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Jüdische Volksstimme · 1920-04-22 · Heft 17 (22.4.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 17 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf. 17. Mtmm wamiMOL* ~.""T •*’.-- Die Wettkonferenz der Hapoel- Hazair. Fortsetzung der Programmdebatte. Mittwoch, den 31. Mdrz. Eiges (Hapoel-Hazair Warschau): Wir wollen keine Losung allmenschlicher Probleme, sondern vor allem das nationale Leben wieder aufbauen. Das Streben nach normalen Bedingungen flir unser Volksleben einigt uns mit allen Teilen des Volkes, wir fiigen noch das Prinzip der produktiven Arbeit hinzu. Palåstina wird noch lange in gegenseitiger Beeinflufiung mit dem Galuth stehen. Auch fiir das Galuth gelten unsere Forderungen der Produktivierung. Dies aber heiBt noch nicht eine sozialistische Etikette auf unsere Organisation kleben. Die jiidischen Sozialisten sind immer mehr vom nationalen Wege abgeirrt. G r a w a c k i (Hapoel-Hazair, Warschau): Unser Ausgangspunkt ist das nationale Moment, und ntfr das judische Arbeitszentrum kann die Garantie fiir den Aufbau des jiidischen Volkes bieten. Aber von einem Kampf fiir den Sozialismus kann in der jiidischen Gasse keine Rede sein, denn diesen .kann man nur gemeinsam mit dem Proletariat des Wohnlandes kiimpfen und das ist ein frcmder Kampf, durch den die jiidische Frage nicht gelost wird. Wir wollen uns nicht wie die friiheren jiidisch-sozialistischen Parteien durch Grunde der Taktik zum Verlassen des zionistischen Lagers zwingen lassen. Samuel (Berlin): Der Weg, der zur Renaissance des Volkes fiihrt, kann nur ein sozialistischer sein. Sozialismus ist nicht identisch mit Sozialdemokratie. Fiir uns kann nur diejenige sozialistische Richtung brauchbar sein, die der wirtschaftlichen Struktur des jiidischen Volkes angepaBt ist. Wir verwerfen den Parlamentarismus und den Klassenkampf, weil beides bei uns nicht angemessen ist. Wir milssen den Weg des konstruktiven Sozialismus gehen und jeder einzelne muB selbst mit der Verwirklichung beginnen. Schweiger (Zeire-Zion, Warschau): verliest das auf der letzten Konferenz des Misrachi-Verbandes der Zeire-Zion in Warschau angenommene Programm und gibt zu den einzelnen Punkten die Begrilndung. Insbesondere betont er die Forderung der Zeire-Zion. daB die neue Partei sozialistisch sein und sich als Teil der internationalen, Arbeiterbewegung erklåren miisse. Auch in Paldstina konnen wir keine sozialistische Insel bilden. In der Diaspora miissen wir im politischen Leben eindeutig zum Sozialismus Stellung nehmen. Der Misrachi-Verbrnd der Zeire- Zion ist der Anschauung, daB nicht sein ganzes Programm von der Weltorganisation iibernommen werden milsse, wohl aber die Mindestforderungen der Annahme des sozialistischen Namens der Partei und und Erkl&rung der Bewegung als Teil der internatio- Erdiipfel, bezahlt man mir fiir Kråppel, lern’ ich fiir Kråppel. Wo kein Mehl ist, da ist keine Thora. Und sein Moischele, der hat keinen eisernen Kof, mehr eineu Steinkopf, in den bring ich keine Thora hinein . . . . So sprach Froim und schliirfte das gråuliche Getrånk, gennant Kaffee. Giti aber, die energische Gattin, verwies ihm seine milde Redeweise, etwa so wie einst das Weib des Dulders Hiob, diesem seine fromme Duldung vorgeworfen hatte. Aber Froim blieb weiter bei seinem Idealismus. Er war ein Cheder-Lehrer. Wir Jungen liebten Froim und trieben mit ihm keinen Schabernak, obgleich er, wie man heute sagt, keine Disziplin zu halten wufite. Nur hie und da erlaubte sich der eine oder der andere Frechling, soleher gab es schon damals, manche dummdreiste Frage an ihn zu richten. Es war im heiiien Sommer des Jahres 1866* die feindlichen Brlider Oesterreich und PreuBens bekåmpften sich, und, eines schwiilen Tages, hor te man den Kanonendonner sogar in unserer Judengasse. Wir aber safien auf der harten Bank im Froims Hiihnersteige, schwitzten iiber den Folianten, der Herr, geheiligt sei sein Name, hatte wieder einmal eingeheizt, Giti, die Lehrersfrau, braute ihren Kaffee und Froim „sagte“, es war eine Pause eingetreten, Thillim (Psalmen). ■— Und wieder leden Vers zweimal. Da fliegt die Frage Lbbeles auf. LObele war der Witzbold unserer Schulgemeinde, ein vorlauter Griinschnabel, mit gesehårfter Zunge. Also L6bele fragt: „Rebbe, warum sprecht Ihr leden Satz Eueres Thillim zweimal?“ Darauf Froim still, aber verweisend: „Meines Thillim Pessukim (Verse) sage ich nicht, sondern David Hamelechs, mit ihm sei der Friede, Juden! Wåhlet die nalen sozialistischen Bewegung, was iedoch nicht bedeutet, daB wir bei den heutigen ungeklflrten Verhaitnissen sofort in eine bestimmte Internationale eintreten sollen. T w e r s k i (Palåstina): Es ist charakteristisch, daB das Programm der Zeire-Zion nicht ausgeht von der Not des jiidischen Volkes, sondern von der kapitalistisclien Wirtschaftsordnung. Keine Klasseninteressen haben die Chaluzim nach Erez Israel gebracht. Wir sehen den Beginn derselben Entwicklung, die die Poale-Zion genommen haben. Man kann auf die Dauer nicht zwei Herren dienen, man piuB sich entscheidén fiir Gott oder Baal. R a w i c z (Misrach-Verband): Das eigene sozialistischc Leben ist zwar wichtiger als das sozialistische Denken, aber Hapoel-Hazair ist weit von uns entfernt in der ganzen Beziehung zum Komplex des jiidischen Lebens. Wir wollen nicht die Frage von Einzelnen losen, sondern die Frage der jiidischen Massen. Beziiglich des Sozialismus muB man bedenken, daB, wenn auch Leute nirgends eine klare Vorstellung iiber den richtigen Weg besteht, doch in jeder Frage des polnischen Lebens zwei Lager da sind, zwischen denen wir entscheiden miissen. Auch in der Kulturfrage konnen wir nicht die strenge hebråische Forderung im Galuth erteilen. Wir brauchen Schulen fiir die Kinder der kleinen Leute, der Schuster und Schneider, die nur in der Muttersprache gefiihrt sein konnen und Arbeitsschulen. Vereinigen tut uns der Wille, daB Erez Israel auf sozialistischen Grundlagen gebaut werden soli. Der Moment, eine einheitliche Partei zu schaffen, ist vielleicht noch nicht gekommen, nur in praktischen Fragen konnen wir zusammengehen. ZwiJehuda:Ich håbe nicht geglaubt, daB die Frage der Negation des Galuth einen solehen Gegensatz hervorrufen wird. Wir wissen, daB Erez Israel durch das Galuth aufgebaut werden wird, aber es miissen auch die entsprechenden Perspektiven da sein. Wenn ihr unsern zionistischen Ausgangspunkt negiert und das einigende Band des Hebråischen zerreifit, dann untergrabt ihr das Leben des Volkes. Wir miissen die Massen zu uns emporheben, darum brauchen wir auch hebråische Schulen. Wir konnen uns keiner Internationale anschlieBen. K a p 1 a n stimmt in den meisten Punkten mit Rawicz iiberein. Wir mtisser^ die, Synthese suchen zwischen Galuth und Palåstina. Wir konnen uns nicht als Einzelne lostrennen vom jiidischen Volk. Der Sozialismus ist fiir mich keine Frage materieller Interessen, sondern eine Frage der Wahrheit. Faktisch ist gerade der Hapoel-Hazair in Palæstina eine Klassenbewegung, obwohl er nicht davon redet. Ich will keine Klassenbewegung, sondern eine Ideenbewegung. Dem Arbéiter geht es materieli jetzt besser, als vielen Intelligenzlern. Der Sozialismus will ihn nicht aus materieller Not befreien, sondern er will die ganze Gesellschaft auf der Arbeit umbauen. Der Thillim. Und zweimal, weil ich fiir beide Melochim (Herrscher) bete; fiir den Einen, damit er schon aufhbre Krieg zu fiihren und fiir den Anderen, damit’ er jicht ganz, cholilo, fern sei es, besiegt werde unu Gottes Frieden sowohl den Feinden, als auch den Freunden beschert werde.“ Gottlicher Friede strahlte aus seinem Antlitze. Er strich sich den ehrwiirdigen Bart. Lobele schwieg beschåmt und wir alle schwiegen mit ihm. Die Hiihnersteige, unser Cheder, war uns in einen Friedenstempel umgewandelt. Sehr belacht wurde ein Witzwort, das sich der geniigsame, anspruchslose Froim geleistet hatte und das sehr bald durch die ganze Gasse schwirrte. Der trockene Humor Froims, dieses Erbe der alten -Judengasse, kam in diesem Worte zum beredten Ausdruck. Froim trug als nicht ganz schmucke, aus alter Zeit stammende und an diese gemahnende Kopfbedeckung, ein „Bretl“, (ein Baretti), nach der, im Eingange dieser Schilderung gekennzeichneten sprachlichen Abkiirzung, also genannt. Das „Bretl“ war, wie alle Kleidungsstiicke, im Verlauf der Zeiten, — denn manches Jahrzehnt blickte auf dieses hernieder, — schåbig geworden. Da schwang sch der GroBmut des Rosch ‘Hakohol, Gemeindevorstehers, zu einer guten Tat empor. Er sandte Froim vor dem Pessachfeste als milde Spende einen veritabeln Hut. Anfang wuBte sich Froim nicht zu fassen ob soleher Wohltåtigkeit und Herzensgiite, die man sonst beim Rosch Hakohol gerade nicht kannte. Und siehe da, als Froim den Hut aufsetzte, fiel er ihm tiber die Nase. Denn die KopfgroBe des Gemeindevorstandes erreichte die Froims nicht. Und wieder låchelte der Lehrer in seiner sanften Art und sprach zu dem Knaben, der ihm das Geschenk tiberbracht hatte; „Mein Kind, trag’ politlsche Kampf Ist nleht der elnatige Weg; viel wichtiger ist das Schaffen. Wir sind auch abhftngig und interessiert an der Entwicklung der anderen Vdlker. Wenn wir eine allweltliche Partei schaffen, so miissen wir auf die Frage der Internationale eine Antwort geben. Vielleicht mtissen wir eine vierte Internationale der Arbeit schaffen. S p r i nz ak: Wir stehen zwei Gruppen gegeiiiber. Fiir die westliche, welche gleichzeitig ihre individuelle LOsung sucht, gilt nur die Forderugn Joffes, ins Land arbeiten zu gehen, als einziger Imperativ. Die dstliche Gruppe, deren Anschauungen am klarsten Rawicz vertreten hat, sagt, man mtlsse ein Programm fiir Durchschnittsmenschen haben, die nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen. Dies ist keine Anschauung fiir eine Partei, die revolutioner sein will. Wir sind auch fiir den AnschluB an die Arbeiterbewegung, aber es gibt keine internationale Arbeiterbewegung. Jedes Volk hat seine elgenen Aufgaben. In dieser Hinsicht gibt es keine abstrakte Wahrheit, sondern den Egoismus ledes Volkes. Von einem Prinzip konnen wir nicht abgehen: Palåstina darf nicht nur ein Zentrum sein, sondern es ist die Losung. Trotzdem gibt es fiir das Galuth noch zwei Aufgaben: Die Auswanderung nach Palåst;r'' und die Verteidigung der nationalen Positionen, vielleicht wird es so weit kommen, daB sogar Palåsilna Menschen herschicken wird zur Fiihrung der Galutharbeit. Der extreme Palåstinismus mufl aber das Prinzip unserer ganzen Arbeit sein. Dr. Buber: Ich will jetzt nicht weiter iiber ein sozialistisches Programm sprechen, weil ich noch viel dariiber zu redemhaben werde, hier und in Erez Israel. Ich will nur die Frage der Galuthpolitik von einem einzigen Gesichtspunkte behandeln, inwlefern diese Frage nåmlich in die prinzipiellen Grundlagen eines Programmes einzuschlieBen ist, das uns einigt. Ich spreche also nicht iiber die Berechtigung der Oaluthpolitik iiberhaupt. Um die Galuthpolitik in ein gemeinsames Programm aufzunehmen, miiBte die Moglichkeit einer von den Vdlkern unabhånglgen, gleichmSBigen und selbstandigen Galuthpolitik bestehen. Diese Moglichkeit ist aber mit dem Wesen des Galuth unvereinbar. Galuth bedeutet nicht nur Verstreutsein, sondern Verstricktsein in das Leben der Volker, Verstrickung jedes Teiles unseres -Volkes in das Leben eines bestimmten anderen Volkes. Wir sind auch innerlich abhångig von den ‘remden Bewegungen. Das ist eine unvermeidliche A imiiation. Das Galuth kann sich aus dieser Versti :kung nicht losen, weil dazu der Aufbau eines geschlos enen wirtschaftlichen und kulturellen Lebens notig \ *-e; dies allein wiirde aber schon bedeuten, daB wir aus dem parasitaren Leben herauskommen. In einem Einigungsprogramm kann die Galuthpolitik nicht stehen, sondern sie muB den Gruppen liberlassen bleiben. Unser Programm kann nur auf einem Prinzipe aufgebaut sein, dem Prinzipe der Rettung des Volkes den Hut dem Rosch Hakohol zuriick und sag’ ihm, ich lafl’ ihm danken; zum er stenmale hat er mir ein Geschenk gemacht und das war zu groB.“ — Es wurde viel iiber diesen, ich mochte sagen, unwillkiirlichen Witz Froims gelacht und. iiber die allzugroBen Geschenke des Rosch Hakohol. Froim, oft denke ich an ihn und an manches gute Wort, das wir von ihm lernten. Sein Wissen ging mehr in die Breite, als in die Tiefe. Er war nicht stark im Pilpul, in der Dialektik, profanes Wissen war ihm fremd, wenn er auch vor ihm einen groBen Respekt hatte. Als wir Gymnasiasten wurden, lieB er sich von uns mit unseren lateinischen und griechischen Floskeln imponieren. Und in seiner milden Redeweise sagte er: „Es ist wahr, was* unsere Weisen behaupteten, die Gerechten aller Volker haben Anteil am ewigen Leben. Euere Rdmer und Griechen waren ja gewiB gescheidte und gelehrte Leute, aber die Thora kannten sie doch nicht. Aus dem Brunnen frischen Wassers haben w i r geschopft, sie haben sich mit dem Wasser der Zisternen begnttgen miissen. Kinder, lernt fleiflig das Lateinische und Griechische, aber in den Ferien kehren wir wieder zur Thora zuriick." So verbrachten wir die heiBen Ferien in Froims Hiihnersteige und låuschten seinen Worten, der Lehre der Wahrheit. Schlafe wohl, lieber Bachur, und gesegnet sei dein Andenken Froim. Liste der „vereinigten jiidischen Parteien".

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