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Jüdische Volksstimme · 1920-05-08 · Heft 19 (8.5.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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§*• i, låstinaaufbaufond nicht nur de« Amerikanern #et* lassen werden. Alle Mann an Bord. An 4. Joll fHI <**• adoiristfsch« Jakreskonlerenz in Kartsbad. Ver* treter der zionistischen Weltorganisation werden zum etsftnfftal den Boden der dechoslovaktochen Re* pubiik betrefcn. Eine Mtfke ZfOttfstische Organisation muØ unser Al^skÉil^JjMglglB Altw'nn die Ar* beit. Noch isl keine'Zeft tt&tra NocIt-IÉt »s kei* nen Zwe«kiJ^omd||^JCorp4 des StrtJrtes etøztr* laden. ZuerfT mOsJtt 4 Ir; ftefeen, wåé w f r kdnnen. VorersfÉisseiSir5 Ifflfcrlfchgefeéttfi tmdgerustet duteftøB. Vorkftt Mitten wir dieGéwåhr da* ffir ha^JtØ wir Éftch imstande sind, afte die An« forderufigén, die Aufgaben zu erfiillen, die unser harren — und dann mdge erst Ruhe in uns kommen, per groBe Sabbath des jildischen Volkes, der ' mit dem tage beginnt, an dem der ganz neue Jischuw uns seine ersten Friihlingsboten entsendet. lebes kraftige 'Wichtigkeit ‘diesem Falle n wurcle. zuruckztc moglichen SchOlerfest. (Zum Lag Beomer 5580, 5. Mai.) »SchUterfest", so lesen wir im Kalender und mancher unserer lieben „Qlaubensgenossen" schiittelt nachdenklich sein Haupt, denn er weiB nicht, was er mit dieser lapidarischen Bezeichnung anfan gén soli. So hdre er denn, daB ein berilhmter Tanna, BlbelåuSleger, Mischnalehrer, R. Akiba, einst in Juda gélebt. Der Tempel zu Jerusalem bestand nicht mehr. Es war zur Zeit des Kåisers Hadriamu, etwa zwischen 133 und 135 unserer Zeitrechnung. Da erhob sich eln gewaltiger Freiheitskåmpfer in unserem Volke, Bar Kochba mit Namen, den der Cechische Dichter Vrchlicktf zu unserer Zeit, in einem Epos verherrlichte. Die Stadt Bethar oder Bettar (Vetera) war der Mittelpunkt des Aufstandes geworden. Und Bar Kochba, dem Manne des Schwertes, gesellte sich der Held des Qeistes zu R. Akiba ben Josef. Beide wurden sie Opfer ihres Heldenmutes. Dieser Akiba, der Martyrer, verdient es, wenn eine Geschichte der Schule geschrieben wird, mit hochsten Ehrert genannt zu werden. Ein zahlreicher Schiilerkreis umgab ihn und lauschte seinen scharfsinnigen Thoraauslegungen. Seinen Schlilern war er gleich einem Vater zugetan. Wåhrend der Zahlungszeit, zwischen Pessach und Schabuoth, brach einst unter seinen Schiilern eine péstartige Krankheit aus. Darum gilt diese Zeit, die dbrigeris wåhrend des ersten Kreuzzuges, eine solche beispiellosen Martyriums unseres Volkes am Rhein und an der Donau geworden, als Trauerzeit. Und, als am 33. Tage der Zåhlung die Pest aufhdrte, wurde dieser Tag als Freudentag gefeiert, als „Schiilerfest", ist er noch heute in unserem Kalender verzeichnet. Doch Jetzt genug der Belehrung. Ziehen wir aus ihr nur e i n e n SchluB, den, welcher uns dariiber belehrt, wenn es einer solehen Belehrung noch bedilrfte, daB die Schule in unserem Volke stets ein Heiligtum war, und es eine volle Verkennung unseres Volksgedannoch einen anderen Gedanken ausfiihren wollen, es ist der, daB Unrecht nicht durch Unrecht aus der Welt geschafft werden kann.“ Leah scheint das Aus« gefiih: le nicht ganz zu verstehen. Da fållt Miriam, das Wdsenkind, mit den klugen Augen und der lebhaften, beschwingten Rede, rasch eiri: ,*,So wie Michael Kohlhaas, ist auch der Karl Moor, ein Mann, der auf seinem Rechte besteht und glaubt, die Welt durch Greuel zu verschdnern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten. Aber des Herrn allein ist die Rache — und auch das Recht." — Ihre Augen blitzten, wåhrend Schdndl zustimmend spricht: „Miriam, mein Kind, hast dir gut Schillers Worte eingeprågt und gezeigt, wie wohl er die Worte unserer Bibel erfaBte. Mein ist Rache und Vergeltung, spricht der Herr, der Mensch soli ihm nicht vorgreifen." Sinnend sitzt sie da, blickt um sich und denkt wohl vergangener Zeiten, denkt des Unrechts, das (hr geschehen und an dem sie ieidet. J Mindl, des Schneiders Tochter, ein sanftes Madolien, etwas gedriickt durch die nicht gerade gldnzenden håuslichen Verhaitnisse, lispelt leise vor sich hin: „Ich sage immer, das Beste, was dem Men* schen verliehen wurde, ist das Verzeihen. Man mtlBte ia die Menscheh hassen, wenn man ihnen ihre Schwfichen nicht verzlehe." Schdndl, etwas herb: „Hast recht, liebe MUtdl, es ist das Schdnste und Schwerste. Eine Erzåhlung der Bibel hat mlch stets stark ergriffen und tch håbe sie nle ganz begriffen.“ Stille. — Krdnd 1, des reichen Wollhfindlers Tochter, etwas geziert, slebstbewuBt, denn eine reiche Mitgift sichert ihr den Gatten und eine, wie sie meint, glflckllche Zukunft, fragt vorlaut: i,Welche! von den1 HeRatsgeschichten dér Bibel wire dlts?" JOPISCItt fW8«TMgBL« |t Nr, IS. hftt* mfWltif wied« emporbllht, Wåre, weim weil die Kinder am Schulbesuch behindert wurden.'* wr itfÉht dét Jtid ise h in schule wfeder ge- Die Kritischen werden diese Ausspriiche in den Bedåchten und ihr den ihr gebBhrenden Platz in unsereich der Legende verbannen, aber gerade die Sagc rem iOdischen VfllhtlebenHiBtåumten. Indtal, gedtnif! spikgelt uns was die Volksilile erregt und »et am SchMiir am Wrlihhner der auch in tn^ hl#egt. Und scf Ironntett wir* noch kerer Stadt zu btgriind^oen Jfidischen ScflUle, deifl WBrtlein anfiihftn, das erweist, wei het daran, unsetkn SchBlernJHk Wissensdhaft voiiSår .Schule von utiseren Weisen, die Judentume zu gében, die illhen leider fehit. Eitt Schiilerfest soli an dem lRite gefeiert werden, art dem die jtidische Schule etsteht in usiirer Gemein* de. Alle ScheidewSnde iéBIniÉlIen, WlnW sich die* les altl Heiligtum unserea-Vdlkes wfeder måchtig Irhebt, unnahbar allem kteftilfchen Geztifike, unnahbar ienen zehnma! Weisen, denen der Unterricht ir unserer Sprache und Geschichte, in unserem Schrifttum und unseren unvergfinglichen Lehren ein Stein des AnstoBes ist, ein Dorn in ihrem kurzsichtigen Auge, unnahbar ienen kleinlichen, vertrockncten Seelen, denen der gewissenhafte Unterricht unsercr Jugend, ihre pflichteifrige Belehrung soviel v ie eine Fanatisierung bedeutet. Wahrlich, die wissen nicht, was sie reden und es wfire hochste Zeit, daB sie sich auf ihr Altenteil zuriickzSgen, denn sie -verstehen die Zeit nicht, die flir unser Volk angébrochen ist, gleich der Morgenrdte eines jungen Tages. So hbret es denn, ihr in veralteten Anschauungen Verknocherten, die jQdische Schule bedeutet fiir unser Judentum die wichtigste Erscheinung seiner Wiedergeburt, seiner Renaissance. Unermiidiich, gleich Akiba, wollen wir den Ruf nach der illdischen Schule erheben. So wie er, wollen wir bis zum letzten Atemzuge, unermiidiich im Lehren sein. Wie sagte der groBe Lehrer, nach dem Talmud Erubin: „Man unterrichte so lange, bis der Schiller es faBt." Und wir wollen die Schuie so lange fordern, bis diese Forderung auch die in veralteten, ISngst „Uberwundenen Anschauungen und ausgetretenen Bahnen sich Bewegenden, erfaBt haben wer'den. Wollet ihr etwas dem Schulwesen unserer alten Zeit horen? So sei denn daran erinnert, wie Josua ben Gåmla der Erste gewesen ist, der, vor 2000 Jahren bereits, Volksschulen einrichtete und darauf drang, daB Lehrer in jeder Stadt eingesetzt wurden. (Baba bathra 21a.) In Jerusalem soli es derer, (nach dem Jalkut zu Jesaia § 277) nicht weniger, als 480 gegeben haben. Auch irt der Stadt Bethar, dem Mittelpunkte des Bar Kochbpchen. Aufstandes, war ihre Zahl so grbB. Dfe 'Volksschule war den Juden ein teueres Kleinod, auch, hachdem sie ihre staatliche Selbståndigkeit verloren hatten; sie begleitete unser Volk nach allen Støtten ihrer Zerstreuung. Ueberall wurde sie sorgfaitig gepflegt und erhalten. Der Weise Eunomos aus Gadara, ein Nichtjude, sagte Israels Feinden: „Wollet ihr die Juden vernichten, so zerstdret ihre Schulen. Denn, so sich in ihnen ihre Kinder befinden, die in den Lehren Gottes unterrich- -tet werden, werdet ihr gegen sie nichts vermogen.1 (Midrasch Rabba I. Mos. Absch. 65.) Wir lesen im Traktat Sabbath: „Jerusalem ist . zerstort worden, Darauf Ro si, ihre Nebenbuhlerin, die sich des erhofften Brautigams schon erfreun kann, denn auch sie kann auf eineri stattlichen Brautschatz rechnen, ,Du, KrSndl, hast immer nur das Heiraten im Kopf.“ Krondl, schlagfertig, fast bissig: „Als ob Du Rosi an etwas anderes dåchtest.4' Das Wortduell, das die stille Stunde bei Schondl unschon zu stdren droht, wird von dieéer rasch geschlichtet, indem sie sagt: „Lafit mir das GezMnke und sprecht mir von den MBnnern nicht. Die reizt ja doch nur das liebe Oeld und der Geiz nach Ehren und Macht. Sie schreiten iiber Leichen hinweg, wenn sie nur ihr Ziel zu erreichen glauben." Leah ,im Tone des milden Vorwurfs: „Schdndl, Sie werden bitter, man muB verzeihen." Diese darauf, gerflhrt: „Du sprichst, wie eine Taube, man muB und soli verzeihen." Sie kiiøt Leah auf die Wange. „Doch nun, zu unserer blblischen Erzdhlung. Unter allen Biichern der Bibel zog mlch stets, ihr Werdet es nicht glauben, am meisten das der „Richter" an. Wie, fraget ihr, das Buch das von Krieg und Kriegsgeschrei erfiUlt ist, das von Sirason erzlhlt und wie dieser Starke unserem schwachen Geschlechte zum Opfer fiel?" Krdndl und Rosi schauen etwas bldde drein. Sie wissen offenbar nicht, was Schdndl sagen Wil!. Miriam scheint sie schon besser zu verstehen. Leah hordht auf. Mindl blickt sinnend nieder. Schdndl, ntøchtig ahgeregt, an dié Worte Mindls vom Verzeihen anknQpfend, fflhrt fort: „Wie schwer wird uns oft das Verzeihen'gemacht. Leset das Kapitel 11 im Buche der Richter, vom 30. bis zum 40. Verse. Ein ehrgeiziger Held zieht in den Krieg und tut ein Ge- Iflbde, vpreiltg, gradsam: Wenn Du, o Herr, die Sdhne Aitimon in meltie Hinde glbst, so soli dasie'- llich ihre WÉ^ieit zeigtett, zugesil . Jllen wir, um åhf unsere trftben Z$ Rdttimen, unserer Jugend, die wir i__ Urtd unmdglichen Wissenschaften und^lSBhsten unterrichten, den blQhenden Baum der Wf^lhscliaft des Judéntums verkilmmern lassen? Da lasen wir, vor einigen Tagen, es war, als man sich zur Wahlschlacht vorbereitete, den Ausspruch eines jungen Menschen, der keine Ahnung von unserem Judentum und seinem Schrifttum hat, eines jener Herrehen, denen es sehr gut geht, denn der Papa hat fur sie gut gesorgt, kurz eines Angehorigen des hier so iippig bliihenden „Auch-Juaentums", ob denn die Schonheit Goethes fiir die Juden nicht mehr Bedeutung håbe, ais die gewundenen Kreise der Kåbbalah und des Talmuds. Zunåchst dem Modeherrchen, das von Kabbalah und Talmud so viel welB, wie ein gewisses Tier von der Astronomie, eine kråftige Antwort. Der wahre Jude, der gebildete Jude kennt Goethe, besser, als die, welche ihn uns stets uftter die Nase reiben. Er weiB, was Goethe von der Bibel sagt und, da dies besagtes Herrehen nicht zu wissen scheint, so verweisen wir es auf Goethes „Dichtung und Wahrheit" IV. Buch. Dort wird der groBe Goethe-Verehrer, oder — solite er klein sein? — lesen, was Goethe von der „israelitischen Ueberlieferung" sagt. Und unsere jiidischen Kinder soilten von dieser nichts erfahren, nicht wis, sen, daB der „Faust" auf der Hiob-Legende aufgebaut ist? Håtte er doch geschwiegen, der Literaturkenner und in seines Vaters Fabrik fiir dein leibliches Wohl weitergesorgt. Und ich wjll den Goethe- Verehrer noch weiter belehren. Goethe hat sich auch mit den gewundenen Kreisen der Kabbalah besehåftigt und die Zeichen vom Makrokosmos und Mikro- Iosmos direkt aus der Kabbalah geschopft. Damit wollen wir jedoch nicht sagen, daB sich auch Jeder Jude mit Talmud und Kabbalah besdtøftigen miisse. Aber sein Schrifttum soli ihr kein unbekanntes Land sein, er soli ihm Verstøndnis entgegenbringen, wie dies Månner gleich Lessing, Klopstock, Voltaire, Schiller, Heine, Hall-Cayne, Lassalle, Carlyle, Goethe, Strindberg — nicht wahr, eine bunte Reihe — getan haben. Mit anderen Worten, die freilich gewisse vorwitzige Jiinglinge nie verstehen werden: Fiir uns ist unsere jildische Wissenschaft nicht nur unser kostbarstes Nationalheiligtum, sondern auch Grundlegung alles Wissens! Und nun laBt uns Lag-Beomer, unser Schtilerfest, wiirdig feiern, indem wir den Grund legen fiir die moderne, jildische Schule. Fiirchtet euch nicht, sie wird kein altmodisches Cheder sein. Wir leben heute in anderen, heller en Zeiten. Sie soli unser Heinige, das herunterkommt aus den Tilren meines Hauses, wenn ich zurtickkehre in Frieden, Dir gehoren, will es Dir darbringen ais Opfer. Dieser selbstsiichtige Kriegsmann Jephta denkt nicht an das, was er verspricht. Nichts ahnend kommt dem Sieger die Tochter entgegen, die Einzige; in ihrer Lieblichkeit begrUBt sie den Vater, mit Pauken und Reigen. Jetzt zerreiBt der Vater seine Kleider und ruft aus: Ach, Tochter, wie beugst du mich. Doch ich håbe den Mund aufgetan gegen den Herrn, ich kann nicht zurlicktreten. Konnte er wirklich nicht, der grausaine Mann? Seiner unschuldigen Tochter Schicksal wog ihm sein Geliibde, sein frevlerisches, nicht auf? Das begreife, wer kann, i c h vermags nicht. -Mtissen Kinder unter jeder Bedingung den Eltern gehorchen, auch wenn es um ihre Zukunft, ihr Lebensgliick geht? Schdndls Augen flammten, wie eine Richterin saB sie da. Krdndl erfaBte eine bange Angst. Rosi starr te vor sich hin. Eine neue Welt tat sich vor ihr auf. Leahs Augen fUUten sich mit Thrånen, Mindl schluchzte auf. Nur Mirjam fltisterte mit einer gewissen Selbstverstøndlichkeit: „Die Tochter gehorchte dem Vater, indem sie sagte: Vater, Du hast deirten Mund aufgetan gegen den Herrn, tue an mir, wie aus Deinem Munde gegangen." —*Schdndl^wiederholte ihre Worte sinnend und setzte sie fort: „er tat an ihr das Geliibde, das er gelobt"... Feierliche Stille. Die Mådehen ahnten das Oeschick, das sich an Schdndl vollzogen. — Krdndl unterbricht die Stille, mit den Worten: „Das kann ich mir nicht denken, daB der Vater die einzige Tochter geopfert hat. Es wåre dies doch unjiidisch." Rosi stimmt diesmal der Nebenbuhlerin zu. Miriam die Belesene, vergleicht das Oeschick von Jephtas Tochter mit dem lphigc-

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