Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1920)
- Date
- 1920-04-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. lå aa den Tas zu legen vermochte. Doch trugen viele das Empfinden, ob er nicht in seiner wiirdigen Rolle etwa zusehr jung war; seinem Jiinger Baruch gegeniiber, erschien er beinahe als gleichartiger Freuml, das glattrasierte Qesiclit erinnerte mehr an einen! hellenischen Redner als an einen alttestamentari-, schen Propheten. — Herr Wanka in seiner Rolle als Konig Zedekia verstand seine Arbeit meisterhaft. J Er vibrierte in den schwierigsten Nuancen zwischen Trotz und zartem Wankelmut, der Herrscher des Stolzes wurde Dulder demiitigsten Schmerzes. — Herr Soltau, die Hasenclever’sche Jiinglingsgestalt, bot als Baruch den getreuesten Idealisten. — Stdrend und dissonanzwirkend benahm sich der oft langanhaltende Volkslårm im ersten Bild, was man nur wenig geschulten Statisten verzeiheti kann. — Die geschmackvollen BHhnenbilder der lobenswerten Spielleitnug des Herrn Papst standen keinesfalls liinter den Lcistungen der Schauspieler. — Im Uebrigen war diesc Erstauffiihrung ein seeliscbes Erlebnis. RUNDSCHAU. Lord Rothscliild iiber die Palåstinafrage. Tiie London Jewish Correspondence Bureau mefdet: „Weckly Dispatch" veroffentlicht in seiner Nummer vom 18. April ein Interview mit Lord Rothschild iiber das seinerzeitige Versprechen der britischen Regierung ein nationales Heim fur die Juden in Palåstina zu schaffen, wobei die Redaktion einleitend in Erinnerung bringt, daB die Balfotirsche Deklaration vom 2. November 1917 an Lord Rotlischild adressiert war. In der Deklaration leilt die britische Regienmg iliren EntschluB mit. alle Anstrengungen zu machen, um die Errichtung eines Jewish National home zu .ermoglichen. „Dis offentliche jiidische Meinung ist iiber die politische Zukunft Palåstinas iiberaus beunruhigt. Die Beunruhigung ist sowohl durch die letzten Zwischenfålle in Jerusalem, als aucli infolge der umlaitfenden Geriichte iiber die Moglichkeit einer Uebertragung des Mandates iiber Palåstina an Emir Feisal, hervorgerufen.“ „Was diese Geriichte betriift", entgegnete Lord Rothschiid, „so erscheint es mir ganz unglaublich an die Moglichkeit zu denken, daB England befåhigt wåre, sein Wort zu brechen, das feierliclrst und nach reiflichster Ueberlegung gegeben wurde. Ucbrigens hat doch der Nachfolger Balfours im Foreign Office, Lord Curzon im November 1919, also erst vor wcnigen Monaten ganz offiziell die Erklårung abgegeben, daB in der Politik GroBbritaniens bezilglich PalåstiaJCMKflB fOKRHnHnP nas kelnerlei Aendertmtf eingetreten ist. Nun sei seither, soferne mir bekannt ist, nichts vorgefallen, was den Gerflchten aber eine Aenderung dieser Politik irgendwelche Berechtigung verleihen wiirde. Beziiglich ihrer Frage, was von der Ausrufung Feisals zum Konig von Syrien und Palastina 2u hal* ten sei, so erinnere ich Sie an die erst unlfingst eingebrachten Anfragen ins englische Unterhaus, welche vom Premierminister Lloyd George dahin beantwortet wurden, daB die britische und franzosiche Regierung den Emir Feisal verståndigte, die von ihm geschaffenen Tatsachen nicht anzuerkennen und sie luden ihn ein, nach Europa zu kommen, um Rechenschaft abzulegen." „Welcher Natur wåren die Folgen, wenn Palastina doch an Feisal zufailen solite?" „Ich kann mit ailer Entschiedenheit erkiaren, daB eine derart verånderte Sachlage, die allerschlimmsten Konsequenzen nach sich ziehen muBte. Denn nicht allein die Zionisten, sondern das jUdische Volk in seiner Gesamtheit lebt in der Ueberzeugung, daB GroBbritanien das Mandat iiber Palastina unter der Kontrolle der League of Nations iibernehmen werde, da nur ein solches Mandat der englischen Regierung die Einhaltung, des dem iiidischen Volkc gegebenen Versprechens ermoglichen kann. Und nur auf dieser Ueberzeugung gestiitzt, ist die Zentralleitung der Zionistischen Organisation nach London verlegt,. sowie die Zionistische Kommission in Jerusalem geschaffen worden. Soilten wir in unserem Vertrauen in die englische Regierung — woran ich nicht einmal zu denken wage — getauscht werden, so werden die Folgen nicht bloB ftir das jiidische Volk und fur die zukiinftige Entwicklung Palåstinas, sondern auch fiir das Prestige und die Interessen GroBbritaniens weit ernster Natur sein, als man -sich momentan vorzustellen vermag. Die Leiden der Juden in Ost- und Mitteleuropa wåhrend der letzten anderthalb Jahre, sind geradezu unsåglich. Es ist daher ein Gebot der reinsten Humanitåt, die Tore Palåstinas einer iiidischen Immigration und Kolonisation unter britischer Verwaitung raschestens zu offnen. Palåstina kann ausschlieBlich durch jiidische Arbeit, judisches Kapital und jiidischer Opfer zu neuer Blute gelangen. Soilte Palåstina den Arabern iibergeben werden, so wird das Land dem vollståndigen Verfalle unausweichlich anheimfallen. Ueberdies diirfe man auch daran nicht vergessen, daB sich die palåstihensischen Araber ihren nationalistischen Stammesbrildern in Aegypten anschlieBen werden, was fiir die britischen Interessen hinsichtlich Indiens und des Suez-Kanals groBe Gefahren heraufbeschworen wiirde. i. Achtungl Die F. T. Empfanger werden drfngenst um umgehende Abonnementsberahlung gebeten. Dl« Administration. Schon die Hinausziehung der Losung dieser Frage bedeutet eine schmerzliche Kraftprobe fiir die Geduld des iiidischen Volkes. Ich erwarte daher -- schloB Rothschiid seine Ausfiihrungen — daB die nunmehr neuerdings aufgenommenen Verhandlunger« der Friedenskonferenz in San Remo schlieBiich zur Annahme des Mandates iiber Palåstina seitens Englands erfolgen wird, um die Inangriffnahme der Errichtung der nationaljttdischen Heimståtte ohne weiteren Verzug zu ermoglichen." Die englischen Juden und PaUistfna. The 'London Jewish Correspondence Bureau meldet vom 19. d.: Auf der heute stattgefundenen Sitzung der Board of Deputies hat Sir Stuart Samuel nachstehende Resolution beantragt, die einstimmig angenommen wurde: „Das Joint Foreign Committee wird beauftragt, die gegenwårtige Lage in Palåstina zu prilfen, um daraufhin demgemåB die erforderliche Aktion einzuleiten." Im Zusammenhange damit wurde noch eine andere vom Mr. H. S. Q. Henriques vorgeschlagene Resolution einstimmig zum Beschlusse erhoben: „Der ,Board* setzt in die Regierung Sr. Majeståt das Vertrauen, daB GroBbritanien seine Absicht das Mandat iiber Palåstina nicht aufgeben werde." In der Begriindung seiner Resolution ftihrt Sir Samuel aus: Sie sind zweifellos davon unterrichtet, daB in Palåstina eine iiberaus ernste Krise ausgebrochen ist. Die Nachrichten geben zur greben Beunruhigung AnlaB. Ich personlich will nicht dara.i glauben, daB England von der einmal eingenom nenen Haltung abgehen wird. Wenn ich als Jude diese Nachricht mit Bangigkeit aufnehme, so muB ich dies als Englånder mit umso groBerer Unruhe tun. Soilto GroBbritanien eine andere als die bisher vertreteue Politik einschlagen, so muBte ich als Englånder mit aller Entschiedenheit das Schandmal zurtickweiseu, das hiedurch jedem britischen Burger auf die Stirne gedriickt wiirde. England kann unmoglich seinen Biirgern die Biosse geben, s?inen Verpflichtungen nicht getreulich nachgekommen zu sein. Ich bin vollkommen davon iiberzeugt, daB GroBbritanien jenen Grundsåtzen treil bleiben wird, durch welche die englische Politik immer gekennzeichnet wurde und seine Biirger veranlaBte im vollen Vertrauen auf den gewåhrten - Beistand alle Schwierigkeiten zu Der Altglåubige*. „Man muB Gottvertrauen haben. Es hat schon schwerere Zeiten gegeben.. Bessere werden wieder kommen . . ." Der arme Te uf el (rasch, einfallend): „Und dabei verhungert man langsam." Der Kahalsmann (unwirsch, selbstbewuBt): „In u n s e r e r Killah ist, Gott sei Dank, noch niemand verhungert.s Wir haben Wohltåtigkeitsanstalten, Armenunterstiitzungen und, wenn einer stirbt, begråbt ihn die Chewra-Kadischa (fromme Briiderschait) wiirdig. Unsere Killah hat mustergiltige Einrichtungen. Nur mit dem Steuerzahlen hapert’s." Der Fortschrittsmann (bemiiht sich, hochdeutsch zu sprechen): „Die Steuerzahlung soli auf modemer Basis eingerichtet werden. Ueberhaupt wåre es notwendig, daB wir uns mehr den neueren Verhåltnissen anpassen, assimilieren. Man kann nicht immer nur an dem Alten hangen, es stiirzt das Alte und neues Lehen muB bluhen auf den Ruinen. Der Jude muB ein modemer Mensch werden, sonst schreitet die Zeit iiber ihn hinweg. Napoleon hat gesagt . . .“ Der Protz: „Jetzt horen Sie mir auf mit Ihrem Napoleon. Der hat die Menschen abschlachten lassen und wir mtissen Geld verdienen." Der Dorfgeher: „Ja, ja, wenn ich nur wissen mocht’, wie ich es verdienen soli. Man glbt mir nichts fiir meinen Kram." Der Altglåubige: „Der Herr, gepriesen sei sein Name, wird uns unser Miihsal in der jenseitigen Weit vergelten. Nur nicht murren." Der Unwissende: „Verzeiht mir, Rabbossai (meine Herren), aber das erinnert mich an eine Oeschichte, die mein Vater selig, zu erzåhlen pflegte. Mein Tate, im Gan Eden (Paradies) ruht er, erzåhlte also, wie er und noch andere aus unserer Oemeinde zum Briinner Martet gefahren sind. Wie sie auf dem geladenen Wagen auf die Rausnitzcr StraB’ kommen, sehen sie Steinklopfer und rufen ihnen zu: Wart’ nur, bis in jener Weit werden w i r Stein’ klopfen und i li r werdet auf dem geladenen Wagen nach Briinn fahren." Der Kahalsmann (verårgert): „Dein Tate håtte besser getan, dich lernen zu lassen, als solche Witze zu machen. Mit dem Witzmachen hilft man cTem Judentum nicht." Der Fortschrittsmann (iiberlegen); „Lassen Sie mir den iiidischen Witz, der ist unser Salz. Die iiidischen Witze sind gute Witze, Uberrest einer alten Zeit, den wir uns gefallei; lassen. Wie sagt Heinrich Heine ..." Der Protz (auffahrend): „Sie kommen mir schon wieder mit Ihrer Bildung. Mein Junge hat mir erzåhlt, daB der Heinrich Heine Gedichte machte und nie Geld hatte. Sein Onkel, der hieB Salomon Heine, machte keine gedichte und war ein M'llionår. Von dem halte ich fnehr. Sie sehen, ich weiB auch etwas." Der Altglåubige: „Daran håben wir Ja jiicht gezweifelt." Reb Schloinoh (schnupfend): „Man mufi ia etwas wissen, wenn man es so gut versteht, seine WoH’ richtig an den Mann zu bringen." Der Dorfgeher: „Ich wåre auch froh, wenn ich es richtig verstehen mdcht’ Rebach zu nebmen." (Nutzen aus dem Handel zu ziehen). Der Fortschrittsmann (gekrånkt): „Unser Gespråch bewegt sich, leider, auf sehr materialistischen Bahnen. Salomon Heine ..." Der Protz: „Aha, er fångt schon wieder an. Salomon Heine war ein Millionftr," Dér Fortschrittsmann (einfallend, stolz): „Salomon Heine kann froh sein, daB er den Namen seines bertihmten Neffen ftthrt." — Stille. Der Kahalsmann: „Aber Ihr Hejjirich Heine war ja doch ein Meschumed." (Ein vom Judenjum Abgefallener.) Der Fortschrittsmann: „In der Seele aber blieb er doch ein Jude." Reb Schlomoh (mit dem Haupte schiittelnd): „Das sehe ich nicht ein, wie man ein Meschumed sein und dabei ein Jude bleiben kann. — Verkehrte Weit." Der Fortschrittsmann: „Entschuldigen Sie, Reb Schlomoh, aber das verstehen Sie nicht ganz. Ueber alles gibt der Talmud kernen AufschluB. Baruch Spinoza ..." Der Kahalsmann: „Aber jetzt horts mir auf. Ich hab’ schon genug von der ganzen Weisheit. Damit tut man nichts fiir die Gemeindeangelegenheiten, nicht fiir die Schul’, nicht fiir den Friedhof und nicht fiir die Schlachtbank und nicht fiir die Mikwah. Hort’s mir auf mit dem Heine und dem Spi . . Der Fortschrittsmann (nachhelfend): „Spinoza Baruch oder Benedikt, ein Phliosoph." Der Protz: „Also, was soll’s mit dem? War er auch ein Meschumed?" Der Fortschrittsmann: „Keineswegs, aber . . ." Der Kahalsmann: „Aber, um die Gemeindeangelegenheiten kiimmerte er sich nicht." Der Fortschrittsmann (triumphierend):. „Jetzt haben Sie zufållig recht. Nein, um solche kleinliche Angelegenheiten sorgte er sich nicht. Er wurde von der Amsterdamer Gemeinde ausgeschlossen. Und blieb trotzdem Jude." Der Kahalsmann: „Die Amsterdamer wer-, den schon gewuBt haben, was sie tun. Man soli sich von der Gemeinde nicht absondern, sagt ein Rabbi, ich glaube es war Gamaliel..." ' Der Altglåubige: „Diesmal hat Euch Euer Glauben und Wissen betrogen. Dies sagt der Rabbi Hille!, im II. Perek der Spriiche der våter, und,