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Jüdische Volksstimme · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. M-UCJ1L-L* JJM.JI^jeag »JtVMClIE fOUCSSTUME." ben, kann auch so aufgefasst werden: Cuer Ja (Hen) nnd euer Nein sei gerecht" ... (Das. S. 642.) * # * Besonderer Volkstilmlichkeit erfreut sich bis auf unsere Tage R. H i r s c h Kaidonower. Er muBte mit seinem Vater R. Ahron Samuel der in. Polen ausgebrochenen Unruhen wegen seine Vaterstadt Wilna verlassen und blieb in dem Hause des Vaters, als dieser das Rabbinat in Frankfurt angetreten. Er selbst verfasste das Sittenbuch Kaw Hajaschar „Die Richtschnur des Gerechten“; zuerst 1705 in Frankfurt erschienen. Aus demselben zur Abwechslung etwas iiber die Prediger, also nicht nur wie das Volk, sondern auch wie dessen Lehrer reden sollen: „Das Wort der Mahnung, welches sie an die Gemeinde richten, sei die Frucht reichlicher Ueberlegung, Zeuge von der Achtung, welche ihnen die Gemeinde einfloBt; kein ungeziemendes Wort entfahre den Lippen des Predigers und niemals lasse er sich von seinem leidenschaftlichen Eifer hinreiflen, die ZuhSrer, auch die Slinder nicht, zu beschamen. Der Prediger lasse auch den geistlichen Hochmut nicht aufkommen... solche Worte dringen nicht ifl das Herz, es ist der unsaubere Geist, der sich in seine Rede einschleicht. Viele Prediger' verrichten darum, bevor sie mit der Derascha beginnen, ein kurzes Gebet, daB der Hochmut keinen Raum in ihrem Herzen finde und daB der Dunkel nicht der triibende Geist in ihnen sei.“ (Das. S. 644.) Was soli man an dieser Ethik mehr bewundern, die abgeklarte Lebensweisheit, die durch kein crlittenes Unreclit zu beirrende Redlichkeit, durch keine Bitterkeit zu triibende Menschenliebe, oder die tiefe Religiositåt? Jedenfalls ein reinhumanisiertes Judentum, das, wie alles Edle, unaufdringlich fiir seinen ethischen Ursprung Zeugnis ablegt. Es geht heute ein machtiger Zug durch unsere Zeit „geistig und sittlich selbstandige, durch Lebensausfiihrung und soziales Gewissen gelauterte Biirger heranzuziehen, die Unterweisung der heranwachsenden Jugend ohne religiøse Hilfe zur Freude fiir Lehrende und Lernende, sowie zum Gedeihen fiir Gesellschaft und Staat durchzufiihren". Ein edles Streben, durch Strome von Blut und Tranen gerechtfertigt, wiirdig der Besten! Und wenn Rudolf Penzig in seiner Sammelschrift: „Die Harmonie zwischen Religions- und Moralunterricht“ fiir eine „Ethik, unabhangig von allen religiosen und metaphysischen Veraussetzungen", plaidiert (Berlin 1912, S. 16), so ist ihm gewifi im Sinne jenes Schmerzensrufes eines alten Schriftstellers beizupflichten: „Ach, zu wie viel Bosem vermochte doch die Religion, das Menschengeschlecht zu verleiten.“ Eine religiose Unterweisung jedoch, die ihre Jiinger geistig-und sittlich so ergreift, wie es in obiger Auswahl geschicht, sie hat doch zweifellos die Heimatsberechtigung auf ethischem Gebiet erbracht. * * Das bekannte Wort, Gedanken sind zollfrei, kann auch in dem Sinne aufgefasst werden, daB alle wahre Ethik eine einseitliche sein miisse, von keinerlei Zollschranken behindert. Es gibt nicht eine, soudern nur die Ethik; eine Ethik ist immer ein und dieselbe, oder sie ist iiberhaupt keine Ethik mehr; sie muB iibereinstimmend sein in den von einander entferntesten Landern. Dies sollen einige Proben auch der auBerhalb Deutschlands wirkenden jiidischen Sittenlehrer veranschaulichen, der en Werke aber — im Unterschied von den bisherigen — in selbståndigen Sittenbiichern vorliegen: R. Salomo Alami aus Portugal, der Zeuge der blutigen Verfolgungen war, deren Opfer die Juden Cataloniens, Castiliens und Aragoniens im Jahre. 1391 waren, schildert jene Zustande in einem Sendschreiben, das er im Jahre 1415 an einen seiner Schuler richtete und das den Namen Igereth mussar „Moralbrief“ fuhrt; er schickt demselben Sittenlehren voraus, die von seinem frommen Sinn Zeugnis geben; so unter anderen iiber die Gestaltung unserer Le b e nsf uh r ung: „Halte auf Reinlichkeit deines Korpers, sie ist ein Mittel, die Reinheit der Seele zu erwerben. Besuche die Kranken, der Armen nicht minder als die der Reichen... Ehre die Toten, indem du ihnen das letzte Geleite gibst, besuche die Trauernden, troste sie und merke auf ihren Schmerz... So dich Andersgiaubige zum Abfall vom Judentum verleitcn wollen, dann verlasse dein Vaterland und deine Heimat und gehe dorthin, wo du deinem Gluben leben kannst... laB dir nicht Leid sein um Besitz und Kostbarkeiten, die du zuriicklåBt, sie sind wertlos gegen das Seelenheil, das du im Sticlie låBt." (Das. S. 649.) * # * Ein se hr populftres Sittenbuch ist der Menorath hamaor, „die lichtspendende Leuchte"*) von Isak A b o a b, welches er um 1300 In Kastilien schrieb. Er kannte Plato und Aristoteles, wenn er auch wie die meisten jiidischen Religionsphilosophen aus Quellen zweiter Hånd schopft. Das Werk bildete ein namentlich von Frauen gerngelesenes Familienbuch. Hier einiges daraus tlber die Pflicht der W a h rhaf tigkeit: „Schlimmer als alle Liigner sind diejenigen, welche durch Gewicht und MaB betrtlgen, anvertrautes Gu t oder gegebene Darlehen ableugnen... In Beziehung auf solche heiBt es in der Schrift: Ihr soilt nicht ableugnen, nicht Higen einer gegen den Andern. Ueberdies fiihrt dergleichen zu Streit, Hader, Meineid, Mord und vielen anderen Verbrechen, welche Grund des gottlichen MiBfallens sind, wie der Weise! (Spr. Sal. 6, 16. 17.) spricht: Sechserlei widerstrebt! dem Ewigen und ein Siebentes ist seiner Seele ein Greuel: stolzer Blick, falsche Zeuge, Hånde, welches unschuldiges Blut vergieBen, ein Herz, das Gedanken des Unrechtes hegt, FilBe, welche schnell zum U.irecht hineilen, falscher, lilngenverbreitender Zeuge und wer Zank zwischen Freunden stiftet". (Das. S. 647.) *) M. Hickls Verlag, Briinn. * # » Eine eigenartige Stellung nimmt das Sefer ma’ Ioth umidoth ein, gleichsam, das Buch iiber den Umgang mit Menschen" des Freiherrn von Knigge iris Hebriiische iibertragen, von R. Jechiel bem Jek u t h i e 1 aus Rom. Das Buch, gedruckt in Cremona 1556, trug er, wie er in der Einleitung sagt, aus den Lehren jiidischer und nichtjiidischer Weisen zusammen und bietet einen Beweis seiner erstaunlichen Vertrauthelt mit der profanen Wissenschaft, seiner hohen Bildung und vielseitigen Belesenheit. Eine hiefflr besonders kennzeichnende Stelle lautet: „Haltet auf Treue und Ehrlichkeit! Der Philo-| soph Porphyr schreibt: Wer ehrlich ist, an den liaftet das Wohhvollen der Menschen ... Weisheit ist das hochste Gut, das nicht zugrunde geht und den Menschen iiberall hingeleitet. Das Merkmal des Weisen ist, daB er schamhaft, sanft, demiitig, bescheiden, hilflich und zuvorkommend, friedlich, versohnlich, mafivoll, schweigsam, hicht rachsiichtig und neidisch ist, daB er von jedem Gutes spricht, Niemand geringschatzt, den Ehren ausweicht, nicht viel scherzt, daB er sparsam und dankbar ist, daB er Geheimnisse bewahrt, keine Schadenfreude kennt, den Mannern von Wahrhaftigkeit und Treue sich anschlieBt, und die Menschen nach diesen Grundsatzen durch freundlidhe Unterweisung zu bilden trachtet... Die romischen Weisen sagten: Der Tor ist ein Kind, auch wenn er alt ist, der Weise ist erwachsen, auch wenn er jung ist. Es heiBt in den WeisheitssprUchen A1 e xanders: Wer sich mit Toren in Unterbaltiing einlaBt, gleicht demjenigen, der einen vertrockneten Baum begieBt. Leichter ist es, Steine von hohen Bergen zu holen, als Toren zu belehren." (Das. S. 651.) « * Wir haben die Proben der jiidischen Ethik mit Vorschriften gegenuber Andersglaubigen begunnen,| wir beschlieBen sie auch mit solehen, und zwar mit denen des R. Mose aus Coucy in Frankreich, der im 13. Jahrhundert wirkte, einer der Tossaphisten, d. h. Kritiker des groBen Erklarers Raschi, iiber eine eindringliche und erfolgreiche Gabe der Rede verfugte, die er namentlich zur For der ung gegensei tiger Liebe und Duldung, auch Andersglaubiger verwendete. Sein Hauptwerk heiBt: S’mag, Abkiirzung fur Sefer mizwoth gadol „Das groBe Werk iiber die Gebote", zuerst gedruckt 1488. Ueber Heiligung und Weihung des Gottesnamens durch rechtliches Gebahren im Handelsverkehr: „Diejenigen, die lagenhaft sind gegen Nichtjudeu und sie bestehlen, gehoren zur Klasse derer, die den Namen Gottes entweihen, weil sie Schuld sind, daB man von den Juden sage, sie wåren eher Moralgesetz. Geht es den Juden gut, so sollen sie nicht ubermutig werden und nicht Gottes vergessen, alle Erfolge etwa nur ihr er Tatigkeit zuschreiben. Niemand uberhebe sich des Vorzuges, den er besitzt: des Geldes, der Schonheit, der Klugheit, er bleibe demUtig gegen die Menschen, dankbar gegen Gott! Auf dem Demutigen ruht ein gottlicher Geist. Die Wflnsche der Demutsvolien werden eriiillt, ohne daB sie sie erbitten. Dahingegen sind die HochmUtigen ein Abscheu und werden keinen Teil haben an Zions Trost. Man darf im Handel und Wandel keinen Menschen ohne Unterschied der Religion betrugen oder mit Worten tåuschen, vielmehr muB man den Fehier einer Ware dem Kåufer anzeigen..“ Stito 3. Man nennt uns Juden international. Sei m drutni Diese Proben fUdlscher Ethik zeigen das internationale Bestreben, durch Rechtlichkeit den Namen Mensch zu heiligen. Allerdings keine sogenannte Feindesliebe, nur peinliche Rechtsliebe. Was hat auch die Menschheit heute von einer Liebe der Feinde, welche die Freude aus lauter Liebe gegenseitig sich zerfleischen ISflt? Nein, nur menschliches Begreifen das, wie Gr&tz einmal sagt: (Einleitung zum 4. Band seines groBen Geschichtswerkes) Mitleid lehrte mit dem Peiniger, Freiheit gegen den Kerkermeister. Wie sehån erwidert doch Prof. Bernhardi in Arthur Schnitzlers gleichnamigem Drama auf die Bemerkung: Meine Ueberzeugung gebietet mir, jene zu lieben, die mich hassen, „Und nur die meine, auch dort zu verstehen, wo ich nicht verstanden werde." Jedenfalls | ein rein humanisiertes Judentum, das ruhig der Ant- | wort entgegensehen darf auf die Frage, ob „durch ihren EinfluB Europa um ein weiteres, negatives, zerstorendes Beispiel reicher" wfire. Oder wie? Wåre heute der Menschheit bei einer Ethik wie der Gebotenen nicht wohler? Herr Chamberlain schrieb sein quellen- und datenreiches Werk vor dem ungliicklichen Weltkrieg. Heute wiirde er womoglich „Moses Gesetz und Esras und Nehemias Fesseln" fiir den gro¬ Ben Riickzug vor Verdun 1916 verantwortlich machen. Und wir wSren gar nicht iiberrascht, etwa in einer neuen Auflage seiner „Grundlagen" dies zu lesen. Nein, es gilt eben, eine Lehre von ihren Mitgliedern auseinander zu halten. Wir verlangen weder Gnade fiir unsere unreinnoch zweifelhafte Liebe fiir unsere reinhumanisierten Juden, lediglich Verståndriis fiir Menschen u. Moral soweit letztere iiber jeden Zweifel erhaben ist. Das Laster fragt nicht nach Konfession und auf Gaunereien haben nicht bios Andere allein ein Privilegium. Nein, wir verteidigen nicht solidarisch alle jiidischen Auswiirflinge und geben mit Wonne alle Schieber und Schurken preis, was wir aber leidenschaftlich in Schutz nehmen, das ist JUdlsche Ethik selbst, deren milder Hauch jene Charakterlosen unberiihrt JieB. Soweit fiir driiben, aber auch hiiben muB es anders werden. Was wir brauchen, das ist Popularisierung jdischer Ethik. Zeigt nun der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soli.* Die Welf hat leider die Hohe von Lessings Nathan noch njcht erreicht. Die Kritik lehre uns darum, eiferstlchtig dariiber zu wachen, daB wir besser seien, als unser Ruf; unser Leben ein Spiegelbild unserer Lehre biete, an welchem auch kein Hauch eines Mackels hafte. Was uns dringend nottut, das sind gleichsam 2 Lose, deren Wert keine Valutaånderung erschiittern: ein „Mackellos“ als Mensch, ein „Tadellos" als Jude. Unsere vielgeschmShte Solidaritet fiir unsere Schiidlinge, die nur in der Phantasie der Gegner besteht, MuBere sich im Gegenteil in der Aussonderung alles ethisch Ungesunden aus unserem Volksorganismus; gleichsam eine moralische Eroberung des Judenvolkes vor dem Judenlande; eine ethische Selbstwehr alter Wackeren und Braven in seiner Mitte. Einst iibte es s. z. s. sittliche Lynchjustiz gegen seine søzialen Parasyten durch das Institut des Bannes (s. Der Bann, von Dr. S. Mandi, Briinn 1898); einen solehen gesellschaftlichen Bann aller Elemente, die unser Anseben in der Oeffentlichkeit untergraben, das ist es, was wir wieder brauchen. AusschlieBen von uns, das verbieten uns die Verhaitnisse, aber uns abschlieBen von ihnen in Gesellschaft, in Handel und Verkehr, das konnen und miissen wir. Denn unsere beste Ethik ist wie die oben gezeigte, die geleistete unsere wirksamste Apologethik, die der lebendigen, sittlichen Tat. Die Englander in Jerusalem und PalSstina*). Seit dem 10. Dezember 1917 regieren in Jerusalem die Englander. Im Lebeivder Stadt hat sicb wenig geandert. Der Stadtrat, bestehend aus jiidischen, christlichen und muselmanischen Vertretern, sorgt fiir die Bediirfnisse der Bewohner ebenso wie zur Zeit Die „Narodni Listy“ brachten in ihrer Osternummer unter obigem Titel einen Aufsatz des Orientalisten der Prager tschechischen Universitet, Alais Musil, den wir nachstehend wiedergeben. *) Wir bringen diesen Beitrag, des groBen Orientalisten und Arabienforschers ohne uns meritorisch mit allen seinen Ausftihrungen zu decken. Die Redaktion.

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