Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1920)
- Date
- 1920-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S«Ht 1 I ■ »JltøMflE VOU&8TMIMS." Nr. 16. In lotitor Stunds, Die Wabtøpn atehen«yor der Titte l Es u&d itt libefihg*u, welsoli. gifts UK ahl Jtieht s 4Mitsch|ømri Jttiner’ m SS selbjp|lr^|^ letzte Z*K, #fch Stf cher Partel nps seine dischnationalen <<Sllt lå wir haben jg£4t»reits unsere Pro##UÉjjidens gung und Auhgjfcrung, lich, die lUdisc^ Liste M WftMen. Es einen fin tør Freude, wenn itøg mit weltøir itiarlichkeit, die Kandidatur eigener 1Qdischer Listen aufgenommen wird. Und wir kdnnen heute vor der Wahl ruhig behaupten, daB Måhren bei dieser Wahl sehr gut abschneiden wird. Man h6rt und iflhlt, das bei unseren mfihrischen Juden das Judentum denn doch noch nicht ausgestorben ist. Der Qegensatz wird schroff, wird fåh, wenn man diesem Judentum das der GroBstådte entgegenstellt. Auch hier sind Verschiebungen vor sich gegangen. Mflhr.-Ostrau, als zweitgrdBte Stadt unseres Landes, wird mit ttberwiegender Mehrheit die Liste Dr. B i r n s t e i n wåhlen. Ebenso wird 01 m ti t z und ProBnftz Jfldisch wåhlen. vZweifelhaft ist njr BrUnn. Und das ist ein eigentiimlicher Zustand. Qerade hier solite man meinen, wåre die Sache sehr einfach. Es kandidieren 10 Parteien, von denen 9 mehr oder minder verhUllt antisemitisch sind. Die einzige deutschbiirgerliche Partei, zu der sich unsere Juden am meisten hingezogen filhlen, ist eine antisemitische, ist so antisemitisch, dafi sie sogar ein V e r g a n i wåhlen kflnnte, wenn sie auch unter der Firma der „deutschdemokratischen Freiheitspartei“ um die Stimmen wirbt. Es ist in unseren deutschen Kreisen die Ånsicht, la die Ueberzeiigung so fest, daB die Juden, die Kandidatenliste wåhlen miissen, die man ihnen vorsetzt, daB sie es wagen konnten, einen Antisemiten zum Listenfflhrer aufzustellen. Es zeugt von einer solehen Nichtachtung, Ja sogar Verachtung der Juden, daB man sich filglich an den Kopf greifen mOBte, um zu fragen, wie ist denn so etwas nur mdglich. Ist das btirgerliche Deutschtum noch so sehr Im Wahne befallen, das Herrentum kat exochen zu sein. Qlauben die Briinner Deutschen noch immer, die Juden seien ihre Sklaven, die Juden seien ihre Kammerknechte. Qlauben die Herren des deutschen Wahlblocks etwa, die Juden milBten unter allen Umstånden, zu der Litanei Ja und Amen sagen, die sie vertreten? Fast scheint es, so. Es ist diesmal kein Jude aufgestellt. Der nichtjudische Kandidat der deutschdemokratischen Partei ist auf solchen Posten gestellt, daB er unmoglich gewåhlt werden kann. In Prag ist der in BrUnn zum Juden gestempel te Kafka, långst schon getauft. So trostete man denn unsere Juden mit dem Seaat, uud aiachtt Ihnen vor, daB m den Senat touter Judftn aufgestellt werden. In Versammlungen oft ver. sprochen und im „Tagesbote" auseinandergesetzt. Aber we$t getetøt. ^JjBber fføjfef »wurde der Jude Drl J a r o l%sn faltoft jtfjebsser^tøttl an seine Stelle traf tøwørtfen sind. Mali wirft namentlich mis Jildisch- 4er sattøm bekannte deuttøittthmale O b e r 1 e i t ne r, M*pr vo n Oberleitner. tøf .einmal ist tfer berWimte Uteatsrechtler Dr. Jarøtøh zum atttn Eisen itfWorfea, und als Phonix tøég bei der IJransmuta- ObfÉkitner hervor. V/4it haben es tøahrlich die itøitschen Juden BrUnns gebrauht, wetø man es iiber ihre Kdpfe hinwgg deutschia^nnale — ItøS gleichbedeutend mit antisemitisch ist — Kandidaten aufzustellen. Die Geringschåtzung, die in diesem Kandidatenwechsel liegt, ist geradezu emp irend, ist beleidigend. Da aber d i e Rasse alles einsteckt und nach der Phraseologie dieser Herren auch die Schweinerei in der Rasse liegt, so kann man mit dem Juden machen, was man vvill. Der Jud zahlt! Der Jud wåhltl Hat zu wåhlen! Aber wird nicht gewåhlt. Es mutet, wie Mittelalter an. Es drohnt mir immer ins Ohr: Der Jude wird verbrannt! Aber wir Juden haben ja keine Furcht vor Euch. Qottseidank. Uns schreckt man nicht mehr. Wir Jassen uns nicht mehr bevormunden, am allerwenigsten von einer Partei, die alle ihre Grundsåtze so verleugnet hat, wie die deutschdemokratische. Und der „Tagesbote" sekundiert dieser Partei. Der „Tagesbote", der nur von Juden gelesen, geschrieben und bezahlt wird. Der „Tagesbote", der nicht einmal davon zuruckscheut, den offiziellen Wahlaufruf dadurch zu fålschen, daB er absichtlich die Kandidatur der „vereinigten jiidischen Parteien" verschweigt. Auch der „Tagesbote" mutet seinen Abnehmern und Lesern viel zu. Auch der „Tagesbote" ist mitschuldig an dem ganzen Schwindel, der mit jiidischen Stimmen getrieben wird; und der nun seinen Gesidnungswechsel dadurch verschleiern will, daB er den „vereinigten jiidischen Parteien" Dinge insinuiert, die niemals begangen wurden oder Nichtigkeiten zu Elefanten aufbauscht. Das Hochste aber leisteten sich die Redakteure jiidischer Abkunit im „Tagesbote", als sie Samstag, den 10. April unsere Kandidatur unter den Tisch fallen lieBen. Dieses bewufite Verschweigen ist so emporend, daB sogar die Behorde daran nicht glauben mochte. Dieses Wahl-j terésse Nachrichten ilber unsere Wahlchancen und sind Uberzeugt, daB wir eine Vertretung erhalteti. Nur unsere hiesigen Juden wollen nicht einsehen. da li *ie zum Spiefaftll in den Hånden tfer Deutschen Htttiøn&len immer vtrr, wir waren dem deutschen $tøke undankbar. ®#s ist filte Infamie. hn Gegenteil, dtø tfwitsche VolkÉ# undHrtkbar, das deutsche Volk hit «ns Juden gegtMffiber treulos. tøunn wir bedfltken, was Ledte vom Schlage ei- ■nes ©r. J a r o 1 i m in BrUnn oder eines Schulrates 41 ois Schwarz in Måhrisch-Ostrau fiir das Deutschtum getan haben. Wie sie mit Hintansetzung ihres Judentums alles taten, wovon sie sich iilr das deutsche Volk einen Vorteil ersahen, wie sie sogar der Gefahr nicht achteten, in die sie durch ihre Politik die Juden brachten, wie sie selbstlos, uneigenniitzig, makellos dastehen, und wenn solche Månncr dann dem Terror radikaler deutschnationaler, antisemitischer Politiker weichen miissen, dann haben wir ein Recht zu sagen, die Deutschen sind in diesem Falle undankbar. Dieser Vorfall soli unsern Juden zu denken geben. Heute hier und morgen dort. Heute werden die Juden von ihren Bundesgenossen wegen einer Kandidatur verraten und morgen wegen anderer politischer Handlungen. Und nun, so frage ich, haben wir Juden das notwendig? Miissen wir Juden uns wirklich alles gefallen lassen? Sollen wir wirklich so charakterlos sein und eine Liste wåhlen, die durchgehend antisemitisch ist? Ich glaube, daB in letzter Stunde unseren Juden denn doch die Augen aufgehen werden. Wir hegen doch die berechtigte Hoffnung, daB sich diesmal auch viele Juden der „deutschdemokratischen Partei* iiberzeugen werden, daB sie, soferne ihnen ihr Judentum auch nur ein wenig am Herzen liegt, denn doch unsere Liste wåhlen werden. Fiir so sclilecht, fiir so charakterlos durfen wir unsere Juden nicht batten.. In letzter Stunde ergeht an alle Juden' der Aufruf: jiidisch zu wåhlen. Jene Partei zu Wåhlen, die mit aller Kraft fUr jiidische Interessen ein tre ten wird, iene Partei, die aber auch jederzeit fur die iriStzdien reiht sich.wlirdig an die Ppgromnaohriih, ^,*5, MinorWt einireten wird. •' ten vor den Gemeinderatswahlen. Diese Unterlassung will dem unbefangenen Leser vorspiegeln, als båtten die „vereinigten jiidischen Parteien" ihre Kandidatur zurtickgezogen. Aber wir kandidieren, wir sind da, wenn es auch den Herren vom „Tagesboten" peinlich ist. Der „Tagesbote" darf sich ja nicht einbilden, daB sein Totschweigen uns Juden totschlågt. Die Juden aller Lånder blicken mit Spannung aui uns. Wir Juden der Cechoslovakei haben uns bald die Achtung unserer auslåndischen Brlider errungén. Englische und amerikanische Blåtter bringen mit In- Jeder Jude, der an der Erhaitung des Judentums ein Interesse hat, jeder Jude, der sich seines Judentmns bewuflt ist, wåhle am 1$. April die Lisle Dr. faUmann, Advokat m FEU1LIET0N. Bilder aus ainar måhrischen Von Dr. M. Griinteld. 1. M alk e. ‘ . >JEin wackeres Weib.“ SprUche, 31, 10. Eipigtf einloitønde Worte zu der Bilder-Oalerie, die ich den Leserinnen und Lesern dieses Blattes vorfiihren will. Es soli ein Stuptø; jiidischer Kultur- Geschichte sein, das sie kennen lernen werden. Keine groflen Taten, nicht Welt erschUtternde Handlungen werden hier dargestellt werden, auch keine empfindsamen Qhetto-Erzåhlungen werden den Inhalt diéser Skizze bilden, nur das im engen Rahmen sich bewegende Lehen unserer Vorfabren wird uns beschåftigen und namentlich auf die Sonderlinge der måhrischen Judengasse ist es bei diesen wahrheitsgetreuen Schilderungen abgesehen. Frauen und Månner, Jiinglinge und Mådehen werden vor unserem Auge voriiberziehen, wie sie innerhalb der nun gefallenen Ghettp-Mauern gelebt, geiubelt, geweint, gewirkt, gestrebt und oft, ach, allzuoft — gehungert haben. Das Hungern haben die Armen mit Heldenmut ertragen, jenem Heroismus, welcher eigentlich ein Fatatismus ist, der sich mit der Beruhigung begnUgt*. Wenn mich tfeyr Hellige, gepriesen sei sein Name, nicht hat reich werden lassen, dann wuBte er, was er tat, und ich darf gegen seinen Willen nicht murren.... Auclj an einem Gottes-Willen soli man nicht deuteln und måkeln. — Ein halbes Jahrhundert, was bedeutet es im Vergleich mit den Jahrhunderten der Weltgeschichte, ist verflossen, seit dem meine Heldinpen und Helden gelebt, es ist heute, als låge ein Jahrtausend-zwischén u n s e r e r sttirmsichen und i h r e r friedlichen Zeit. Malkel Kdnigin bedeutet dieser Name, aber man denke nicht an eine konigliche Gestalt, durch die Sich unsere Malke auszeichnete. Die Grazien, die Huldinnen waren nicht an ihrer Wiege gestanden. Nicht in spiner besten Laune hat der Herr sie erschaffen. Bespndets der Gesichtsvorsprung, Nase benamset, war etwas långlich geraten. Aber ein Auge besaB sie, mild und sanft, das sich sehr rasch mit Tranen fiillte. Nicht mit Rucksicht auf das håusiiche Eleud, das sie umfing, nicht iiber die eigene Armut schluch?te sie, sondern diese Malke, die selbst nichts hesaB, konnte heiBe Trånen weinen iiber das UngliUk anderer, Qber den Jammer und das Elend, welches die Judengasse barg, trotz des WQhlstandes einz,elner, auf den mån so gerne hinwies, wenn man vpm Reichtum der Juden sprach. Und, so war denn ein géflugeltes Wprt Malkes, das kein Homer aufbewahrt hat, obgleich es gut wåre, wenn die SprUchlein unserer Alten, zu Nutz und Frommen eines jungeren, wenn auch nicht besseren Gcschlechtes, diter in Erinnerung gebracht wtirden, es war also einer ihrer Ausspriiche, wenn sie, die selbst nichts besaB, etwa einem Hungernden ein Stiick Brod reichte: „Unter sich muB mau sehen." — Ein Stiick Philosophie liegt in diesem Satze, von der sich die Schopenhauers weit entfernt. Malke kannte diesen Frankfurter Weltweisen nicht, dessen Werke damals, einen siegreichen Feldzug unternahmen gegen die Beste allér Welten. Wie håtte Malke Schopenhauer lesen sollen, da ja seine Bilcher nicht ins geliebte Jiddisch-Deutsch iibertragen waren. Malke las nur am Sabbath-Nachmittag. Die Hornbrille, die Gewaltige, wackelte auf ihrer Nase, die wir bereits riihmend erwåhnten, und manchmal triibten sich die Glåser. der Brille, wenn Malke weinte, denn die Geschichten im teitschen-Chumesch, einem mit hebråischen Lettern geschriebenen Buche, das rUhrsam erzåhlte von unseren Våtern und Miittern, waren gar zu ergreifend. Das teitsche Chumesch. das Gebetbuch und die Techina bildeten Malkes nicht allzureiche Biicherei. Und diese geniigte ihr, denn, was steht in den Biichern, welche, die weibliche Jugend der Gasse zumeist liest, fragte Malke. Und die Antwort darauf war: „Nichts wie Liebesgeschichten, die verdrehen die Kopf’ — und sie sind nicht einmal wahr, dafiir dumm. Man schiittle iiber das aesthetische Urteil Malkes nicht das Haupt. Ein Kornchen Wahrheit wir(f schon darin liegen. Freilich, was båtte sie etwa iiber Hans Heinz Ewe<rs Werke eesagt, die Lieblingslektiire der Jugend unserer Zeit? Zum Gliick håtte sie ihn nicht lesen, noch weniger verstehen kbnnen. Ihr gefliigéltes Wort aber; „Die Welt ist auf den Kopf gestellt", hatten wir kaum zuråckweisen vermocht. Ihr m6chtet etwas nåheres erfahren iiber Malkes Stammbaum, ihr Leben und Leiden, auch natiirli.ch dariiber, ob und wie sie verheiratet war, ob sie Kinder gehabt und wie sie endete. Gemach, alles solit Ihr erfahren, laBt mich nur zu Atem kommen, dann will ich alles, nach der Ordnung, erzåhlen. Denn, wie sagte Malke: „Die Sachen", — wir wurden sagen die Dinge, — „miissen k'seder, d. h. nach einer bestimmten Ord- [uden! Wahlet die Liste dér „vereinigten jiidischen Parteien".