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Jüdische Volksstimme · 1920-04-29 · Heft 18 (29.4.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 18 (29.4.1920)
Date
1920-04-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sefot 1 _„T^, , , -r.~ - V . .v . i<r .~cv -r. •pjrTK?W’W*l?W~V*VJ „romsene volicsstmhii!.* Nr. IS. lichen. In San R e ni o, wird England, Amerika das den Juden gegebenc Wort einlosen. Der Wahlsieg olme Kandideien. Aus den Wahlkreisen der Slowakei zuriickgekehrt, håbe ich doft følgende Eindrticke gewonnen: Die Cechoslovakische Republik hat die Jiidische Nationalitet anerkannt, als solche vereinigte sich die Judenschaft als Partei, um in den Wahlkampf zu ziehen. Wehn dieser Schritt auch zum erstenmale geschah, konnen wir dennoch konstatieren, daB in ienen Wahlkreisen, wo uns die Moglichkeit geboten wurde und auk persdnlichén Qrilnden uns von den verschiedenen LokalbehQrden keine Schwierigkeiten gemacht worden sind, Kandidaten aufgestellt wurden. An alien solehen Stellen erhi'elt unsere Partei zirka 60 bis 90 Prozent der abgegebenen jiidischen Stimmen. Trotzdem wir bloB in der Slovakei (also auBer Bdhmen, Måhren, Schlesien) 60.000 Stimmen erhielten, ist es dennoch nicht mdglich gewesen, zufolge der gegebenen Wahlordnung, einen Kandidaten zu erlangen. Dessen ungeachtet, ist der Wahlgang flir die jiidischen Wåhler schon deslialb ein grofler Erfolg, weil sie in den Kampf der Parteien nicht hereingezogen worden sind und ihnen auch in den Wahlkreisen, wo sie ihre Kandidaten hatten, keine Vorwttrfe' gemacht werden, wåhrend in j e n e n, wo keine Kandidaten aufgestellt wurden, den Juden von jeder einzelnen Partei separat solche gemacht werden, nåmlich, daB die Juden mit ihnen nicht gestimmt haben. Diese Tatsache konnte ich in den Wahlkreisen Eperjes und Kaschau, woher ich zuriickkehre, konstatieren, wåhrend in Lipto und B. Bystrica, wo die jiidische Partei zur Kandidierung nicht kommen kdnnte, dieser nur die grfjflten Vorwiirfe von dm anderen Parteien gemacht werden. Wenn wir auch dem Wahlkampfe der undemv fcratischen Wahlordnung unterlegen sind, haben wir dennoch auch einen Sieg davongetragen, indem wir die iiidischen Wåhler zum SelbstbewuBtsein gebracht haben Und mit dieser Stunde des Unterliegens e i n e 1 ti d i s c h e Partel ins Leben gerufen worden ist. Die Wahlkampagne ist unsererseits auf einem toten Punkt angelangt, aber das BewuBtsein ist lebendig geworden, weil wir in der nåchsten Zeit noch Qelegenheit haben werdert, unser Bewufltseni zum Ausdrucke zu bringen und ich bin iiberzeugt, daB dieses unser BewuBtsein uns auch Erfolg bringen wird. Marcus Weinfeld. FEUILLET0N. Bilder aus einer måhrischen Judengasse. ( Von Dr. M. Griinf eld. 3. Min jan. „Soviel Kopfe, soviel Meinungen.“ i Sehr alter Spruch. Der Schilderer dieser Bilder aus einer alten måhrischen Judengasse setzt, in vielleicht ahnungslosem Optimismus,' voraus, dafi jeder und jede, die seine Kulturschilderungen lesen, auch wissen, was ein „Minjan“ bedeutet. Solite er sich aber in seiner Voraussetzung doch tåuschen, — man kann heutigen Tages nie alizu vorsichtig sein, besonders in jiidischen Angelegenheiten, — dann teilt er den Nichtwissern, dem Am-Haarez mit, daB man unter Minian eine Versammlung von mindestens 10, iiber 13 Jahre alten Juden versteh't, die notwendig ist, um die vorschriftsmåBigen, offentlichen Gebete zu verrichten. So, nun sind wir iiber die Definition hinaus. Ein soleher Minjan kam in, meiner Judengasse allwochentlich am Sabbath-Abend, bel einem Manne zusammen, der, infolge seiner kdrperlichen Gebrechlichkeit, die Synagoge nicht zu besuchen vermochte. Er war ein gelehrter, trommer Mann, mit schneewelBem Barte, ein Mann, dem die Klugheit aus dem noch immer hellen Auge blickte. Der Qemeinde, die sich in seinen, mit alten Hausrat und noch ålteren BUchern vollgestopften Stube, versammelte, præsidier te er, in seinem GroBvaterstuhl sitzend, oder mehr lehnend, mit patriarchalischem Anstand und ehrfurchtgebietender WUrde. Man kam ein Stilndchen vor der Gebetszeit zusammen, um zu hdren, und sich hdren zu lassen, Stefan Zweigs „Jeremias". (Nach der Prager Erstanffiihrung.) Von E. K6nig. Wiewohl heute, zwei Jahre nach dem vernic:;- tenden Weltringen als Anachronismus artgesehen, ist dieses formvollendete Meisterwerk des Wiener Dichters die aktueliste und erschiitterndste dramatische Schlpfung der Jetztzeit, zumal sie den Kampf des pazifistischen Ideals mit den Paroxysmen leidenschaftlicher Kriegsbegeisterung veranschaulieht. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne...“ meint ein Spruch jildischer Binsenwahrheit. Die von der Zentralmåchtepolitik hinterlassenen Eindriicke, die uns im Anbeginn einer neuen Konstellation Europas kaurn aufatmen Iassen, die Friedensresoltition der Mehrheitsparteien im deutschen Reichstage, die An. empelungen gegen die Friedensmachung Pr of. Lammaschs im osterreichischen Herrenhause, das Verhallen der Vernunftstimme im geifernden, gedankenlosen Oebriill chauvinistischer SåbelraBler, der unvermeidliche Zusammenbruch, diese Eruptionen verschiedener Gedankenpole erlebte vor dreitausend Jahren das jiidische Volk als es zu einem Konflikt mit den Chaldåern drångte. Es mogen mir Frdmmlinge, die allzufreie Analogie verzeihen, wenn ich sage, daB åhnlich Jaures*) dem franzdsischen Friedensapostel, auch Jeremias vor Kriegswahn warnt und die Stunde gransamen BlutvergieBens verflucht. Doch wird er niedergeschrieen vom Siegfriedlerjilngling Baruch, der vom frenetischen Beifall 'seiner Anhanger unterstiitzt, in ieglicher Friedensåuflerung Verrat wittert. Auch der Volksprophet Hananja schwimmt mit dem Strom und sagt im Falle eines Friedens den Untergang Babylons in drei Monden voraus. Die aufgelietzte schlagbegeisterte Menge wålzt sich zur Zionsburg, um beim jiidischen Konig Zedekia die Krtegserklårung gegen den gewaltigen Nebukadnezar zu erzwingen, was auch Zedekia nach Zusammenrufen eines Kronrates nicht unterlåBt. Jeremias, der zum letztenmal der Phraseologie der erhitzten Volksmasse flehend und warnend gegéniibersteht, wird niedergetreten. In Baruch vollzieht sich jetzt eine merkwtirdige innere Wandlung; demselben Jeremias, den er kurz vorher mit frivolstem Spott als Feigling an den Pranger stellen wollte, wird er jetzt begeisterter Jiinger, da sein neuer Meister die Worte tiefsten Friedensglaubens mit eigenem Blut *) Wurde bei Kriegsausbruch als Pazifist, von der franzosischen Kriegspartei durch Mordanschlag beseitigt. politisierte tapler, besprach Qemeinde- und allgemeine Angelegenheiten, rieb sich an dem lieben Nebenmenschen, lieB oft an ihm kein gutes Ilaar, kurz es ging in der Wechselrede, — man nennt sie auch Debatte, — sehr anregend her. Und nun, nachdem ich Gegenstand, Zeit und Schauplatz der SVerhandlungen geschildert håbe, moge hier das Verzeichnis der Personen folgen, die sich un ihnen beteiligten. Es treten auf: Der Altglåubige, der Fortschrittsmann, der Unwissende, der Kahalsmann, der arme Teufel, der Protz und der Dorfgeher. — DrauBen failt der Schnee, in der Stube ist es gemiitlich warm. Der Kahalsmann (selbstbewuBt, behabig, voll WUrde tritt ein): „Gott’s Willkomm, Reb Schlomoh, wie geht’s? Fein warm ist es bei Euch. Eine grofle Kålt’ ist drauBen. Freut mich, daB Ihr gesund seid. Na, ich seh’ zum Minjan fehlen noch zwei. Ah’ da kommen sie: (rumpft die Na,se) der Dorfgeher und sein Jiingel. (Herablassend zum Jtlngel.) „Lernst schon in der Gemara“? (Lachend) „Was man jetzt lerntl Dem Stein sei’s geklagt. Es muB anders werden jn der Qemeinde. Die Lehrer sollen weniger Karten spielen und mehr unterrichten. Die Kinder wissen gar nichts. Eine traurige Zeit. Wohin wird es kommen mit dem ganzen Judentum? Steuern, MaB, wollen sie auch nicht zahlen. Ich sag’ Euch Reb Schlomoh, es ist jetzt eine Last Kahalsmann zu sein.“ Reb Schlomoh, der Herr des Hauses, (schnupft aus einer måchtigen Dose, sarkastisch låchelnd): „Von der Last kSrint Ihr leicht befreit werden, wenn Ihr sie ableget. Es wird doch niemand gezwungen, Kahalsmann zu sein." Die Vessammlung lacht, nur der Kahalsmann fst nicht ganz einverstanden. Der Altglåubige (alterer Mann, mit mildem Qesichtsausdruck, nickend): „So arg ist es mit imserer Qemeinde nicht. Ein bissel frOmmer kdnnte g.inz uncrscbrocken besiegelt hat. Das Vnlkcrgomctzcl begynnt. Baruch cntflieht ins Lager Nebukadnezars und fleht elf Monatedang den Feindesko« nig an, mit Zedekia zu unterhandeln. Nebukadnezar gibt nach; die einzige Demiitigimg miiBte der hartnåekige Judenkonig erfahren, indem er den einz.iehenden Gegner mit dem Joch am Nackcn begruficn søil. Empdrend båumt sich der Stolz Zedékias, doch der Verwaltef Nachum råt angcsichts der Ernåh« eungskatastrophe des belagerten Jerusalem zum Nachgeben, wåhrend der Feldmarschall Abimelecb iiir das Durchhalten ist. Doch wenn dies allein der Beding des Gegners våre; Nebukadnezar verlangt noch mehr. Er will in den Tempel Zions gefiihrt werden, mn das Allerhelligste zu schauen. Hier schcitert der Friede an dem priesterlichén Willen, der dem Feinde das netreten des Tompels verwehrt. Das Scliicksnl der bedrohten Stadt wird von Tag zu Tag kritischer, das furclitbare Ende naht. Durch die Gassen sowie offentlichen Plåtze des Hungers und der Todesqual schreitet der Gott-durchleuchtete Stlicr Jeremias noch immer verhaflt und verflucht als faischer Kiinder. Ob seiner unerschiitterliclien Vorausahnungen wird er als Staatsverråter verurteilt und in die Kellergrube, die sich knapp unter der Zionsburg. befindet, geworfen. Sein Sang fesselt in einer schlaflosen Nacht den unruhigen, mit seinem Gewissen ringenden Konig Zedekia, der den Propheten vor sich ins Schlafzimmer fiihren låBt. Jeremias, der Gott-geheiligte, schildert in biblischer Sprachzier und wuchtiger rhytmischer Gestaltungskraft den bevorstehenden Untergang Jerusalems und die greuelhafte Blendung Zedekias durch den siegreichen Feind. Ueberwåltigt von der holieren Macht des bisher verkannten, die Tragik der Vernunft verkorpernden Propheten, wird der seelisch-gebrochene Zedekia ein Freund Jeremias’. Im letzten Abschnitt låBt Zweig die jiidische Weltmission aufleben/ Der unbesiegte jiidische Geist rafft sich empor, aufrecht und gelåutert, nachdem dessen Stadt die Volkerzierde Jerusalem in Triimmcr und Schutt zusammengeborsten, dessen Krieger erschlagen, dessen Konig geblendet ist. Hier offenbart Jeremias seinen Briidern die Sendung ihrer Auser^ wåltheit. Stolzer Art und voller Zuversicht schreitet das jiidische Volk in einem langen Zug in die Ungewiflheit der Verbannung, doch voller Ge viflheit auf die einstige, herrliche, erlosende Riickkehr. Mit markanten Worten, die den jiidischen Genius trefilich charakterisieren, schlieBt der Dichter: „Verlorenes Volk, unsterblicher Geist!“ * Herr Holzlin als Jeremias leistete in der Sprachgewalt das Beste was nur seine Individualitet schon die Jugend sein. Man soli auch jiicht alle Pntim (synagogale Dichtungen) abschaffen. Wir Juden mussen an dem Althérgebrachten festhaiten. Wenn man einen Stein aus dem Haus herauswirft, dann droht das Ganze einzustiirzen. Indessen, wie der Heilige, gelobt sei sein Name, will, w i r werden es nicht aufhalten." Der Unwissende (starkknochig, man sieht es ihm an, daB er ein gutes Essen liebt und an die am Sabbath schwer entbehrende Pfeife denkt, die er sich nun bald gut schmecken Iassen wird): „Was hat man von den Putim, wenn man sie nicht verstern?** Reb Schlomoh: „Du bist wenigstens aufrichtig. Nicht ein jeder kann ein Gelehrter sein. Es muB auch solche geben, wie Du bist, der Am-Haarez wird nicht aussterben.'* Der Angeredete lacht laut vor sich hin und fiihlt sich durchaus nicht beleidigt. Der Protz (sehr beleibt, spielt mit einer dicken, goldenen Uhrkette): „M’boh, was hat man von der ganzen Wissenschaft? Hauptsache ist: Geldverdienen. Mit der ganzen Wissenschaft kann man die Qemeinde nicht erhalten. Wir Steuerzahler sor* gen ftir die Lehrer, den Friedhof, die Schlachtbank, die Schul, fiir den Schammes, den Totengråber, die Mikwah (rituelles Tauchbad) und das Hékdesch (eine Art Herberge). Heut’ hab’ ich zu Mittag einen zugereisten Bachur bei mir gehabt. Ein SpaB, hat der gegessenl Dafiir hat er mir seine Thorah aufgetischt. Ich hab’ wåhrend dem dariiber nachgedacht, wie Ich am besten meine Woll* verkauf’. Ha, ha." (Er lacht sich selbst Beifall.) — Die anderen læben nicht Peinliche Stille tritt ein. — Am Sabbath denkt man nieht an’s Gescbåft. Der Dorfgeher (man sieht ihm keinen WohtotamJ anh „Etøe schwsrg Zeit" . j , i

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