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Jüdische Volksstimme · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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ScNft 4 -I ■BH'MUj: -li-JI...I jii—i der Ttirken; nur daB die hebrfiische Sprache neben der englischen und arabischen als Verhandlungssprache anerkannt wurde. In Jerusalem und anderen Stadten Palæstinas bildeten sich gleich damals Wachabteilungen, die ihren Dienst unter Aufsicht und Kommando des englischen Militærs versahen. Anstatt tilrkischer Ciensdarmen sah man in den StraRen von Jerusalem und in der Umgebitng der Stadt jiidische und chritsliche Wachrotten. Die Muselmanen meldeten sich nur in geringer Zahl freiwillig zum Wachdienste. Erst in letzter Zeit bemiihen sie sich, ihr Versdumnis nachzuholen. General Money ist bestrebt, aus Freiwilligen eine Nationalarmee mit muselmanischem Uebetgewichte zu bilden. Die Englænder nehmen sich in Palæstina der Miiselmanen mehr an, als es den Juden und Christen genehm ist. Palæstina ist die dritte heilige Stadt des Islams und die Englænder wollen sich von ihren hundert Millionen moslemitischer Untertanen nicht den Vorwurf machen lassen, daB sie den Islam auch in Jerusalem unterdriicken. Die Mitglieder franzosischer Orden und verschiedener englischer und franzosischer Institute kehrten nach Jerusalem zurtlck und bemiihen sich nun, die von den Ttirken verursachtnc Schæden gutzumachen. Vieles læBt sich nicht mehr reparieren. Manchenorts wird man jahrelang warten mtissen, ehe eine Wiedergutmachung gelingen wird. So wurde z. B. die Biicherei der Dominikaner-Bibelschule zerstort, der Pinienwald der Dominikaner, welcher eine Zierde der ndrdlichen Stadt bildete, zum groBten Teil ausgerottet. Die schonen Olivenhaine, welche sich siidlich und nordlich von Gaza viele Kilometer weit erstreckten, verschwanden ebenso wie die Olivenpflanzungen bel Ramle und Lydda. Dadurch wurde eine wichtige Erwerbsquelle der Landbevolkerung vernichtet und die englische Verwaltung ist bemiiht, die Eingeborenen zu einer rationelleren Bearbeitung des Bodens anzuleiten, damit sie einen groBeren Ertrag erzielen und der durch die Vernichtung cier Olivenbaume verursachte Schaden wieder ersetzt werde. Die Steuern verden entweder nachgesehen oder zumindest .gerecht eingetrieben. Die Landbevolkerung hofft, daB es ihr unter englischer Herrschaft bald ebenso gut gehen werde wie den egyptischen Bauern. Die englischen Fachleute bekSmpfen die Malaria, den BaUchtyphus und die Ruhr, indem sie sich um die Beseitigung der Ursachen dieser verderblichen Krankheiten bemiihen. Es gibt auch schon verschiedene Regulierungspiæne von Jerusalem. Die HauptstraBe soli vom Jaffator in der Richtung zum griechischen Heiligenkreuzkloster in einer Breite von 40 Metern ausgebaut werden. Keine StraBe soli eine geringere Breite als 8 Meter haben. Beim syrischen Waisenhaus wird eine groBe Parkanlage errichtet. Englische Unternehmer bauen in Jerusalem und Umgebung Fabriken und wollen so der Stadt Industrien schaffen, die ihr bisher fehlten. Dem Verkehrswesen schenkt die englische Regierung ihre besondere Aufmerksamkeit. Im Kriege wurden die alten StraBen in Palastina griindlich repariert und neue wurden erbaut, so daB fiir die Kommunikation seit dem Jahre 1914 mehr geschah als im letzten Jahrtausend. Ueber den Suez-Kanal wurde bei Kantara eine Briicke erbaut, so daB man Kairo von Jerusalem aus in 15 Stunden mit der Eisenbahn erreichen kann. Sobald der in Kleinasien jetzt durch tiirkische Banden gestorte Eisenbahnverkehr wieder frei sein wird, wird man von Prag bis nach Jerusalem und von dort bis nach Egypten mit der Eisenbahn gelangen konnen. Die von den Tflrken zerstorte von Jaffa nach Lydda fuhrende Strecke (die Ttirken brachten das Geleise nach Berseba) wurde am Ende des Jahres 1919 wieder hergestellt. Die guten StraBen kdnen von Automobilen befahren werden und es verkehrt zweimal im Tag ein Automobil von Jerusalem nach Hebron, Nablus und Jaffa und von Jaffa nach Haifa, Tyrus, Sidon lind Bejruth. Die Niederschldge waren im Winter in Palastina so reichlich, daB die Bauern auf eine gute Ernte hoffen konnen, wenn das Getreide nicht von den Heuschrecken zu leiden haben wird. Anfang Februar wiiteten in Jerusalem und Umgebung Schneesttirme, wie man sich ihrer seit dem Jahre 1860 nicht erinnert. Der Schnee lag auf freien Plætzen bis zur Hdhe von einem Meter. Unter den Schneemassen sttirzten in Jerusalem, insbesondere ldngs des Kreuzweges, viele Hduser ein. Hohe Terebintenbåume im nordostlichen Winkel der Mauern von Jerusalem, unter denen sich angeblich einst das Zeit Gottfried von Bouillon befunden hatte, wurden geknickt, was die Bewohner als ein Zeichen Allahs ansahen, daB sich die Christen wieder; in der heiligen Stadt ansiedeln werden. — Auch die •JtiMSCfie fOLKSSUMME." Eisenbahnstrecke zwischen Jerusalem und Jaffa wurde vom Schneesturm beschædigt. Der in Palæstina angerichtete Schaden wird mit einer Viertel Million Pfund geschætzt. Im Kriege ist die Zahl der jiidischen Bevdlkcrung in Jerusalem wesentlich zuriickgegangen. Die Schætzung der Zahl der Juden ergab vor dem Kriege in Jerusalem 50.000—60.000, am Ende des Jahres 1919 wurden ihrer nur 32.000 gezahlt, in Jaffa 9000, in Hebron 800, in den Kolonien 11.000. also in Palæstina insgesamt etwa 52.000. Politisch erleben die Juden Palæstinas dasselbe wie wir. Ihre sozialdemokratische Wochenschrift verlangt, daB das Land Israel den Israeliten gehore, und daB der gesamte Boden unter das Proletariat aufgeteilt werde. AuBer den Sozialdemokratcn gibt es noch 4 andere jiidische Parteien. die sich utitereinander noch heftiger bekarnpfen als cs unsere politische Parteien tun. Unter diesen politischen Katnpfen leiden am ineisten die jiidischen Kolonisten. Die jiidischen Arbeiter fordern Lohne, die der Kolonist nicht bezahlen kann, weil er seine Produkte nicht so teuer absetzen kann. Die heimische arabische Bevolkerung arbeitet viel billiger. De jiidischen Zeitschriften verlangen, daB Palastina unter englischer Verwaltung bleibe. Sie scheinen sich vor der gemeinsamen englisch-franzdsischen Verwaltung, iiber die sich die Mæchte im Jahre 1916 geeinigt haben, zu fiirchten. Sie verlangen Palastina in einem Umfang, den es in den beriihmtesten Zeiten hatte. Sic wtinschen eine Angliederung Nordgalilaeas und ganz Transjordaniens. England hingegen beabsichtigt nur die fviiheren Regierungskreise Jerusalems Nablus und einen Teil von Akka bei Palæstina zu belassen, also das eigentliche Palæstina von Berseba im Silden bis Nazareth und Tiberia im Norden und bis zum Jordan im Osten. Bei dieser Ausdehnung wiirden die fruchtbaren Ebenen Scharon und Schefel, die die Israeliten niemals beherrschten, zu Palæstina kommen. Diese blieben in der Gewalt der Phoenizier und Phi- Iister, wæhrend sich de Israeliten nit den weniger fruchtbaren Hohen begniigen muBten. Die jiidischen Kolonien liegen heute fast durchwegs in den einstmaligen Besitztum der Phoenizier und Philister. Dieses neue Palæstina wiirde 650.000 Einwohner mit nur 52.000 Juden zæhlen. Die heimische Bevblkevung, soweit sie aus M iselmanen und Christen besteht, hat Angst vor den Anspriichen der Juden und wiinscht sich eine englische und franzosische Verwaltung. Aber auch die Fiihrer der Judenschaft verlangen keinen selbstandigen Staat, sondern nur eine Heimstætte in Palastina. Das wollte der Begriinder des Zionismus, Theodor Herzl haben, das strebt auch der letzige Fiihrer des Judentums. Weizmann, an. Der neue Konig von Syrien. Feysal, erklart bei jeder Oelegenheit, daB er keine Hegemonie der Juden in Palastina zulassen werde. Er reklamiert Palastina, Syrien und Mesopotamien fiir die Araber, ist aber hereit, den Juden in Palæstina Gleichberechtigung mit den Arabern zuzugestehen. Weltkonferenz der Hapoel-Hazair und Zeire-Zion. Samstag, den 27. v. M., abends, wird die erste Sitzung von S p r i n z a k eroffnet. Die Sitzung ist der Besprechung der Tagesordnung der Weltkonferenz gewidmet. S p r i n z a k erstattet einen kurzen Rechenschaftsbericht iiber die Tætigkeit des Londoner Organisationskomitees und iiber die Vorgeschichte der Konferenz. Das Ziel, das den drei Chawerim, die sich in London zusammengefunden haben, vorgeschwebt hat, war der ZusammenschluB aller jener Kraite, von denen wir erwarten, daB sie mit ihrer Arbeit Palæstina aufbauen werden. Chawer Sprinzak gibt dann einen kurzen Ueberblick iiber die Situation und verliest zur Charakterisierung des Ernstes der Lage einen Brief des Hapoel Hazair in Jaffa, welchen* ein junger palastinensischer Genosse vor wenigen Stunden nach Prag mitgebracht hat. Der Brief schildert unter anderm ausfiihrlich die Ueberfalle in Tel Cliai und Metulla und den Tod der Chaverim Josef T r u mp e 1 d o r, Benjamin Munter, Debora Drec h 1 e r, Sara C z i z i k und der zwei Mitglieder der amerikanischen Legion Tuker und Scharf. Dr. Buber: Chawerim! Wir haben eben miserer toten Bruder in Erez Israel gedacht und vor allem derer, die in Verteidigung unseres Werkes gefallen sind. Wir wollen aber auch des Mannes gedenken, der ohne daB er uns eigentlich kannte, und olme daB die meisten von uns ihn gekannt haben, i doch unser heimlicher Fiihrer gewesen ist, Gustav Nr. 15. Landauers. Gustav Landauer war eln destinierter Fiihrer des neuen Judentums und es ist ein Zeichen der Tragik uns^res Scliicksals, wie wenig anderer in dieser Zeit, daB er in der Wirklichkeit des Lebens nicht unser Fiihrer geworden ist und daB cr im fremden Lande, im feindlichen Lande, in der Arbeit, in der verzweifelnden Arbeit an einem aussichtslosen Aufbau neuen Lebens in diesem fremden. feindlichen Lande ermordet worden ist. Es ist eine Tragik unseres Schicksais, dafi dieser Mann und die Sache, fur die er geschaffen war, die Menschen, die er zu fiihren berufen war, nicht zusammengekommen sind. Landauers Idee war unsere Idee. Es war die Krkenntnis, daB es nicht darauf ankommt, Einrichtungen zu andern, sondern das menschliche Leben, die Beziehungen der Menschen zueinander zu verwandeln. DaB Sozialismus nicht ctwas ist, was aus der Fntwickiung der wirtschaftlichen Verhæitnisse, aus irgend einer automatischen Entwicklung der wirtschaftlichen Verhæitnisse heraus entsteht, sondern daB Sozialismus etwas ist, was nie kommen wird, wenn cs nicht jetzt und von uns getan wird. Das war die Idee Gustav Landauers und das ist unsere Idee. Und diese Idee hangt zutiefst zusammen mit dem Wesen dieses Mannes. Gustav Landauer war cin Mann, der ganz und gar bis in seinen Lcib hineiti mit allen Teilen seines Wesens auf unmittelbare Verwirklichung gestellt war, nicht auf Politik, sondern auf unmittelbares Tun und Leben. Und diese Idee, diesem Wesen entsprechend, war es Landauers heimliche unerfullte Bestimmung, an dem Aufbau eines neuen Landes, an dem Aufbau eines Neulandes fiihrend und lehrend teilzunehmen. Diese Bestimmung Landauers ist nicht erfiillt worden. Sein Schicksal war ein ganz anderes. Jahre, Jahrzehntelang hat er in diesem fremden Lande, in dem er lebte, in dieser Seclenwiiste, in der er lebte, umsonst gerufen. Und wenige, sehr wenige haben diesen Ruf wahrhaft mit ihrer Seele vernommen. Und dann kam das Ereignis, das man die deutsche Revolution genannt hat, und dis im Grunde nur eine armselige Militarrevolte geworden ist. Gustav Landauer trat in diese Scheinrevolution eines fremden Volkes als Tater, als tuender Mensch ein. Er verkannte ganz und gar, daB der Blutkreislauf dieses fremden Volksorganismus ein ganz anderer ist, alsseiner und unserer. Er wollte das Tempo seines Blutes, den, Rythmus seines Blutes diesem fretndem Volksorganismus aufzwingen, er und ein paar andere jiidische Menschen mit ihm. Und das ist nicht gegliickt und konnte nicht gliicken. Daran, nicht an æuBeren Dingen, an dieser inneren notwendigen Tragodie ist Gustav Landauer zugrundegegangen. Und als die Scheinrevolution sich als das enthiillte, was sie war, glaubte er sie noch einmal retten zu konnen und irrte neuerlich. Er trat in die erste bayerische Rateregierung ein. Und als er ganz unmittelhar mit diesem Volke zu tun hatte, als dieses Volk ihm nicht mehr gegeniiberstand, daB er es wie einen Horizont sah und als Ganzes idealisierte, sondern als er mit dem Menschen unmittelbar ziisammentraf, da ging ihm die Erkenntuis auf. In diesen wenigen Tagen ging Landauer, das glaube ich aus AeuBerungen aus dieser Zeit entnehmen zu konnen, die Erkenntnis auf. Er schrieb in dieser Zeit an einen Freund einen Zettel, auf dem nur die Worte standen: „Welche Arbeit, welche Qual!“ — Das war es. Das war die Qual der unmittelbaren Erkenntnis. Bald nachher geschah, was geschehen muBte. Er wurde zuerst beiseite geschobeti, dann von den einziehenden Regierungstruppen gefangen genommen und von ihnen getotet. Und sein flerz, das Herz unseres Fiihrers wurde von der Stiefelsohle eines deutschen Soldaten zertreten. So war dieses Leben und so war es, dafi er und v/ir nicht zusammengekommen sind. Er hat oft davon gehort, daB es ein neues im Judentuni gibt, er hat durch mich oft davon gehort, aber es v ar nicht unmittelbare Gegénwart fiir ihn, irgendwie war dieses Neue, das in dieser Versammlung heute fiihlbar wird, ihm noch nicht fiihlbar geworden. Vielleicht war er gerade in diesen letzten Tagen nahe daran, zu erkennen, daB es ein solches Neues gibt, denn fiir eben die Woche, in der Gustav Landauer in die Regierung eintrat, fiir eben diese Wochen war nach derselben Stadt, nach Miinchen, eine Konferenz eir.berufen worden der jiidisch-sozialistischen Jugend, von Gustav Landauer und mir. Und auf dieser Konferenz wollte Gustav Landauer seinen Plan des sozialen Aufbaus Palæstinas entwickeln. Vielleicht wiire es — wenn man so etwas aussprechen darf — vielleicht wåre dann diese Verbindung doch geschehen. Aber ich weiB nicht ob man ein solches Wort aussprechen darf, denn im Grunde ist geschehen, was dem Sinne

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