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Jüdische Volksstimme · 1920-05-08 · Heft 19 (8.5.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ligtum sein, um das wir uns scharen wollen. Zu bewuflten, geistesstarken Jaden soli sie ansere Jugend erziehen, zu Menschen, die sich dessen bewuflt sind, was die iiidische Nation von ihnen fordert, zu Menschen, die aufrecht einherschreiten, klar denken, nicht nach rechts oder links schwanken, sondern geradatis ihrem Ziele entgegenschreiten, da sie %issen was sie sind und was ihr Volk von ihnen erwartet. Dann wird die Zeit kommen, in der wir ein wahres Schfllerfest werden feiern kdnnen. Jetzt begehen wir es so, dafl leder, nach Kraften, spendet fflr den Aufbau der i il d i s c h e n S c h «1 e. „hvri.“ Die Not des Rabbinerstendes in Bøhmen. Die neue Zeit mit ihren neuen Harten und Ntiten trifft den -ehemais so geehrten und idealen Stand der geistigen Lehrer in den liidischen Kultusgemeinden Btihmens doppelt und dreifach hart. Einen Teil der Schuld an diesen dcsolaten Zustånden tragen allerdings auch die Rabbiner selbst. Das Wort des Propiieten Jesaias (49, 17) ^inei JDT10 „Die Urheber dieses Niederganges und Verfalls gehen aus dieser Mitte hervor“, kann gar vielen derselben zum Vorwurf gemacht werden. Und wenn in den „Mitteilungen des Landeslehrervereines in Btihmen", Nr. 4 1. J. ein Artikel (S. 7—9) dariiber Klage filhrt, dafl viele Kultusgemeinden nicht nur „kopflos", „sorglos" oder gar „kinderlos" sind, sondern auch „rabbinerlos" dahinleben, so sind manche Rabbiner von der Mitschuld daran nicht freizusprechen. Die Erfahrung lehrt, dafl nur diejenigen Stånde, welche die Nachkriegszeit einte und deren Solidaritåtsgefiihl stårkte, besondere Erfolge zu erzielen vermochten. Diese kennen lediglich ihre eigenen Interessen, aber nicht die der Dienstgeber. Sie fallen elnander nicht in den Rttcken, tibernehmen keine Arbeiten, die nicht in ihr Tfitigkeitsgebiet gehtiren und lehnen es ab, dem Chef dadurch Erleichterungen zu verschaffen, indeni sie etwa einen Kollegen verdrtingen. Wie sieht es aber in der „res publica rabbinorum" aus? — Sobald eine Stelle frei wird, melden sich sofort die benachbarten Rabbiner der nåchsten, oder auch ferneren Umgebung zur Uebernahme der Stellvertretung. Ein håfllicher Wettbewerb von qualifizierten nnd nichtqualifizierten Rabbinern macht die verwaiste Qemeinde geradezit' „kopflos". Es wird darauf verwiesen, dafl ein e i g e n e r Rabbiner bei der jetzigen Teuerung, selbst wenn er „weib- und kinderios" ist, nicht existieren kdnnte. Was soli nun die Qemeinde tun, wenn ihr die Mtiglichkeit „rabbinerlos" zu bleiben, so leicht gemacht wird? — Der Stellvertreter, oder „Kriegsersatz", begniigt sich la mit einem kleinen Entgelt und — bei so schweren Zeiten soli man ja sparen! Wiirde es aber ein Mitglied einer anderen Genossenschaft wagen, einen solehen Verrat an der gemeinsamen Sache zu vernias, der Tochter Agamemnons. Sie kennt ihren Qoethe. Doch keine giitige Gottin, hat, wie einstens in Aulislphigenien, auch die Tochter Jephtas in ihren mutterlichen Schutz genommen. Mindls sanfte Rede unterbricht sie: „Die biblische Erzåhlung ist eine Verherrlichung der Ttichter Israels. Jephtas Tochter steht érhaben grofl da, sie war grofl im Verzeihen. Sie war besser, als der Vater." Leah, die Lehrerstochter, will die ausgleichende Gerechtigkeit spielen. „Dieser Jephta wurde flir seine leichtsinnige Voreiligkeit hart genug gestraft. Der Sieger ist nun zum Besiegten geworden. Seine Tcohter hat er nicht geopfert. Ich erinnere mich, dafl mich mein Vater tiber diese Erzåhlung belehrte. Das (jlpfer von Jephtas Tochter bestand darin, dafl sie, wie schon die alten Erklarer sagten, niemals die Frau eines Mannes wurde, sie hatte keinen Gatten erkannt und lebte einsam ihr ganzes Leben lang." —- In einer gewissen lehrhaften Weise hatte die Lehrerstochter ihre Meiuung vorgetragen. Schondl, rot vor Aufrégung, warf ein: „Ist ein Lebensschlcksal nicht.-wertvoller, als ein Menschenleben? Welch’ eine Tragik liegt doch in dem Geschick dieser Tochter Jephtas. Der Dichter mufl noch erstehen, der sie wUrdig darstellt, die Tragtidie der gehorsamen Tochter." Miriam unterbrechend: „Die Tragddie der jttdischen Iphigenia." — Und Schondl, dazwischenrufend: „Nein, die Tragodie des grausamen Vaters." Mindi, lispelnd: „Dem wir, gehorsame Ttichter unseres Volkes, verzeihen wollen." Krtindl und Rosi, denen das Gespråch zu gelehrt geworden, mahnen zum Aufbruch. ’ Bald sitzt Schtindl wieder allein, vereinsamt in ihrem Kåmmerlein. Auch Miriam hat sie verlassen. Diese, die meliiben? Nein I Denn er wflrde einem anderen schaden, die Position des Dienstgebers stfirken und seine eigene schwåchen. Ein Sturm der Entrflstung wflrde sein Los seinl Kontiten denn solche leistungsfåhige Gemeinden wie Kladno, Ktiniggråtz, Jungbunzlau. Strakonitz usw. usw. so lange „rabbinerlos" existiereh, wenn sie nicht den „Kriegsersatz" hatten^ Die Einwendung, dafl die Herren, welche als Stellvertreter gehen, die Mehreinnahme wirklich bendtigen, ist keineswegs stichhåltig. Ihre eigene Gemeinde ist verpfiichtet, ihnen ein ausktimmliches Gehalt zu zahlen. Gehen sie aber auf Extratouren aus, dann schådigen sie sich und — eo ipso — den ganzen Stand, Vor dem Kriege konnte keine Qemeinde langer als ein halbes Jahr „rabbinerlos" bleiben. Die Behtirde hat sie schon an die gesetzliche Pflicht, sanft oder unsanft, erinnert. Aber Jetzt, wo der Geist der Zeit, welche die Trennung von Kirche und Staat vorbereitet, zuerst gegen die Juden in Anwendung gebracht wird, da soliten wenigstens die Rabbiner selbst ihre Interessen wahren. Sonst droht dem ganzen Stande die elendste Verkflmmerung. Denn selbst die Gemeinden, welche noch unter dem Schutz eines Seelsorgers stehen, mtichten sich'seiner cntledigen und, ebenfalls „rabbinerlos", unter dem — eines Nachbarrabbiners leben. Das Los des Rabbiners wird endlich das sein, die Vertretung einiger rabbinerloser Gemeinden zu versehen. Die Prophezeiung des Propheten Jesaias wird verwirklicht: (4, 1) Ip’ttTHl mb) urtettn ha uer6 um om nn# ura-in wby yw vnp' pi „Und es werden dereinst sleben Frauen (Kultusgemeinden Btihmens) einen (ais Rabbiner auftretenden) Mann packen und sprechen: W i r verzehren unser Brot und tragen unsere Kleider (der Rabbiner mufl namlich bei den abnormalen Preisen hungern und nackt gehen), nur dein Name sei flber uns genannU Vermeide uns die Schande, gånzlich „rabbinerlos" zu sein"!... Wer ist also an solehen traurigen Zustånden schuld? Da belehrt uns ein talmudisches Sprichwort: Klin ÅJJ N*OOy 1JN1? Nicht die Maus, die das MehI verschleppt, ist als die Urheberin des Diebstahls anzusehen, sondern das Schlupfloch, das ihr Unterkunft bietetl" Wie schmerzlich mufl es aber einen Rabbiner bertihren, hie und da andeutungsweise, oder offen Bemerkungen hOren zu milssen, z. B. „Wir ktinnten uns ebenfalls an eine Nachbargemeinde mit dem Rabbinate anschlieBen, denn die Herren wollen keine Kuitussteuern zahlen usw."! Er sieht sich also flberflflssig und fragt sich da: blty 'JN 'JO1? Fttr wen plagte ich mich denn da? Was flir Dank ernten meine iahrzehnte langen Studien? Welche Wertung erfåhrt nun mein allseitig anerkanntes Wissen? — Jede andere prophylaktische Maflnahme kann unmtiglich zum Ziele fflhren. — Wie aber solehen tristen Zustånden abzuhelfen wåre, dariiber soli ein zweiter Aufsatz ner Familie nahestand, hat mir dieses Gespråch erzåhlt und noch manches andere von Schtindls Leben und Leiden, das sie mit heldenhaftem Mute ertragen. Miriam pflegte sie mit der tapferen Frauengestalt Naemi zu vergleichen, die uns das wupdervolle Buch Rut so herrlich, einfach, schon vor Augen fflhrt. Miriam erzåhlte mir auch v(on Schtindls Abschiedsstunde aus diesem Dasein. Die „frommen Frauen" umstanden ihr Lager, lauschten auf die immer schwåcher werdenden Atemziige der Verscheidenden. Da raffte sich diése nochmals auf, blickte mit dem brechenden Auge auf den Kreis der sie Umstehenden und filister te: „Gute Nacht, der Rest ist Schweigen." — Die guten Frauen, sie wuflten nicht, dafl es die Worte des groflen Dichters waren, dessen Werke Schtindl flber alles verehrte, die sie in ihrer Scheidestunde lispelte. „Der Rest ist Schweigen", hat die Dahingeschiedene nicht mit diesen Worten ihr ganzes Ringen und Kåmpfen, Dulden und Leiden bezeichnet? Schweigen breitet sich aus flber das Lebensschlcksal dieser Dulderin. Ein Opfer war sie des duldenden Gehorsams. — Aufrecht, mutig, tapfer, so sehe ich sie vor mir. Sie hatte ihr Joch auf , sich genommen und es geduldig ertragen, bis die Stunde kam, die ihr ewiges Schweigen auferlegfe. Was aus ihren Bttchern geworden ist, weifl ich nicht. Es heiflt, dafl sie um ge* ringen Preis verschleudert wurden. Auch Blicher haben ihr Geschick. „Die Sozialislerung des Rebbiaer- ^tandes" AufschluA geben. Dobfisch. Dr. I. Eisenbet*. RUNDSCHAU. PALXSfINA. Aaitellnng eines hebrBIsch sprechenden Muntzlpetratsbeaniten In Jerusalem. Das durch Regierung und Munizipalrat bestatigie Jahres-Budget von Jerusalem weist einen Betrag von 144 Pf. St. flir einen Beamten auf, (fer HebfAisch in Wort und Schrift beherrscht. Bekanntlich muflte jiidischerseits viel gekåmpft werden, um die Anstellung eines derartigen Beamten vom Jerusalémcr Munizipalrat zu erwirken. JUdlsche LeglonNre belm Telephon- und Telegraphendlenst Die Telegraphen- und Telephon-Verwaltung in Palåstina hat 45 von den entlassenen amcrikanischen liidischen Legionåren zur Ausbildung angenommen; 25 arbeiten in Jerusalem, 15 in Haifa. Wåhrend der Lehrzeit wird ihnen ein Monatsgehalt von 8 Pf. St gewåhrt. In Akka wurde einer der Hid. Legionåre zum Verwalter des Telegraphen- und Telephon-Dienstes ernannt Der Direktor der palåstinensischen Teiegraphen- und Telephon-Verwaltung versprach den liidischen Legionfiren Einfiihrung der Sabbathrtihe, wie sie bereits bei der Postverwaltung eingefiihrt ist, fails die Zahl der liidischen Beamten im Telegraphen- und Telephon-Dienst sich vergrflflert. Das Schneiderel- und Wåsche-Åteller „Achwah" in Jerusalem gedenkt seinen Betrieb zu vergrdflern. Um den liidischen Mådchen Arbeitsgelegenheit zu verschaffen, wurde der Leitung von Interessenten ein grofleres Kapital zur Verfflgung gestellt, ebenso hat man einen Fachmann aus Aegypten kommen lassen, um den Betrieb in eine moderne Fabrik umzuwandeln. Die Kanallslerungsarbeiten In Jerusalem schreiten, wie von dort berichtet wird, rflstig fort, sie sind bereits bis zu den „Hundert Toren" fertiggestellt. Bei diesen Arbeiten sind tåglich 70 bis 80 Arbeiter, zum groflten Teile Juden, beschåftigt. Durch Einstellung einer grfljBeren Zahl Arbeiter hofft man, die ganze Kanalisierung bis zum Pessachfeste fertigzubringen. Die Gesamtlånge der eingelegten Kanalisierungsrbhren betrågt 3000 Meter. Bis Mitte November war ein Finftel der Arbeit bewfiltigt. Die Kanalisierung mtindet in Nachal-Kidron. Die Gesamtkosten. dflrften sich auf ungefåhr 15.000 tiirkische Pfund belaufen. Die Arbeiten werden vom iUdischen Unternehmer Bondi, unter technlscher Le-tung des Ingenieurs Kantor, ausgefflhrt. Die obeneirwåhnte Kanalisierung erstreckt sich zunfichst nur auf die hyglenisch bisher am meisten vernachlåssigten Teile der Stadt. Laut den vorliegenden Arbeitsplånen soli binnen zweier Jahre ganz Jerusalem mit einer Kånalisierung im modernsten Sinne ausgestattet sein. Es ist erfreulich, festzustellen, dafl die Besitzer der an der bereits fertiggestellten Kanalisierungslinie gelegenen Håuser sich beeilen, ihre Objekte an die Kanalisierung anzuschlieflen. Das iiidische Palåstina uod das brltlsche Mandat. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Die gesamte englische Presse driickt aus ihre ungeteilte Zufriedenheit flber die in San Remo endgttltig getroifene Losung der Palåstinafrage. So schreibt die „Pall Mali Gazette" vom 26. v. M.: Die Uebernahme des Mandates flber Palåstina durch GroBbritanien, war zweifelios der Wunsch aller, die an der Wlederaufrichtung der Juden als Nation Interesse nehmen. Es galt schon lange als offenkundig, daB irgend eine andere Mpridatskombination ien iirsprflngliehen Plaii nur verelteln wflrde. Die fc?amte Judenheit der Welt forderte die Einidsung Ui neres im Kriege gegebenen feierlichen Versprechens. Die Juden beofitigen drihgend die Heli^at iHrer Absv 'nmung, wo sie sich gemåfl den innerén Qesetzen ihrer Rasse ungehemmt entwickeln kflnnen. Wir haben eine schwere Last ttbernommen, wir werden sie iedoch gewissenhaft und in Ehren tragen. Dia Untersuchung dør Jerusalemer ZwUchenfille. In einem långereo Interview, das der bekannte englische Zionistenfflhrer Josef Cowgn einem Vertreter des Jewish Correspondence Bureau flber die antijQdischen Exzesse In Jerusalem und flber die er-

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