Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-04-15 · Heft 16 (15.4.1920) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 16 (15.4.1920)
Date
1920-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622085--4317-2625603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nfclft, jOBvscn fournmin,1 Seftt 3. •MmMi JMiscbt OlaWer md OtiMtrimui! Achtungl Sehr wichtig! Laut Wahlgesetz sind zur Wahl am 18. April såmtfiche 10 Kandidatenlisten mitzunehmen. Der Wåhler geht in die Zelle, gibi die Liste in ein Kuvert, welches in die Wahlurne komrnt, und hat die iibrigen Listen in einen dafur bestimmten Behålter zu legen. Kreiswahlkomitee der Vereinigten jiidischen Parteien. Wahnsinn oder Verleumdung Von E. K 6 n i g. Die erste Feststellung wåre Aufgabe eines Psychiaters oder Anthropologen, die in Kdpfen antisemitischer Politiker, vielmehr Demagogen, einen andersgearteten Hirn- oder Schådelbau zu konstatieren befugt wåren. Die zweite Diagnose — die der niedertråchtigsten Verleumdung und Verdrehung wirklicher Tatsachen — werden wir, vollbewuBte Juden, stellen. Verlohnt es sich noch auf judenhetzerische Verleumdungen zu reagieren? Wir haben ja diesbeziiglich eine ziemlich harte Haut bekommen, und gegen Lug sind selbst die Gotter machtlos wie sie ebenso gegen die Dummheit die an schamlose Verleumdungen glaubt, vergebens ankåmpfen. — Es handelt sich hier um die Unverfrorenheit des gewesenen deutschnationalen Reichsratsabgeordneten Dr. Friedrich Wichtl,) der in dett osterreichischen Parlamentssessionen, an judenfeindlichen Reden wie an Såbelgerassel, Enormes geleistet hat. Doch nicht genug an dem. Dieser angenehme Herr liihlt sich seit einigen Jahren berufen, Publizist zu werden und seine duftenden Arbeiten erreichen ihren Hohepunkt in einem ganz gemeinen, nach russischer Schwarzhundert-Schablone, geschriebenen Pamphletenaufsatz „Freimaurerei, Zionismus, Kommunismus, Bolschewismus", erschienen im 20. Jahrhundert, am 2. April I. J. in der Abendausgabe der „hochchristlichen" Reichspost (Wiener Stimmen). Herr Wichtel definiert zuerst die landlåufige Ansicht tiber Zionismus, alle Juden in einem rein jiidischen Staate zu vereinigen. Nun folgt eine „wissenschaftliche Widerlegung des deutschnationalen He- *) Dr. Friedrich Wichtl ist ein Bundesgenosse des deutschen Wahlblocks in Brtinn. (Anm der Red.) nung, „gehen“. Wer wiirde nicht mit Malke iibereinstimmen? Sie war eine ordnungsliebende Person, Ordnung herrschte in ihrem Kåmmerlein, Ordnung in ihrer Kiiche, in ihrem Leben, ja sie ist auch, wenn ich so sagen darf, in „Ordnung“, wie es sich fiir eine fromme Jiidin gebiihrt, gestorben und begraben worden. Doch davon am Ende. Malke war auf ihren Stammbaum, ihr Jichus, sehr stolz. Das war aber auch der einzige Stolz, den sie sich gestattete. Man hore: sie stammte von den Talmud-Gewaltigen einer benachbarten Gemeinde, die nichts getan hatten, als, — wieder fiihre ich ihre Worte an — „Tag und Nacht lernen". — Wie diese Talmudhelden sich das tågliche Brod erwarben, dessen sie ja doch auch bedurften, danach fragte man nicht, hatte auch darauf keine Antwort erhalten. Ich erinnere mich, daB sich Malke dessen riihmte, einer ihrer Ahnen sei Reb Salomo Quetsch, sein Andenken zum Segen, der GroBte einer unter den Talmud- GroBen Måhrens gewesen. Die Ahnen-Probe håbe ich nicht gemacht. Naturlich heiratete auch Malke einen Talmudisten, Reb Jaakob war sein Name. Der war ein Idealist, wie man sie nur im Ghetto traf. Er lernte auch, „Tag und Nacht“. — Gut. Aber der Mensch lebt nicht vom Talmud allein, ein Stiick Brod ist, selbst fiir den Geniigsamsten, notwendig zur Aufrechterhaltung des „siindigen“ Korpers. Das sahen sogar Malke und Reb Jaakob ein. Anfangs ging’s noch. Eine kleine Mitgift hatte Malke ins Haus gebracht. Man richtete sich mit dem Gelde ein, das damals doch noch etwas Wert hatte. Aber die Mitgift ging den Weg der meisten Mitgiften und eines, wenn auch nicht schdnen Tages, sahen sich Malke und ihr Talmud studierender Gatte gegenseitig an, sowie die Sohne des biblischen Jaakob, als Hungersnot im Lande Kanaan herrschte, wie Malke im teitschen Chumesch las. Malke und Jaakob verzweifelten nicht, sie „sahen unter sich“, und da gab es in der Gasse solche, die noch mehr hungerten als sie. Freilich den Talmud muBte Jaakob, Malkes Gatte, fiir einige Zeit lassen, zur „Dronge", d. h. zum Wanderstecken greifen und mit diesem und allerlei Kram, als da sind Hosenknopfen, bunten Bandern, Stiefelwichse, Ndgeln, Schniiren, wohlausgeriistet, wanderte er in die Dorfer; Jaakob wurde ein „Dorfgeher“. Er verdiente wåhrend der Woche das, was er und Malke brauchten, kehrte mit dem Verdienste am Freitag zurtick und feierte den Sabbath mit Malke, wie es der Herr geheiBen. Horen wir wieder, was Malke dariiber sagte: „Am Schabbes bin ich reicher, als Rothschild*. Der war schon .damals der Typus fiir Millionære oder Milliardære, von deren Existenz freilich Malke nichts wuBte. Wohl ihr, daB sie unsere von Milliarden, aber auch Milliarden-Schulden nur so wimmelnde Zeit nicht erlebte. Am Sabbath, da gonnten sich auch Malke und Jaakob sogar ein Glaschen Wein, zur Ehre des Tages, sonst waren sie entschiedene Gegner alles dessen, was man Alkohol nennt. Am Sabbath kehrte Jaakob auch wieder zu dem geliebten Talmud zuriick. „Der ist ein Meer, das man nicht ausschopfen kann“, sagte er zu der aufhorchenden Malke. Sie aber gedachte ihrer Ahnen, des seligen Reb Schlomoh Quetsch. Trånen stiegen ihr ins Auge und sie griff zum teitschen Chumesch. „Gottes Wort, Gottes Brod", auch eines von den Spriichiein, das wir aufbewahren wollen als Erinnerung an Malke. So lebten die Beiden, wie Philemon und Baucis, die sie freilich nicht kannten, und waren gliickUch und ros, der sfcherlich Jetzt frgend wo anf einer Wahlerliste der deutschdemokratischen Freiheitspartei, jtidische Stimmen fangen lernt. Er weiB es viel besser, als wir, was der Zionismus will, u. zw. soli der Judenstaat spater die Hausmacht des jtldischen Herrn der Welt bilden. Dies soli der Grundgedanke eines „hochinteressanten" Buches sein, das unlflngst in dritter Auflage erschienen ist, geschrieben von Gottfried zur Beek (wahrscheinlich ein Kapp-Putschist) und betitelt : „Die Geheimnisse der Weisen von Zion". Das Buch soli die „vertraulichen" Verhandlungsberichte des ersten Baseler Zionistenkongresses (1897) offeribaren. Jetzt folgt ein romantisches Vormarchen des Hetrn Wichtl. Er weiB zu erzahlen, wie diese im FranzBsischen geschriebene Urschrift in die Håndc der russischen Regierung geriet, wie da von an zuveriassige Personen Abschriften gegeben wnrden und wie einer dieser Zuveriasslgen, ein „Gelehrter" namens Nilus, die Uebersetzung ins Russische vornahm. Die dritte Auflage soli der edle Nilus im Kloster des heiligen Sergius bei Moskau im Jahre 1917 hergestellt haben. (Jedenfalls eine Leuchte der Wissenschaft zur Fdrderung und Verbreitung des Ritualmordes.) Nun lieber Leser, horche auf und vernehme was dem braven Nilus zugestoBen ist. Die dritte Auflage war im Eisenbahnwagen verladen, um dem Buchhandel ilbergeben zu werden, als eine. Rotte Bewaffneter den Bahnhof sttlrmte, den Wagen offnete, die ganze Auflage auf die StraBe warf und dort verbrannte. Zur selben Zeit hat angeblich der Jude Kerenski (Herr Wichtl hat sich dessen Geburtsschein expreB senden lassen), der damals so mMchtig war, in allen Buchhandlungen die „Sitzungsberichte der Weisen von Zion" beschlagnahmen lassen, teils wurden sie von Juden aiifgekauft und vernichtet. Und hier beginnt Wichtls JudenhaB. Mit dem feststehenden Axiom, daB die Juden an Allem Schuld sind, beginnt die Plagerei; AeuBerungen, die in der schwellenden Hochflut des Antisemitismus ihre eminent praktische Bedeutung nicht verfehlen durfen. Herr Wichtl brockt Freimaurerei und Zionismus in einen Topf und meint, es sei heute fiir leden, der nicht mit Blindheit geschlagen ist, ersichtlich, daB die Juden den Kampf um die Weltherrschaft aufgenommén haben. Alsdann gemeine Verleumdungszitaté aus dem „Weisen von Zion": „Wir (Juden) verfiigen fiber einen unbdndigen Ehrgeiz, brennende-Habgier, schonungslose Rachsucht, unerbittlichen HaB." „Wir (Juden) werden es zu verhindern wissen, daB aus den Reihen der Nichtjuden hochbegabte Per- . sonlichkeiten erstehen; und soilten sie dennoch vorhanden sein, so wird sie die von uns geleitete Masse nicht hochkommen lassen und sie bei der erstbesten Moglichkeit niederschreien." — Die Grundlage der Jiid. Weltherrschaft sollen Wirtschaftskriege bilden: „Wir werden die Grundlagen der Erzéugung der. Landwirtschaft und Gewerbe klinstlich’ tief unterzufrieden. Zufrieden? Nicht ganz. Denn, wie sagte Malke? Der Herrgott hat jedem seinen Teil „gegeben", sie meinte, es ist schon so eingerichtet", daB jedem eln Wunsch iibrig bleibt, der ihm nicht erfiillt wird. Hatte Malke demnach auch einen unerfiillten Wunsch? So war’s. Sie wiinschte sich ein Kind, sie ging weiter, sie wiinschte sich einen Sohn, einen Kadisch fiir sich und Jaakob. Und der Wunsch blieb unerfiillt, trotzdem sie betete, wie einst Hanna, wie es so schon, so rtihrend geschildert wird im teitschen Chumesch, das ihr die Bibel ersetzte. Jaakob tr,ostete sie, wie es einst Elkana getan. Und Malke, sie fiigte sich auch in dies Geschick, ging hin und brachte einen Topf Milch der Wochnerin Giti. Die war die Frau eines hungernden Flickschneiders, mit ihm hunr gerten 10 lebende Kinder und soeben hatte ihn sein gesegnetes Weib Giti mit einem 11. beschenkt. Und von diesen 11 Kindern waren 8 Madchen. Sieh’ da, Malke, die Ernste, machte sogar einen Witz, als sie von der Geburt des 8. Madchens Berl Flickschneiders horte. Sie sagte: Berl wird sich fiir das 8. Madchen wegen der Nedan (Mitgift), nicht zu sorgen haben. Er wird jedem der 7 einen Hunderter von der Nedam abziehen, dann hat er sie auch fiir das Neugeborene." Wir verraten kein Geheimnis, wenn wir nebenbei erwahnen, Berl Flickschneider håbe auch nicht 100 Kreuzer sein eigen genapnt, geschweige einen „Hunderter", gewaltiges Wort. Man sieht, Malke fehlte es auch nicht an Humor, diesem Erbteil der Judengasse. Nicht umsonst riihmte sie sich, von Talmudisten abzustammen. Und eines finsteren Wintertages, wir erz&fejSK^ „nach der Ordnung", die Fensterscheiben warfh \ i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.