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Jüdische Volksstimme · 1920-04-29 · Heft 18 (29.4.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 18 (29.4.1920)
Date
1920-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JOmiCIIB tGUMKRE.1 * r +*&?£*** * ~ * *<*- Nr. la Law beschrfinkte sich zunfichst auf die kurze Erwlderung, daB er bereits gestern auf eine Shnliche An* frage eines anderen Abgeordneten erschopfende Aufklfirung dem Hause erteilt håbe. Colonel Wedgwood gab sich jedoch mit dieser Antwort nicht zufrieden und fragte weiter. Diirfen wir annehmen, daB die aus Amerika in unsere Presse kolportierten Gerilchte vollkommen grundlos seien, efrner, daB diese Ereignisse die englische Regierung keineswegs veranlaBt haben, ilire Politik in Bezug auf Palfistina zu findern? Bonar Law: Ich weiB niclits davon, daB in-unserer Politik irgend eine Aenderung vorgekommen ist. Wladimir Jabotinski zur Zwangsarbeit verurfellt. The London Jewish Correspondence Bureau meldet drahtiich aus Jerusalem: Wladimir Jabotinski, Leutnant des jiidischen Bataillons in Palfistina, wurde wegen Organisierung einer jiidischen Selbstwehr gegen die wiederholten arabischen Ueberffille von den Okkupationsbehorden verhaftet und detn Militfirgericht eingeliefert. Dieses verurteilte Jabotinski zu 15 Jahren Zwangsarbeit. Von Woche zu Woche. Der gute Ton des Prfisidenten der Briinner Isr. Kuitusgemelnde S. Beran. Herr S. Beran halt sich auf seine gute Kinderstube viel zu gute. Herr S. Beran — es verwechseln ihn viele mit dem ji'mgst gewfihlten antisemitischen Abgeord. Dr. Alois Baeran — ist aber beileibe kein Antisemit. Im Gegenteil, er ist ein jiidischer Philantrop, wenn er auch seine Philantropie bei allen Gelegenheiten aufzugebcn droht. Aber als deutscher Jude, der in seiner Parteidisziplin nicht einmal davor zuriickscheut, eventuell seinen Namensvetter zu wfihlen, gibt er sehr viel auf gute Sitten. Wie denn auch nicht. Das zeichnet doch neben der deutschen Kultur, die sie doch alle, alle „genossen" haben, die deutschen Juden vor den jii'dischen Juden aus. Nun ereignete es sich einmal, daB mfihrische Mittelschul- und Volksschullehrer beieinander saBen — Professoren und Lehrer sollen auch etwas wie Kultur besitzen, håbe ich mir sagen lassen — als sich pliitzlich die Tur oifnete, und ein Herr seinen Kopf zur Ttir hereinsteckt und fragt: „Wos ist dos da?“ Die anwesenden Herren, die gerade fiber das Problem der jiidischen Schule berieten, waren ganz erstaunt. Als wir ilinen aber erklårten, es wfire der Herr Prasident Beran, da gaben sie sich zufrieden, denn sie nahmen an, daB es zum gute Tone gehore: daB man ohne anzuklopfen und ohne GruB ein fremdes Zimmer betritt. Und da die Herren jttdischnational waren, so wollen sie sich jetzt diesen guten Ton aneignen. Aber das ist noch nicht alles. Ist da in Briinn ein Gebfiude der Kultusgemeinde oder der Chewra-Kadischa — in Brfinn weiB man ja bei jiidischen Sachen nie, wem sie eigentlich angehoren. — In diesem Hause ist seit dem Umsturze der „Jiidische Volksrat“ untergebracht. Aber auch die „Jiidische Frauenorganisation“ und das „Amerikanische Hilfskomitee“ (der „Joint".) Das ist naturlich den Herren der Kultusgemeinde ein Dorn im Auge. Ihr meifit wohl deshalb, weil die Kultusgemeinde und dcren Wohltater sich dariiber argern, weil das Hilfskomitee ihr Wohltum ausschaltet — aber nein, die Herren verdrieBt es, daB auch Juden, vollwertige Juden im Hause der Kultusgemeinde sitzen. Und das darf doch nicht seiu. Mein Gott, man kann doch als Parteigenosse von deutschen Parteien, welche ganz Brfinn mit#Zetteln bekleben: „Juden hinaus!“, nicht dulden, daB Juden dableiben. Als wohldisziplinierte Parteimånner, und Juden sind in fremdnationalen Parteien immer wohldiszipliniert, darf man nicht rufen: „Juden hinaus!* Man muB auch danach handeln. Daher beschloB der Herr Prasident der Kultusgemeinde Brunns mit sich, in sich, oder sonst mit jemand, man weiB nicht mit wem, er beschloB Samstag, den 24. d., um 9 abends, als niemand in den Kanzleien war, die „Jiidische Frauenorganisation" und den „Joint“ auszuquartieren. Ob er selbst Hånd angelégt hat, wissen wir nicht zu berichten, wir wissen nur, daB er es befahl, und daB es geschah. Denn Sonntag, den 25. frfih, waren die beiden Organisationen delogiert. Wir fragen nun den Herrn Prfisidenten Beran an, ob das auch zum guten Benehmen gehort, des nachts fremde Sachen wegzurfiumen, und tremde Wohnungen zu offnen. Selbst wenn. sich Herr Beran auf den Hausherrn aufspielt, so glauben wir denn doch behaupten zu ktinueu, daB es sich der Herr Beran au! das entschiedenste verbitten wtir* de, wenn ihm nein Hausherf, das tåte, was er getan hat. Ihr meint vielleicht, Herr Beran hat keinen Hausherrn. Kann schon seln. Aber Herr Beran wird sich ja doch noch der Zeiten zu erinnern wissen, in denen er einen Hausherrn hatte. Wir fragen die Briinner Kultusgemeinde: Wer gab Herrn Beran das Mandat. Wir fragen weiter: seit wann ist es Sitte in Israel, daB Prfisidenten von Kultusgemeinden jiidische Organisationen, welche zu den riihrigsten des ganzen Landes gehdren, zu delogieren? Wir fragen aber die Oeffentlichkeit, ob sie dulden wird und kann, daB ein Greis am Prasidium sitzt, der sich nicht zu helfen weiB und der allen Einfliisterungen unverantwortlicher Elemente zugfinglich ist. Wir fragen weiter an, ob es sich mit der WUrde eines Prfisidenten vertrfigt, Biitteldienste und Dienstmannarbeiten zu verrichten. Wir machen aber die Herren, die dem Herrn Prfisidenten zu diesem Schritt geraten haben, darauf aufmerksam, daB wir einen nfichtlichen Einbruch!n unsere Lokalitfiten — und selbst, wenn es der Hausherr ist — unter keinen Umstfinden dulden werden. DaB wir davor nicht zuriickscheuen werden, die Folizei zu Hilfe zu rtifen, damit wir vor solehen Einbrfichen gewahrt bleiben. Es gibt Schranken, vor denen sogar die Macht eines Prfisidenten der Briinner Kultusgemeinde halt macht. Es gehort dies alles scheinbar zum guten Ton. Auch der Umstand, daB man einem gewfihjten Kultusvorstandsmitglied telephonisch eine Antwort erteilt, die man sonst nur in Schnapsbutiken zu horen bekommt. Jedenfalls konnen wir Briinner auf den guten Ton unseres Herrn Prfisidenten stolz seln! Dr. Koh n. Der unverbesserliche „Tagesb o t e“: Wie vorauszusehen war, ist am Samstag, den 24. d., wie auf Befehl wieder ein Judenartikel erschienen. Der „Tagesbote" kann es nun einmal nicht verschmerzen, daB Juden von einer deutschen Honigkeit nichts mehr wissen wollen. Ja begreifen denn die Herren in der Redaktion noch immer nicht. daB wir Juden mit dem volkischen deutschen Volk nichts zu tun haben wollen. WeiB es der „Tagesbote“ noch immer nicht, daB man fiber die Massenkundgebung von' 80.000 Stimmen nicht zur Tagesrodnung iibergehen kann? Ein kleines Licht scheint aber doch den Herren aufgegangen zu sein, denn sie meinen, daB doch viele Juden Jellinek wfihlen konnen, die den Dr. Baeran nicht wfihlen wollten. Also weiB der „Tagesbote" doch, daB viele Juden Baeran nicht wfihlen wollten oder konnten. Spfit sieht das der „Tagesbote41 ein. Wfihrend der ganzen Wahlkampagne war davon im „Tagesbote44 nicht zu spiiren. Da hlillt sich alles in groBes Schweigen. Nun aber nach dem grandiosen „Wahlsieg44 des deutschdemokratischen Freiheitsgedankens kann man schon ein wenig zugeben. Aber nicht zugeben darf man, daB man die „Nene Freie Presse44 nimmt, und Gott behiite nicht zugeben, daB die Politik des „Tagesbote44 einen offenkundigen Bankerott erlitten hat. Es ist schade um die jiidischen Stimmen, die dieser bankerotten Partei zugefallen sind. ' Die Bundesgenossen der „deutschdemokratischen Frelheitspartei" in Wien. Die dieswochigen Studenkrawalle auf der Wiener Aula libertreffen alles Dagewesene, das die Wiener Alma mater zu sehen pflegte. Es ist ja nichts Neues, und wir sind es gewohnt, daB teutonische Heilohbruder, die Juden auf der Wiener Universitfit zu verpriigeln drohten. Aber sie wurden ebenso oft mit blutigen Schfideln zurfickgeschlagen. Was meint nun der „Tagesbote44? Will er auch hier die „Neue Freie Presse" nachfiffen und erklfiren, es seien diese Pogrome von unreifen Studenten veranstaltet worden? Nein. Dies Ist der Dank der deutschfiihlenden deutschenStudenten! Die Bundesgenossen dieser Studenten sind die deutschen Juden der Cechoslovakei. Alle die von Juden unter der famosen Flagge der „deutschdemokratischen Freiheitspartei" gewfihlt wurden, sind Deutschradikale und Christlichsoziale. Wenn sich diese Krawalle wiederholen werden, wenn sie tibergreifen werden; auf die „Kulturstfitten" Prags und Briinns, wenn der Sohn eines Briinner deutschen Juden mit blutigem Kopfe nach Hause kommen wird, so hat er dies nur seinem Papa zu verdanken, der in seinem Deutschtuni nicht einmal davor zm iickschreckt Christlicii- ( sozialé zu wfihlen. San Remo ftat uns die Frei*: Stift 5 =g'l':ira..:,:anTWHi-Jfr.",i"g»,r ••.••su' m r "i 1 f » helt, die Erlosung gebracht, aber die „deutsche" Judenschaft der. Cechoslovakei interessiert dies nicht. Sie bleiben deutsch und wfihlen -deutsch bis ma.i auch ihnen die Kopfe blutig schlagen wird. Das ist die Konsequenz der cechoslovakischen Parlamentswahlen. Die Juden gaben Geld und ihre Stimmen und daffir werden ihre Sohne blutig gcschlagen. Deutsche Treue! Literatur. „Die Judenstadt von Lublin" von Majer Baiabau, mit Zeichnungen von Karl Richard Henker. Jiidischer Verlag, Berlin. 1919. Der Verfasser, ein auf dem Oebiete der Géschichte der Juden Polens bereits vielfach erprobtsr Schriftsteller, hatte seine Anwesenheit in Lublin wfihrend des Weltkrieges dazu benfitzt, um in seinen freien Stunden Material ffir seine Arbeit zusammenzutragen und zu ordnen, ebenso wie Herr Henker, welcher das Buch mit ungeffihr 60 lebenstreuen Zeichnungen versah, sich wfihrend des Krieges im Ghetto von Lublin malerischen Studien widmete. Das Buch ist sohin eine Kriegsarbeit, aber keinesfalls Kriegsware. Wir éntnehmen demselben nicht nur geschichtliche Darstellungen der Lubliner Judengemeinde, sondern wir erfahren auch so Manches fiber die Stellung der Juden in Polen im Aligemeinen, insbesondere weil Lublin in mehrfacher Beziehung einen Zentralpunkt flir die gesamte Judenschaft Polens hedeutete. Die Judengemeinde Lublin reicht tiachgewiesener MaBen ins 15. Jahrhundert zuriick, ist sohin junger als die anderen groBen polnischen Judengemeinden Krakau, Lemberg, Posen und Sandomir. Auf Grund von Rechten und Privilegien, welche die Judengemeinde Lublin von verschiedenen polnischen Herrschern erhielt, entwickelte sie sich sehr rasch, trotzdem die christliche Kaufmannschaft und die Ziinfte, ebenso wie auch in anderen Stfidten, die vom Stadtrate mit den Juden auf Grund der koniglichen Privilegien geschlossenen Vertrfige mit scheelen Augen betrachteten, und der „gemeine Mann von Lublin44 jede Gelegenheit zu Judenplfinderungen unJ Pogromen beniitzte, welche sich hier alle paar Jahre mit immer wachsender Grausamkeit wiederholten. In Lublin war durch lange Zeit Sitz des Kron-' tribunals, der hochsten Instanz fiber die Urteile der lokalen Gerichte wegen der leider allzu hfiufigen Ritualmordbeschuldigungen. Bei den Tagungen dieses Krontribunals hatte die Lubliner Judenschaft sehr zu leiden, sowohl direkt durch die bei diesem Anlasse meist in Erscheinung getretenen Plfinderungen und Erpressungen, als auch indirekt, weil sie in Erkenntnis ihrer diesbezfiglichen moralischen Verpflichtung sich ffir die bedrangten, unschuldig verfolgten Volksgenossen aus allen Teilen des Reiches warm einsetzten. Lublin war auch Sitz des Judenreichstages. Die Judengemeinden Polens waren nfimlich nach den eiuzelnen Lfindern in Landsmannschaften vereinigt, (ahnlich wie dies auch anderwfirts, so auch in Måhren, der Fail war) und im Jahre 1599 wurde ffir die Juden des ganzen polnischen Staates ein „Judenreichstag" geschaffen. Dieser tagte in Lublin, da dortselbst anlaBlich der alljahrlichen groBen Mfirkte sich die einflufireichsten Juden aus allen Teilen des Reiches einfandeu. Er wurde auch der „Vierlfindertag" genannt, weil auf demselben Juden von vier Lfindern, von GroB- und Klein-Polen, ReuBen und Litauen, vertreten waren. Spfiter schieden die Litauer aus, bildeten eine eigene Delegation in Brest-Litowsk, und entsandten nur zur Beratung und BeschluBfassung bei besonders wichtigen, die Judenschaft des ganzen Staates - betreffenden Fragen ihre Vertreter nach Lublin.. Der Judenreichstag befaBte sich mit der Aufteilung der Judensteuern, beschfiftigte sich mit wirtschaftlichen, rechtlichen und religiosen Fragen innerhalb der polnischen Landsmannschaft, und mit Intervention bei weltlichen und geistlichen Behorden im Interesse der Judenheit. Besonders bose Zeiten brachen fiber die Juden Lublins, wie Polens tiberhaupt, wfihrend der Kriegswirren heran, so insbesondere anlfiBlich des Kosakenaufstandes unter Chmielnicki und wfihrend des Vormarsches des Schwedenkonigs Gustav Adolf. Im Jahre 1656 tiberfielen die Russen plundernd die Stadt Lublin und hinterlieBen eine furchtbrae Verheerung. Alle -Synagogen und alle Judenhfiuser lagen in Staub und Asche, und nicht wenlger ais 2700 Leichen wurden unter ihnen gefunden.

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