Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1920)
- Date
- 1920-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE / VOLKSSTIMME. Bezugspr else: Redaktion u. Administration: Brilnn, Krapfeng. 19. halbjåhrig ..5. K 20.-— Buchhåndlerische Vertretung: Otto Kiemm, Lelpzig. ganzjåhrig.. 40.— Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum C. K- 30. Deutschdsterreich.Kronen 50.— Unverlangte redaktionelle Beitrftge werden nicht Deutschland, ganzjåhrig. . . . . Mark 25.— honoriert. Manuskripten ist RQckporto beizuftigen. Jahrgang XXI. Brilnn, Nummer 18. Palæstina als HeimftStte. San Reino. BeschluB der Friedenskonferenz: Balfour’sohe Deklaration, daB Palåstina nationale Heimståtte der Juden werde unbeschadet der arabischen Rechte, wird in den tfirkischen Friedensvertrag aufgenommen. Obertragung des Mandates an- GroBbritannien durch Obersten Rat. Festsetzung der Grenzfragen wird Frankreich England uberlassen. Das von England fur Palåstina vorzubereitende Grundgesetz soli Klauseln betreffend Errichtung nationaler Heimståtte laut Balfour-Dekleration enthalten. Den Schutz der religiosen Gemeinden ubernimmt nicht mehr Frankreich, sondern die Konsulate der betreffenden Gemeinden. San Remo. Seit dem 18. Jånnér 1919 tagf die internaffbnale Friedenskonferenz zu Versailles. Seit bereits lVa Jahren sitzen die Vertreter der GroBmåchte béieinander, um den kranken europåischen Organismus zu heilen, aber wenn eine Wunde verbunden wird, offnet sich die nåchste, und es ist gar nicht abzusehen, wann der GesundungsprozeB eintreten wird, denn auch bei dieser Krankheit sehen die Aerzte den Anfang und nicht das Ende. Doch was Versailles nicht vermochte, das soli San Remo schaffen. Von der Statte, die so manches gekronte Haupt in Schutt und Asche versinken sah, von dem Orte, an dem Deutschlands GroBe und Niedergang geboren ward, zieht die Friedenskonferenz weg, um im sonnigen San Reino alle Probleme zu losen, die der Erlosung harren. Die milde Sonne San Remos, die in Friedenszeiten Tausende Kranker anzog, soli nun die Spiegelsåle Versailles tiberglånzen. Im Vordergrunde der Verhandlungen stehen nåchst der Pazifizierung Deutschlands, der Zwist Italiens mit den SHS-Staaten und der Friedensvertrag mit der Ttirkei. Die Fiume-Frage war schon im alten. Oesterreich ein Stein, iiber den manches Ministerium gestolpert ist. Hatte, schon in der Doppelmonarchie eine Ausnahmestellung, dieses vom Tersato und der alten Ruine der Frangipani (den die Kroaten Frankopan nennen) beherrschten Stådtchen. Gehdrte nicht zu Oesterreich, zu Ungarn aber auch nicht, denn Fiume hatte den seltenen Vorzug einen eigenen Gouverneur zu besitzen, der aber, da die Bevolkerung kroatlsch und italienisch war, nach altbewåhrtem Muster der Habsburger, dem magyarischen Adel entstammen muBte oder ihm hbrig waf. Die Namen alter und neuerer italienischer Dicliter und Politiker prankten da als StraBenbezeichnungen, doch durfte ein Deak und Andrassy nicht fehlen. Die Kroaten beanspruchen diesen Hafen $tet$ flir sich i denn er gehorte zu ihrem Littorale. Englische Kriegsschiffe lagen hier noch im Friihjahr 1914 friedlich vor Anker und englische Seeoffiziere konnten im benachbarten Abbazia die Liebenswtirdigkeit ungarischer und Italienischer Damen bei Reunionen bewunderni F ran jo Supilo, Milan Star ée vid, DuSan Jeftanovid weinten sich —- le nach Parteizugehdrigkeit — die Augen aas, nach dieser falschen Perle der Adria. Fiume—Rjeka ist — der Traum italienischer und,.groBse|^'ischer Irredenta — durch den GaribaIdilfahdStreicft'''des gottbegnadeten D’Annunzio italienisch. Wird es bleiben? Wird der viel verlåsterte, verspottete Dichterfiirst auch uls Mehrer des Vaterlandes besungen werden? Fast scheint es so. Wiewohl gerade Fiume den Italienern keine Lebensnotwendigkeit ist, im Gegenteil. Hat Triest Venedig als Hafenstadt zugrundegerichtet, und umgestellt, daB der Lido zum internationalen Flirtort werde, so wird mit dem Aufstieg Fiumes, als Handelshafen, Genua zugrunde gehen, oder beide. Wohl scheinen die Stidslaven, da ihnen Skutari zugesagt ist, auf Fiume verzichten zu wollen, aber schon droht der alte Streit zwischen Serben und Kroaten — der national und konfessionel! gleich heiB gefiihrt wird — auszubrechen und Fiume zu begraben, das mit seiner starken kroatischen Bevolkerung — siehe den SuSak — den Italienern keine Freude bereiten wird. Die slidslavische Irredenta in Italien wird erst recht ihr Haupt erheben. Und was soli erst mit der Ttirkei geschehen? Diesem alten kranken Mann am Bosporus. Ist das Testament Peter des GroBen ein flir allemal erledigt? Wird die europåische Ttirkei doch liquidieren, deren Liquidierung England seit vollen 100 Jahren wiinschte und doch nicht wiinschte. P/a Jahre wird auf der Friedenskonferenz verhandelt, aber der Zentralpunkt aller Verhandlungen, der Ausgangsort aller der Leiden — alle anderen Kriegsschauplåtze waren Nebensache, das Zentralproblem ist ja doch seit 100 Jahren Konstantinopel, die europåische und die asiatische Ttirkei ist bislang nicht angeschnitten worden. Der Gordische Knoten nicht zerschcdtten. Am 10. Mai sollen die Friedensbedingungen der ttirkischen Delegation tibergeben werden. Jetzt entscheidet sich nicht nur das Sehicksal der Armenier, Ttirken, Syrer; jetzt entscheidet sich das Sehicksal der Juden. Soliwas Paris* Versailles nicht im stande warem San Remo erfiillen? ' Jetzt steht erst die zionistische Frage im Vordergrund des jtidischen Interesses. Jetzt wird mit der Ttirkei, der ehemaligen Herrin unserer Heimat Erez- Israel verhandelt. Schon erheben die Jungttirken wieder ihr Haupt und drohen mit panislamitischen Kongressen — so wie die Ttirkei mit der grtinen Faline des Propheten gedrobt hat — schon hat sich Emir Feisul zum Konig von Arabien krQneil lassen;_schon hat^diearahiseha^eUig^tw^lcmF^ naille den nationalen Chauvinismus gekosftet und die Bestie, die Blut gerochen, will es nun auch leeken. Eine Einigung Englands und Frankreichs ist bislang nicht herbeigeftihrt, wiewohl Frankreich nadhgiebiger geworden ist und — so wollen wir hoffen — nachgeben wird. Unerschtitterlich ist und bleibt der Wille der maBgebended englische n Faktoren, Palåstina zur Heimståtte uns Juden zu ver schaffen, mogen nun Englands Motive rein oder unrein sein. Schon haben zionistische Organisationen Amerikas durch Resolutionen und Telegramme ihren Willen kundgetan,. schon wird Dr. Weizmann auch in San Remo erwartet. Die zionistische Frage, die Judenfrage, ist nuu akut und aktuell geworden. Wir wollen England nicht an seine Deklaration erinnern, wir wollen nicht wiederholen, dass der Oberste.Rat im Februar des Vorjahres uns Palåstina zugesprochen, dass die Balfoursche Formel auch die Losung Lord C u r z o n s geworden ist. Das jtidische Volk in seiner uberwiegenden Mehrheit verlangt von San Remo, die Schaffung einer Heimståtte in Palåstina. Wir appellieren an die Vertretung aller Måchte, gesttitzt auf unseren Willen, als den Willen des åltesten europåischen Kulturvolkes. Wir appellieren an die Friedenskonferenz, nicht gesttitzt auf Kanonen, sondern auf den Willen eines Volkes, das mit der Glut und der Macht seiner ganzen vblkischen Persdnlichkeit nur ein Ziel seit Jahren und Jahren hat: Die Erstrebung einer Heimat in Palåstina: Die Renaissance des jtidischen Volkes: Die Wiedergeburt eines soziologisch total anormålen Organismus. Das erhoffen wir von San Remo. Die Grundlage der Mtjglichkeit eines Aufbltihqns. des jtidischen Palåstina. Und das weiB England, Amerika, die ganze Entente, daB kein Volk auf Erden sich besser dazu eigne, wirkliche Kujtur zwischen dem Okzident und dem Orient zu vermitteln, denn wir Juden. DaB kein Volk im Vollbesitze der zivilisatorischen Errungenschaften imstande sein wird, an der Pforte Asiens, Europa und der Welt solebe Dienste zu leisten, wie wir Juden. San Remo soli den Traum Herzls, den 2000jåbrigen Traum eines unglttcklicben Volkes verwlrk-