Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt« 4 JODISCHC fOLKSSTIMME.*1 Nr. 14. ansammelte. Dieses wenn auch natUrliche Oeftthl des Hasses soilte nicht Wurzel fassen. Wahre Menschenwttrde bekundet slch weder in der Liebe *des Feindes — die unnatilrlich — noch des Freundes — die selbstverstSndlich ist — sondern in dem Mitleid mit jenen, deren Wahn das Menschenideal schåndet. Darum die sich immer wiederholende Mahnung, Recht und Liebe auch gegen Nichtjuden zu uben. # * * Das Obige gilt besonders von einem unserer groBten Ethiker, dessen Name im Andenken der Nachwelt schon kennzeichnend ist, von J e h u d a dem F r o m m e n, mit dem witdie Illustration der jildischen Ethik eroffnen. Es wird angenommen, daB er Anfangs des 13. Jahrhunderts in Regensburg wirkte. Von seinen Schriften wird das „Sefer hachassidim“, das Buch der Frommen genannt, in welchem eine Stelle iiber den Verkehr mit Andersgl&ubigen besonders kennzeichnend ist:*) ... „Man soli Niemandem Unrecht tun, auch nicht anderen Qlaubensgenossen... In dem Verkehr mit Nichtiuden befleiBige dich dersetben Redlichkeit als mit Juden. Mache den Nichtjuden auf seinen Irrtum aufmerksam, und besser du lebst von Almosen, als daB du zur Schmach des Judentums mit fremden Qelde davonlaufst. Holt der Nichtjude sich bei dir Rat, so sage ihm, wer an dem Orte, wohin er sich begibt, redlich und wer ein Betrilger ist. Siehst du einen fremden Qlaubensgenossen eine Stinde tun, so hintertreibe sie, wenn du die Macht dazu hast und der Prophet Jona sei hierin dein Vorbild. Flieht ein Morder zu dir, so gewtthre ihm keineh Schutz, auch wenn es ein Jude ist. Begegnet dir aber auf schmalem Weg ein Lasttråger, so mache ihm Platz, auch wenn es kein Jude ist.“ (Winter und Wiinsche a. a. O. S. 631). Ueber Mitleid und Erbarmen: „Wer Erbarmen hat mit den Menschen, dessen erbarm.t sich Gott; ein Unbarmherziger gleicht dem Tier, das bei den Leiden der Seinigen gleichgiiltig bleibt. Mit dreien muB man besonders Mitleid haben: Mit dem Sinnigen, den ein Toller beherrscht, dem Guten, der einem Schlechten untertan ist, dem Edlen, der von einem Elenden abhttngig ist. Auch der ist strafwiirdig, der dem Tiere iiber Fåhigkeit Lasten auferlegt, es schlttgt und quttlt, eine Katze zerrt, ein Pferd mit Sporren sticht. Lttuft ein nicht gefåhrlicher Hund in dein Haus, so hiite dich, ihn zu schlagen, mit siedendem Wasser zu begieBen, zwischen die Tiire zu klemmen. Noch groBeren Frevel begeht, der Knecht und Magd hart behandelt, oder sie an einen Grausamen verkauft, der sie schlecht behandelt'*... (Das. S. 632.) * * * Ein Schiiler des genannten Jehuda aus Regensburg war R. Eleasar ben Jehuda aus Worms. Die reine Sittlichkeit dieses Mannes erscheint erst in ihrem vollen Licht, wenn wir erfahren, daB er trotz des Traurigen, das ihm begegnete, Liebesttttigkeit gegen alle Menschen fordert. Er war Rabbiner in Worms. Auf ihrem Wege durch diese Stadt drangen die Kreuzfahrer in sein Haus, toteten sein Weib, seine 2 Tochter, seine Sohne, seine Junger und raubten ihm alle seine Habseligkeiten. Er ist unter dem Namen R o k e a c h „Salbenmischer" bekannt, welchen Titel sein Hauptwerk tragt. Er starb 1238. Einige Proben aus genanntem Werke ttber G o 11innigkeit, Gesinnungsadel, Demu.t und Siindenscheu: „GrUble nicht Uber deinen Schopfer und frage nicht nach dem, was am Anfang gewesen; entferne Gott nicht aus deinen Dedanken, vergiB nicht, was er dir vergolten, laB den fremden Gotzen, die Sinnenlust, nicht herrschen ttber dich. Handle so, daB du vor dir nicht zu erroten hast. Nie erhebe sich dein Sinn in Hoffart, folge nicht der Augenlust. Banne die Hinterlist aus deinem Herzen, den Hochmut von Blick und Gernut. Halte dich nicht zu Spottern, hadere nicht mit Lasterhaften, håbe nicht Wohlgefallen an Ehrenbezeugungen und httnge nicht dein Herz an Auszeichnungen" .. (Das. S. 634.) „Wer demtttig ist, råcht sich nicht wegen Beleidigungen, sondern er tragt sie still; trifft ihn ein Unfall, so erkennt er mit Ergebenheit die Gerechtigkeit der Vorsehung.. VerlaB mein Sohn, den Hochmut und erw&hle die Demut, laB ab von dem hochfahrenden Sinn und halte dich gering. Sieh kleine Fehier an dir als grotte an. Denke an deinen Ursprung und deine Zukunft, tue BuBe und diene deinem Schopfer mit Liebe, lege die Begierde ab, ehe dein Licht ver. *) Wir entnehmen die folgenden Auszuge dem Kapitel: „Die Sittenlehrer" aus Winter und Wiissches; Die jttd. Literatur seit AbschiuB des Kanons. glimmt, dein Geist eingetan und das Buch deiner Taten aufgeschlossen wird" (Das. S. 635). „Wttren zur Zeit der Verfolgung die Volker iiber dich hergefallen, dich deinem Glauben abtrttnnig zu machen, du håttest wie viele dein Leben hingegeben. Also kampfe auch gegen die bose Lust, bleibe unbesiegt und schaffe dir an der Gottesfurcht und dem Gesetzesstudium die Bundesgenossen in diesem Kampf. Wisse, daB Gott dich belohnt nach dem Grade deines Widerstandes gegen das Bose in dir. Sei ein Mann in deiner Jugend. Bist du aber damals unterlegen, so kehre noch im Alter zu Gott zurttck und du wirst das Heil erlangen auch in spaten Jahren. Silndige nicht im Verborgenen und sclrårne dich nicht der offentlichen Vollziehung der Gebote; beobachte was du Gott, was du den Menschen schtildig bist. Murre nicht ttber das Wohlergeben måchtiger Bcisewichte; die Leitung Gottes ist wunderbar, wenn auch die Wohltaten gegen Israel nicht so augenfållig sind! Bleibe treu dem Gesetze, versage dir auch manches Erlaubte, bewahre dir stets einen frohlichen Mut und vergiB nicht, daB der Einzige, Ewige es ist, zu dem deine Seele einst wiederkehrt...“ (Das. S. 635). * * * Wir weuden uns nun zu einem dritten deutschen Sittenlehrer: R. Ascher ben Jechiel, geboren in der Rheinprovinz um 1250. Er war Schiiler des bertthmten R. Meir aus Rotenburg. Eine Verfolgung der Juden in Deutschland zwang ihn, mit seiner Familie nach Spanien auszuwandcrn. Er wurde daselbst Rabbiner in Toledo, der groBten Gemeinde Spaniens. Wir besitzen von ihm eine ethische Schrift unter dem Titel: Igereth tochachah „Moralbrief". Sie trågt wie alle bisher Genannten die Form eines letzten Willens an seine Kinder. Hier einige Stellen aus dernselben ttber Gewinnsucht, Gottinnigkeit, S a n f t m u t: „Wirf ab die Sttttzen, auf welche Menschen vertrauen, mache Gold nicht zu deiner Lebenshoffnung, das ist zum Gotzendienst der erste Schritt. Gib leichter Geld als Worte dahin, das bfise Wort lege auf die Wage des Verstandes, bevor du es aussprichst.. Nicht wie die faulen solist du schlafen, stehe auf mit der Sonne und mit dem Gesang der Lerchen. Sei kein Schlemmer und kein Saufer, du kånntest deines Schopfers vergessen. Siehe nicht auf den, der im Reichtura ttber dich emporgestiegen, sondern auf die hinter dir zurttckgebliebenen. Aber in dem Dienste und der Éhrfurcht Gottes sieh auf den GroBeren, nie auf den Geringeren. Freue dich mit , nimm Rat an und willig die Belehrung..“ (Das. S. 637.) „Strebe nicht nach dem eitlen Ruhm, Recht zu behalten gegen einen Weiseti, du wirst nicht weiser davon. Werde wegen Kleinigkeiten gegen Niemanden bose, du machst dir unntttz Feinde. Bohre nicht nach fremden Geheimnissen; verweigere aus Eigensinn nichts deinen Mitbttrgern, ordne vielmehr deinen Willen dem ihrigen unter. Mit Bosen und Narren laB dich nicht ein, da kaufst dabei nichts als Schande. Richte deine Rede nicht an einen Unsinnigen, von dem du weiBt, daB er sie nicht annimmt. Bleibe dankbar jenem, der dir zu deinem Brode geholfen; sei aufrichtig und wahr gegen Jederman, auch gegen Nichtjuden; grttBe jeden zuerst olme Unterschied des Glaubens, erziirne Reine fremden Glaubensgenossen ..“ (Das. S. 637.) Einige Jahrzehnte bevor Åseher ben Jechiel diese Menschenliebe, gleichsam den Tod vor Augen, vor dem Richterstuhl der Ewigkeit offenbarte, wttteten Menschen mit Feuer und Schwert gegen Mitmenschen zur Rettung eines — Grabes. Dasselbe Rettungsziel leitete den Arm, der sein Weib und Kind totete. Aber seine Menschenliebe konnte er nicht toten. Fast um dieselbe Zeit spielt Lessings Drama „Nathan". Man sagt, daB ihm hiezu Mendelssohn das Modeli geboten, an dessen edler Seelenstimmung er gleichsam dieses hohe Lied der Menschenliebe anstimmte. GewiB eine schone literarhistorische Theorie; aber nicht minder passend fiir; den Rahmen dieses Dramas sind ethische Gestalten wie unser Ascher, die Lessings Genius nicht unbekannt sein mochten und deren unbeirrbare Menschenachtung in dessen Worte ausklang: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" (Nathan: II. Aufz. V. Auftr.) Oder sind etwa folgende ethische Gedanken nicht ein lebendiger Widerhall des Gesagten?.. „Sorget dafttr, daB ihr nicht zu jenen vier Klassen gezdhlt werdet, die vor Gottes Angesicht nicht erscheinen dttrfen: zu den Lttgnern, Spottern, Verleumdern und Heuchlern... Seid bestrebt Jederman zu ehren", ihr ehret dadurch euch selbst. Also hielt es ein weiser Mann, er achtete jeden seiner Nebenmenschen hoher als sich selbst. Begegnete er einem Greis, dann sprach er im Herzen, der hat sicher mehr Gutes getan als ich, einem reichen Mann, dann sagte er sich, der hat gewiB mehr Wohltatigkeit geiibt, einem Jiingling, dann war es ihm sicher, daB dieser weniger Sttnden beging, und den Weisen meinte er ehren zu mttssen, da er ihn doch an Weisheit iiberrage" (Das. S. 639). (Fortsetzung folgt.) RUNDSCHAU. Halfet unsaren Kriegsgefangenen I Der Judische Nationalrat in Prag befaBt sich seit langerer Zeit mit der Frage der Repatriierung der jiidischen Kriegsgefangenen. Er hat sich zu diesem Zwecke mit rnaBgebenden und einfluBreichen jiidischen Korperschaften in Amerika und England in Verbindung gesetzt, die in Beantwortung unseres Appelles nicht nur ihre tatkrttftige Hilfe zugesagt, sondern auch bereits échritte von weitgehender Bedeutung unternommen haben. Das Joint Distribution Committee of America, jene Vereinigung von Hilfsorganisationen Amerikas, die wahrend des Krieges und nach dem Kriege eine sehr segensreiche Tåtigkeit fur die Kriegsopfer entfaltet hat, hat einen Generalbevollmachtigten nach Europa geschickt, der mit allen beteiligten Kreisen in dieser Frage verhandeln wird. Die Zionistische Organisation Amerikas hat einen bekannten Ingenieur, der viele Jahre in Sibirien tatig gewesen war, nach Sibirien entsandt, um die Heimkehr der jiidischen Kriegsgefangenen zu organisieren. Auch im Auftrage des Jiidischen Nationalrates in Prag selbst ist ein Herr gegenwårtig in Sibirien, der die Verhaltnisse prttfen und uns Vorschiage unterbreiten wird. Nach vorliegenden Berichten scheint es nunmehr auBer Zweifel, dafl die Heimkehr einzelner Kriegsgefangener auf eigene Kosten moglich ist. Viele Familien werden in der Lage sein, den notwend. Betrag von 300 Dollars fur ihren Sohn zur Verfiigung zu stellen. Was soli aber mit jenen geschehen, die dies nicht kontien? Sollen sie, wie so viele Tausende schon, auch Opfer der Seuchen und des Hungers Westsibiriens werden? Berichte aus Sibirien nennen 75 Prozent, andere 50 Prozent als die Zahl der zugrunde gegangenen Kriegsgefangenen. Selbst wenn wir annehmen, daB die Ziffern iibertrieben sind, so besteht doch kein Zweifel, daB die Zahl der Opfer erschreckend ist. In einem Briefe aus Wladiwostok heiBt es: „Es handelt sich hauptsttchlich um die ca. 100.000 Gefangenen in den russischen Kriegsgefangenenlagern, die unter solehen Verhttltnissen leben, daB ein GroBteil den kommenden Winter und Frtthling nicht iiberleben dttrfte, die Uebriggebliebenen fttr ihr Leben lang sich zugrunde richten werden. In Worten ist das dort herrschende Elend ttberhaupt nicht zu beschreiben. Das schlimmste ist, das wenig guter Wille vorhanden zu sein scheint, den ungliicklichen hieher Verschlagenen zu helfen, resp. sie noch zu retten." Wollen wir nicht retten, was noch zu retten ist? Nichts ist dazu notig als Geld, viel Geld! Mit Geld konnen wir alten Eltern ihre Sohne, Frauen rhre 99 Bohemla" Aktienbank In Pras F i 11 a I s t in BrUnn vis-a-vls Babnhof Zaklunfen las Ausland und Kredlte Barsen-Transaktionen Zwelganstalton: New-York, Paris, Bratlslava, dabloaz a/N., Halda