Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. li. 4CM8CHE VOLKMTIMME.' Mi® Mfinner, Kindern ihre Vater zurfickgeben. Geben sie Oeld zu diesem Zwecke und greben sie groBzttgig! Ihr, die Ihr in der gliicklichen Lage seid, Euch nach kelnem Vater, Bruder oder Sohn im ferncn Sibirien zu sehnen, denkt daran, was flir materielle Opier Ihr mit Freuden bringen wtirdet, wenn das der Fail wåre, um ilin wieder zu selien und gebt einen Teil dieses Betrages flir die Heimkehr der armen iingliicklichemjUdischen Kriegsgefangenen in Sibirien. Betrage sind einzuzahlen auf das Konto „Kriegsgefangenenaktion" des Jildischen Nationalrates bei der Volksvorschuflkassa in Prag. Die Breslauer Gemcindewahlen. Die Wahlen zur Reprasentantenversanimlung der jiidischen Gemeinden Breslau hatten folgendes Ergebnis. Es wurden gewåhlt: 15 Liberale und 6 Oppositionelle, darunter 2 Zionisten, tiåmlich die Herren Schachtel und Rechtsanwalt Jacobsohn. 69 Prozent der Wåhler beteiligte sich an der Wahl. Das Ergebnis der Wahlen muB als beiriedigend bezeichnet werden. Die Breslauer jiidische Gemeinde war bisher ein Hort der Assimilantenpartei und es war vorauszusehen, daB dieses Bollwerk nicht in einem Sturm genommen werden wiirde. Jedenfalls ist es der Opposition gelungen, in die volksfeindliche „liberale" Front eine Bresche zu schlagen, die hoffentlich der Anfang einer durchgreifenden Demokratisierursg sein wird. % PALXSTINA. Eine Million Mark flir eine Kolonie in Erez Israel. Das Londoner Korresp. Biiro meldet: Das Paliistina-Amt in Deutschland hat von der „Agudas-Jisroel“ von einem unbekannten Philantropen eine Million Mark flir Errichtung einer Kolonie erhalten. Die arabischen Demonstrationen in Jerusalem. Ueber die Araberdemonstrationen, die am 27. Februar in Jerusalem stattgefunden haben, berichten „Haaretz" und „Doar Hayom“ iibereinstimmend, daB an derselben hochstens 500—600 Leute teilgenommen haben. Die Demonstration verlief ohne Zwischenfålle. Hauptsåchlich nahmen daran christliche Araber teil. Die muselmanischen Araber beteiligten sich in sehr geringer Zahl. Arabische, franzosische und hebråische Reden wurden gehalten. Die Demon« stranten iiberreichten den amerikanischen, italienischen, spanischen und franzosischen Konsuln Memoranden, in denen sie sie aufforderten Protest zu erheben. Die erstgenannten 3 Konsuln antworteten, daR sie in Jerusalem bloB die Aufgabe haben, ihre Biirger zu schiitzen und sie seien nicht geneigt, sich in die Politik Palåstinas einzumischen. Da sie aber von den Demonstranten aufgefordert werden das Memorandum an ihre Regierungen weiterzuleiten, werden sie es tun. Wåhrend der ganzen Zeit der Demonstration war berittene und nichtberittene Polizei von der englischen Regierung aufgeboten, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. „Haaretz" betont, daB auBer den antizionistischen AeuBerungen einzelner Redner von denen sich besonders der Redakteur der „Suriah el Gaubia" hervortat, nichts Feindliches gegeniiber der jiid. Bevolkerung gesprochen wurde. In seinem Leitartikel vom 1. Mårz schreibt „Haaretz" daB gerade der Verlaul und die geringe Beteiligung an der Demonstration deutlich zeuge, daB beim arabischen Volk keine feindliche Gesinnung gegeniiber den Juden vorhanden sei. Diese Tatsache ist ein beredtes Zeugnis flir unsern testen Glauben, daB der Tag des Verståndnisses und des Zusammenarbeitens der Araber mit den Juden in Palåstina zum Wohle des Landes und der Einwohner nicht mehr fern ist. .Nach weiteren Berichten fand dieser Tage noch eine zweite Demonstration in Jerusalem statt, bei der es auch zu Zusammenstoflen und Ueberfållen seitens der Araber auf die Juden kam. Die arabischen Demonstranten zertriimmerten u. a. auch das Schild des Hadassa-Spttals. Auch in Haifa fand eine arabische Demonstration statt. Die Zion. Organisation in London veroffentlicht ein Kommuniqué, wonach nach Zusicherung der offiziellen Kreise durch die Vorfålle der letzten Zeit sich nicht das geringste ge~ andert håbe beziiglich ihres Standpunktes in der Frage Palåstinas. J. P. Z. Z. Der neugewahlte Waad Hachlnuch. Der neugewåhlte Waad Hachinuch (Erziehungsrat) setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Vom Lehrerverband: Der Pras. des C. K. und Direktor des Herzlgymnasiums in Jaffa, Dr. Mossinsohn, der Direktor des Jerusalemer Lehrerseminars David Jetiin, der Direktor der Haifaer Realschule Dr. Birom; vom Waad Hasmani: Dr. Thon, Direktor des Misrachi-Lehrerseminars, Rabb. Ostrowski und die Verwalterin der kulturellen Arbeiten unter den itid. palåstinensischen Arbeitern, Rahel Katznelson; vom Waad Hazirim: Rabbi Jakob Meier, Chacham-Baschi von Saloniki, der z. Zt. in Jerusalem weilt, der Physiklehrer am Herzlgymnasium Tschernewsky u. Seminarlehrer A. M. Lifschitz. Zum Prås. des Waad Hachinuch wurde einstimmig David Jellin gewåhlt. Kolonle des Bné Brltti. Am 27. Feber wurde von der „Bné Brith" Loge in Jerusalem zu Ehren des 70. Geburtstages des Pråsidenten der Welt-Bné-Brith Loge, Adolf KreiB, beschlossen, in der Nåhe von Jerusalem auf den Namen des Jubilars eine jiid. Kolonie zu griinden, flir welchen Zweck sofort von den Mitgliedern der Bné- Brith-Loge-Abteilung 500 ågypt. Pfd. gezeichnet wurden. Dieser BeschluB wurde telegraphisch an das C. K. der Bné-Brith Logen in Chicago mitgeteilt. Ferner wurde beschlossen, die Bné-Brith Loge von Jerusalem moge auf das C. K. in Amerika dahin wirketi, dasselbe zu einer Teilnahme an der nationalen Arbeit des Wiederaufbaus Palåstinas zu veranlassen. Kolonie Ein-Ganim. Der „Waad Hazirim" hat eine Summe von 3200 Pfd. zum Ankauf von Baumaterialien fiir den Bau von Håusern und Stallungen in der Kolonie Ejn-Ganim bewilligt. Eroffnung elner Musikschule in Jerusalem. Auf der letzten Sitzung des Waad Hazirim wurde beschlossen, die Musikschule „Sulamith" in Jerusalem, die wåhrend des Krieges geschlossen war, wieder zu erftffnen. Musikverlag. In Jerusalem wurde ein Musikverlag „Rinoh" gegriindet, der die Volkskompositionen des bekannten Komponisten Rosenblum zu den verschiedenen hebråischen Liedern herausgibt. Versicherung der Zug- und Hatisdere. Die Abteilung des „Waad Hazirim" fiir Landwirtschaft und Siedelung hat Schritte unternommen, um eine gegenseiiige Versicherungsgesellschaft fiir Zugtiere und Milchkiihe in den jiid. Kolonien Palåstinas zu organisieren. Wasserleitung in Tel-Awiw. Der Waad von Tel-Awiw hat in den palåstinensichen Zeitungen einen Wettbewerb ausgeschrieben fur die Ausarbeitung eines Planes fiir die Erweiterung der Wasserleitung, den Bau eines Bassins und zur Einfiihrung von elektrischem Licht. Mobelfabrlken in Jerusalem. Zufolge der ungewohnlichen Kålte dieses Winters, mangelt es den Schneidern und Schustern in Jerusalem nicht an Arbeit. Auch die Tischler haben vollauf Beschåftigung. Zwei neue Mobelfabriken, darunter eine auf genossenschaftlicher Basis, sind in Jerusalem eroffent worden und konnen daselbst weitere Tischler Beschåftigung finden. Neue Ansichtskarten. Eine neue kunstlerische Serie von Ansichtspostkarten aus Palåstina sind von Bendow in Jerusalem herausgegeben worden und jetzt in London in Heften von je 20 Postkarten erhåltiich. Die eine Reihe enthålt Ansichten von Palåstina, die andere zeigt die Kolonien in sehr anziehender Weise und die dritten Bilder vom jiid. Regiment. Eine weitere Serie weist die christlichen Heiligen Ståtten mit Beschreibungen in Hebråisch auf. Relse nach Palåstina. Laut „Doar Hajom" haben folgende Mitglieder des „Odessaer Waads fiir Palåstina" die Einreisebewilligung nach Palåstina erhalten: Dr. Schimkin, N. Pines, Frau Jabotinsky, Frau Kopp, Trachtenberg, Kessel, Bruck, Rosenthai. ENGLAND. Lord R e a d i n g, der bisher sich dem Zionismus gegeniiber ziemlich passiv verhielt, hat, wie verlautet, einen bedeutenden Beitrag fiir den Geulahfonds gespendet. Dieser Tatsache wird in London! grofle Bedeutung zugeschrieben. ( Abschlod Dr. Hugo Borgnatm. Dr. Hugo Bergmann, der Sekretflr far Erzie* hung und Kultur in der Zionnist. Organisation, scheidet aus London, um seiner Pfllcht als Bibliothekar der National-Bibliothek in Jerusalem nachzukommen. Beim AbschiedsfeSte waren die Spitzen der zionist. Leitung und Vertreter aller Organisationen Englands anwesend, (Zionist. Bulletin.) ITALIEN. Der K5nlg von Italien und die Itid. Frage. In einem Interview sagte unlångst Kdnig Victor Emanuel tiber die Jduen von Italien: Wir sind glUcklich keine jUd. Frage zu haben. Wir hegen keine Vorurteile gegen sie und ich håbe niemals ein Zeichen der Feindseligkeit gegen sie auf irgend einem Gebiete des Lebens bemerkt. Bei einer Bev5Ikerung von 35 Millionen haben wir nur 40.000 Juden, und sie geben dem Lande mehr hervorragende Månner als es im Verhåltnis zu ihrer Zahl steht. Tribune Juive. AMERIKA. \ Zion. Palåstina Import Aktfengesellschalt. Auf der Sitzung der zion. Exekutive vom 12. Februar wurde beschlossen ein spezielles Komitee zu autorisieren, eine Palåstina-Aktiengesellsohaft zti griinden zum Importe verschiedener Produkte und Materialien aus Amerika und anderen Låndern um sie in Palåstina moglichst billig abzusetzen. Der Profit der Gesellschaft ist auf die normale Verzirisung des investierten Kapitals beschrånkt. Die zion. Organisation wird jedoch nicht verzichten, auch Einzelpersonen und andere Gesellschaften zu ermutigen, Importgeschåfte mit Palåstina aufzunehmen, da das Land durch die freie Konkurrenz nur gewinnen kann und selbst die dortige genossenschaftliche Bewegung nur dann den gewiinschten Nutzen bringen wird, wenn sie die Probe der freien Konkurrenz besteht. Von Woche zu Wochø. Alois Liechtenstein. Nach Moritz Benedikt ist nun Alois Liechtenstein von hinnen geschieden. Eine der markantesten und prågnantesten Abgeordneten des alt-Qsterreichischen Parlamentes. Schiiler des Schottengymnasiums, ohne Zdgling des Jesuiteninstituts in Kalksburg gewesen zu sein, widmete er sich der militårischen Laufbahn — natiirlich Kavalierie — und ging dann zum diplomatischen Korps uber. Nachkomme einer groBen Reihe von Marschållen, Diplomaten und Ministern, vevsuchte er sein Gliick im politischen Kampfe. AIs Hochtory war er klerikal, wie es ja beim altosterreichischen Adel aller Nationen iiblich war. Als solehen wåhlte ihn das katholische Salzburg in das Abgeordnetenhaus. Fiir Wien war aber klerikal zu wenig. Wenn auch der Habsburgerhof seit Maria Theresia dem Klerus zu hold gesinnt war, die Weanerstadt war gemUtlich, aber nicht klerikal. Wohl aber fing es an christlichsozial zu werden, und so war fiir den „schwarzen Prinzen" die Umsattlung nicht schwer. Unter T a a f f e gehdrte er noch dem „Eisernen Ring" an, der feudal-foderativ gesinnt war, bald aber erlag er dem Sirenengesang des alten Baron Vogelsang und hing sich ein mit Christentum verbråmtes soziales Måntelchen um. Die Toga des Volkstribunes war fertig. Aber das Tribunat machte ihm der kleine Mann strittig. Nicht der Prinz, sondern der geniale Dr. Lueger wird der Fiihrer und der Prinz hatte nur den Ruhm, nicht der schone Mann, wohl aber der Mann mit der „schonsten Taille" zu sein. Schlank und hager, wie eine Gerte, iiberragte er um Haupteslånge beinahe alle Abgeordneten, aber nur korperlich. Geistig waren ihm sogar die Standesgenossen Uberlegen, ein Auersper g, ein Karl Schwarzenberg, ein Adalbert Sternberg, nicht zu sprechen von seinem Widerpart auf der Ministerbank, Konrad Hohenlohe, der „rote Prinz" zubenannt ward. Liechtenstein — der Landmarschall, — einen Titel muBte doch dieser stolze Aristokrat haben — war nie volkstUmlich, weil das Volk seine sozialen Anwandlungen nicht glaubte, weil man in ihm den „Herrn" sah, aber nie den GleichgesteUten. Ruder Antisemitismus eines Schneiders Verganl oder Schdnerer lag ihm ferne. Aber er hatte ihn in der Form des Eigendiinkels einer superioren Klasse, die mit Verachtung auf den Juden herabblickt. Assimilatorische Polenklubsjuden und Mitglieder des deutschen Klubs ffihlten sich hochgeehrt, von /