Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622084--4310-2625595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15. diMer tragischen Situation nach geschehen mufite. i Und nun gedenke ich dieses Mannes hier und ich rnochte, daB ihr seiner gedenket in einem ganz hestimmten Sinn: Wir sind als Qanzes fiir diesen Maun doch noch nicht bereit gewesen, denn sonst waren wir ilim doch irgendwie sichtbar, fiihlbar gewesen. Seien wir, die wir fiir den Lebenden nicht bereit waren, fiir den Toten bereit, fiir seine Lehre: riir die Lehre des schbpferischen Sozialismus. die unsere eigene Wahrheit ist, endlich mit ganzer Seele bereit. Hierauf werden einige nachtråglich eingelangte' BcgriiBungstelegramme verlesen, darunter ein Telcgratmn des Engeren A. C. aus London, das mitteilt, daR Dr. Schmarjes Lewin unterwegs ist. iim das A. C. bei der Konferenz persbnlich zu vertreten. Hierauf wird in die Beratung der Tagesordnung eingegangen. Eliescr Joffe schlågt vor, daB die Delegierten an diesem Abend ohne Formalitat einfach als Mensch und nicht als Vertreter bestimmter Gruppen miteinander reden sollen. T v/erski schildert die Erwartungen, die man in Palåstina auf das Aufstehen des Judcntums in den Låndern der Zerstreuung gesetzt hat. Das Wunder einer messianischen Bewegung ist vergeblich erwartet worden. Darum sind die Palåstinenser jetzt gekointnen, um die Bewegung zu entfachcn, die notwendig ist, um die Kriifte, die das Land braucht, hinzubringen. Dies erwarten wir von der Konferenz. Elges (Hapoel-Hazair, Warschau), legt den Standpunkt seiner Gruppe dar und schildert die Schwierigkeit der Arbeit unter den Volksmassen in Polen. Zur Tagesordnung beantragt Joffe, Voranstellung der die Palåstinaarbeit betreffenden Punkte. Die Programmfrage soli den letzten Punkt der Tagesordnung bilden. Ueber die Frage der Tagesordnung entspinut sich eine 'angere Debatte, an deren SchluB ein Antrag Joffe-Lewinsohn angenommen wird, als ersteu Punkt der Tagesordnung nach den Tåtigkeitsberichtcn die Fragen der Arbeit in Palåstina zu behandeln und die weitere Feststellung der Tagesordnung dem PermanenzausschuB zu iiberlassen. Es wird beschlossen, daB auf Bitte der Zeire- Zion der PermenanzausschuB erst in der morgigen Sitzung gewåhlt werden soli. Ins Pråsidium werden aut Antrag Lewinsohns die Chawerim: Sprinzak, Kaplan und Mugo Bcrgmann gewåhlt. Nåchste Sitzung Sonntag vormittags. Jugendmeeting des HapoeLHazair in Prag. In Prag fand am 26. Mårz, ein Jugendmeeting statt, das sich durch die Teilnahme einer Anzahl von Delegierten fiir die Weltkonferenz des Hapoel-Hazair und der Zeire-Zion zu einer ausdrucksvollen Aussprache gestaltete. Vor einer stark besuchten Versainmlung sprach nach einer einleitenden Rede von Chawer Twerski, Palåstina, Dr. Martin Buber. Er wies zuerst darauf hin, daB sich in allen Verfallsepochen ein Skeptizismus bemerklich mache, der darin gipfelt, den Menschen nicht als frei, sondern als von den ihn umgebenden Verhåltnissen bestimmt darzustellen. Zuglcich entsteht aber in allen diesen Epochen eine neu aufsteigende Stromung, die sich aus den Triimmern herausarbeitet und neue Lebenswege- und Formen ’iafft. In unserer Epoche zeigt sich diese Geistesv.htung wieder unter verschiedenen Formen und Namen, man pflegt sie meist als „materialistische Gesehichtsauffassung“ zu bezeichnen. Diese Anschauung, die den entscheidenden Wert nicht auf die menschliche Seele legt, sondern auf die „Verhåltnisse", die sie angeblich gestalten, nimmt den Menschen seine Wiirde und seine Freiheit und zwångt ihn hinein in cincn Block von Dingen, in denen der Wille erstickt. Der palåstinensische Hapoel-Hazair ist nun das lebendige Beispiel dafur, daB diese Anschauung irrig ist. Der palåstinensische Hapoel-Hazair hat sich nicht „den Verhåltnissen angepaBt", sondern im Gegenteil, er hat ins Leben eingegriffen und hat sich Verhåltnisse geschaffen, wie er sie zum Leben brauchte und vor allem, wie er sie fiir die Gesundung des jiidischen Volkslebens fiir notwendig hielt und hålt. So formte er das Leben und nicht das Leben ihn. Es erwies sich dabei, daB dies der einzig mogliche Weg sei, um das jiidische Leben in seiner Reinheit zu gestalten und daB wir nur dann der Verhåltnisse Herr werden, wenn der starke Wille des Menschen ihnen gegeniibersteht. Im Hinblick auf diese Stellung des Hapoel-Hazair und den besonderen Weg, den er dem Zionismus gewiesen hat, und besonders den jungen Menschen imj Zionismus, da es am ehesten in ihrer Hånd liegt, mit 40DMCHB VOLKSSTtfHMf." Willen und Seele das Oeschehefl m bezwingen. rief Buber zur endlichen Verwirklichtmg des Zionismus durch die Jugend auf. Schon vor Jahren ist die Forderung zur Verwirklichung an sie ergangen, aber sie wurde nur zum Schein erfiillt. Sie wurde zur Versammlungsfrage umgebogen, ohne Tat zu werden. Ebenso war es zum zweitenmal, als dieselbe Forderung von Buber und seinen Freunden gestellt wurde und zwar strenger und klarer als friiher, als Forderung an jeden Einzelnen. Jetzt. wo diese Forderung zum drittenmal an die Jugend ergeht, tritt sie strenger ais je und ganz eindeutig vor uns und es scheint, als wiirde dieser strengste Ruf auch der letzte sein. Die Jugend hålt das Schicksal in ihrer Hånd, aus ihrer Handlung erwåchst Wohl und Wehe des Volkes. Wenn auch diese klare Forderung wieder zu einer Formell umgebogen wird, dann wird das Volk nicht erlost werden. Nach einer weiteren Ansprache von Dr. Rappeport (Wien) ergriff Zwi-Jehuda, einer der palåstincnsischen Delegierten das Wort und erklårte mit Bewegung, daB hier bei einem Menschen, der zum erstenmale mit den Vertretern des Hapoel-Hazair aus Palåstina in Beriihrung gekotnmen ist, dieselbe Wahrheit fand, die sie in Palåstina aus dem Leben selbst gcschopft haben. Es hatte ihn wie ein Wunder beriihrt. daB die Uebereinstimmung sich nicht nur in den Gedanken, sondern selbst in der Wahl der Worte zeigt. Aus sololien Geschehnissen kommt der ganzen Bewegung von neuem Kraft und Mut in dem Vertranen auf die Wahrheit und Orofle des Zieles. PALXSTINA. General Bols In Tiberias. (L. J. K. B.) M. Herbert Samuel und General Bois hahen letzthin Tiberias besucht. Sie wurden von den Vertretern der christlichen, jiidischen und muselmanischen Gemeinden begriiBt. Der General erklårte, es wiirden nun Beamten aus der einheimischen Bcvolkerung ohne Unterschied der Konfession und der Nationalitåt angestellt. Der General nahm die Beschwerden des jiidischen Vertreters betreffend die sanitåren Verhåltnisse zur Kenntnis. Damaskus. -■> (L. J. K. B.) Die Juden von Jerusalem und Jaffa,! die aus kommerziellen Grtinden nach Damaskus gereist sind, werden dortselbst unter dem Vorwande zuriickgchalten, weil die Immigration nach Palåstina verboten sei. Die Folizei hålt den Damaszenischen Bahnhof besetzt, und gestattet den Juden nicht in die Heimat zu fahren. Die Juden warten in Verzweiflung in Damaskus auf Abhilfe. Die Juden Kanadas fiir die Notleldenden in der Ukralna. (L. J. K. B.) Die ukrainischen Juden in Kanada veranstalten eine Sammlung von Kleide.r, Wåsche, Schuhen und Medikamenten fiir ihre notleidenden Briider in der Ukraina. Am 14. Mårz wurde beschlossen, daB 400 Freiwillige in ganz M o n t r e a 1 eine Haussammlung unternehmen sollen. Wenn die Sammlung beendet ist, soli ein Transport fiber Konstantinopel in die Ukraine abgehen. Aehnliche Meldungen liegen von Winnipeg und Toronto vor. POLEN. Antljiidische Exzesse in Lemberg. Der Wiener Korrespondent vom L. J. K, B. tneldet: Auf dem Hauptbahnhof in Lemberg haben Soldaten jiidische Passagiere attaquiert. Man schlågt sie, bedroht sie mit dem Tode und schneidet ihnen die Bårte ab. Die Behorden wollen sich nicht hineinmengen. Jiidische Volksbank In Wien. In Wien wurde eine jiidische Volksbank erbffnet, welche die Wiederauflebung der okonomischen Lage der Juden in Deutschosterreich unterstiitzen soli. Elnreise nach Palåstina. Die englische Militårverwaltung in Erez Israel veroffentlicht folgendes Communiqué: 1. Alle Juden, die vor dem Kriege in Erez Israel gewohnt haben. und zuriickkehren wollen, mussen ein Zertifikat des zionistischen Sekretariats in Palåstina haben, das von der englischen Okkupationsbehorde beståtigt ist. 2. Die Juden, welche vor dem Kriege nicht in Palåstina gewohnt haben, mitosen sich um Einreisebewllligungen an die MfHtårmlsslon in Aegypten wenden. Dazu meldet die Zionistische Zentrale in London: Jeder Reisende mnB sich an das Palåstina. amt oder an die Zionistische Ortorganisatlon wenden, niemand darf seinen Beruf aufgeben, bevor er die Elnretsebewlllfgung In der Hånd hat. Die Besorgung der englischen Visa hat durch die Zionistischen Organisationen zu geschehen. Von Wocha zu Woche. Kasimir Ritter von Chledowski. Der Name dieses bsterreichischen Politikers wåre vergessen worden, trotzdem er ehem.ds Exzellenz und Landsmannminister Galiziens war. Will mir scheinen, als ob diese Ehre nicht gerade sehr groB gewesen wåre, denn fiir Månner vom Schlage Chledowski ist es nicht honorig mit Dlugosz e tutti quanti in einem Atem genannt zu werden. Seine Bedeutung, und sagen wir es ruhig, sehr grofle Bedeutung lag nicht auf dem Gebiete der Politik. Fiir die wåre er schon långst gestorben. Er gehorte zu jener Oattung osterreichischer Aristokraten, die durch einen „Spleen" zu wirklichen Wissenschaftlern wurden. Sein Standes- und Volksgenosse Dieduszicki — unserem verstorbenen Artur Mahler befreundet — war Aesthet und Archåologe. Diiletant. Liebhaber. Chledowski war mehr, weit mehr. Ein wilrdiger Schiller B ur c k h a r d t s, hatte er das ganze groBe Gebiet des italienischen Rinascimentos beherrscht. Er war vielleicht zu Rom, Ferrara, Neapel besser zu Hause, denn in Lemberg, Warschau, Krakau. Er diirfte auch in der deutschen Kultur grdBeres Ansehen genossen haben, denn in der polnischen, wiewohl seine Werke iiber: „Siena", „Rom", sein „Hof von Ferrara", seine „Neapolitanischen Kulturskizzen" aus dem Polnischen iibersetzt sind. Uns Juden wird er gerecht. Er vergiBt auch in den „Neapolitanischen Kultifrskizzen" (seine Werke meistens bei Georg M ii 11 e r, M ii n c h e n, verlegt) niemals darauf, Wechselbeziehungen jiidischen Geistes aufzusuchen und auch zu finden. Nun ist er verstummt. Die Feder entsank der erstarrten Hånd, ohne daB er noch einmal seine geliebte „T e r r a d i I a v o r c" gesehen håtte. Die Kunstgeschichte hat einen bedeutenden Kopf verloren. * # Die „Ostdeutsche Rundscha u“. Durch Jahrzehnte hindurch das leitende Blatt der Sudetcndeutschen Altosterreichs. Die Alpenlåndler konnten zu dieser Tageszeitung wenig Beziehung gewinnen. Nach dem Bruche Wolf’s und Schonerer’s, Parteiorgan der „Freialldeutschen". Das deutsche Intelligenzblatt. Das deutsche Volk hat die „Ostdeutsche Rundschau" wenig gelesen. Studiert wurde es von Studenten, Lehrern und Professoren. Der riideste Antisemitismus trat hier zutage. Im Sommer vorigen Jahres ging die „Ostdeutsche Rundschau" als Tagblatt ein und erschien als Wochenblatt. K. H. Wolf iibernahm an Stelle Grubers (Teut) die Chefredaktion oder die Hauptschriftleitung. K. H. W o 1 f, der wåhrend des Krieges der strammste Durchhalter war. K. H. Wolf, der in deutscher Politik derart abgcwirtschaftet hat, daB ihn das deutsche Volk nicht einmal eine Kandidatur fiir die Nationalversammhmg fur die cs. Republik anvertraute. „Nun soli die „Ostdeutsche Rundschau" mit d"”i Schonerianischen „Alldeutscben Tagblatt" vereinir* werden und tåglich erscheinen. Da die deutschdemekratische Freiheitspartei mit dem duetscharischen Block vereinigt ist, diirfte unseren deutschen Juden die „Ostdeutsche Rundschau" hestens empfohlen sein. BRUENNER NACHRICHTEN. Ausschufisitzung der Israeiitischen Kultusgemelnde Brfinns am 1. April 1920. Nach Verlesung des Protokolles, gegen dessen Fassung aus dem Plenum Protest erhoben wird, erbittet sich Dr. Karl Sonnenfeld das Wort zu einer Interpellation: Sehr geehrte Herren! Ich muB ein' *p Umstånde, die anlåBlich der letøt stattgefunden Wahlen in den erweiterten Vorstand vorgekomm sind, vorbringen. Es standen sich zwei Parteien gc geniiber. Die sogenannte Offiziellen und die Jfidischnationalen. Wåhrend es nun die judischnationalen Mitglieder des Kulturvorstandes unterlassen haben, irgendwelche Beamten flir, sich zu beanspruchen, haben die Vertreter der anderen Partei (die der Berichterstatter K. B. der „Wahrheit", die den hiesigen Offiziellen nahesteht, „Deutsch ’-mokraten" benennt. Anm. der Red.) Råumlichkeiten er Gemeindekanzlei Juden verbreitet die „Jiidische Volksstimme"