Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1920)
- Date
- 1920-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sent s« ucmscm volkssumme.' itfLæms Nr. 17. auf die wir unsere Hoffnungen gesetzt haben, hat uns nicht enttåuscht. Es haben sich auch die slovakischen Juden gut gehaiten. Die Lehren, die wir aus unseren Wahlkampfe zu ziehen haben, sind: ununtferbrochenes Arbeiten fiir unsere jiidische Sache. Organisation des jiidischen Volkes. Haben wir hier dureh einige Jahre hindurch intensiv gearbeitet, dann ktinnen wir allen Wahlen mit groflter Zuversicht entgegenblicken. Juden i Es ist keine Notwendigkeit, die Flinte ins Korn .zu werfen. Bleibet weiter aulrecht. Haltet es der jiidischen Ehre zugute und wåhlet wieder jiidisch! Die Ehre des jiidischen Volkes gebietet uns, immer als fif »e Juden aufzutreten. Immer hocherhobenen Haupt.' zu schreiten. Bleibet weiter treul Lasset Euch nteht abschreckenl Ein Ruf ergeht an alle unsere Wåhler: Wåhlet die vereinigten jiidischen Parteien. „Deutsehtum und Judentum". Der Brlinner „Tagesbote" liebt es, knapp vor den Wahlen ganz besonders zu seinen Juden zu sprechen und verschreibt sich spezielle Artikel, die das Verhåltnis des Deutschtums zum Judentum behandeln. So geschah eS zu Pfingsten des Jahres 1919; und so geschleht es Samstag, den 17. April. Warum sich wohl der „Tagesbote", die Samstage aussucht, um zu den Juden zu sprechen. Wohl aus Atavismus? Vielleicht erinnern sich die jiingst- oder baldgetauften Juden daran, daB am „Schabbos" mehr MuBe zum Lesen vorhanden ist. Denn der Herr „F. J.“ des „Tagesbote" hatte auch Ahnen gehabt, die iiber das rote Meer gezogen sind, keineswegs konnen wir annehmen, daB die Vater des Herrn „F. J." mit Hermann dem Cherusker im Teutoburgerwalde gegen die R6met gekåmpft haben. Was hat nun dieser famose Heri ,,F. J.“ zu sagen? Er ist, Qottbehiite, kein Politiker. Nein, nein: Politik liegt ihm ferne. Er gibt sich wissenschaftlich nun man muB doch den Lesern des „Tagesbote" zeigen, daB man „Bildung gelernt" hat. Und wen der Herr „F. J." alles kennt, das ist geradezu imponierend. Schade, daB die „Kaiserlichen Råte" nicht mehr existieren. Es wflrde gewiB die Frau Ratin, ihre Tbchter darauf aufmerksam machen, nur ja den „Tagesbote" vom 17. d. zu lesen, denn da kann man viel lernen. Sogar Spitteler wird zitiert, und „F. J." weiB sogar, daB er ein Altersgenosse Friedrich Nietzsches war. Armer Spitteler, armer Nietzsche, sogar zu einem Artikel miiBt ihr herhalten, weil es diesen ehrbaren Herren im „Tagesbote" paBt. „Ich sehe meine deutschen Mitbiirger jiidischen Stammes vbllig verwirrt nach einer Einordnung ihrer alten kulturellen Bedeutung (was meint Herr „F. J.“? den „Deutschen-Haus"-ball etwa?) in die neu sie umgebende Welt suchen, ich sehe, daB ein grofier Teil daran. Es hatte seine Quelle in Froims Art, die Worte des Gebetes zweimal vor sich herzusagen. Froim betete immer, nicht nur zuhause und in der Synagoge, sondern auch, wenn er auf der StraBe rasch hinschritt. „Worte der Wahrheit waren stets in seinem Munde". Er war ein Cheder-Lehrer. Jetzt weiBt du alles, teuerer Leser, und nicht minder teuere Leserin, was ich dir von Froim sagen kann. „Cheder", das war die Kinderschule des Ghettos, iiber die unsere heutigen, Bildungs- und Kulturstolzen „Glaubensgenossen", wie sie sich so gerne nennen, obgleich sie mit dem „Glauben" sehr wenig zu tun haben, gerne die Nase rtimpfen und die Achsel zucken. Man muB es ihnen zugute halten, denn sie wissen wirklich nicht, was sie tun. Und was wissen sie von der Vergangenheit unseres Volkes? Ist ihnen bekannt, dafl das Wort „Cheder" den Sitz des unverwelklichen Idealismus unse;es Judentums bezeichnet, im Cheder die ersten SaatkBrner unseres Wissens gestlet wurdén, die dann zur schQnen, herrlichen Frucht aufbltlhten? Wie sagte doch unser Lehrer Froim Bachur? Es heiBt: „Was gepflanzt wird im Gotteshause und die Schule ist ein solches, im Vorhofe unseres Gottes, d. i. im Leben, soli es aufbliihen.“ Ein feines Wdrtel Froims, mit dem er den 14. Vers im 92. Psalme aufklårte. Soviel iiber den Cheder. Verachtet mir diese alte Schule nicht, die ihr in den Cheder gehen solltet, vielleicht wird dann weniger Unwissenheit unter euch herrschen .... Und nun, der Cheder-Lehrer. Der stellt einen Typus der alten Judengasse dar, zusammengesetzt aus Mtihe, Arbeit, BedUrfnislosigkeit Entsagung, viel Qe* leh^amkeit und wenig, sehr wenig Bezahlung, Welt- Irém theit und Idealfønus, viel Gottvertrauen, Her- »enilrieden und ichwerer Milhsal. So war unser! riimr ■ ....... i von ihnen sich in ein Lager stellt, das, „judisch-natio- nal" genannt, (Herr „F. J." scheint ein Verwandter des „Roschoh" aus der „Hagada" zu sein!) in der Tat eine sonderbare Art von Nationalismus betåtigt, einen, dem die wesentlichsfe Voraussetzung eines vSikischUn Positivismus — die Erhohung und Veredlung des eigenen Volkstums durch das Feuer der Nationalsprache mangelt — (Gott! Wie der Mann deutsch ist, es ist hur schade, daB dieser trutzigc, deutschvolkische Recke seinen Namen verbirgt, auf sein Gesicht wåre ich noch neugierigerl) und der sich in steriler Verneinung erschopft (Dr. Baeran zu wahlen, ist fruchtbarer!) in Feldgeschrei: ein Jude kann kein Deutscher sein! Sieh da! — Felix Mendelssohn und Heinrich Heine, Ehrlich, Rathenau und Einstein — keine Deutschen, nein — vielmehr hochst fragwilrdige Schwindler und Wortbetriiger." O weh! Gerade die Namen muBt Du mir nennen Herr „F. J.“ WeiBt Du denn nicht, daB die Erhohung und Veredlung des volkischen Bewufltsein in Deutschland darin bestand, daB volkische Dichter, Denker und Studenten dem Juden Heine kein Denkmal steliten, weil sie in ihm keinen Deutschen sahen! WeiBt Du denn nicht, daB der volkische Kaiser Willy das Heinedenkmal sogar aus dem Atheneion entfernen lieB, damit sein_ teutonisches Auge nicht den Juden erblicke und sein „Es ist erreicht"-Bart nicht erbebe? WeiBt Du denn nicht, daB Ehrlich in ganz Deutschland keine 'Professur bekommen konnte, weil er Jude war, und daB Rathenau vom deutschen Volk’e, als Urheber der Not bezeichnet wird. WeiBt Du denn nicht, daB E i n s t e i n nicht lesen durfte, weil deutsche Studenten, die durch das Feuer der Nationalsprache erhoht und veredelt waren, den beriihmtesten Gelehrten. Deutschlands nicht lesen liefien? „GewiB, das ist wahr, soweit Deutsche wohnen, leben Feinde der Juden scharenweise unter ihnen." Ich bitte: Scharenweise wohnen Judenfeinde unter den Deutschen, nicht vereinzelt. Das miifi festgehalten werden, damit der „Tagesbote" nicht wieder einmal kommt, um uns Juden Bruder der Deutschen zu nennen. Es wird ja immer besser. Zu Pfingsten waren wir noch Bruder, jetzt wohnen unter den Briidern bereits scharenweise Feinde und nåchstes Jahr? Herr „F. J.“ Was wird nåchstes Jahr sein? Was aber in aller Welt soli das die Juden scheren?" Natiirlich! GoflTwas schert uns der Feind! Wir lieben ihn doch in christlicher Demut, wir w a h 1 e n ihn ja. Wer uns auf die eine Backe schlågt, dem reichen wir nocji die andere dar. WeiB Gott, ich mochte auch jemanden so gerne einen Backenstreich verabreichen. Aber nein. „Das mochte ich sehen, (nåmlich der Herr F. J.) wo dem deutschen Juden sein Heimatsgefiihl wohnt, (in der Brust natiirlich! nein!) (Herr „F. J." meint wohl: wo des deutschen Juden usw./bekanntlich sagt man des Vaters Hut, aber Herr F. J., der vom „volkischen Feuer der National- Froim, ein Beladener und Belasteter, und doch stets von jugendlichem Frohsinn erfiillt. Vielleicht nannte man ihn deshalb „Bachur", den Greis mit dem jugendlichen Antlitze, den Alten mit dem grauen Barte und dem Herzen voll knabenhafter Unschuld. Froim war ein aufrichtiger Optimist, den kein Kummer, kein Leid, kein bbses Wort, —- er bekam auch solche zu horen, war er doch ein Lehrer, — aus der Fassung zu bringen vermochten, den Sonnenglanz jugendlicher Freude lieB er sich nicht triiberi. Das gefliigelte Wort entflog dem Gehege seiner Zåhne: „Den Lebenssorgen tue ich die Freude nicht an, mich von ihnen bedriicken zu lassen." — Man verzeihe diesen Allegorismus, aber ich nahm mir vor, geschichtlich zu berichten und die Ausspriiche meiner Ghettoleute wortlich anzuftihren. Ein Beispiel fiir Froims Gleichmut. Klettert da ein erziirnter Vater die stelle Holztreppe empor, die zu Froims Wohnståtte, von uns bbsen Jungen Htihnersteige genannt, fiihrt. — Heifl brtitet iiber ihr die unbarmherzige Sonne eines schwiilen Augusttages. Denn so war Froims Hiihnersteige: Im Sommer sehr heiB, im Winter sehr, sehr kalt. Denn Forim konnte sich kein Holz kaufen, obgleich die Klafter damals, wohl zugeschnitten, auf einen alten Guiden kam. Froim setzte sich iiber diese Leiden des Lebens mit dem ergebenen, demiitigen Wahrheitsspruche hinweg: „Wenn der Heilige, gepriesen sei sein Name, einheizt, nåmlich im Sommer, dann ist es heiB, im Winter, wenn ich oder mein Weib. Giti, der Herr lasse sie leben und gesund sein, einheizen, dann ist es kalt. Denn selbst, wenn wir Holz besitzen, der Olen versagt, es ist ein alter, eisener Ofen, der gibt keine Wårme und nur viel, viel Rauch von sich . . Er muBte es wissen, der gute Bachur und wir Kinder muflten es versptlren an unsprache veredelt ist, schreibt gewiB „dem Vater sein Hut") ob im kulden Grund und Rauschen von Eichendorffs Zaubcrwald oder unter der Sonne, die erbarmungslos auf Palåstinas Sand und Klitfte sticht." Ich ntøjchte nichts wissen! Ich weiB, daB die Heimat des Herrn F. J. im kulden Grunde der Wålder von Eibenschitz, Butschowitz oder Boskowitz ist, aber keinesfalls im Teutoburger Walde! „In ihrem Sinne scheint es mir fiir einen Juden keine Schande zu sein, einen Antisemiten zu wahlen! (aber ganz im Gegenteill Der Jude muB sich eine Ehre daraus machen!) Beschfimung empfinden die Antisemiten, die sich von Juden wahlen lassen." Fåilt den Herren Dr. Baeran, Budig und Dr. Hanreich gar nicht ein. Warum sollten sie^sich denn schåmen. Weil es doch noch biode Juden gibt, die sie wåhlen? Nein, wir Juden schåmen uns! Wir Juden iniiBten un^ in die tiefsten Wålder verstecken aus Schande, daB in einem Judenblatte (und das ist doch der „Tagesbote") den jiidischen Lesern solch ein Galimathias vorgesetzt wird. Wir Juden mtiBten in den Erdboden versinken und uns schåmen, schåmen, daB es ein jtidischer Redakteur wagt, seinen Lesern so etwas zuzumuten. Wischt Euch nur die Wangen ab, wenn sie Euch bespien werden, und saget es war nichts. Wahrlich jeder ehrlich denkende „deutsche" Jude muB sich mit Abscheu davon wenden. Der „Tagesbote" soli uns endileh aufklåren, wo Dr. Johann Jarolim geblieben ist. Das interessiert alle Juden Brtinns mehr, denn die Frage, wer sich mehr zu schåmen hat, der Jude oder der Antisemit. Wessen Schande groBer ist, die des Juden, der Dr. Baeran wåhlt, oder die des Dr. Baeran, der von Juden gewålilt wird. Dem „Tagesbote" mochten wir aber raten, daB er doch die Juden nicht fortwåhrend behelligen moge. Die Juden, die nicht gewåhlt, nicht kandidiert werden diirfen, weil die Bauernschaft Nordmåhrens das nicht haben mag, wie es Herr Doktor H_a n r e i c h in einer Versammlung am Freitag, den 16. April, in der Jahnturnhalle erklårte. Allen unseren Juden werden hoffentlich bald die Augen aufgehen, wessen die Schande ist. Und es durfte dann der „Tagesbote" die Antwort erhalten, die ihm gebiihrt. Wessen Heimat aber im „kiihlen Grunde und Rauschen von Eichendorffs Zauberwald" liegt, (Gott wie poetisch!), der moge im Walde bleiben und sich dort ehrlich nåhren. Er moge uns nicht behelligen. Denn wir sind gar nicht darauf neugierig, ob er es sich zur Ehre anrechnet, Antisemiten zu wåhlen. Wir lassen ihm diesen „Kowed". Dr. Gustav Kohn. seren erfrorenen Hånden... Doch kehren wir zu dem erziirnten Vater zuriick und belauschen wir sein ih etwas erregtem Tone mit Froim gefiihrtes Zwiegespråch. Der Vater: „Ich hab’ am letzten Sabbatil mein Moischele, er hat doch einen eisernen Kopf, verhort und hab’ gesehen, er weiB vom Chumesch (Pentabuch) nichts und noch weniger von Raschi (dem Pentabuch-Erklårer). Wofiir zahl’ ich Euch, Rebbe?" Froim låchelnd: „Euer Moischele begreift schwer, ich gab mir viel Miih’ mit ihm und kann ihm nichts beibringen." Lieber Froim, du ruhst auf dem guten Orte und nichts Bdses will ich dir nachsagen, aber ein guter Menschenkenner warst du nicht. Kein Psycholog. Denn sonst hattest du nicht Oel in die Zornesflamme des Vaters gegossen. WuBtest du es nicht, daB man Eltern nie sagen darf, ihre Kinder seien keine Genies? WuBtest du nicht, daB die Lehrer immer schuld daran sind, wenn die Kinder nichts wissen. Du kanntest doch deinen Talmud so gut, keine Stelle in ihm war dir unbekannt und doch entging dir das tiefsinnige Wort des alten Weisen: „Wirf den Krug auf den Stein oder den Stein auf den Krug, immer zerbricht der Krug, d. h. der Lehrer hat immer Unrecht. Erst, als der erzttrnte Vater weggegangen und, ohne Unfall zu erleiden, iiber die wackelnde Holztreppe auf die sonnettbeglånzte Gasse gelangt war, da muBte Froim wieder låcheln und sprach zu seinem Weibe Giti, die ihm den gråulichen Trank, genannt Kaffee, — er bildete des frommen Ehepaares Mittagessen, — reichte, folgende Worte: „Der gute Itzig", so hieB der zårtliche, zlirnende Vater, „sagt, er zahlt mir fOr meine Mtihe. Einen ftalfefeft Qtildén soli er mir monatlich bezahlen und bleibt mir ttih schuldig. Bezahlt man mir fiir Erdåpfel, lern’ ich flir