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Jüdische Volksstimme · 1920-04-22 · Heft 17 (22.4.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 17 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE VOLKSSTIMME Be zugs p r el se: /vM'i'.x Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. halbjåhrig . . . . . . S. K 20.— Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzlg. ganziahrig. . „ 40.- Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum 6. K —*30. Deutschdsterreich Krdhien 50.— Unverlangte redaktionelle Beitr&ge werden nicht Deutschland, ganzjiihrig .... . Mark *25.— honoriert. Manuskripten ist RQckporto beizuffigen. Jahrgang XXI. Briinn, 22. April 1920. 4 Ijar 5|80 Nummer 17. Der Verrat der Jiidijchnationalen dies ist der Titel einer Notiz im heutigen „Der Deutsche Wahler*. „Der deutsehe Wdhler" vom 22* April als Beiblatt des „Tagesbote" hålt es flir notwendig, dié; Juden anzuwinseln und anzuklagen, weil sié nicht die famose-Liste des^tferrn Dr,- Baerani sonder-n dte jtidische Liste gewåhlt habén und wirft uns vor, wir hatten Verrat am deutschen Volke geiibt., Es erkiihnt sich ein Blatt ungescheut derartiges zu schreiben. Die „deutschdemokratische Partei“ gebardet sich als die Hiiterin des Deutschtums. Diese Partei, die seit 4 Monaten den grfiBten Tamtam schlågt, diese abgekrachte, bankerottierende Partei, die nicht einmal die Half te 'der Summe von Stimmen aufgebracht hat, als wir Juden, tritt bald verschåmt, bald unverschamt gegen uns auf. Nenne uns doch „Der deutsehe Wåhler" den Wahlkreis, in dem sie einen Mandatar durchgebracht hatte. In Briinn, gilt es nicht, weil sie hier unter einem falschen Namen kandidierte. In Deutschbohmén, ihrem angéblichen Hort, hat sie oft nicht einmal die Stimmenanzahl erreicht, die wir erreichten. Das bUrgerliche Deutschtum In seiner Uberwiegenden Mehrhelt hat antlsemltisch gew&hlt. Der Briinner Listenfiihrer ist als Antisemit bekannt, und der angebliche judische Retter der Partei Prof. Kafka in Prag ist jammerlich gefallen. Es ist eine Riicksichtslosigkeit und ein Verbrechen sondern gleichen, von den Juden in dieser vom Nationalitatenstreit durchseuchten Zeit, zu verlangen, sie nidgen deutsch wahlen. Nein und dreimal nein! Ver rat iibt die „deutsendemokratische Freiheitspartei“. Diese Partei hat es zu Wege gebracht 2 Antisemiten durchzubringen und beim zweiten Skrutinium soli an erster Stelle als dritter Briinner Antisemit Dr. Hanreich prXsentiert werden. Das ist die Demokratie, die Freiheitlichkeit dieser Partei. Dås deutsehe Volk der Republik will von ihr nichts wissen. Sie mogeft nun Kammerråte oder ehemalige Bezirkshauptleute auf stelleh. Das deutsehe Voik. ist auf diesen Schwindei nicht hereingefallen, nur unseren lieben Judem war es vorbehalten, dieser Partei auf den Leim zu gehen, dies aber hoffeiitlich zum letztenmal. Dafiir wollen wir sorgen. Es freut uns, daB 80.000 Juden jiidisch gewahlt haben, es freut uns, daB Prof. Kafka durchgefallen ist, weil Vertreter^ekjher-«bgefcraÉtøt&^ teien und Verrdter am Judentum nichts im Abgeordnetenhaus zu tun haben. Ja das hatte den Herren gepaBt, wenn die Prager Juden deutsch gewahlt hatten, natiirlich, damit noch ein Antisemit mehr im neuen Hause sitze. Aber Gott sel gedankt, so blode sind die Prager > Juden denn doch nicht. Wer ist diese deutschdemokratische Partei? Die Arbeiter stehen nicht hinter ihr, nicht* die Bauernschaft, nicht die Studentenschaft, nicht der Mitteistand. Diese Partei ist in Briinn nichts anderes als die Zutreiberin der christlichsozialen Partei, und dazu soliten die Juden herhalten. Juden, lasset Euch doch nicht alles von dieser anonytnen Journaille einreden. Lasset Euch . doch nicht immer von diesen feigen Memmen beleidigen. Sie sollen doch endlich den Namen nennen, diese „Siegfriedler". Diese abgekrachten Kriegspolitiker, die in ihrer Sterilitet einen Koiler bekommen, wenn sie sehen, wie wir Jungjuden siegend durchs Land ziehenl Wir Jungjuden wollen nicht Hiiter des deutschen Chauvinismus sein. Wir wollen nicht der Prellbock eines wahnsinnig gewordenen deutschen Imperialismus sein. Verrat wSre es, wenn die Juden deutsch gewahlt hatten, Verrat am eigenen Volkstum, wenn sie nicht jiidisch gewahlt hatten. Das ist Verrat, das ist Unmoral, fJnsittlichkeit, wenn man von einem Volke politischerr und nationalen Selbstmord vérlangt. Euch Ihr Herren des „Deutschen Wahler“ geht der Atem aus, denn Ihr håbet keine Zukunft, die Jugend steht nicht hinter Euch. Unser aber ist die Jugend. Unser die Zukunft. Juden I Wahlet deshalb einheitlich die Liste der Vereinigten jiidischen Parteien44! -i .• .• x ■ ■ Dr. Kohn. B r ii n n, am 22. April 1920. . Die vereinigten jiidischen Parteien haben flir das Abgeordnetenhaus kein Mandat erobern konnen und die Juden dieses Staates werden ohne Vertretung in der ersten Kammer sein. — Die Tatsache ist betriiblich und jedem, dem ein warmes jildisches Herz im Leibe schULgt, wird bitterer Zorn Uber alle jene erfassen, welche das eigene Volk im Stiche gelassen haben, um fremden Gbtzen zu dienen. Haben wir also auch kein Mandat, als sichtbares Zeichen unserer Stdrke, erhalten und werden unsere 80.000 Stimmen auf der Parlamentstribune sich nicht zur Qeltung bringen kbnnen, so haben wir doch wenigstens das eine erreicht, daB wir die Juden, die treu zum Volke gestanden, dem nationalen Hasse entrlickten. DaB dies der Hauptzweck unseres Wahlkampfes war, das haben unsere AnhSnger besonders in Måhren und Schlesien begriffen. Mit seltener Energie haben gerade die måhrischen Juden gezeigt, daB sie gewillt sind ein Eigenleben zu fllhren. Be- Dorfe ihre Stimme fUr unsere Liste abgaben, béwunderungswert auch die fast einstimmige Wahl unserer Lieben in den jUd. Kleingemeinden. Hier gab es keine Frage, ob jiidisch zu wåhlen sei, hier handelte man ganz einfach aus der jiidischen Psyche hinaus und der Stimmzettel der jiid. Parteien wanderte in die, Wahlurne. Hut ab vor dieser Volks- und Gesinnungstreue, sie wird auch dem Gegner nur Achtung und Bewunderung abringen. Unser Progrdmm der Neutralisierung der Juden hat sich glSnzend.bewdhrt. Es ist in unseren Reihen kein Platz fiir Schwarzseherei. Wir haben als junge Partei gUinzende Erfolge aufzuweisen. Die Slovakei, FEUILLETON. Bilder aus einer mShrischen Judengasse. 2. Froim. JLehre der Wahrheit war in seinem Munde44. Maleachi, II., 6. Froim, das ist,, geneigter Leser, soviel, wie Ephraim. Unsere lieben Vorfahren liebten die Kilrze in allen Bezeichnungen und Namen und so entstand aus dem biblischen Namen Ephraim, mit Verschlingung des E, ein Froim. Man verzeihe diese Abschweifung in das etwas dunkle Gebiet der Etymologie. Wir wollen doch auch mit unseren „Bildem44 ein Stiick Kulturgeschichte bieten. Ich bin jedoch mit der Namenserklårung noch nicht ganz fertig. Froim fiihrte ndmlich zwei Beinamen, cognomina, wie die alten Lateiner sagten. Zu* nåchst hieB er „Bachur44 und war doch, schler 50 Jahre schon, mit seinem Weibe Giti verheiratet, ganz nach dem Gesetze Mosis und Israels. WeijB der Him* mel, warum man ihn dennoch in der Gasse als „Bachur", das heiøt, „Jilngling" bezeichnete. Sah gar nicht, wie ein Jiingling aus,^ dagegen sprach schon der ehrwtirdige, weifle Bart, den er gar liebevoll strich und beim Lehren upd Lernen auf dem Tisch vor sich auszubreiten pflegte. Und doch „Bachur'4. Unerforschlich, wie die Wege der Vorsehung, sind oft, Brftuche, Sitten, Aussprflche, Bezeichnungen der Leute der Gasse. Und noch einen. Beinamen fiihrte unser Froim. Man nannte ihn „Doppel-Froim. Bel der Erklårung dieses cognomens bin ich schon besser

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