Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1920)
- Date
- 1920-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. i«* 6 ehemalige Kommandant des jiidischen Bataillotts in Palåstina, eine bemerkenswerte Kede Aber die Zukunft Palåstina«. Er ffåge sich, ob es einen einzlgen Menschen In der ganzen Welt gebe, der nicht Im tiefsten Grunde seines Herzens geriihrt wåre, wenn das jiidische Volk wieder auflebe und in sein Land zuriickkehre. Leider gébe es jedoch noch solche Menschen. Er glaube an Palåstina und sei iiberzeugt, daB trotz aller Schwierigkeiten, der Sieg auf Seite derjenigen sein werde, die Palåstina wieder aufbauen wollen. Emir Feysul kønne Ansprttche auf Syrien und Mesopotamien erheben und alle Zionisten dttrften einem arabischen Staat zustimmen. Aber welche AnsprOche kønne er auf das jiidische Erbe haben? Wir milssen ihm zurufen „hånds off Palestine44. Es wåre schon Zeit, daB England buchståblich die gegebene Deklaration erfUlle. KANADA. Kampagne ffilr den Palåstina-Wlederaufbau-Fonds. Die Kampagne filr den Palastina-Wiederaufbau- Fonds wird in Kanada am 5. April beginnen. Die flir Kanada bestimmte Summe betragt 250.000 Dollars. Es sind bereits alle Vorbereitungen getroffen, um die Kampagne erfolgreich zu machen. Auch die Kampagne zugunsten des Hilfsfonds filr Kriegsopfer, filr den Kanada 1 Million Dollars aufzubringen hat, wird am 19. April beginnen. Auf einem. gutbesuchten Meeting in Toronto hat A. Outtmann, Vertreter des „Central Relief Committee" der Vereinigten Staaten, einen Bericht iiber die Arbeiten genannten Komitees erstattet und einen Appel speziell an die orthodoxen Juden Torontos gerichtet, sich rege an der Sammlung des 1 Millionenfonds zu beteiligen. Es wurde beschlossen, Rabb. Teitelbaum, der unlangst aus Europa zurilckgekehrt ist, nach Toronto einzuladen. Die letzten Details åber die ZusammenstoBe in Jerusalem. The London Jewish Correspondence Bureau meldet: Ein amtlicher Bericht aus Jerusalem lautet: Die ZusammenstøBe zwischén Juden und Mohammedanern brachen gleichzeitig in mehreren Teilen der Stadt aus und waren mehrfach von grofier Heftigkeit. Die britischen Militårbehorden handelten mit groBer MåBigkeit und Besonnenheit. Sie beherrschen nunmehr vollends die Lage. Die Zahl der Opfer verteilt sich wie folgt: Verletzt sind 170 Juden, 8 Muselmanen, 2 Christen und 6 englische Soldaten. Zwei Mohammedaner sind tot. Ein nachtråglicher Reuterbericht ergånzt diese amtliche Meldung dahin, daB die Zahl der Opfer sich auf 248 erhøht hat. Den Verwundungen sind bisher 4 Muselmanen und 5 Juden erlegen. „Central News" lassen sich aus Jerusalem folgende Darstellung iib.er die Oster-Zwiscnenfålle drahten: Die ZusammenstoBe hatten zunåchst ihre Ursache im zeitlichen Zusammenfallen einer mohamedanischen Prozession mit einer jiidischen Demonstration, woraus sich bald ein schweres Handgemenge entwickelte. Die eingeborene Polizei, welche zur Wiederherstellung der Ordnung aufgeboten wurde, ging zu den Arabern iiber, sie muBte von britischen Truppen enhvaffnet werden. Am Montag und Dienstag haben sich jedoch die ZusammenstoBe wiederholt. Viele Håuser wurden von den .Anhångern beider streitenden Parteien in Brand gesteckt. Die britischen Behørden sind eingeschritten und seitlier wurde die Ruhe in Jerusalem nicht melir gestort. Juden und Christen Im altén Pompeji. Die Reste der alten Stadt, die zur Zeit des Titus, des Zerstorers Jerusalems, verschiittet wurden, haben der Wissenschaft viele Råtsel aufgegeben. Uns inter essier t besonder s die Frage, ob Juden in der vernichteten Stadt gewohnt haben. Harnack hatte in seinem groBen Werk'iiber die altchristliche Mission die Indizien iiber das Vorhandensein einer cliristlichen Gemeinde als åuBerst zweifelhaft bezeichnet und in åhnlicher Weise hatten åltere Gelehrte auch die Existenz von Juden in Pompeji bestritten. Es handelté sich dabei vor allem um eine ganz unsichere Kohlenschrift, die man „Christanos" lesen wollté, und ferner um eine Darstellung des salomonischen Urteils, die aber deshalb nicht beweiskråftig ist, weil es zu dieser Geschichte heidoische Varianten gibt. Nun finden sich in der Wand eines bescheidenen Hauses eingekratzt die Worte: „Sodoma Goiriorra44. Man hat behauptet, diese Inschrift stamme von einem Manne, der sich beim Beginn des Aschenregens an den Untergang Sodoms und Gomorrhas erinnert und voller Entsetzen diese Worte in die Wand geritzt håbe. AUein das GekUnstelte dieser Deutung fåilt in die Augen. Es tst wahrschelnlich, daB diese Worte das Urteil eines frommen Mannes Qber das Oppige und 2flgeliose Leben Pompejis darstellen, und es scheint, daB eln frommer Jnde die sprichwørtliche Bezeichnung der Siinde und Gottlosigkeit, wie sie in den Schriften des Alten Testaments immer wiederkehrt, auf das Treiben seiner Stadt anwandte. Sichere Unterlagen flir den Nachweis einer groBercn Judenkolonie fehlen, es ist aber anzunehmen, daB auch Pompeji eine, wenn auch kleine Zahl Jtidischer Bewohner gehabt hat. Die Rothschllds und die Påpste. Mancher Leser wird sich noch der interessanten Korrespofldenz erinnern, welche zur Zeit des ungliickseligen Beilisprozesses der Londoner Lord Rothschild mit dem Kardinal Merry de Val fiihrte. Da einer der im Verlaufe des Prozesses geflihrten „Sachverståndigen“ von einer Denkschrift des Kardinals Ganganelli, des spåteren Papstes Clemens XIV., gegen den Ritualmord gesprochen hatte, wandte sich Lord Rothschild an den påpstlichen Staatssekretår mit der Bitte um den authentischen Text des zitierten Dokumentes. Der Kardinal bestiitigte sofort auf der Grundlage der im påpstlichen Archiv aufbewahrten Dokumente die Authentizitåt des gedruckten Textes jener Schrift, in welcher verschiedene Fåile von sogenanntem „Ritualmord4* untersucht werden und die zum Schlusse kommt, daB es sich um eine tørichte und unbegriindete Anklage handle. Die Denkschrift selbst hat folgenden Ursprung: Zur Zeit des PeBach-Festes von 1756 fand man, in Jampol in Polen einen getoteten Christen, und die Bevolkerung, untersttltzt von den kirchlichen Behorden, beschuldigte die Juden des Mordes. Die polnischen Gemeinden schickten einen Abgesandten in der Person eines gewissen Jakob Selig nach Rom, der die Interventio'rfriåes Papstes erbitten soilte, und Benedikt XIV. beauftragte Ganganelli, die Anklage zu priifen, und zufolge der Ergebnisse dieser Priifung« erhielt der påpstliche Legat von Warschau den Auftrag, die Juden gegen die Blutanklage zu verteidigen. Damals veroffentlichte August 111. von Polen sein vom 23. Mårz 1763 datiertes Edikt zur Verteidigung der jiidischen Untertanen. Das Haus Rothschild hafte iibrigens wiederholt Gelegenheit, beim påpstlichen Stuhl ftir die Juden zu intervenieren, und die Kothschilds konnten dies um so leichter tun, weil sie die schwachen Kassen des Kirchenstaates sttltzten und daher zu den Papsten gute Beziehungen hatten. So zum Beispiel zeigte si:h einer der groBten Reaktionåre unter den Påpsten, Gregor XVI., wiederholt entgegenkommend gegeniiber den Wiinschen der Juden von Rom, um die Freundschaft des Hauses Rothschild zu behaupten, welches ihm im Jahre 1833 ein Darlehen anbot. Wåhrend der Choleråepidémie von 1837 stellte der Papst der jiidischen Gemeinde einen Palazzo zur VerHgung, um dort ein Spital zu errichten. Als Baron James de Rothschild, der Freund von Heinrich Heine, bei einem Besuche in Rom den Papst bat, jiidische Knaben zur Erlernung von Handwerken zuz.ilassen, was bis dahin verboten war, beschloB der Papst sogar, jiidische Knaben zum Zwecke der Ausbildung zu Handwerkern in Regierungsgebåuden unterzubringen. Aufruf! * Das unterfertigte Komitee der Aerztegruppe des Wiener Palåstina-Amtes wendet sich an alle Juden, insbesondere an die Aerzte und FBrsorgestellen der Welt, sich an der Griindung von Sanatorien in Palåstina zu beteiligen. Gepiant ist der s o f o r t i g e Bau zweier Sanatorien und zwar flir Nierenkranke und Tuberkulose. Filr beide Erkrankungne ist Palåstina infolge seiner geographischen Lage, seiner kråftigen, heilspendenden Sonne bei kiihlen Passatwinden ein Kurort ersten Ranges. Durch den Bau von Sanatorien wiirde in erster Linie den Kranken gedient, jedoch auch dem Lande, das auf diese Weise Tausende von Menschen beschåftigen kønnte. Wånrend Lånder mit zahlungskråftiger Valuta die Qebåude errichten kården, kønnten Lånder mit schwacher Valuta die erforderlichen Einrichtungen in ihren Staaten besorgen, so daB auch diese ihr Kapital nutzbringend anlegen kønnten. Dr. Hermann M a y e r, Dr. Leopold S o f f e r, Dr. Wilhelm R o s e n f e 1 d, Dr. Sanel B e e r, Zuschriften werden an die „Aerztegruppe41 des Palåstina-Amtes, Wien, II., Zirkusg^sse 33, erbeten, von wo auch Ausktinfte gerne erfolgen werden. Llteratur. M o s c h e h, ein Epos (hebrfiisch) von Markus O o 11 f r i e d, Wien 1919. S. 80. — Markus Gottfried, der sich bereits durch eine ganze Bfeihe verschiedener Dichtungen in die hebråische Literatur hestens eingefiihrt hat, hat dieselbe wieder mit einem herr\ lichen dichterischen Epos bereichert. Die vOrliegerta de Dichtung zeigt neuerdings die ganze Eigenart sei* ner Muse und seine auffaliende Begabung. Gottfried beherrscht meisterhaft die hebråische Sprache; sein Stil ist geglåttet, sein Ausdruck flieBend, die Be* handlung der Stoffe originell Das macht ihrt zUm Liebling der hebråischen Leser, zum Lteblirtg uri&e* rer Nation. Nicht subjektive Probleme und Privatgrillen verfolgt er in seinen Dichtungen, es ist das tiefe jiidische Gemiit mit seinen starken Grundempfindungen, mit seiner oft seltsamen Ernpfindsamkeit und herzlichen Schalkheit. Gottfried kennt das Nachempfinden, das Nachdichten aus fremden Nationen nicht; er steckt ganz im Judentum, und aus der jiid. Muttererde schopft er seine Nahrung, aus dem Judentum seine Motive. Seine Dichtung ist daher typisch, hebråisch. Von demselben Geiste ist auch die vorliegende Dichtung Gottfrieds beherrscht und durchdrungett. Schlicht und klar, voll kiinstlerischer Bildkraft wird uns hier in fesselnden Gespråchen und Monologert das Wirken und Schaffen unseres groBen Lehrers Moses vorgefiihrt; seine SeelengroBe und sein hobet Gedankenflug, sein Sittnen und Denken, sein Fiihlen und Empfinden, sein Wollen und Kønnen von seiner Qeburt bis zu dem Auszuge Israels aus Aegypten geschildert. Dabei wird auch die Auffassung Moses’ iiber Volk und Gott, sein philosophisches Denken und Kombinieren, seirie eigenartige pantheistische Weitanschauung so hiibsch, so klar und fesselnd geschildert, daB es den Leser måchtig hinzieht und ihn zu hoheren religiosen Betrachtungen und Sich-Vertiefen anregt. Måchtig muB aus dem Buche die Stelle wirken, worin der Dichter Moses in die Betrachtung der Welt sich vertiefen låBt. „Was die Welt ist?44 ruft er. „Wie soli ich euch das nur sagen? ... Ja, alles, alles ist die Welt... alles was euch umgibt... Seht ihr dort die Hlitten mit den gelben Strohdåchern und dazwischen den alten Turm, die altersgraue Pyramide... Seht ihr dort unten die grilnen Wiesen und Felder und dariiber weg den glitzernden FluB, der gegen die fernen Berge und Wålder sich wendet, wo Himmel und Erde sich zusammenschlieBen... Seht ihr iiber euch den blauen Himmel mit den groBen weiBen Wolkenbildern, wor uriter die Voglein unruhig hin- und herf lattern? ... Dies alles, so weit euch der Blick ti ågt, ist die Welt!... Und iiberall in allem und jedem ist Gott, ist sein Wilie, ist seine Kraft enthalten, immanent!44 Die vorliegende Dichtung Gottfrieds ist entschieden die beste unter seinen vielén iiterarischen Erzeugnisseri dieser Art und ist zu erwarten, daB sie die Zahl seiner Verehrer und Bewunderer nur noch vergroBern und vermehren werde. Dr. G. Dr. M. W e r t h e i m e r: „Das Mysterlumjudeutura und die iudenclirlstllchen Erloserldeale". Vor mir liegt ein stattliches Manuskript des durcli seine vorziiglichen Broschiiren „Die englische Krankheit", „Gottes Volk und Gottesvølker44 in weiten Kreisen mit Recht wohlbekannt gewordenen Wiener Schriftstellers Dr. Wertheimer. Mit seiner jetzigen Arbeit reiht sich Dr. Wertheimer jenen Religions-Historikern und Religionstheoretikern an, die mit emsigen Bemiihen, ausgeriistet mit der leuchtenden Fackel der Religions-Wissenschaft, das Dunkel zu erhellen sich bestreben, das noch immer die Anfånge des Christentums und seines Zusammenhangs mit dem damals in schweren Kampf en ringenden Judentum, umgibt, trotz der Arbeiten eines StrauB, Hilgenfeld, Harnack, Pileiderer, Gråtz und anderer, die Wertheimer zu seiner Arbeit nicht bentitzte, von denen ich bésonders Friedlånder anftihre, der in seinem Buche „Von der Septuaginta bis,zum Christentum44, denselben Stofi in gelehrter unddoch volkstiimlicher Weise, behandelte. Dr. Wertheimer ist zu seiner grundlegenden Arbeit durch die von E 1 i a h a b „Die hundertiåhrige Religionskrisis im Judentum in ihrer Bedeutung fttr das iudenchristliche Problem44 (Verlag des Bundes flir religiøse Kultur, Berlin), besonders von seinem ihm unvergefllichen Sohne Otto, der ihm wåhrend des unseligen Krieges entrissen wurde, angeregt worden. Die Resultate, zu denen er gelangt, sind etwa folgende: Von einem Juden- und Heidenchristenttim kapn im 1. Jahrhunderte unserer Zeitrechnung nicht gesprochen werden, wenn das Christentum mit „dem menscbli- JOd. WOhler und WOhlerinnen sammelt und zeichnet fOr den Wahlfond.