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Jüdische Volksstimme · 1920-06-02 · Heft 22-23 (2.6.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 22-23 (2.6.1920)
Date
1920-06-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22-23. fa zwelfellos sehr erostlich mit dem Emigrations« problem befaisen wird. Zwecks Herbefschåffung der statistischen Daten wåren aber auch in erster Linie die zion. Arbeiterorganisationen herbéizuziehen. Sie kdnnten am ehestens Auskunft geben ilber die Anzahl der qualifizierten und ungélernten Arbeiter, die zu einer Uebersiedlung nach Palttstina bereit wSren. Den zion. Arbtiterorganisationen muB auch die Oelegenheit geboten werden, an allen Emigrations- und Ansiedlungsfragen gehdrt zu werden. Ihrem Votum wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden mtissen, gleichzeitig, wie sie sich zur gemeinsamen Organisation verhalten. Zur gemeinsamen Arbeit werden sie hoffentlich immer zu haben sein. Seit Jahrzehnten hat die zionisdsche Organisation unermiidlich und unbeirrbar ihrem Ziele, der Offentlich rechtlich gesicherten Heimsttttte flir das jtidische Volk in Palttstina, zugestrebt. Nun sind die ttufleren Bedingttngen gegeben. So unsicher sie vor- Ittufig noch sein mogen, unzweifelhaft ist die Anerkennung des jtidischen Volkes und seines Rechtes auf sein Land, des unverjtthrbaren, von niemandem anr tastbaren Rechtes: das keine Qewalt uns rauben, keine Renunziation oder Denunziation auch nus unseren eigenen Reihen, aufheben kann. Das wollen wir uns immer vor Augen* halten, wenn die Schwierigkeiten unseres Werkes scheinbar zu groB werden, oder wenn Rtlckschlgtte eintreten soilten, wie sie ja bei der Wiederaufrichtung jedes Volkes vorkommen konnen. Wir sind ein V o 1 k, e i n V o 1 kl Niemand kann uns unser Volkstum rauben, wenn wir selbst es nicht vernichten, niemand unser Recht auf unser Land, um das wir Jahrtausende gelitten haben. Jiidische Arbeit im jtidischen Lande, Liebe zum eigenen Volke und Liebe zur ganzen schaffenden, ringenden, blutenden Menschheit, Qerechtigkeit und Freiheit — das i s t unster Ziel und soli unser Ziel bleiben. Dr. Siegmund Werner. Akademische Verschiødenheiten (Nach den Wiener Universittttskravallen.) Von E. K 6 n i g. Als im Herbst 1918 die europttischen Mittelrmichte im letzten Stadium ihrer Fåulnis-erregenden schmtthlichen Militærpolitik wie ein Kartengehåuse zusammenstiirztén, verdffentlichte Walter Rathehau seine Schrift „An die deutsche Jugend“. Der geistvolle Mann suchte darin den Keim deutschen Niederganges in der Denkungsverfassung der deutschen Studentenschaft wie in ihren triiblichen Begleiterscheinungen, wie etwa kritiklose Uebernahme des Ueberlieferten, Mangel an Individualitttt u. dgl. zu enthiillen. Jedenfalls Symptome die anno-dazumal dem obwaltenden, militttrischen Hindenburg-Kult ausgezeichnet zustatten gekommen sind, fordernd die Schlagkraft des deutschen Expansionsschwertes und gleichzeitig Seinen derben Fleischerhanden so grilndlich das Feil, daB er wochenlang grttn.uud blau war. Nach vollendeter Lehrzeit ging Schmiile auf die Wanderschaft. Jahrzehnte sind seitdem vergafigen, ich håbe ihn nie wieder gesehen. Vor einigen Monaien horte ich, daB er in einer groBen Stadt iri Ungarn ein ehrsamer Backermeister ist, der sich des hochsten ■ Ansehens erfreut. Da erinnerte ich mich seiner! Ende. 137. Psalm. An Babels Fliissen, in dem Land’ der Heiden, Da saBen wir, es rannen uns’re Ztthren. Dich Zionstadt, Dich muBten wir entbehren, Die Harfen hingen schweigend an len Weidenl Es sprach der Feind: „Ihr mttB’t Eueh mal bescheiden Mit Eu’rem Los’ und miiB’t die Tranen wehren, Ein Lied von Zion sing’t, dann werden hehren In Lust und Frdhlichkeit sich Erre Leident Das Lied des Herrn, nicht ton’s im fremden Lande, Jerusalem, mir werde Schimpf und Schande, VergåB’ ich Dein, o Stadt, solang’ ich lebe! Die Zunge mir an meinern Qaumen klebe, Gedenk’ ich Deiner nicht an erster Stelle, Du Trost in Trftøen, meiner Freuden Quelle! Dr, Berthold Singer. ■ ' Mmscm fOCKSSTtMME,* .. ■ ,/i.nx "ii 'ri111 rr r i t «■ ... wcagacact verunglimpfend den Ruf germanischer Kultur In al« ler Herren Linder. Im Wirbel gegenwttftig-bedeutungsvoller Zeitepoche tritt der alibewtthrte Begriff der Synthese deutschen Studententums mit MensurschmiB als Befihigungsnachweis im Antlitz, mit fttrbigen Bandern, mit Couloeur-Ftichsen, Bierstiefeln und Allem was drum und dran hangt in die bestiubte Rumpelkammer der Tapferkeitsmedaillen und Kaisermanover. Der armselige, vor dem Oeheimnis der Urteilskraft ganz fernstehende deutsche Vereinsstudent sieht sich recht vereinsamt vor den Pforten der neugeborenen Nachkriegsepoche. Abermals und wiederholt, versucht er als Werkzeug reaktionarer Bankrottpolitiker den Zorn bitterster Enttauschung un den jiidischen Kommilitonen zu entladen, da doch diese schlieBlich und endlich, ja, nur diese, von der Erfindung der Brotkarte bis zum Auftauchen der Grippe an allem Uebel schuldtragend sind. SolchermaBen ist die Hochschule heutzutage eine Silhouette politischer Ursachen und ihrer unlogischen SchluBlolgerungen. Die letzten ZusammenstSBe an der Wiener Universitat haben einen tieferéri'Sinn als alle hier angedeuteten Ursachen. Viel eminenter ist die Tatsache, daB die Varitat im Auffassungsempfinden des .Weltenlebens und historischen Entstehens auf ein friedlicheres Zusammendasein als es kaum der kalte akademische Burgfrieden in seinem Rahmen bietet, nicht rechnen kann. Der deutsche Student, dessen politisches Programm hochstens zwischen Liedertafel, alldeutschem Schonerianértum, Waidhofenprinzip und Ariertum pendelte, der tiber die Grenzen der „Ostdeutschen Rundschau** selten hinauskam, er muB jetzt umlernen; allerdings ein unangenehmes „Verbum“, das passive Laien der Revolution naher bringen und sie nach eifrigem Bemtihen mit sozialen Problemen, wie weitlaufigen Humanitatsprinzipien vertraut machen konnte. Wie anders der jiidische Student. Jeder Zweite ein ausgeprdgtes Intellekt; kritisch zum UeberdruB, nbrgelnd, voraussehend. Ein scharfer Blick, der nicht am Provinzlich-formellen hangt; er ilbersieht die Welt mit den Augen angestammter Universalitat. Was beim deutschen Akademiker „umlernen" heiBt, konnte beim jiidischen als „Neuorientierung" Analogie finden. Er ist ttberall akjrømodationsftthig, nicht ob seiner Heimatlosigkeit,. sondern ob seines ausgepragten Menschheitsinns. Aus der verwirrenden Viel- Tieit der Erscheinungen strebt er nach Erkenntnis geistiger Gesetze die den inneren Zusammenhang bedingen. Wenn dem deutschen Ho.chschiiler die leere, nichtsbesagende Form das Hochste ist, dann bedeutet dem jiidischen Hochschiiler der Inhalt das Wesentliche. So ist es mehr als Zufall, wenn vor mehr als einem Jahr Wiener jtid. Studentenverbindungen nach einmiitigem BeschluB das Fa'rbentragen ablehnte, mit der Begriindung, daB dieser Brauch dem Jiidischen Wésen innerlich nicht zusagt. Wie wird nun rach dieser Skala der Nationalismus in bei den Lagern betrieben? Der Deutschnationale wiister Chauvinist, Slavenhasser, Judenfresser, Sozialistenfeind, abhold jedem Fortschrittsgedanken und ohne Verstandnis fiir Demokratie. Er ist langst nicht mehr Aeone jenes Freiheit-durchgltihten vormarzlichen 48 Stundenten derauf Barrikaden gegen Metternichs Absolutismus ankampfte. Er hat mit der Zeit seine volksflihrende Mission verlernt und geriet ins seichte Fahrwasser des SpieBertums. Der jiidischen Jugend ist der nationale Gedanke Kulturnationalismus; eine originelle Wertung v61kischer Eigenart, die ein grofles Sehnen nach frei sich entfaltender. Menschlichkeit ausdrttckt. Der jiidische Nationalist liest mit derselbén Aufmerksamkeit Kautsky und Sombart wie er seinen Moses HeB und Achad-Haam gelesen hat. Er deklamlert mit derselben Unbefangenheit Dehmel und Verlalne, mit dér | ihn sein Bialik oder Rosenfeld erfreut. Bezeichnend flir diese Vorurtellslosigkeit ist ein Wltz, der besagt, daB antisemitische Biatter die fleifligsten Leser im Judentum finden. Dieses achtbare Kulturniveau trotz aller Knebelung, bildet ein wahres Dokument far den Seelenzustand des jtid. Volkes, in dem die unauskschliche Kraft einer alten Ethik glhnmt. Kein politisches KompromiB und keine auch wie geartete Protestversammlung wttre. imstande diese extremen Erscheinungen akademischen Bodens auszusdhnen. Nicht an uns liegt es, sondern im Willen des deutschen.BUrgertums, den Kernounkt neuer Freiheit- und Menschheitsideale mehr Interesse und Verstttndnis entgegenziibringen, dann werden unliebsame IJniversittttskravalle von selber ausbleiben. 3t*tS, Dr. Weizmann Ober die ilonistische Lage. In einem Interwiev mit einem Vertreter des Jewish Correspondence Bureau London, machte Dr. Weizmann, der FUhrer der zionistischen Organisation folgende AeuBerungen: „Ich erwarte die Festlegung der Details bezfiglich des Mandates ttber Palftstina binnen einem oder 2 Monate. Ich glaube nicht, daB irgendwelche wesentliche Abttnderungen im Texte betreffend das Mandat, vorgenommeri werden sollen. Der Inhalt selbst wird vor der Friedenskonferenz festgesetzt werden, dagegen werden Einzelheiten wie z. B. der Sicherheitsdienst oder der Anteil der Juden in der l.andesverwaltung von den britischen Behdrden in Palttstina geregelt werden. Ich erwarte sonst keine weiteren Schwierigkeiten. Die Imigration wird von c ner JUdischen Kdrperschaft, in welche die Verwaltung ihren Vertreter entsenden wird, kontrolliert werden. Es werden keine Einschrttnkungen bezttglich der Einwanderung von Juden aus ehemalig feindlichen Lttndern gemacht werden." Auf'die Frage, ob dem Mandate welche Grenzen gesetzt worden sind antwortete er: „Nein, der Zeltpunkt fUr die Dauer des Mandates ist nicht festgesetzt. Es ist nur gesagt, daB das Mandat solange in Kraft bleiben wird, bis die Bevdlkerung fiir die Unachttngigkeit reif genug sein wird; hierin wird die Bevdlkerung Palttstinas immer in der Lage sein an den Vdlkerbund zu appelieren." Befragt ttber die Schritte, welche zur Befreiung Jabotinskys unternommen worden sind, sagte er: „Zur Zeit, als Jabotinsky verhaftet wurde, war ich in Pal&stina. Der Angelegenheit wurde damals genngere Bedeutung beigémessen. Jabotinsky allein ersucht mich keine Schritte zu unternehmen. Dessenungeachtet drahtete ich nach London und nach meinera Eintreffen in San Remo urgierte ich bei Mr. Kerr, dem Sekretttr Lloyd Georges. Jedermann, dem ich darttber sprach, war empdrt, daB ein Mann wie Jabotinsky in einer so monstrdsen Weise verurteilt werden konnte. Wie sie wissen, wurde das Urteil seitdem bereits zu 1 Jahre reduziert. Ich werde hier ncch im Laufe der Woche im Kriegsministerium intcrwenieren. Es muB erst nicht gesagt werden, daB1 w ir alles daransetzen werden, um die Befreiung Jabotinskys, der die ausschlieBliche Verantwortung fiir die Selbstwehr auf sich genommen hat, durchzusetzen. Als Pincha Ruttenberg sich fiir die Selbstwehr mityerantwortlich erklttrte, da widersprach ihm Jabotinsky vor Gericht auf das Nachdrttcklichste. Wir Zionisten verlangen jetzt entschieden die Schaff' ng einer jiidischen Legion, oder besser gésagt einer gut organisierten Miliz, da eine Legion r ,,h erfolgter Uebernahme des Mandates nicht meht notwendig sein wird." Beziiglich der Haltung der Behorden in Palåstina gegenilber den Juden ttuflerte sich Dr. Weizmann wie folgt: „Was ich den Behdrden vorzuwerfen håbe, ist, daB sie die Araber ungiinstig gegen uns beeinfluBt haben. Ich meine nicht so durch Worte wie durch ermutigende Haltung, Winke und dgl. Die Araber kamen zur Ueberzeugung, daB s i e im Besitze der britischen Sympatien sind, sonst wtirden sie sich zu Exzessen nie unterstanden haebn. Im ersten Jahre nach der Balfour-Deklaration waren die Araber ganz sicher, daB die Juden die Herren des Landes sind, sie begannen aber bald unter dem EinfluB der Behdrden zu glauben, daB der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechtes s i e zu den Herren des Landes machen wird. Sie gingen so weit, daB sie sich nicht nur einem jiidischeh Staate widersetzt haben, sondern forderten sogar das Verbot der freien Einwandarung fiir Juden. Die Losung der gesamten Propaganda ging dahin, den Einzug der Juden ins Land zt) untersagen und die seit dem Jahre 1918 unter dem F.influsse der Arbeit der * zionistischen Kommission eingewanderten Juden aus Palttstina zu vei "eibeii. Die Administration beabsichtigte bereits tats chlich eine Registration aller seither ins Land gekomi lenen Juden. AlsGch den britischen Behdrden gege: * er den Vorwurf erhoben håbe, daB sie durch solche Handlungen Pogrome provoziere um die Friedenskunferenz zu beeinfluBen, verrieten sie mir die vor den Arabern gemachten AeuBerungen der amérikanischen Kommission, die seinerzeit ttber Palttstina eine Studienreise unternahmen. Ein hoher Offizier sagte mir, daB ein MitgUed der Kommission Mr. Cremes e'klttrt hatte: Drei Gefahren hedrohen den nahen Osten: Bolschewismus, Panislamismus uod Zionismus. Alle diese Gefahren wttrden durch ein und denselben Faktor in Hamburg heraufbeschworen. Ich

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