Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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$m i. «ropi>cm wu&mums Nr. 15. Pesti Hirfap, Magyarorszag bringen nun keine Meldungen. Schmach und Fluch dem Lande! An den Pranger mit all’ tten Lumpen, dte die Joden verleitet habcn, Magyarien zu Verhimfltelit. „Die Rane etmkt ja alles edr*! Wir vermaltten es SOrrSt gefliBwitlich, tms mit der ruden Schfiftjweise des „ftthrenden" Sluttes der deutschen Einheitspartei, des „Brtintier Montøgsblattes“, so Detenten. Wenn wir diesaml ausnnDmswelse von dieser Gepflogenheit abweichen, geschieht es nicht deshalb, lim zu irgendwelchen Ausfiihrungen dieses Blattes ernstiich Stellung zu nehmen, — denn ein vernilnftiger und einsichtiger Mensch kann dieses Blatt nicht ernst nehmen — sondern um jenen Juden, welche auBerhalb unseres Lagers stehen, in deutlicher, greilbarer Weise vor Augen zu filhren, wie tief sie in der Achtung ihrer Mitbiirger sinken milBten, wenn sie den offenkundig vorhandenen Widerwillen, sich ins Schlepptau der sogenannten Einheitspartei nehmen zu lassen, auch diesmal niederzukåmpfen Qber sich br&chten. Das „BrUnner Montagsblatt" leistet sich in seiner letzten Nummer die Feststeliung: „Die Rasse steckt |a alles ein!“ DaB wir Jtidischnationalen nicht alles einstecken, das wissen jene Parteien, deren Sprachrohr das „Brtinner Montagsblatt“ gewordeu ist, genau und wenn es darauf ankommen wird, werden wir es ihnen noch deutlicher beweisen. Diese Feststeliung kdnnte sich daher nur auf jenen Bruchteil von Juden beziehen, die trotz aller erhaltenen FuBtritte noch immer mit dem Brusttone scheinbarer Ueberzeugung bei jeder Gelegenheit betonen: Und wir sind und bleiben doch Deutsche! Leider ist noch immer in der Bevdikerung der irrige Glaube verbreitet, daB diese Juden, die sich infolge ihres Reichtumes stets in den Vordergrund zu drængen verstehen, die Repræsentanten des Judentumes sind. Diese Zeiten sind vorUber! Ihr EinfluB schwindet und wird hoffentlich mit fortschreitender Demokratisierung bald voilstUndig beseitigt sein. Wir werden nicht dulden, daB diese Schmarotzer den judischen Volkskdrper vergiften und den jUdischen Namen entehren, wir mOssen sie wie Aussåtzige aus unserer Mitte stoBen. Sie milssen irgendwie gezeichnet, unschadlich gemacht werden, damit sie nicht in die Lage kommen kdnnen, als Einzelperson Handlungen begehen zu kdnnen, fUr die man dann die jtidische Bevolkerung in ihrer Gesamtheit gerne verantwortlich zu machen pflegt. DaB dies bisher nicht geschehen ist, ist eine Unterlassungsstinde, ftir die wir Juden jetzt schwer biifien mUssen. Nur auf diese Weise ist es moglich geworden, daB .beispielshalber in einer vor kurzem abgehaltenen WUhlerversammlung ein den sogenannten oberen Kreisen angehoriger Jude sich nicht entblddete zu erklæren: „Und ich werde doch die Liste Dr. Baeran wUhlen“ und hiemit die scheinbare Verzeihung seines Vordringens und brachte die zweimal erschienenen Traume vor. Der Zar låchelte und sagte zu Ar on Litwornik, welcher dem Monarchen Uber Befragen seinen Berui mitgeteilt hatte: „Du bist ein treuer Untertan, und ich bin Uberzeugt worden, daB auch unter dem Gewande eines russischem Dorfjuden ein biederes Herz schlSgt. Ich werde Vorsicht iiben und mich von meinem verlSBlichsten Feldherrn im Manover umgeben lassen." Mit beruhigtem Gemiite fuhr der brave Aron Litwornik wieder zu seiner treuen Gattin Jochewed zuriick. Nun erwachte der Tag des Manovers; in allen Dfirfern und Hdfen wurden FuBvolk und Reiter untergebracht, groBe Heeresmassen zogen aufs Manoverfeld, aus dem innersten Reiche RuBlands walzten sich ungeheure Kollonen auf das Gebiet der Grdflich- Potoczkyschen Giiter. Kaiser Nikolaus mit seinen Heldherren, hoch zu RoB, erteiite den Befehl zum Beginn des Mandvers und bei einer Revue der Donischen Kosaken wagte es ein Reiter, aus der Front mit der Lanze auf den Monarchen zuzureiten, um ihn zu durchbohren. Rechtzeitig wurde dieser StoB gUicklich pariert. Der Kaiser ward gerettet. Von dieser Rettung des Kaisers erhielt das ganze Russische Reich Kunde, es wurden in såmtlichen QottesbUusem Dankgebete erbracht. Selbstredend wurde das Mandver abgebrochen. Aron Litwornik, welcher sogleich nach dieser Affære Kenntnis erhielt, lieB sofort wieder seine Rosse anspannen, um noch rechtzeitig den geretteten Monarchen im Lager zu i in den« und viel leichter gelaog es ihm diesesmal, vor Berechtigung flir die vom „Brunner Montagsblatt" vorgenommene Feststeliung zu geben. Die jttdischen Drahtzieher der deutschdemokratischen Freilieitspartei haben in dem Wahlttbereinkommen mit dem arischen Blooke die Forderung aufge- Stellt, daB wåhrend der Wahlkæmpfe die Juden nicht beschimpft werden diirfen. Der arische Biock erfailt, wie man sieht, mit deutscher Treue die prompt gemachte Zusage. Den jiidischen Drahtziehern geht aber scheinbar dieser Wortbruch nicht nahe; denn sie kdnnen sich formcll immer dafnit ausweisen, daB Sie die friiher erwåhnte Forderung aufgestellt haben und die Erfiillung ihnen zugesagt worden ist und sic werden sogar dazu zu haben sein, gegen diesen Wortbruch einen papierenen Protest einzulegen. DaB sie aber aus diesem Wortbruche die Konsequenzen ziehen und auf das ihnen allerdings noch nicht definitiv zugesagte Mandat verzichten soliten, das kann man doch nicht von ihnen verlangen! FUr die wahlberechtigten Juden erwachst aber die Pflicht, den Beweis dafilr zu erbringen, daB d i e Rasse nicht alles einsteckt. Dies kann sie diesmal durch den Stimmzettel tun. Sie werden sich alle diese Vorgånge vor Augen halten mUssen, es werden ihnen aber auch andere Vorfåile nicht entgehen diirfen, die sich im Lichte der Oeffentlichkeit, wenn auch von den Zeitungcn totgeschwiegen, zugetragen haben. Der Oeist, der in den Schulen weht, ist der beste Gradmesser iiir die Denkungsart eines Volkes. In den hiesigen deutschen Mittelschulen wurden in der letzten Zeit in Abwesenheit der jUdischen Schiiler die Banke mit Flugzetteln belegt, welche die niedrigsten und gemeinsten Beschimpfungen gegen das Judentum enthielten. Als bei den Professoren dagegen Abhilfe verlangt wurde, blieben deren Ohren taub. Wir kennen diese Flugzettel schon von vielen friiheren Anldssen her, wir kennen auch den Ursprung dieser Flugzettel und mUssen nur wiederholen, was wir bei solehen Anlåssen immer zu erkiaren pflegen: „Wenn die Juden nicht mannhaft gegen diese Betåtigung deutscher Kultur auftreten werden, wenn die Juden trotz aller dieser moralischen Ohrfeigen sich noch weiter ins Schlepptau dieser nationalen Hetzer und Verleumder nehmen lassen werden, wenn sich die Juden trotz alldem eine Ehre daraus machen werden, an einem Tische mit solehen „Gesinnungsgenossen" sitzen, und fiir die Erhaltung deutscher Kulturstøtten zahlen zu dUrfen, dann diirfen wir uns nicht wundern, wenn sich das „Briinner Montagsblatt" festzustellen erdreistet, d i e Rasse steckt ja alles ein. Dårum erteilt Juden am Wahltage der deutschen Einheitspartei die Antwort auf die Euch widerfahrende Beschimpfung und wdhlet jene Liste, welche allein beiUhigt ist, Euere Interessen zu vertreten und dem judischen Namen wiederum Achtung zu verschaffen. Kaiser Nikolaus zu kommen. Mit einem Dankesspruch ob der Errettung seines Kaisers trat er vor, und die Worte des Monarchen an Aron Litwornik waren folgende: „Der Allmåchtige hat in seinem Rate beschlossen, daB du ein Sendbote zu meiner Errettung sein solist. Du bist ein treuer Untertan. Wie kann ich dir diese Treue lohnen?" „Euere Majestæt! Unsere judischen Gebote sagen „Ehrfiirchte Gott, mein Sohn, und den Konig". Ich håbe meine Pflicht als Untertan und als Jude, welcher Gott ehrfiirchtet, erfiillt, mein Lohn ist die Rettung Euerer Majestæt aus Frevlerhand." „Und doch muB dir Lohn werden. Du wirst dein Dorf verJassen und in meiner Residenz wird dir ein herrliches Heim zugewiesen werden." „Eure Majestæt! Diese groBe Gnade verdient gewiB meinen groBten Dank, doch komite ich den Ort und die Propination, welche meine Ahnen vom Grafen Potoczky iahrzehntelang in Beniitzung hatten schon aus dem Grunde nicht verlassen, als es mein boser Nachbar nicht unterlassen wiirde, die Spirituspreise sofort zu erhohen, sogar trachten mochte, von dem edlen Grafen Potoczky die Propination zu pachten. AuBerdem bin ich bestrebt, eine Spiritus-Rafiinerie zu bauen, um die Rohware zu verfeinern, den Spiritus vom Fusel zu befreien, damit das Landvolk nicht so verfuselt werde." „Nun so ernenne ich dich zu meinem Hoflieferanten und werde in der Ukraine, Wolhynien u. Littauen sæmtliche Pharmazeuten strenge beauftragen lassen, den ganzen Bedarf von Alkohol zu pharmazeutischen JOdische Ethik. Von einem Rabbiner. (Schlufi.) Wir kommen nun zu einem anonymen Sittenbudi: Orchoth Zadikim oder Sefer Namidoth „Das BuCh der guten Eigenschaften" genannt, von welchem behauptet wird, daB Lipmon Miihlhausen, jener treue Fiirsprecher und Verteidiger seiner armen, gehetzten Bruder sein Verfasser sei. Es ist jiidischdeutsch 1541 in Isny und hebråisch 1581 in Prag erschienen. Unter Nachsicht mit physischen und scelischen Leiden Anderer: .... „Beschame und kranke Niemanden, der einen Leibesfehler hat oder an dessen Familie ein Mackel haftet. Sitzest du neben einem solehen, so rede nicht von diesem Fehier, gesetzt auch, du meintest andere Personen. Hat jemand einmal etwas Boses getan, und sich gebessert, so beriihre jenes in seiner Gegenwart, selbst im Scherze nicht. Erzahlt dir jemand etwas, das du schon kennst, so schweige bis er fertig ist; denn zugegebeti, er hætte dir gar nichts Neues gesagt, so hatte er doch die Freude, dies zu vermuten. Einen beigelegten Streit bertihre nicht, Du fachst den geloschten Funken wieder an.“ (Das. S. 640.) * * * AIs eines der beliebtesten Volksbiicher behauptete sich bis heute das bekannte ethische Kompendium S’ch’lah, Abkiirzung fiir Schne luchoth hab’rith „Die beiden Tafeln des Bundes" von R. J e s a j a H o r o w i t z, Sohn des R. Abraham Horowitz, einer hochberuhmten Familie angehorend, bli'thend im 16. Jahrhundert. Interessant namentlich fiir die heutigen Zustænde sind dessen Lehren iiber geschæft lichen Ver kehr: „BefleiBigt euch der Redlichkeit in euerem geschæftlichen Umgang, denn die erste Frage, die Gott an die Seele des Menschen richtet, wenn sie vor seinem Thron erscheint ist: Warst du allezeit redlich in deinem Handel und Wandel? Fiihrt Rechnung iiber alle Euere geschæftliche Unternehmungen und prilfet dieselben einmal in jedem Monat, denn wer seinen Acker, heiBt es im Talmud, fleiBig besieht, findet Goldstiicke in demselben. . . Wer dies unterlæBt, der lebt iiber seine Vermogensverhæitnisse, wer aber iiber Einnahmen und Ausgaben Rechnung fiihrt, wird mit seinen Ausgaben immer im Verhæitnis zu seinen Einnahmen bleiben." (Das. S. 641.) Ueber taktvqlles Verhalten im Gesprache mit Anderen: „Sprechet nicht mit allzulauter Stimme. Redet ruhig, leidenschaftslos... sowohl in der Unterhaltung iiber alltægliche Dinge, als auch bei Rede ynd Gegenrede iiber religiose... man wird dann desto williger Euerem Worte Gehor schenken nud der Zorn wird keine Macht iiber euch gewinnen; ihr erwerbet dadurch auch Bescheidenheit, diese hochste aller Tugenden... Wdget euer Wort ganz streng. Das Gebot: gerechtes MaB (Hin) soilt ihr ha- und technischen Zwecken aus deiner Raffinerie zu beziehen." Aron Litwornik baute die Raffinerie, welche ihm zufolge seiner groBen Lieferungen veranlaBte, seine beiden Sohne von Kowno fiir sein groBes Werk als Mitarbeiter zu gewinnen. Die Litworniksche Raffinerie gewann immer mehr an Ausdehnung, es wurde eine zweite Raffinerie gebaut, denn sæmtliche Propinationspiichter der dortigen Sphære fiihrten ihren Rohspiritus zur Verbesserung zu Aron Litwornik Sohne. Selbst der bose Nachbar und Konkurrent Moses Biedermann, welcher sich mit Aron Litwok versohnte, lieB in der Raffinerie des kaiserlichen Hoflieferanten Aron Litwornik seinen Rohspiritus rektifizieren. Inzwischen wurden vom Staate sæmtliche Brennereien monopolisiert und auch die Raffinerie Litworniks wurde abgelost. Reich begiitert, nahm der Propinationspåchter Aron Litwornik von seinem Hohen Gonner, dem edlen Grafen Potoczky, Abschled, um in Warschau sich in den Ruhestand zu begeben, Wohltaten zu iiben und als braver, frommer Jude mit seinem trauten biederen Weibe Jochebed und seinen wohlgeratenen Sohnen zu leben. Stark an Tugend und stark an Gottesfurcht erreichte Aron Litwornik ’ mit seiner braven Gattin Jochebed ein hohes und gltickliches Alter. Juden! Wahlet die Liste der „vereinigten judischen Parteien".