Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-05-20 · Heft 21 (20.5.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 21 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622090--4361-2625652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Scfte 2. jcbbche founsnwn.’ Nr. 21- Das Zlel.* *) II. Wenn ich nicht in den von mancher Seite geforderten und geforderten Jubel fiber den Erfolg von San Remo einstimmen kann, so ist es nicht deshalb, weil ich etwa den politischen Erfolg, den uns diese Konferenz gebracht hat, nicht genug hoch einschåtze. Im Qegenteill Ich bin, wie so viele Zionisten der ersten Zeit tief dankbar, daB ich diesen politi« schen Sieg unserer Sache erleben durfte. Es war im Jahre 1898, als H e r z l in einer Riesenversammlung in der Oreat Assembly Hall in London sagte: „Ich will Ihnen kein Bild der Heimkehr malen, sie selbst wird ja bald beginnen. Ich darf Sie dessen versichern: Wir halten nicht mehr weit von dem Zeitpunkte. Ich weiB wohl, was ich sage, ich håbe noch nie so bestimmt gesprochen. Heute erklare ich Ihnen: Ich halte die Zeit nicht mehr ffir weit entfernt, da das jfidische Volk sich in Bewegung setzen wird.Ein Versammlungsteilnehmer berichtete fiber das Meeting und fiber H e r z 1 s Rede unter anderem: „Die Seelen dieser Riesenmenge hielt der einzige Mann in seinen Hånden, und dureb den Hauch seiner selten sich erhebenden Stimme konnte er mit diesen Seelen machen, was er wollte. Die Gedanken aller dieser tausende Frauen und Manner monopolisierte er .. Und 22 Jahre muBten vergehen, ehe dieses Wort H e r z 1 s, der damals Ursache hatte, so Unerhortes zu verkfinden, sich in San Remo in seinem politischen Teil erffillte. Man hat spater H e r z 1 wegen dieser AeuBerung heftige Vorwiirfe gemacht, obgleich sie nach dem Stande der Dinge zur Zeit, da er sie machte, berechtigt schien. Und H e r z 1 nahm diese Vorwiirfe als begrundet hin, weil er, der sonst so Bedachtsame, allen åuBeren Effekten sonst aus dem Wege gehendd Mann, sich sagen muBte, daB ein Wort von so prominenter Stelle sorgfåltig erwogen werden miisse, ehe man es in die Massen werfe. Ich meine, wlr haben alle Ursache, uns heute dieses Geschehnlsses zu * erlnnern, und die Entwicklung der zidnistischen Bewegung bis heute sorgsam zu erwagen. Es werden uberall Gottesdienste, Feiern und Versammlungen veranstaltet. Das ist recht. Seien wir demutig! Sagen wir uns und den anderen, daB der grofle Kampf der Volker unser Geschick entschieden hat, daB England uns wohl will, ganz abgesehen davon, ob dies in seinem politischen Calcul liegt oder nicht. Vergessen wir nicht, daB wir das Mandat Englands und die Gewåhrung der nationalen Heimstfitte vor allem einer bestimmten politischen Konstellation und ganz besonderen Maehtverhåltnissen und Machtanspriichen verschiedener Regierungen verdanken. *) Siehe.: Die „Jfidische Volksstimme“, Nr. 20 vom 13. Mai 1920. rat holen?“ Das Letztere war verlockender. Schmiile war von raschen Entschlfissen. Gedacht, vollffihrt. Er offnete den inneren Fensterfliigel, schob den Schubriegel des åuBeren Fensters zurfick und schlofl das innere Fenster wieder zu. Auf der Strafle konnte niemand etwas merken und bevor die Benedetin sich in Bewegung setzte, stand Schmiile bereits an der Verbindungstiire, welche zur Kfiche ffihrte und rief mit lauter Stimme: „Frau Bendetin kommen Sie rasch herein, ich håbe es heute eilig." Die Nacht war hefeingebrochen, bei Reb Bendet war das Schankzimmer schon erleuchtet, die Vorhånge heruntergelassen; die finstere Gasse, in welcher Reb Bendet wohnte, war menschenleer. Flugs offnete Schmiile den nur angelehnten åuBeren Fensterflfigel, nahm die Stange mit Wursten, einige Stficke geråuchertes Fleisch, warf alles in den mitgebrachten Korb es war das Werk weniger Augenblicke — lehnte das Fenster wieder zu und Wfirste und Rauchfleisch sah Reb Bendet niemals wieder. Schmiile ubergab die Beute dem Weiflmischer, der um die Ecke herum mit der leeren Weinflasche auf ihn gewartet und ging schnurstracks zu Reb Bendet, um Wein und Wfirste zu holen. Er betrat die Schankstube ganz unbefangen, rieb die Augen wie schlaftrunken. „Warum heute noch so spåt“, fragte Reb Bendet, „du schlåfst ja sonst um diese Zeit schon ein paar Stunden, es ist ia sechs vorttber und um 10 Uhr muflt du ja wieder aufstehen." „Unser WeiØmischer hat heute Namenstag, den er bei einer Flasche Wein feiern will und ich muflte aus dem Bette heraus, um diesen und das Nachtmahl herbeizuschaif#n.“ Nehmen wir es mit Dankbarkeit an, daB die sozialistische Internationale, daB die Vertretung der englischcn Arbeiterschaft unserc Ansprfiche auf die nationale Heimståtte anerkennt und unterstfitzen will. Das ist mindestens ebenso wertvol! als die Bedingungen des Friedensdiktates fiir die Tfirkei, das auch die Balfoursche Deklaration enthålt. Feiern wir das groBe Geschehnis, daB auch dem Jtidenvolke von den Volkern Gerechtigkeit gezeigt wird, u. sagen wir es in allen Versammlungen allen, die dorthin kommen, dass eine grosse, bedeutsame Zeit zu kommen beginne. Aber sagen wiv nicht mehr! Sagen wir vor allem, daB unser Anteil an dieser Aenderung ein geringer ist, ein so geringer, wie er eben einem kleinen und nicht einmal einigen Volke entspricht. Dann wird die Arbeit unserer zionistischen Leitung erst voll gewertet und allen klar gemacht werden konnen, was man von ihnen verlaugen darf und unbedingt verlangen mufl. Hfiten wir uns eine Hurrahstimmung zu erwekken! Das Geschehnis ist so ernst, die Folgen, die wir erwarten, so ungeheuer, daB wir nur in den bescheidensten Worten davon sprechen sollen. Die Verantwortung der zionistischen Leitung ist groBer als sie iemals war. Sie wtirde zu einer unertråglichen Verantwortlichkeitslast, wenn man die Ungeduld der Massen durch Aussichten noch anstacheln wollte, die sich der ganzen Natur der Sache nach, nur allmåhlich erffillen konnen. Wir mfissen auf groBe Storungen des zionistischen Aufbauwerkes gefaBt sein. Nicht nur auf Storungen politischer Natur; denn die heutigen Machtverhåltnisse konnen nicht dauern. Gerade wir juden hassen jede Gewaltsamkeit und predigen seit Jahrtausenden, selbst wenn wir schweigen mfissen, den Kampf gegen Unrecht und Willkfir durch unser Schicksal allein. Was aber bisher an „Friedensvertrågen" erwuchs, ist Gewalt und ist Willkfir. DaB wir vielleicht daraus Vorteile ziehen konnen, darf uns nicht so verblenden, daB wir nicht erkennen, daB Gewalt wieder nur Gewalt erzeugen mufl und HaB immer wieder nuf HaB. Deshalb mfissen wir in der Bewertung der Konferenz von San Remo vorsichtig sein, auch wenn wir dabei der Begeisterung von Mitlåufern Abbruch tun; denn nur bei denen konnte das geschehen. Wir anderen wissen, daB unser Werk ein langwieriges und schwieriges ist. Wir werten aber die åuBeren Bedingungen nicht hoher als sie es verdienen. Auf das jfidische Volk kommt es In erster Linie an, auf seine Entschlossenhelt, wieder eln wahres Volksleben zu ffihren, auf seine, iibrlgens im Lelden tausendfach erprobte Standhaftlgkeit, auf seinen Frefheltswillen, auf seinen EntschluB, lieber das Aeufierste zu wagen, um in Ehren und Gerechtigkeit zu leben, als in Unfreiheit, Unehre, Rechtlosigkeit und bestialischem HaB zu verkommen. Das ist das Wichtige, das nur das Entscheidende. SanRemo oder irgend eine andere Gelegenheit kann nur åuBere und oft rasch vergångliche Bedingungen schaffen, nicht mehr. Reb Bendet ffillte die Flasche. Wer. malt aber seinen Schrecken, als er den Vorhang bei Seite schob, das innere Fenster offnete, um die Wfirste heraus zu nehmen. Nach langem Suchen und Tasten fand Reb Bendet daB das åuBere Fenster nicht verschlossen war. Seine Frau muBte eine Flut von Schimpfworten fiber sich ergehen lassen, sie, so meinte Reb Bendet, håbe den Schaden verschuldet, weil sie nach dem Lfiften, das Fenster zu schlieBen vergessen. Alle Beteuerungen der Bendetin, daB der AuBenflfigel beim Reinmachen nicht geoffnet wurde, ja daB sie sich beim Hereinhangen der Wfirste iiberzeugte, daB das Fenster fest verschlossen, blieben fruchtlos; Reb Bendet lieB sich von seiner Meinung nicht abbringen. Der Verdacht fiel auf verschiedene Bewohner von W., nur an Schmiile, der in Bendets Wehklagen mit einstimmte und eine sehr betriibte Miene zur Schau trug, dachte Bendet nicht. In der Backstube meines Vaters ging es an jenem Abend hoch her. Lukull war bei Lukuli zu Gast geladen. Als aber mein Vater um 10 Uhr abends die Backstube betrat, um Gesellen und Lehrjutigen zur Nachtarbeit zu wecken, merkte er nichts; die Leute schliefen ’friedlich und schnarchten wie die Dampfsågen. Im Laufe der Zeit håuften .sich aber gegen Schmiile die Klagen, bald erschien diese, bald jene Frau bei meinem Vater und beschwerte sich, daB Schmiile die Begriffe zwischen mein und dein zuweilen verwechsle und in unbewachten Augenblicken sich an fremdem Gute vergreife. Gansleber, Oansschenkel, oder gebratenes Huhn hatten es ihm angetan; auch guten Mehlspeisen war er nicht abhold. GewiB, wir wollen sie nicht vetnarhlåssigen und wollen, was wir auf dem Wege der Gerechtigkeit durch sie crreichcn konnen, auch zu erlangen suchen. In diesem Sinne konnen Wir auch den Tag von San Remo feiern und uus seiner freuen. In keinem anderen. Woran wir aber immer wieder mahnen mfissen, das ist unsere Oberzeugung, daB nur wir selbst uns selbst zu affertiefst und allerletzt helfen konnen. Und auch das nur, wenn wir alle, die das Leben unseres Volkes und die Wiedererstehung Zions wollen, getnelnsam arbeiten. Dr. Siegtnund Werner. Offenbarung. (Schebuoth 5680.) 1. S i n a i. Es flammen Blitze, es roilt der Donner. Die Stimme des Herrn erdrohnt in der Oede und kfindet Freiheit, Liebe,Gerechtigkeit, Wahrheit. Noch decket Dunkel die Volker, Finsternis umgibt die Nationen, fiber Israel erstrahlet das Licht und die Herrlichkeit des Herrn wird fiber ihm offenbar. —- Der kleinste der Berge in der Sinaiwiiste wurde auserwåhlt, er hatte den anderen Hohen den Rang abgenommen, daB auf ihm und von ihm aus der Mensch gewiirdigt wurde, gottliche Reden zu horen. Nicht måchtige Pharaonen sind es, keine gewaltigen Volker, tyranische Nationen, die nur zu unterdrfickefi und zu unterwerfen verstehen, an die das'Gotteswort ergeht. Die kleinste der Nationen, kaum, daB sie die Sklavenketten von sich geschiittelt, wird der Offenbarung gewiirdigt. Moses, der erste Freiheitsmann, der erste und vielleicht der einzige wahre Volksmann und Ffihrer des Volkes, steigt zum Herrn empor und der Herr låBt sich zu seinem Volke hernieder. Das Gottliche und Menschliche vereinigt sich am Sinai zum unloslichen Bunde, zum unzerreiflbaren Bande. Das ist Ewigkeit, das bedeutet Unsterblichkeit. Mogen die Kinder der Weit die zehn Worte deuten, magen Zweifler sie bekritteln, mogen sie auf die Systeme der Denker hinweisen, n i e werden sie es aus der Weit schaffen, daB diese Offenbarung am Sinai den unzerstorbaren Grund legte ffir alles, was Recht und Wahrheit bedeutet, daB dort in der Wfiste zum erstepmale das Wort der Liebe und Treue ertonte. Und* es hat alle Machthaber der Erde fiberdauert, es hat den Grund gelegt ffir all’ das, was man Kultur nennt. Preiset Plato, rfihmet Aristoteles, uns geht die geoffenbarte Wahrheit am Sinai fiber "alles. Dort erst wurde Israel zum Volke, dort wurde es sich seines Nationalgedankens bewuBt, das Licht zu werden ffir Menschheit und Menschlichkeit. Dort strahlte es auf in der Steppe, leuchtete im Dunkel: das Licht der Offenbarung. Doch in flagranti wurde Schmiile niemals erwischt und er verstand es, so beharrlich zu leugnen, daB mein Vater den Klagen keinen rechten Glauben schenken konnte. „Mein Schmiile**, so pflegte der Vater den Beschwerdeffihrern zu sagen, „macht so etwas nicht. Seien sie elef peomim mauchel3), ich bin ihm noch auf keine Veruntreuung gekommen, und sie sind chausched bikscherim.**4) Schmiile konnte sich aber auch vom Galgen herunterreden, die unschuldvollste Miene, die er stets zur Schau trug, kam ihm dabei zu Gute. Einmal wurde er aber doch Uberffihrt! Es war im Winter, am Rfisttage eines Sabbat, mein Vater hatte eben seinen Morgenkaffee getrunken, da stfirmte dié arme Kaiserin — so wurde die Gattin des Jakob Kaiser genannt, weil er ein blutarmer Sensal war und sein Name, sowie Titel, der Inbegriff unermaBlicher Schåtze — in die Kfiche, sie vergaB den MorgengruB und rief mit trånenerstickter Stimme: „Reb Se!ig“ — so wurde mein Vater genannt — ihr Lehrbub hat mir zwei Gansschenkel und eine Gansbrust, unser ganzes Schabbosessen gestohlen. Es hat kein Fremder unsere Wohnung betreten. Mein Mann war in der Synagoge, sie haben ihn la dort gesehen. Ich håbe dem Schmiile die verschlossene Haustfire geOffnet, muBte aber meine Geldbdrse aus dem Zimmer holen, um die Semmeln zu zahlen, diese Zeit hat Schmiile benutzt, um das Schabbosessen, welches im Schranke im Vorhause stand, verschwinden zu lassen.** Die arme Frau dauert meinen Mann und er bat sie, in das Nebenzimmer zu gehen, bis er Schmiile einem Verhdre unterzogen. ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.