Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSSTIMME Bezugspr else: halbjahrig. . C. K 20.— ganzjåhrig. . n 40.- DeutschOsterrelch. Kronen 5tk— Deutschland, ganzjahrig .... . Mark 25.— Redaktion u. Administration: BrUnn, Krapfeng. 19. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzlg. Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum 5. K—‘30. Unverlangte redaktionelle BeitrUge werden nicht honoriert. Manuskripten ist RUckporto beizufflgen. Jahrgang XXI. Briinn, 20. Mil 1920. 3. Slwan 5680 Nummer Schekel. Zeman matan TauroBenu "nennt die Bibel unser Pfingstfest. Das Fest der Qesetzgebung, das Fest der Offenbarung. Im Vordergrunde dieses Festes, an dem nach Qoethe Feid und Wald bliihen, steht die grandiose Qestalt unseres Qesetzesgeber M o s i s. S c h e w u o t h ist somit der Anfangspunkt unserer ganzen Qeschichte, denn es sind die Tage, die mit der Schaffung der Bibel verknUpft sind, mit dem Beginne jiidischer, mit dem Anfang menschlicher Geisteskultur uberhaupt. Und das ganze Gesetz, die ganze Thora zieht an uns voriiber. Alle Gesetze der sozialen Gerechtigkeit, der Mensqhlichkeit, der Ethik haben ihren Ursprung im SchewuauBfeste. Niemand noch hat die Gestalt Mosis bildlich der Nachwelt besser erhalten, denn der.erhabene Geist Michelangelos, niemand. seinen Geist fUr immer besser bewahrt, als die 5 Biicher, die dem Meister selbst zugeschrieben werden. Und kein geringerer, denn der Amerikaner Henry George versucht immer und immer wieder in den Geist dieser 5 Biicher einzudringen und der Welt zu zeigen, wie schon vor vielen Tausenden von Jahren ein jiidischer Feuerkopf die soziale Ungerechtigkeit dieser Welt erfaBt hat, und sie durch soziale Gesetzoebung, wenn nicht 7ii vernichten, so doch zu mildern. Solch Gesetz der Gieichheit ist auch das Gebot des Schekels. Parsches- Sch’kolim ist zwar schon voriiber. Die Zeit in der im alten Juda die Schekelsteuer gezahlt wurde, — wobei es hieB der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger, damit jeder Jude sehe, „daB in Gieichheit nur auf Erden arm und reich geboren werden, die der gleiche Tod begehrte" — ist schon l&ngst vorbei. Doch gibt uns das Schewuothfest Gelegenheit, uns auch dieses Gesetzes zu erinnern und, wir konnen es um so mehr tun, als wir dieses Gesetz, im heurigen Jahre noch nicht erfiillt haben. Ein Zug der altbiblischen demokratischen Gefechtigkeit ist auch im Zionismus haften geblieben. Auch ftir uns gilt Schekel als einheitliche Steuer, und gerade wir Juden der Cechoslovakei haben die Verpflichtung, uns in diesem Jahre ganz besonders dem Schekel zu iwidmen. Der kieine KongreB steht vor der Tiire. In friiheren Jahren der Auftakt, die Ouvertiire des groBen Kongresses, der auch diesmal nicht mehr lange auf sich wird warten lassen. Und nie noch, seitdem das Baseler Programm geschaffen wurde, hatte irgend eine zionistische Beratung solche Bedeutung fur das gegenwSrtige und noch mehr das zukUnftige Judentum, wie in diesem Jahre. Vor 7 Wochen sagten wir noch Jeschonoh haboh“. Aber es ist fruher geworden, in den sieben Wochen der „Sefiroth“ ist die groBe Offenbaiung gekommen. Die „Geulah", die Erlosung. Theodor Herzl wUre heuer 60 Jahre alt geworden. Die groBe stolze Gestalt des groBten Juden der Diaspora wSre noch' grofier -geworden. Alle Ndrgler, alle Kritiker wSren verstummt, denn Herzl wiire am Ziele. Nein er ist am Ziele! Aber wir stehen vor der Arbeit. Vor der groBten Arbeit der Diasporajudenheitsgeschichte. Dem erlosten Volke das Heim zu schåffen. In solch hochbewegten Zeiten ist es uns Juden leicht Opfer fUr unser Judentum zu bringen, sofern man Uberhaupt die Zahlung des Schekels als Opfer auffassen darf. Vielmehr konnten wir sagen, sie sei unsere Pflicht. Die zionistische Organisation als anerkannte Vertreterin des judischen Volkes der ganzen Welt ruft dem jUdischen Volke zu: Zahlet den Schek e l. Denn die zionistische Organisation will der FEUILIÉT0N. F. RICH. HEINSCHEL: SchmUle. Sein Familienname ist mir entfallen, oder ich håbe ihn vielleicht niemals gewuBt; im Hause meiner guten Eltern wurde er SchmUle genannt. Er stammte aus einem guten, frommen Hause, aus einem Dorfe in der NUhe von W. SchmUle stand mit dem Bachur1), der ihm die Mysterien des Talmud erschlieBen solite, auf KriegsfuB und war froh, daB er das Cheder2) mit der Backstube vertauschen konnte; SchmUle~kam zu meinem Vater in die Lehre. ScjwnUle war kein Ausbund von Schonheit.; klein, rothaarig, mit SommersproBen besat, so groB wie die alten Vierkreuzerstucke, aber der Schalk saB ihm im Nacken, die hellstrahlenden Augen verrieten Klugheit und angeborene Intelligenz. In den ersten Wochen der Lehrzeit wurde er vom WeiBmischer und zuweilen auch vom Schwarzmischer ,bei den Ohren genommen, aber SchmUle hatte es bald heraus, beide Gesellen waren Verehrer eines guten, billigen GabelfruhstUckes. Die koscheren WUrste hatten es beiden angetan und SchmUle verschaffte ihnen diese zu angemessenen Preisen bei dem Gemlschtwarenhandler Reb Bendet BUnzler, oder auch Reb Bendet »mit die HUt“ genannt. Den ersten Beinamen dankte Reb Bendet seinem kontinuierlichen Zwinkern mit beiden Augen, was sich besonders bel Lagipenlicht, in welches er nicht sehen konnte, ohne beide Augen zuzudrUcken, benjerkbar machte. Der Name Bendet „mit die Hiit" wurde ihm aniaBlich eines Geschaftes beigelegt, das er in Wien entrierte. Ein Sensal fUhrte ihn zu einer Auktion, bei welcher Bendet einen groBeren Posten unmoderner hoher Strohhute erstand, welche er nach W. ftthrte und nicht an den Mann bringen konnte. Reb Bendet wurde 85 Jahre alt, aber an StrohhUten verschiedenen Kalibers und verschiedener GroBen hatte er Zeit seines langen Lebens kéinen Mangel. In W. galt deshalb bei zweifelhaften GeschUften ohne Aussicht auf Gewinn das Spricliwort: „Er wird soviel verdienen wie Reb Bendet an seinen HUten.'“ SchmUle hatte es bald heraus, daB man bei Bendet in den Abendstunden, fehlerhafte, aufier Kurs gesetzte 10 und 20 Kreuzerstiicke verwerten konne, weil er sich bei Lampenlicht auf sein TastgefUhl verlassen mUsse und er begliickte ihn mehrmals wochentlich mit schlechten Zehnerln und Zwanzigern. DaB SchmUle nicht der einzige war, der bei Reb Bendet sein Gliick versuchte, ging aus dem Um- Stande hervor, daB man bei Reb Bendets Ableben ein Brodkorbchen voll schlechter Miinzen vorgefunden. SchmUle trieb einen kleinen Handel mit schlechten SilbermUnzen, aber es gab Tage, an welchen er solche nicht aufbringén konnte und er muBte auf Abhilfe denken, der Zufall lieB ihm einen anderen Weg linden. Reb Bendet war auch Pdchter des koscheren Weinschankes. Die Schankstelle befand sich im Zimmer neben dem Geschaftslokale. Wenn Bendet im Bibel gefreu, ilire Treuen nach dem Schekel ziihleii. Juden zahlet den Schekel! Niemals noch hat unsere Organisation diesen Ruf so berechtigt ausgesproc’nen, wie jetzt. Noch nie war sie aber auch in solch giinstiger Situation. Wir haben alles erreicht, was wir wollten. Noch vor 5 Jahren als verbrecherische Utopisten verspottet, verhohnt, haben wir heute der ganzen Welt gezeigt, dafl wir, auch wenn die GroBen und Reichen in Israel uns bekampft haben, doch unseren Idealen treu geblieben sind, daB wir trotz Gift, Holm und Spott unbeirrt den Weg gegangen sind, den uns der Moses der Diaspora Theodor Herzl gewiesen hat. Juden zahlet den Schekel! Schaffet Geld fur die Organisation. Opfert alles, alles auf dem Altare des jiidischen Patriotismus. Gebet nicht der Welt das traurige Schauspiel, daB wir Juden in dem Momente versagten, in dem unsere1 kiinftige GroBe beginnt, unsere W(iedergeburt, unsere Menschwerdung, unsere Neuwerdung. Und von Nah’ und Ferne werden Juden und Jildinnen pilgern, stolz, hocherhobénen Hauptcs, erlujben iiber jeden Spott und HaB, in gliicklicher Schbnheit erstrahlend, um ihren Schekel zu zahlen, denn ein Wunder ist gescheheti; denn nach 2000jahriger Verbannung und Knechtschaft ist Juda frei geworden, hat seine Sklavenketten abgeworfen und will nun auch die Fesseln seines versklavten Geistes brechen. Frei ist der Jude, denn er hat seine Urheimat wieder und heute kann auch ein Jude Ilutten ticrend sagen: „Es ist eine Lust zu leben!“ Laden in Anspruch genommen war, so mufiten sich die Koscherweinkunden, von der Bendetin, so wurde seine Ehegattin kurzweg genannt, bedienen lassen. Nun traf es sich eines Tages, daB die Bendetin in der Kitche beschåftigt war. Diese Gelegenheit beniitzte Schmiile, um das Fenster zu offnen und aus demselben einige Wiirste an sich zu nehmen. Itn Winter hatte Reb Bendet die Wiirste zwischeu dem inneren und auBeren Fenster an einem Stangelchen hangen. Bevor die Bendetin, eine kieine, sehr starke und kurzsichtige alte Frau aus der Kiiche ins Zimmer trippeltC, hatte Schmiile die Wiirste schon in Sicherheit gebracht. Dieser Vorgang wiederholte sich des Oefteren, denn Schmiile lieB sich die Sache angelegen sein, und wartete den Zeitpunkt ab, in welchem ein grSBerer Kundenkreis sich in Bendets Gewolbe eingefunden. 4 Freilich traf es sich auch zuweilen, dafi der Vorrat an Wiirsten gering war, dann muBte Schmiile unverrichteter Dinge abziehen, denn die Bendetin warf gleich bei Betreten des Zimmers "feinen Blick aufs Fenster und Schmiile durfte sich an Bendets Wiirsten nur vergreifen, wenn der Vorrat reichlich und das Fehlen einiger StUcke nicht bemerkbar war. An einem kalten Wintertage, — die Fenster waren von auBen undurchsichtjg, der Frost hatte di.esc mit Eisblumen iiberzogen, — betrat Schmiile das Schankzimmer und das Gliick war ihm hold. Die Bendetin war in der Kiiche mit dem Zerlegen einer fetten Gans beschaftigt. „Soli ich einige WUrste nehmen, oder bis es dunkel wird den ganzen Vor-