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Jüdische Volksstimme · 1920-05-08 · Heft 19 (8.5.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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YOLKSSTIMME Bezugspretfie: Redaktion o. Administration: Brflnn, Krapfeng. 19. halblShrlg. . C. K 20.- Buchhfindlerische Ver tretung: Otto Klemm, Leipzlg. ganziåhrig.. Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum 6. K—*30. DeutschOsterrelch. Kronen 50.— Unverlangte redaktionelle Beitrftge werden nicht Deutschland, ganzjahrig .... . Mark 25.— honoriert. Manuskripten ist RQckporto beizuiflgen. Jahrgang XXI. Brflnn, |,M,Jr,9yM Hummer 19. Unsere nichsten Aufgaben. % Zwei Ereignisse von welttragendster Bedeutung sind an uns vorbeigezogen und es ist nun an uns organisierten Juden, dazu Stellung zu nehmen. Das eine Ereignis, die Parlamentswahlen 6ind jetzt eine mehr intime Angelegenheit der Cechoslovakischen Judenheit, wåhrend das zweite, die Erkldrung Englands in San Remo, den Juden Palæstina als Heimst&tte zu geben, ein historisches Geschehnis darstellt, das in die Interessensphfire der Gesamtjudenheit ffillt. Die Lehren, die wir aus den Parlamentswahlen ziehen, sind ganz einfach und realisierbar. Der Ausfall der Wahlen hat gezeigt, daB llberall dort, wo seit Jahren gearbeltet wird, der Erfolg nicht ausbleibt. Und da marschiert unstreitig an erster Stelle Mfihren. Ausschlaggebend filr die Wahlen war, die Stellungnahme zum Senat. Und hier hat Mfihren den Vor rang. Wir haben bei den Wahlen filr die erste Kammer 15.000 Stimmen auf uns vereinigt, bei der zweiten Kammer 12.000. Das ist ungeffihr das richtige Verhfiltnis, v ‘ 5 Es heiBt nun jetztdie Organisation auszubauen, und ilberall die iiidischen Wfihler zusammenzufassen. Das muB sein. Das ist unbedingte Notwendigkeit. Die einzelnen Kreiswahlkomitee miissen unbedingt aufgebaut werden auf die Ortsorganisationen, die in ståndiger Fiihlung mit einander und den Zentraleu sein milssen. Man darf nicht auBeracht lassen, daB unsere JMschen Wfihler informiert sein wollen auch in ruhigen Zeiten, wenn keine Wahlen vor der Tiire stehen. Wir haben also vor uns eine straffe Organisierung aller. JUdischen Wfihler. Ihre Durch- und Ausbildung. Eine Intensivierimg auf geistig-kulturelhm Oebiete. Wir stehen aber auch vor der groBen Aufgabe der Schaffung eines iiidischen Schulwesens. Gesprochen und geschrieben wurde iiber dieses Thema gerade genug, jetzt ist es hoch an der Zeit, etwas zu leisten ki lau hamidrasch hu hoikor elu hamaasse. Volksschulen, Fachschulen, Mittelschulen sind eine zwingende Notwendigkeit und was Wien erreicht hat, muB die ganze Cechoslovakei auch tretten. * Da wir Jederzeit die Einhfejt der Juden aller Lfin-. der betonen, da wir alle filr die Weltorganisation der Juden eintreten, so sind wir, abgesehen von unserem zionistischen Bekenntnls, an den. Verhandlungen von San Remo stark interessiert. - Ein Jubel herrscht in ganz Israel. In Lomdon sind alle zionistischen Gebfiude beflaggt. In.Gotteihfiusern werden Dank- und Jubelgébete teniseridet filr die Geulah unseres Volkes. i|n Versammlungen wird man England, der Entente, ’dgjj* .zionistischen .Fflhre/pyidubeln. .„AheiL Dankgébete^denn es wartet uhs«ftl'groBe Arbeit. 1 Eine der wichtigsten Fragen," ia ich mbchte behaupten eine der brennendsten Fragen unserer Organisation ist nicht so sehr das Geld, als die Chaluzimfrage. Es ist eine Schande unserer Gesamtorganisation, daB in dieser Frage gar nichts vorge$orgt wurde. Als der H a p o e 1-H a z a i r-WeltkongreB in Prag tagte, da konnten wir hoffen, dafl unseren Pionieren die Tore gefiffnet wilrden. Es niitzt uns die dffentlich-rechtlich gesicherte Heimstfitte nicht viel, solange wir nicht dielenigen haben, die diese Heimstfitte schaffen. Und dazu sind in erster Linie die Chaluzim belfihigt. Diese Pioniere unseres Volkes, die beherzt, selbstlos, uneigenniitzig lhr Alles daran setzen, um in Palæstina arbeiten zu diirfen, diese Pioniere milssen mit allen Kraften unterstiitzt werden. Es geht weiter nicht an, daB diese lungen Mfinner und Madchen Sorge tragen milssen, wegert der Transportkosten. Es ist Pflicht der jildischen Organisationen, des iiidischen Volkes, diése Vortruppen des aufstrebenden Iiidischen Volkes in ihre Heimat zu bringen. Es darf nicht vorkommen, daB man Jedesmal betteln geht, es muB Ehrénpflichi der z ionis tichen Organisationen sein, diese Chaluzim in allen Ehréh nach Erez-Israel zu schaffen. Es muB eine Ehre sein, mdglichst 'viele Chaluzim Erez-Israel zu stellen. Dieser Oedianke muB in alle unsero Zionisten eingepflanzt werden.\ Wenn man, schon selbst nicht die MOglichkeit hat, selbst, zu wandern, so muB man wenigstens den Wanderern die Wege ebnen. Alle unsere physischen und matériellen Krfifte sind jetzt in den Dienst der schwersten aber auch heiligsten.Saché zu stellen. Jetzt darf es nicht mehr Jiejøen^Wénlvd^ so ist’s ketøMfirchen “ Wir wollen, wir milssen wollen. Nach 2000jah riger Knechtschaft winkt uns unser&. langersehnte Freiheit. — Dem Sehnen soli die Tat folgen. Der Phrase die Verwirklichung. Nun sind wir so weit, dafl wir beginnen kdnnen, nun soli die Saat Dr. Theodor H e r z 1 s Friichte tragen. Nun alle Krafte anspannen zur grofiten Tat der Judengeschichte. Die Zeit der Kritik ist vorilber, vorbei die Zeiten der Negierung. Nun sollen wir der Welt den Beweis liefern, daB wir Positives schaffen konnen, wenn wir wollen. Unsere Geldinstitute miissen bltthen. Der Nationalfonds zu nie gesehepfer GrOBe werden. Der Pa- FEUILLET0N. Bilder aus einer mfihrischen Judengasse. Von Dr. M. Gr U nf el d, ’4. Schdndl „Ihren Mund tut sie auf mit Weisheit, Und milde Lehre auf ihrer Zunge." — Spriiche, 31, 26. Man nannte sie auch die Philosophin, andere, denen die Philosophie ein denn doch zu exotisches Gebiet war, sprachen von der Gebildeten. Schondl: der Name laBt an Schdnhelt des Kdrpers denken. Schlaget euch, liebe Leser diéser anspruchslosen Schilderungen, diesen Gedanken aus dem Kopf. Nein, sie erinnerte weder an die Blumen Sarons, noch an die Aphroditen der Oriechen, weder an die Mediceische, noch an die von Melos. Lang war sie, hager, und ihr Antlitz wies strenge Ztige auf, nichts von Lieblichkeit, weiblicher Anmut war an ihr, von jenen vergfinglichen Reizen, mit denen die Natur das Weib ausgestattet hat. Sie war auch nie Gattin eines Mannes geworden. Ueberhaupt brachte sie der Mfinnerwelt, fast hatte ich gesagt, eine Schopenhauer entlehnte Verachtung entgegen. Eine sozusagen umwertende Anhfingerin der Schopenhauerschen Philosophie war sie. Wenn der Weltwei&e die Prauen haBte und ihnen alles erdenklich Schlechte nachsagte* so drehte Schdndl den SpieB um, und UeØ an dem starkeren Geschlechte vkein gutes Haar. Wird auch ibre Grttnde dazu gehabt haben. Denn unsere Philosophin tat nichts ohne Grund, wie es sich flir diese ziemt. Man erzfihlte viel in der Gasse von schlechten Erfahrungen, die sie. gemacht hatte. Es wurde von einem Manne viel gesprochen, der' sie schnode verlassen, er soli ein Offizier gewesen sein. Besonders erfahrene Leute, nicht gerade die besten, sondern die bdsesten Zungen, sprachen sogar von einem Nicht juden, dem Schdndl, in ihrer Jugend- Unerfahrenheit, ihr Herz geweiht, und der ihren iSpott mit ihr getrieben. —• Doch ich wiU dieses Gerede; nicht wiederholen, zum wenigsten bestatigen. Da ich sie kannte, war sie Besitzerin eines Geschaftchens, in dem man* was man wollte, flir kleine Miinze erhielt: Kaffee, Strickwolle, Kerzen, Reis, Pflaumen, Stiefelnagel, Haringe, Zucker, Kfise usw. Ich sehe sie vor mir, in ihrer hageren Gestalt, wie sie ihre Waren hergab, ohne zu feilschen, denn, Was lag ihr am Gelde? Filr sie hatten nur ihre Blicher Wert, deren sie allerdings eine stattliche Zahl besafi. Es war eine wahrhaftige Biicherei, deren Her« rin sie sich nannte, ihr Trost, ihr Labsal. Die Klassiker und die Bibel, Welt- und Naturgeschichten, Romane und philosophische Schriften, Zeitscbriften und alle Chroniken ohne Wabl, waren in ihrem einfacn, aber reinlich ausgestatteten Kfimmerlein aufgestapelt. Und ohne zu knausern und ihre Bttcherschfitze vorzuenthalten, lieh sie diese freigebig den Tdchtern der Gasse, wurde aber auch voip diesen, wie eine Weise, eine Prophetin verehrt. „Blicher", sagte sie, „soli man niemand verweigern, so wenig, wie das Stiick Brod dem Hungernden; sind sie doch auch eine Nahrung, nicht nur filr den.Geistt sondern auch fiir’s Herz.“ So Offnete sie denn ihre Bflchersamm* lung allen, die nach Wissen und Bildung hungerten, und deren gab’s in der Gane stets vlelt, Und nun laBt mich, liebe Leser ,ein weibliches Krånzchen schildern, das sich, am Nachmitjtag eines Festtages, in Schondls Kåmmerlein zusammengefunden hatte,-auch ein Bild aus dem Leben der entschwundenen Gasse. — Dies sind, auBer Schdndl, die Teilnehmerinnen des Krdnzchens: Le ah, die Lehrerstochter, K r 5 n d 1, die Tochter des reicben Wollhandlers, Miriam, ein Waisenkind, Ro si, deren Vater einen schwunghaften Weinhandel treibt und endlich M i n d 1, des ehrsamen Schneiders Tochter. Man wird bemerken, es sei eine etwas bunte Reihe, die ich hier vorfUhre, aber immer muB ich darauf zurUckkommen, ich erzåhie nur, was ich selbst erfahren oder was mir berichtet worden.... Und Ueberlieferungen der Kindheit und Jugend baften fest.... N Le ah, die Lehrerstochter, Madchen von etwa 20 Jahren, schw&rmerisch beanlagt, Schillerverehrerin: i,Sie haben mir, teuecste Schdndl, J)ie R&uber* meines Lieblingsdichters geliehen. Mit And^cht håbe ich sie, immer und, immer wieder gelesen. Eine herrliche Dlchtungl Viele Thr^nen vergoB jcb dariiber. Ein Vater, dem die Sdhne viel Schmerz bereiten. Mein Vater machte mich darauf aufmerksam, wie Schiller die ErzUhlung ,von Jakob und seinen Sohnen vorschwebte. Er meinte, die grqBen Dichter schdpften meist aus der Bibel Das Ist schon so sein Urteil, vielleicht ein klein wenig Vorurteil. Mein Vater ist in seiner Bildung etwas veraltet, vielleicht beschr&nkt...“ Leah errdtet. — Darauf - Schdndl *• „Durchaus nicht, meln Kind, die grdBten Geistcr sind immer zu dem ewigsprudelnden Quell, genannt Bibel zurflckgekebrt und baben sie, wie Goetbe, a]Si den Anfang und das Ende ihrer ganzen Geistegl dung gepriesen. Aber Schiller hat in dieser Die "

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