Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ScH« 9, v * *-«-*-* , *-‘~ . Nr. 21. 2. B e t h 1 e>h e m. Friede herrscht, mitten im Getose der Waffcn, im Oefilde Judas, dort wo das Stådtchen Bcthiehem liegt. Es wogen die goldenen Aehren auf den Feldern, iiber ihnen briitet die heiBe Sonne Judas. Flei- Big regen sich die Hånde der Schnitter, es klingt die glånzendc Sichel, lustiger Gesang der Arbeitef ertont. Und hinter den Schnittern einher schreitet eine Frau. Aus der Ferne kam sie, Liebe und Treue geleitete sie, auch an ihr wurde des Herrn HerrJichkeit offenbar. Was ist Rut, die Liebe und Treue. Die rohen Schnitter storen sie nicht, die Fremde, in ihrem Tun, sie iiben das Werk der geoffenbarten Lehre, die verlangt, die abgefallenen Aehren den Armen und Bediirftigen zu iiberiassen. Die Offenbarung nimmt sich des Gottesvolkes an, das sind die Armen. Sie ruft zu sich alle Bedriickten und Belasteten, erhebt, trflstet, erquickt sie. Keine neue Religion muBte aus Judas SchoBe hervorgehen, uin uris zu offenbaren, was Liebe ist. Das horten wir. bereiis am Sinai und iibten Liebe und Treue immerdar. Den Fremden als Menschen zu bchandeln, sich des Bedriickten anzunchmen, den tyrannisch verfolgten Sklaven nicht auszuliefern, das ist unsere Offenbarung. Sprechet uns nicht von Ethik. Sie hat Millionen zur Schlachtbank gefiihrt, auf blutigen Schlachtfeldern Millionen der Selbstsucht und dem Ehrgeize der Tyrannen geopfert, Witvven und Waisen jammern ihren Ernåhrern nach, und, — von moralischen Reden iibertriefen die Zungen. Von unserer Offenbarung aber heiBt es: ,.Ihre Wege sind Wege der Anmut, und alle ihre Pfade Friede." Rut bsdeutet Friede, Menschlichkeit und Briiderlichkeit, und sie vermåhlt sich mit Boas, der Kraft und geistigen Starke. Aus dieser Ehe wird der Erloser hervorgehen, der uns von alfen Banden der Knechtung, von allen Fesseln der Sklaverei befreien wird. Das ist unsere Hoffnung, die uns seit dem Tage am Sinai nicht verlassen hat, sie richtet uns auf im Galuth. Bald kommt er der Tag, da die Sicheln jiidischer Arbeiter wieder erklingen werden auf den Gefilden Bethlehems und des Herrn Herrlichkeit wird an seinem Volke offenbar. 3. Babel. Am Strome Kebar, an den Weiden Babels weilen sie die Trauernden Judas und in ihrer Mitte erhcbt sich die Gestalt des starken Propheten, des hellen Sehers, die Personlichkeit Ezechiels. Ihm offenen sich die Himmel und eine neue Offenbarung leuchtet ilirii. Nicht dtirres Gebein ist sein Volk, mag es auch in der Fremde weilen, die Verbannung konnte keine Vermoderung dieser alten, ewig jungen Nation bewirken, denn sie wird belebt durch den Geist des Herrn, durch das Licht der Offenbarung. Vblker mosten sterben, der Geist stirbt nicht. Das Licht des Sinai erlischt nicht, die Liebe, die sich in Rut verkorpert, geht niemals unter, sie leuchtet auch im Exil und Ezechiel der Starke, er sieht ein neues Jerusalem erstehen, ein glånzendes Zionsheiligtum offenbart Schmiile wurde herbeigeholt und kam, nichts bdses ahnend, in die Kliche. „Schmiile hast du schon gedawent."5) „Schon vor einer halben Stunde", gab er zur Antwort. „Hast du schon Kaffee getrunlcen." „Nein", antwortete Schmiile. „Dann trinke rasch deinen Kaffee, du muBt einen Korb mit Gebåck wegbringen." Schmiile nahm die Kaffeetasse und wollte diese, wie alltåglich, in die Backstube tragen und dort friihstiicken. „Hier bleibst du", sprach mein Vater, „und trinkst deinen Kaffee." Schmiile war aber nicht zu bewegen, die Kaffeetasse an den Mund zu flihren. Mein Vater beharrte auf seinen Befehl, Es blieb dem guten Schmiile nichts anderes iibrig, als zu gestehen, daB er vor einer halben Stunde Fleischiges gegessen und Milchkaffee nicht trinken durfe. Nun wurde Frau Kaiser aus dem Nebenzimmer gerufen, Schmiile muBte um Verzeihung bitten und durfte sich, nach Anhoren einer långeren Moralrede seitens meiues Vaters, wieder entfernen. Frau Kaiser wurde schadlos gehalten. Die acht jiidischen Påtsch,6) die Schmiile am folgenden Donnerstag von seinem Vater in Empfang nehmen muBte, der anlåBlich des Wochenmarktes am genannten Tage in W. war, wirkten nicht lange nach. Schmiile blieb nach wie vor zu lustigen Streichen aufgelegt. (Fortsetzung folgt.) J) Talmudjiinger. 2) Zimmer; Winkelschule. 8) Verzeihen sie tausendmal. 4) Verdåchtigen einen Unschuldigen. 6X Gebet verrichtet, °) Qfirfeigen, »JtJBtSCin! ffOUCSSTflKME.” sich seinem Seherauge, zu ihm wallen wieder empor die frommen Pilgerscharen, herfliche Friedensgesftnge ertonen aus ihrem Munde, Lieder des Friedens, Gesånge der Liebe, Psalmen des Dankes. — Auch das Galuth konnte Juda nicht umbringen. Was hat es nicht in den traurigen Exilszeiten erlebtl Volker sind untergegangen, Reiche verschwunden, Throne geborsten, Tyrannen gestiirzt. Und dieses kleine jtidische Volk, das am kleinen Sinai seine Offenbarung erhielt, besteht fort. Und wird fortbestehen. Es feiert an diesem Offenbarungsfeste seine Wiedergeburt, die einstens Ezechiel an den Stromen Babels verkiindete. Welch’ ein Hochgefiihl erfiihlt uns, wenh wir selien, wie urisere Jugend das Ideal unseres Volkes hochhålt, das Alte oft verleugneten. Nein, ein Volk kann nicht untergehen, in dem der Geist waltet. Das ist der Geist der noch heute unsterblich waltet, der Geist Geist ists, der am Sinai donnerte, in Bethlehem sich als Liebe und Treue kundtat, der Geist der uns geleitete nach Babel und die Lander des Galuth, der Geist der noch heute unsterblich watlet, der Geist der Offenbarung. Dr. M. Griinfeld. Schebuot. Von Marek S c h e r 1 a g. Ein Tag der Mulie war’s der Miihe, die nicht Freude und nicht Friichte bringt. Und schweren Herzens saB ich so am Abend und sann.... Was sinnt und spinnt man an solehen Abenden, wo das Dunkel durch die Scheiben drilckt und sich wie ein Alp auf die Seele legt? Die miide Seele! Wie flog sie einst adlerstolz zum Himmel auf! Und nun? Jeder Tag des Lebens schnitt mit eiserner Schere und stiirzte grinsend meine Jungen Schwingen. Wie wird das enden? Das Dunkel schweigt und wåchst... Dem flttgellahmen Vogel bringt die Nacht weder Trost noch Traum- So" wird mir denn schwer und bange und es beginnt mich zu frosteln — da geht die Tiir auf und ein Lichtschimmer wirft seinen Streifen bis zu mir, wie einen frohen GruB. „Was machst du hier allein im Dunkel?" Es ist meines Kindes Stimme. Wie heller Lerchenschlag am Friihlingsmorgen ist ihr Klang. — Ich kenne eine Gebirgsgegend, wo eine seltsamer Brauch herrscht: Wenn der Himmel umwolkt wird, låflt man die Glocken erschjillen. Man sagt, daB die Wolkcn vor den Weilen der Tone fliehen, wie gescheuchtes Wild. . . . „Kommst du nicht, mir helfen? Ich schneide schon das zweite Dutzend aus." Mit diesen Worten tritt der Junge in mein Zimmer und nimmt mich an der Hånd. Und ich folge ihm ins Licht und weiB noch Immer nicht, was er mit dem zweiten Dutzend meint. Aber jetzt håbe ich es: Die weiBen Papierstreifer und Schnitzel, die auf dem Tisch liegen,' und die geflochtenen Gebilde aus Papier rufen es mir in Erinnerung. Hab ich doch selbst gestern meinen Jungen auf diesen Gedanken gebracht, Papier-Roselein zu machen, um die Fenster fiir Schebuot zu schmiicken. „Was ist das Schebuot", hatte er da mit der unschuldigsten Stimme gefragt. Die Antwort versprach ich ihm zu geben, wenn er mit mir in die Au ginge, Reisig zu lesen, BHtyter und Zweige zu sammeln und grUne Krånzo zu pinden. Das soilte abermorgen geschehen. Heute unterwies ich ihti trotz . meiner Ungeschicklichkeit noch ein wenig im Papierschneiden und sah befriedigt, daB meine Fingerzeige nicht vergeblich waren. Dann zog ich mich zurttek. Ein unaberwindlicher Drang zu tråumen trieb mich wieder in meine Stube, die mir jetzt trotz der ^Dunkelheit héimlich und traulich erschien. Helle Tråume wollte ich spinnen. Denn nun wuBte ich es: hell wUrden meine Tråume sein, da mein Kind sie wachgerufen hatte, licht miissen sie sein, da sie sich an ein lichtes Wort knUpften: Schebuot. Was liegt nicht alles fiir mich in diesen Silbenl Lang ists her.... Es war ein wundervoller, heiBer Maientag, der schon des Sommers Fulle ahnen lieB. GroBvater ftihrte mich an der Hånd iiber die schmale Brticke an ein schattiges Uferplåtzchen, wo auf dem Rasen uilter den Weiden einige junge Manner kauerten. Wir geseliten uns zu ihnen und blickten unter die BiUcke, wo einige nackte Gestalten aus dem Wasser wie Marmor leuchteten und sich dann und wann im grflnen Schilf verloren, um dann schwimmend und jauchzend zum Vorschein zu kommen, als waren sie die gliicklichsten schåtzebeladenen Taucher. Und wirklich hoben sie jedesmal ein Biischel Schilf aus der Tiefe und warfen es in weitem Bogen auf den Rand des Flusses. „Nun wirst auch du das Gråne fiir Schebuot holen", sagte zu mir der GroBvater. „Ich kann doch nicht schwimmen", wagte ich einzuwenden. „So wirst du es lernen. Ein Bub von neuen Jahren soilt’ schon schwimmen konnen." Nach einer Weile waren wir beide im kåhlen Wasser. GroBvater war ein riistiger Mann, nahe der Fiinfzig, abgehårtet und ein vorziiglicher Schwimmer. Meine erste Schwimmstunde war nicht die angenehmste meines Lebens. Wie ein Fischlein plåtschte ich zwar munter an der Oberflåche, so lange ich Uber GroBvaters Arm gespannt lag, aber wie eine Bleikugel sank ich hinab, wenn er seinen Arm wegzcg. Und er tat es oft. „Du muBt schwimmen", schmunzelte er, „du muBt nach dem GrUn mit eignen Hånden langen." Damals groilte ich ihm im Stillen — heute begreife ich den Sinn seiner Worte. Denn wie freute mich nachher das Schilfbundel, das ich wie ein Sieger nach Hause, trug, und wie wohl tat es mir, so mit eigenen Hånden die langen Halme und Stengel auf den Pfad vor dem Tor zu streuen, als solite da einer kommen, dem man Hosianna entgegenjauchzen mochte.... .Er naht mit leuchtenden Augen und will in unsern Herzen lesen. Unsere Herzen tragen Blumen, die sich der Sonne offnen... Wo sind sie? ... Sieh! An die Scheiben schmiegen sie sich wie Lippen- Auch die Blumen waren mein Stolz. Ich selbst hatte sie mit GroBvaters Schere so kunstvoll’ aus weiflem Papier geschnitten .... WeiBes Papier, ein unbeschriebenes Blatt — das ist des Kindes Herz. O, wenn ihr darin zu schreiben verst 'ndet, die ihr die Kleinen leitet! Mein GroBvater hat es verstanden, glaube ich, und nie vergesse ich seine Worte, die er am Pfingst-' tag wie weiches Salbol in meine Seele goB. Das waren nicht Worte. Bilder waren es, flammende Bilder. ... Den Horeb sah ich und den Sinai und einen leuchtenden Mann, dem man Hosianna entgegenjauchzen mochte. Ueber Dornbilsche waren seine FtiBe geschritten, und dennoch war kein Zucken in seinem Antlitz. Und klar und selig ward mein Herz und neigte sich dem Nahenden und zitterte vor Verlangen, ihm den Weg zu lindern, jeden Dorn von seinem Pfad zu nehmen und weiches GrUn ihm zu FOBen zu streun, daB er leicht und weich in unser Haus trete... Denn drinnen waf noch Dunkelheit. Wenn aber sein Auge hineinleuchtete, dann ward es, wie wenn Sonnengold sich in graues Spinngewebe verfångt... Das graue Netz lost sich in Strahlen auf, das Netz unsers Dunkels zerreiBt. Und die Hoffnung glånzt... Er wird noch einmal kommen. Und wie< er wird seine Stimme sein, wie sie war, als er die Worte sprach: „Wenn die Sichel anhebt in der Saal solist du feiern ein Fest dem Ewigen, deinem Gotte eine Darbringung der freiwilligen Gabe deiner Hånd. ’Tnd freue dich vor dem Ewigen, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und der Fremdling und die Waise und die Witwe, an dem Orte, den erwåhlen wird der Ewige, daselbst seinen Namen thronen zu lassen." GroBvater war ein fromer Mann. Er fOhrte eine verzUckte Sprache, wenn er von Meschiach tråumte. Er glaubte heilig daran, daB einer kommen werde, das jiidische Volk aus dem Golus zu befreien und es ins alte Vaterland zurttek zu ftthren. Er glaubte daran, daB das Volk auf dem heiligen Boden seinen Tempel wieder aufbauen werde, um darin die Erstlinge der Saat von den eigenen Feldern Gott darzubringen und ein helles Schebuotfest zu feiern. Diesen Glauben hinterliefl er mir. Es ist mein teuerster Erbe. Und seine Worte: „Du muBt nach dem Gr tin mit eigenen Hånden langen", lieBen mich einen Schritt weiter gehen. Es war der Weg zu dem Zionismus, der eben sein erstes Werben hielt und die helle Losung zur Selbstbestimmung und zur Selbst« hilfe gab.... So håbe ich mein Erbe vermehrt.- Ich glaube. Mein tiefer Glaube an des Volkes Erldsung ist es, der mir das dtistre Dunkel hellt und Trost und Traum mir bringt. Meiner £eele gibt er Schwungkraft wieder, daB sie ihre Schwingen regt und iiber Nacht und Ne«