Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20, •JtWSCBE rOLKSSTUUtlV ScM« 5. c: die vielfachen Themen zu behandeln. Den Juden gegenilber nahm er eine objektive, oft wohJwollende Steliung ein. Behandelte die Judenfrage mit grrtBen Verstandnis, wenn er auch durch Oesellschaft assimi- Iatorischer Juden gegen den Zionismus informiert wurde. So manche Dissertation seiner jiidischen Schiiler lieB er durch die Akademie der Wissenschaften verOffentlichen. Er hatte iiberhauftt an sich etwas von einem Grandseigneur. Nach dem Umsturze war wohl seine Eleganz etwas schåbig geworden, wie bei allen Wienern Elegants. Auch hatten sich Bart und Haare sehr grau gefiirbt. Er konnte sich in die neue Umgebung nicht hereinfinden. Seit cca. 10 Jahren verwitwet, verbrachte er einen groBen Teil seiner freien Zeit am Orundlsee oder in Qmunden. Er war Zugehoriger des ancien regime. Der geborene Hofrat, fiir den in unseren demokratischen Tagen kein Platz mehr ist. Die AthmosphSre war fiir ihn nicht gesund. Auch ein Opfer des Umsturzes. Seine zahlreichen jiidischen Schiiler werden ihm stels ein ehrendes Ange denken bewahren. Rundschau. GroBer Jubel itn russischen Judentum anlSBlich der Entscheidung iiber Palæstina. The Jewish Correspondence Bureau, London meldet: Einem Telegramm aus Helsingfors zufolge veroffentlicht die „Iswestia" die Nachricht iiber die Entscheidung in San Remo, welche sie auf drahtlosem Wege und auBerdem von Reisenden, die aus Firinland kamen erhalten hat. In der gesamten russischen Judenheit herrscht unbeSchreiblicher Jubel. In allen Synagogen werden Gottesdienste abgehalten. Eine Jiidische Flagge iiber Jerusalem. J. C. B. „Le Messin“ meldet, daB Dr. Weizmann, der zionistische Representant, an der Friedenskonferenz die Zusicherung erhalten hat, daB die zionistische Fahne iiber Jerusalem, die Hauptstadt Palæstinas gehiBt werden wird. Ferner meldet dasselbe Blatt, daB die Amerikaner, Oberrichter Louis Brandeis, ein bekannter Zionist und Rechtsgelehrtejj, und Professor Felix Frankfurter sich wahrscheinlich nach Jerusalem begeben werden, um die Verwaltung Palæstinas zu organisieren. Man glaubt, daB ein englischer Jude zum Gouverneur Palæstinas ernannt werden wird.- Das ist bereits geschehen. Sir Herbert Samuel wurde zum Gouverneur ernannt. Verurtellung von Arabern in Jerusalem. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Das Gerichtsverfahren gegen sieben Araber, die an den Ausschreitungen teilnahmen, ist abgeschlossen. Drei von ihnen wurden freigesprochen, zwei sind zu 2 Jahren Gefångnis verurteilt. Da die iibrigen Angeklagten z. B. der Chefredakteur einer arabischen Zeitung und der Briider des Mufti nach Damaskus geflohen sind, konnte das Urteil iiber sie noch nicht verkiindet werden. Gltickwunsche'chrlstllcher Autoriteten an das itidlsche Volk. The London Jewish Corresponednce Bureau meldet: AniæBlich zugunsten des jiidischen Volkcs geldsten Paldstinafrage sind dem zionistischen Zentralbiiro in London sowie dem jiid. Korrespondenzbiiro viele Gliickwunschkundgebungen von bekannten Autoriteten und Vorsteher christlicher Kongregationen zugekommen. So haben der Bischof von Llandaff, der Reverend of the Primitive Methodist Conference, W. H. Hammond und der Reverend Doktor Orchard ihrer aufrichtigen Freude iiber die nunmehr vdikerfechtlich gewåhrleisteten Rechte des jiidischen Volkes seinen alten Staat wiederaufzurichten, auf telegraphischen Wege in herzlichem Tone Ausdruck gegeben. Die eagliscbe Provlnzprcsse fiir das liidlsche Palæstina. J. C. B. Auch die englische Provinzpresse nimmt eine tiberaus wohlwollende Haltung zur Ldsung der Paiæstinafrage in San Remo ein. So schreibt der in Bradford erscheinende „Yorkshire Observer": Kaum irgend eine Nachkriegsnachricht war imstande ein solches Aufsehen hervorzurufen, als die kurze Erkiarung, daB die Machtevertreter in San Remo ins Prinzipe die Errichtung einer nationalen Heimstætte fiir die Juden in Palæstina unter dem Protektorate Englands angenommen haben. Es sieht wohl a/is, als ob viele territoriale Aspirationen befriedigt werden sollen. Die AnsprQche Oriechenlands auf Thrazien und die Inseln, die Autonomiebestrebungen der Balkanvolker, der unausioschliche Patriotismus der Polen, der Kampf fiir ein vereinigtes Italien, die Riickgabe Elsas Lothringen an Frankreich und die Unabhångigkeit Finnlands und den baltischen Staaten. Aber keine einzige dieser Ambitionen, so sehr sie auch Europa im letzten Jahrhundert in Gåhrung versetzt haben mogen, hatte hinter sich die religiose t'eberzeugung, welche die Hoffnung auf eine Riickkchr nach Zion in den Herzen der Juden lebendig erhielt noch eine Literatur und Geschichte, welche dieses Ideal zu einer allgemeinen Sache der Christenheit machte. Es wird sicherlich eines der bedeutsamsten Ereignisse des neuen Zeitalters sein, wenn den Juden die Wiedererrichtung einer bodenstændigen Existenz und geistigen Verfassung in der Heimat ihrer Vorfahren ermoglicht werden soilte. Was mit einer, nationalen Heimståtte fiir die Juden beabsichtigt wird, ist die Sicherung einer freien kulturellen Entwicklung inmitten einer verwandten und traditionellen Umgebung. Wenn dies offenherzig angenommen und weise ausgenutzt wird, kann es zu grofleren Ergebnissen fiihren. Schon die Gelegenheit hiezu ist etwas, worauf die Juden zweitausend Jahre gewartet haben. Die Aktion der britischen „Labour Party" liir das liidlsche Palæstina. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Folgendes Telegramm wurde Ende voriger Woche von den Fiihrern der britischen „Labour Party" an Lloyd George in San Remo abgesendet: „In den diese Woche in London abgehaltenen Versammlungen hatten die^ „Parliamentary Labour Party", das Exekutivkomitee der „Labour Party" und das par lamen tarische Komitee des „Union Traders Congress" Resolutionen gefaBt, welche die britische Regierung an die am 2. November gemachte Deklaration, die Errichtung einer nationalen Heimstætte fiir die Judenheit in Palæstina anzustreben und zu erleichtern, erinnert. Diese Deklaration, welche von Grafen Curzon am 2. November 1919 neuerlich bestætigt wurde, war in Einklang mit den von der britischen Arbeiterbewegung vertretenen Kriegszielen und wurde auch in allen Klassen der englischen Bevolkerung mit iiberaus groBem Beifall aufgehommen. Die erwæhnten Arbeiterorganisationen halten jetzt der britischen Regierung die Notwendigkeit vor, das gegebene Versprechen einztilosen, indem England das Mandat iiber Palæstina unter Aufsicht des Volkerbundes zum Zwecke der Errichtung einer nationalen Heimstætte fiir die Juden dortselbst, iibérnehme. Die „National Commites" schlieBén siclf ebenfalls den bei der englischen Regierung gemachten Vorstellungen an, um sowohl im Interesse Palæstinas als auch des jiidischen Volkes auf die unverziiglicbste Regelung dieser Frage zu drængen." — Unterschriften: J. R. Clynes, Præsident der parlamentarischen „Labour Party". W. H. Hutschinson, Sekretær. H. S. Lindsay, Præsident der „Labour Party". Artur Hen- .derson, Sekretær der „Labour Party Executive". J. H. Thomas, Præsident der „Trader Union Congeress". C. W. Bovermann, Sekretær der „Trades Union Congress". Die rumaniscben Wahlen. J. C. B. Reuter meldet, daB bei der gegenwærtigen Wahlkampagne in Rumænien die Juden eigene Listen aufstellen werden: Sie haben eine eigene Partei gebildet, welche^700.000 Mitglieder zæhlt. ( Lloyd George iiber die Entscheidung in San Remo. J. C. B. „Daily Chronicle" vom 6. Mai meldet: Nach seinem Eintreffen in London hielt Dr. Weizmann eine Ansprache an seine Freunde, die ihn mit Jubel empfingen, in welcher er unter anderem sagte: ..Nachdem der EntschluB betreffs Palæstina an der Friedenskonferenz gefaBt worden ist, sagte zu mir Lloyd George: „Der Anfang ist gemacht. Sie haben erreicht, was sie wollten. Nun ist die Reihe an Ihnen, daB alles gut wird." * Katnmerwahlen in Rumænien. Rumænien steht vor Neuwahlen, In Neurumænien namentlich in der Bukowina werden Judén eigene Listen aufstellen. Um das Senatsmandat bewerben sich die Herren Dr. Straucher und Dr. WeiBelberger, fur die Kammer kandidiert Herr Dr. Mayer-Ebner. Die Partei beharrt auf der Forderung nach einem zweiten iiidischen Kammermandat. Schwierigkeiten in der Personenfrage entstehen nur, wenn das zweite jiidische Mandat i nicht sichergestellt werden kann. SchlieBlich wird ar.ch bei uns der Parteigeist und das nationale Interesse einheitliche Beschliisse moglich macheh. Das Vermichtnls eines britischen Zionisten. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Oktober vorigen Jahres starb in Bringhton Mr. Louis Rosenblum, der ein Vermogen von rund 50.000 Pf. St. hinterlieB. Das Haus mit den dazu gehdrenden Grundstttcken bestimmte er flir eine Erziebungsanstalt jtidischer Waisenknaben, wo hebræisch, als lebendige Sprache unterrichtet werden soli. Fiir die hebræische Universitæt in Jerusalem vermachte er 1000 Pf. St. und iiber den Rest seines Vermogens verfiigte er wie folgt: „Da es mein Wunsch ist, daB die Mitglieder meiner Familie in Palæstina ihtf Heim errichten und vom Boden leben sollen, vermache ich den Rest meines Vermogens dem J. N. F. zum Zwecke des Erwerbes von Grund und Boden in Palæstina um solehen Mitgliedern meiner Familie, welche in gerader Linie von meinem Vater stammen, die sich in Palæstina ansiissig machen wollen, die Moglichkeit dazu zu geben, wobei sie den allgemeinen fiir das Gemeingut erforderlich geltenden Bestimmungen und Bedingungen, sich zu tinterordnen haben. Sir Stuart Samuels Bericht iiber Polen vor dem Vdlkerbund. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Auf eine Anfrage des Mitgliedes R. Mc. Laren im englischen Un.terhaus erwiderte Unterstaatssekretær Harmsworth wie folgt: „Der Bericht Sir Stuart Samuels betreffs seiner Kommission iu Polen wurde sowohl beziiglich der Tatsachen als auch die Vorschlæge umsichtlich der Minoritætsklauseln des zwischen den Alliierten und Polen geschlossenen Friedensvertrages gepriift. An dem Volkerbund, welchem die Ueberwachung der strikten Einhaltung dieser Bestimmungen obliegt, ist es, daB die angefiihrten Verletzungen ihm, als der zustiindigen Stelle, zur Kenntnis gebracht werden. Sr. Majestæt Regierung beabsichtigt daher in Uebereinstimmung -mit den im Friedensvertrage vorgesehenen Bestimmungen, ihren Vertreter im Rate des Volkerbundes zu beauftragen, dén Bericht Sir St. Samuels dem Volkerbundrate in næchster Zeit zu unterbreiten. Einige Taten aus dem Leben des Verleumders Hollosy. Ueber die abenteuerliche Gestalt Sander Holiosys, der als Kronzeuge in der Affaire Low auftritt, veroffentlicht „Egyenloség" am 1. Man eine von der Niederlændischen Lebensversicherungs A. G. Amsterdam. Damrak 74. und der Amsterdamschen Bank, Amsterdam beglaubigte Zuschrift von Erno Goldberg in der es u. a. heiBt: Hollænder Samu recte Hollænder Samuel ist der Sohn eines in Ehren ergrauten Szipser jiid. Lehrers, der seinen vor ca. 7 Jahren aus dem Judentum zum Christentum iiberlaufenen Sohn wegen dessen Verrat am Judentum verstoBen hat. Es entspricht nicht der Wahrheit, daB Hollænder in Belgien sich journalistisch betætigt hat. Er war Beamter einer kleinen Antwerpener Bank, wo er nicht lange verbleiben konnte. Er kam nach Budapest zur Holiændischen Lebensmittelversicherungs-A.-G., von wo er jedoch wegen seiner Unvertræglichkeit fort muBte. Durch Protektion des jiid. Handelsmannes Sandor Kaufmann in Amsterdam, gelang es ihm dann bei der Amsterdamschen Bank anzukommen, wo man ihn ebenfalls nicht lange behielt. Wegen seiner nicht ganz ins Reine gebrachten Affairen entzog ihm der damalige osterr.-ung. Generalkonsul Kiraly Balazs seine Unterstiitzung. Er tauchte dann fiir ganz kurze Zeit bei der Filiale der Rotterdamschen Bank in Amsterdam auf und verheiratete sich in Budapest mit der Tochter einer jiidischen Witwe. Nach mehreren miBgliickten Versuchen gelang es ihm fiir kurze Zeit bei der ungarischen Agrar-Bank in Budapest einen Posten zl erringen. Da brach die^ Revolution aus und er s'ellte sich unter dem Regime Karolyis als der Pressereferent im Ministerium des AeuBern vor. Auch diese Herrlichkeit war nur von kurzer Dauer. Die Wahlen lu den Htauischen Grundungs-Sejm. Bei den bisher vorgenomménen und noch nicht ganz zu Ende gefiihrten Wahlen in den litauis<?hen Griindungs-Seim diirften die Juden, Kandidaten des Jhdischen Nationalrates, nach vorlæufiger Zusammensteliung 6 Mandate errungen haben u. zw. 2 im Kownoer Kreis, wo die Juden cca. 12,000 Stimmen aufbrachten, und le 1 in den Kreisen Mariampol, Poniew-