Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1920)
- Date
- 1920-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mm 4 jamen fousnuue.' Nr. 16. wttW*B» totem vir die Attener an Ctes«t2lo*tgkeit uod Trunksucht gewohnen..Diese Symphonie sinjft Herr Wichtl weiter and weiter. Zum SchluB noch einen prachtvollen klassischen Unsinn: „In den Freimaurerlogen vollziehen wir die Strafen in einer Weise, daB niemand auBer unseren Giaubensbrudern den geringsten Verdacht schopfen kann, nicht einmal die Todesopfer selber; sie alle sterben, wenn es notig ist, scheinbar eines natUrlichen todes..Dieser BeschluB wurde angeblich in der 15. Sitzung gefaflt. (Der erste ZionistenkongreB wåhrte 3 Tage.) Nachdem Herr Wichtl Freimaurerei mit Zionismus gehbrig antisemitisch zusammengebraut, gieBt er noch den Kommunlsmus hinein, damit die Suppe den christlichsozialen und deutschnationalen Judenfressern besser schmeckt. Es folgt eine Auslese Jiidischer Abkommlnige, die mit der Weltrevolution in engem Kontakt stehen: Trotzki, Radek, Bela Kun usw., die als Freimaurer (?) die Weltherrschaft den Juden anbieten wollen. Beiweis? „Der Jude Kurt Eisner z. B. war GroBmeister einer jttdisch-polnischen Loge in Warschau." Elf Judenmånner waren es, die in Mttnchen den Umsturz gemacht haben, darunter auch — — ich befilrchte einen Lachkrampf — Nathan Birnbaum.- Mit solehen erlogenen Blodsinn erklårt sich einverstanden ein Mensch, der einst im alten Oesterreich einen Wahlbezirk vertrat (Arme Wåhler). Und das war abgedruckt in den Spalten der kriegslilster* nen „Reichspost", die seinerzeit am 15. Juni 1915 schrieb: „Aber der Krieg war nicht blofl eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern er war notwendig nach dem RatschluB Gottes ...“ Am 18. Oktober 1915 schrieb sie: „Der Krieg ist nicht kulturfeindlich, der Waffenlårm weckt die Musen! Deutschland und Oesterreich haben bereits durch den Krieg ungemein gewonnen und werden an ethischer und an politischer, an kultureller Wertschåtzung noch unendlich gewinnen, wie auch immer das Schlachtgliick sich entscheiden vermag.. Ich håbe hier wenige der zahllosen Leitmotive in Erinnerung gebracht, mit denen ein deutschbttrgerliches Organ das blutigste Vernichtungsdrama des Weltkrieges, des Mordes und Elends an Millionen Seelen am Gewissen hat. Es Wåre ratsamer flir Herrn Wichtl iiber åhnliche Kriegsmuseperlen der „Reichspost", der „Ostdeutschen Rundschau*' et tutti quanti papiervernichtender Blattl nachzudenken; wenigstens bleibt uns dann die Feststellung des Wahnsinns erspart. — Die schamlosen deutsch-israelitischen Wåhler, die sich nach obigen Verstiimmelungen und Fålschungen auf eine deutsch-biirgerliche Liste zu stimmen trauen, werden wir keinesfalls wie Herrn Wichtl bedauern, aber verachten werden wir sie und unseren giftigsten Fluch werden wir ihnen nachschleudern ob des unverzeihlichen Volksverrates, den sie in der Stårke ihrer tiefsten Charakterlosigkeit am jildischen Volkstum ausiiben._ Eisblumen verziert, der Himmel spannte sich grau iiber die von Eis starrende, mit einem Leichentuche von Schnee bedeckte Erde, brachte man Maiken ihren lieben, teueren Gatten mit gebrochenen FttBen ins freundliche Kåmmerlein. Auf der StraBe hatte ihn das Ungltick betroffen und mitieidige Menschen hatten ihn aufgelesen und in sein Helm gebracht. Sie wollte aufsehreien in ihrem Schmerze unsere Malke, aber sie besann sich, sie war Malke und trug den Schmerz, wie eine Konigin, wie ein SproBling groBer Ahnen. Und wies jede Unterstiitzung zuriick. Was Jaakob vermocht, das kannte sie auch. Sie verkaufte, wie er, Knopfe, Hosentråger, Wichse, Bander, Någel und Schniire. Sie sah, wie Jaakob hinsiechte und wie er starb in ihren Armen, Ihre Tranen flossen reichlich, dann richtete sie sich wieder auf, „man muB unter sich sehen". Es gibt viel Jammer und Elend auf der Welt, was bedeutet da ein schlichtes Menschenkind? Malke philosophierte nicht viel, nahm den Lebenskampf auf und sie verdiente so viel, daB sie nicht hungern muBte. „Aber auch zur Last fallen will ich niemand", das war ihr Stolz. „Nicht brauchen miissen andere", das war ihr Gliick. „Und bald vereinigt werden mit meinem Jakob", das war ihre Sehnsucht, und „die Armen erquicken", das war ihr einziges Streben. So lebte Malke, so sehe ich sie vor mir, mit ihrem schlichten ergrauten Haar. Sie war in ihrem Alter sogar schoti geworden. Das Auge, so mild und sanft, wie erglanzte es, wenn sie Jaakobs gedachte, der nun drauBen ruhte, auf dem „guten Orte". Wie eine Seherin sprach Malke von der ewigen Seligkeit, mit ihm, ihrem Jaakob bald vereint zu werden. Den Platz neben ihm hatte sie sich bereits gekauft. Die geringen Ersparnisse gingen dabei auf, Aufrufl Erwågungen heltals Griindung elner Zeitschrlft liir Jttdlsche Volkskunde und Geschlchte im techoslov. Staate. Von Dr. Theodor Haas (Briinn). Die Judenschaft des Cechoslov. Staates hat aui eine reichhaltige Geschichte zurUckzublicken, sie hat aber auch auf dem Gebiete der Volkskunde viel interessantes zu verzeichnen, wissenswerte Erscheinungen, weiche festgehalten werden sollen, um nicht der Vergessenheit anheim zu fallen. Es wurde bisher bereits so manches geschichtiiche und auch volkskundliche Material verarbeitet, teils in eigenen Biichern und Brochuren, meist aber in den verschiedenen jildischen Zeitschriften, friiher der dsterreichisch-ungarischen Monarclue, ounmehr des dechoslovakischen Staates. Alle diese jttdlsche Zeitschriften standen und stehen auf politischer Grundlage, und bekanntermaBen fUhren die einzelnen Nummern politischer Zéltungen in unserer raschlebigen Zeit nur ein sehr kurzes Dasein. So viel Zeit und Mtthe auf die einzelnen dort erschienenen Artikel auch aufgewendet wurde, mit dem Erscheinen der nåchsten Nummer verliert die vorhergegangene bereits ihre Aktualitet, und damit verschwinden vielfach auch die wissenschaftlichen Artikel, weiche nicht bios aktuellen, sondern dauernden Wert besitzen, denn nur selten wird ein Exemplar einer politischen Zeitschrlft aufbewahrt und so vor dem Vergessen gerettet. Anders verhålt es sich bei den wissenschaftlichen Zeitschriften. Diese, an .und fttr sich auf einen engeren Kreis von Interessen beschrånkt, werden gewtihnlich aufbewahrt und gebunden, bleiben sohin der Nachwelt eher erhalten. Es wåre nun zu erwågen, eine vollståndig tinpolitische, monatlich erscheinende Zeitschrift ins Leben zu rufen, weiche sich mit der Volkskunde und Geschichte der Juden im cechoslovakischen Staate befaBt, und in weiche alle Artikel aufgenorpmen werden sollen, weiche sich auf die genannten Materien beziehen. Durch den unpolitischen Charakter dieser Zeitschrift soli allen Personen, weiche sich fur jttdische Kultur interessieren, ohne Rttcksicht auf ihre politische Parteizugehorigkeit, die Mitarbeit ermoglicht werden. Denn nur durch Schaffung einer ståndigen Revue, an welcher såmtliche jttdische Kreise mitwirken, kann fttr eine erschopfende, umfassende und dauernde Bearbeitung der jildischen Geschichte und Volkskunde der Boden geebnet werden. ' Um dem gestellten Zwecke zu entsprechen, ist es notwendig, daB die gesamte jttdische Oeffentlichkeit, sowohl Korporationen und Gemeinweseu, als auch Einzelpersonen, insbesondere Rabbiner, Professoren und Lehrer, Gelehrte und Amateure mitwirten, und tf« erforderliche Materiel der fackgemlBen BoarbcHnitg zur Verfttgung stellen. Die Auffordernng zur Mitarbeit und Forderung ergeht nicht nur an Jene Personen, weiche innerhalh der Staatsgrenzen wohnen, sondern auch an alle jene, weiche aus Bohmen, Måhren, Schlesien oder der Slovakei stammend, nunmehr auBerhalb des Staatsgebietes, hauptsåchlich in Wien, sich aufhalten. und das Interesse an dem jildischen Kulturleben in ihre Heimat aufrecht erhalten haben. Es hatten nicht nur neue Artikel zu erscheinen. sondern Artikel, weiche sich auf die Volkskunde und Geschichte der Juden im dechoslov. Staate beziehen. und bereits in anderen Zeitschriften erschienen sind. konnten mit Zustimmung der Autoren, bezw. der beti effenden Zeitungen unter Angabe der Quelle reproduziert werden, um ein moglichst vollståndiges Bild der in Betracht kommenden Materien zu bieten, und maiiche bereits der Vergessenheit anheim gefallenen wertvollen Aufsatze zu erhalten. Auch Besprechungen von Biichern, insoweit sie auf jttdische Verhaltnisse, insbesondere in der Cechoslovakei, sich beziehen, soilten in der zu grttndenden Zeitschrift erfolgen; es sollten ferner Abbildungen hervorragender jiidischer Personlichkeiten aus dem Cechoslovakischen Staate in der Zeitschrift erscheinen, und auch diesbeztlglich wåre Mitarbeit, bezw. Einsendung von Photographien und Abbildungen erforderiich. Jedes Volk hat das Interesse an der Verarbcitung und Festhaitung seiner geschichtlichen Begebenheiten und volkskundiichen Merkwttrdigkeiteu bereits dargetan, indem derartige Zeitschriften bei allen Nationen der einzelnen Lander bestehen, so auch insbesondere bei Deutschen und Cechen in B5hmen und Måhren, und auch wir Juden, weiche wir in diesen Låndern nachgewiesener MaBen iiber 1000 Jahre wohnen, und stets ein intensives geistiges Leben fiihrten, durfen bezuglich dieser hochkultureilen Bestrebung nicht zurilckbleiben. Das stark entwickelte kurturelle Leben, auf welches die Judenschaft in den Låndern des Cechoslo/. Staates zurttckblicken vermag, bietet Gewåhr, daB der Inhalt einer solehen Zeitschrift ein vielseitiger wåre und zu weiteren Arbeiten Anregung bieten wilrde. Insbesondere die Geschichte der dechoslov. Judenschaft ist ein grottes Kapitel, welches noch viel grttndlicher Bearbeitung Spielraum gewåhrt. An verschiedenen Orten wåren noch Quellen aufzusuchen und zu Rate zu ziehen, so die bisher mehr oder weniger verschlossenen Archive des Adels und Kierus, ferner stiidtische Archive konnten herangezogen werden, um die Geschichte der Juden erschopfender darzustellen, als dies bisher moglich war. Hiemit wåre die Erorterung dieser Frage angoschnitten, und wird auf Vorschlåge und Anregungcu gerechnet, wie diese Angelegenhiet ihrer Verwirkli- Aber Malke lieB sich nichts schenken, am wenigsten von der „frommen Brttderschaft“. Die brauehte ihr Geld fttr andere, die armer waren als Malke, die sich, wie sie gedacht hatte. Ein hohes Greisenalter war So rasch ging es mit Malke allerdings nicht zu Ende, wie sie gedacht hatte. Ein hohes Greisenaltre war ihr beschieden, aber .auch in diesem blieb sie die aufrechte Malke. Nur manchmal, wenn sie die alten Tage doch druckten, da pflegte sie zu sagen: „Der Heilige, gepriesen sei er, hat an mich ganz vergessen." Er hat sie nicht vergessen. Sie starb, wie sie gelebt, „in Ordnung". Zehn Månner der „frommen Briiderschaft" beteten mit ihr die letzten Gebete aus dem Sterbebuche, dem „Maakor Jakob". Malke selbst drtickte ihnen das Bttchlein, in dem sie oft in den letzten Tagen gelesen, in die Hånd. Und, als er kam der letzte selige Augenblick, konnte sie flusternd, aber andåchtig, das „Hore Israel" nachsagen. Dann entfloh die relne Seele. Ein Låchehi war gebreitet fiber ihr ehrwttrdiges Antlitz. Malke, wie eine Konigin, wurde sie zur letzten Ruheståtte geleitet. Auch wir Kinder folgten ihrer Bahre. Man hielt damals den Dahingegangenen noch keine Leichenreden. Ist eine Sitte, die sich mit fremden Bråuchen, cingeschlichen hat in unser heutiges Israel. Was bedurfte es auch einer Leichenrede fttr Malke? Die hielten ihr alle, die sie zum Grabe geleiteten. Und dies war eine Rede voll Inbrunst und Andacht. Ihr wurden aufrichtige Tranen nachgeweint, besonders von Berl Flickschneider, seinem Weibe Giti und den anderen Armen, die sie erquickt und getrostet. Wenn ich in meine Heimatgemeinde komme und meine Lieben und Teueren besuche, die alle schon drauBen ruhen auf dem „Orte des Lebens", dann grttBe ich auch sie, die neben Reb Jaakob ruht, die Edle, die Konigin, Malke. An manches ihrer Worte denk’ ich dann und erwåge im Herzen: Wir preiseu die Helden, die im schweren, blutigen Kampfe gefållen, preisen wir auch das stille Heldentum, das geråuschlos durchs larmende Leben schreitet. Preisen wir Menschen, die so gewesen, wie unsere Konigin, Malke. Fllialei NiMil«raii|«R