen er uns in seiner wohlbekannten Manier, unterrichten mochte, Uber die Unterschiede von jUdischer Nationalitåt und Zionismus, stimmen uns zu einem lauten Geiachter. Dieser „M. F.“ hat wirklich keine Idee von den Problemen des modemen Judentums, die Klatzkin in so klassischer Weise auseinandersetzt. Gehe ins Deutsche Haus „M. F.“ und rede dort in einer deutsch-demokratischen Versammlung. Man denke „M. F." spricht heute noch, nach San Remo, von Uganda, Territorialismus usw. Wir glauben, selbst die naivsten Leser des „Tagesbote" werden „M. F.“ auf seine Gelehrsamkeit nicht hereinfallen. Was soli ich darauf sagen, wenn „M. F." davon faselt, wir hatten „keine Kultur- und Schicksalsgemeinschaft"? Das glauben wir ihm gerne, er und seine BundesbrUder haben sich aus unserer Kultur- und Schicksalsgemeinschaft ausgeschlossen, sind Fremden nachgelaufen und werden von diesen geduldet, solange man sie braucht, z. B. das jUdische Geld. Der deutsch-jUdische Turner aber wird auf den deutsch-volkischen Sportplatz nicht zugelassen, — 'erinnere sich „M. F.“ an die famose Notiz im „Tagesbote": „Wohin steuern wir?" Genug. Leute, wie „M. F.“, sind nicht zu belehren, aber sie sollen auch uns nicht belehren wollen. Wir weisen solche Belehrungen weit von uns. Er komme uns nicht mit dem heuchlerischen Worte vom „Glauben", den er nicht besitzt, nicht mit seiner Wissenschaft, die er anderwUrts ausschrote. Nein, wir haben keine Cechischen und deutschen Juden å la „M. F.‘‘, sondern nur bewuBte Juden, jUdischer Nation. Ein Jude. II. Landoskonferenz des deutschen Landesverbandes „Hapoel Hazair". 1. Tag. Am 16. Juni, abends 8 Uhr, erSffnete der Vorsitzende 4es deutschen Landesverbandes Hapoel Hazairs, Dr. Robert Weltsch, in Anwesenheit von 30 Delegierten die Landeskonferenz des Hapoel Hazair. In seiner hebråischen Eroffnungsansprache fUhrte er aus, daB die Konferenz des Hapoel Hazair in Deutschland nach der Prager Konferenz von besonderer Bedeutung sei, weil die deutsche Landsmannschaft besondere Aufgaben zu erfUllen håbe. Auch die Hebråisierung mUsse jetzt grSBere Fortschritte machen. Er fuhr dann in deutscher Sprache fort, die .Ziele des Hapoel Hazair, besonders in Deutschland,