Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 JOMéCflB WOUMtmumt M* 3. rao Ramses, dessen Mumle nur erhalten blieb. Und Israel, dessen Vorfahren einst far Ramses knecbteten, es besteht fort und singt vom Auszug aus Mizraim. „Der Herr ist’s, der Skfavenfesseln bricht, — durch Nacht zum Licht.“ — Mitternacht war’s, als Israel sein letztes Abendmahl in Mizraim abhielt, finstere Nacht, als sie aBen das Pessah-Lamm, als sie es aben „die Lenden gegiirtet, die Schuhe an den Fiiflen, die Stabe in der Hand.“ — Erzåhle es deinem Sohne, erklåre ihm das herrliche Bild. Sag’ ihm, daB, wer den Namen eines Juden in Ehren fiihren will, immer bereit sein muB, mit gegurteten Lenden den Kampf aufzunehmen gegen Amaleks Tiicke, sage ihm, daB wer sich Jude nennen will, stets bereit sein muB, vorwårts zu schreiten, aus tiefsten Noten immer hoher und hinan, auf der Bahn edelster Menschlichkeit, ermahne ihn, daB er den Steckeu des Judentums sich nicht entgleiten lasse auf den krummen Lebenspfaden. Das ist und sei unsere padagogische Belehrung. Mag der Tor dariiber spotten, der Uebermiitige hohnisch lachen, der Naive kein rechtes Verståndnis zeigen fur diese Belehrungen, wir wollen im Unterrichte nicht erlahmen, an die Einsichtigen uns wenden, s i e werden uns verstehen und werden Kåmpfer werden, wie wir es sind, sie werden es begreifen, wenn wir ihnen zurufen: „Durch Nacht zum Licht! Zu jeder Zeit Hat der Herr, der Vater uns befreit, Wir wanken und wir zittern nicht. — Durch Nacht zum Licht." Vielgestaltig und mannigfaltig sind die Gedanken, zu denen uns Pessah anregt. Eine ganze Fulle von Erscheinungen umgibt uns, umschwebt und beschåftigt uns, wenn wir dies Wort aussprechen. Aber ein Wort insonderheit tont uns aus der Gestalten Fiille entgegen, ein Wort, das ein Wahrwort fiir uns sein und bleiben soli, dies Wort es weiht die „Hagada“ zu einem Geschichtsbuch im erhabensten Sinne u. es heiBt: „Gedenke". Immer gedenken, nie vergessen, ein Satz voll biiblischer Kraft, voll bliihender Jugendlichkeit, voll lehrhafter Stårke. Und dies fiihrt uns zu dem Ausgangspunkte unserer Pessah-Gedanken zuriick, zu dem, was er einst sagte der gewaltige Seher, Jeremias. Wenn er ausruft, es werde eine Zeit kommen, in der man nicht mehr schwbren wird, bei dem Gott, der Israel gefiihrt aus dem Lande Mizraim, sondern in der man schworen wird bei dem Gott, der Israel heraufgefiihrt aus dem fernen Norden und aus den Landern der Verbannung, so spricht aus ihm die Volksseele, die Psyche Israels, der die Befreiung aus Mizraim gleichsam das typische Bild ist fiir Knechtung und Erlosung. Es ist richtig, wir haben viele Leiden erlebt und viele Befreiungen aus ihnen. Fiir alle diese Wandlungen und Wanderungen aber ist und bleibt uns ein geschichtliches, belehrendes Beispiel: die Erlosung aus Mizraim. Der Nebukadnezar des Jeremias und die Befreiung aus dem babylonischen Exil, sie sind fiir den Seher, der ein groBer Psychologe war, nichts anderes, als das Nachbild fiir das groBe Vorbild Pharao und Mizraim und Erlosung und Befreiung. Das Leid unseres Volkes und seine Erlosung, sie treten uns in den Jahrtausenden immer, in, wenn auch wechselnden Erscheinungen, entgegen. Und all’ diese Erscheinungen sprechen das ewige Wort zu uns: „Gedenke!" „Gedenke des Tages deines Auszuges aus Mizraim alle Tage deines Lebens". Welch’ eine groBe, gewaltig erschiitternde und trøstende Lehre! Nennt mir ein Volk, das gerne erinnert sein will an die Tage seiner Knechtschaft. Die Oeschichte kennt kein anderes, als Israel. Der Sklave, der befreit wurde, vergiBt an die Zeit der Schmach, der reichgewordene Arme will ungerne erinnert werden an die Tage, da er das Brod des Elends aB. Nur unser Volk wird tåglich daran ge_ mahnt, daB es in Sklavenfesseln geschmachtet. Und es ist gut so. Nehmen wir die Lehren der Pessah- Hagada mit in’s Leben. Es ist keine Schande arm zu sein, sagt der Athener Perikles in einer beriihmten Leichenrede bei Thukydides, aber eine Schande ist’s, der Armut nicht entfliehen zu wollen. Fiir uns heiBt dies: Schamen wir uns nicht, Sklaven gewesen z u sein, schåmert wir uns, Knechte zu bleib e n, anderen hiindisch nachzulaufen und unsere Freiheit zu verkaufen. „Der Mensch ist frei, und wåre er in Ketten geboren." Auch ein Wort, wie fiir unser Volk geschrieben. Und, wenn des Pessah Friihlingssonne leuchtet und ihre Strahlen das Grim aiis dem dumpfen Winterschlafe erlosen, dann laBt uns dies Erwachen alliiberall freudig begriiBen und jauchzend ausrufen: Die Sonne der Befreiten aus Mizraim, siehe, sie leuchtet auch uns. Pessah 5680. Dr. M. G r ii n f e 1 d. Pessachbetrachtungen. Von E. K6nig. Ein erfreulicher Zufall ist es, daB unser allerschonstes jiidisches Fest, zugleich mit dem milden Friihlingserwachen einsetzt. Friihling! Freiheit! Man denkt hier an zwei Begriffe, die innig zur wunderbarsten Harmonie verschmelzen. An diese Begriffe grenzen erhabene, seelische Empfindungen wie Liebe, Aufopferung, Giite, Freundschaft und dgl. Wenn lenzhafte Natur ihren Einzug halt, wenn sich die Erde nach langem Schlummer im knospenden Erwachen reckt, dann durchzieht unser Gemiit neues Leben, unsere Herzen pochen hoher, das Kleinste Fiinkchen Menschenliebe schlågt flammend empor; in der Fiille spendender Erdengaben lernen wir ebenfalls die Kunst des Spendens, da doch in uns die Giite von dem Guten ins Leben gerufen wird. Aehnlich iiberkam es uns Juden, als wir einst im Morgendammern unseres Volkwerdens den Wert der Freiheit erkannten. Wir miiBten eigentlich den mizraimischen Pharaonen zu Dank verpflichtet sein, denn ihr Unterdriicken war das erste Stahlbad, notwendig zur Wanderung nach humanitårer Erkenntnis. Das agyptische Joch hat uns gelehrt, daB Unterdriickung und Despotie stets das Gegenteil ihres Vorhabens erreichen; es geht der Keim einer frischen, unbezwinglichen Kraft auf, der unerschiitterliche Glaube an Freiheit schlagt feste Wurzel. Die Freiheit findet in keiner Gemeinschaft auf Erden, ein derart treues Gefolge allwie im Judentum. Mit seinem HaB hat uns das pharaonische Zeitalter den Menschenhafl hassen gelehrt, und umsomehr wurden wir vom Gedanken der Nåchstenliebe (den uns noch heute Gegner absprechen) zur bewuBten jiidischen Einheit geschmiedet. Die am eigenen Leib erprobten Erlebnisse ineiBelten einen Grundstein fiir unsere Ethik und gesetzgebliche Auffassung. „Den Beisassen solist du nicht bedriicken; ihr kennt doch die Secle des fremden Beisassen; fremd waret ia auch ihr im Lande Aegypten. (II M. 23. V. 9)“ „Wenn bei dir wohnt ein Schutzgenosse in euerem Lande, so soilt ihr ihm nichts zu Leide tun. Wie ein Vollbiirger von Euch ist auch der Schutzgenosse, der bei euch wohnt; du solist ihn lieben wie dich selbst (III. M. 19 V. 33, 34)." „Den Aegypter solist du nicht verabscheuen, denn in seinem Lande hast du als Fremder gelebt )(V. M. 23. V. 8)." Immer und immer wieder sollen wir daran denken, einst Fremdlinge in Aegypten gewesen zu sein. Das jUdische Volk ist das erste, das aus seiner Gcschichte lernt. Ihm ist seine Vergangenheit Wegweiser und Nutzanwendung fiir die Zukunft und es gilt hier im'hochsten Grade Pascal’s Wort zu åndern, daB die Menschen entweder von dem Verflossenen oder von dem Zukiinftigen erfiillt sind. Das jiidische Volk denkt mit den Lehren und Erfahrungen seiner schicksalsschweren ågyptischen Vergangenheit an Gegenwart und Zukunft.-Aber auch unseren Gegnern, den antisemitischen Verleum. dern, den Bedauernswerten, die im Zeichen eines aggressiv-seelischen Besitzstandes, reich an HaBwahn und arm an Selbstkritik die exakte Formulierung einer Idee nicht zu erfassen vermogen, jenen Hyånen, vvelche die jiidische Gottheit mit Racheliisternheit recht gerne vertauschen, selbst aber in pogrom-manierlicher „Liebe zum Feinde" schwelgen, jenen armseligen GroBmåulern erlaube ich mir eine kleine Legende als Ostergabe hinzustellen. Diese wundersame Talmudlegende hålt unser Dichter Perez in seinem „Disput" zwischen dem Belser und Kotzler Chossid in schdner Art fest. Reb Schachne der Belser erzåhlt: „Ein Midrasch! Als die Kinder Israels das Meer iiberschritten und die Wasser Pharao und sein ganzes Heer ertrånkten und begruben, da begannen die Engel Preislieder zu singen. Seraphim und Ophanim flogen in allen sieben Himmeln umher, mit melodischen Klangen, mit froher Kunde. Alle Sterne und Sternbilder begannen zu singen — zu tanzen! Und die Spharen. — Kannst du dir ihren Jubel vorstellen, da die Unreinheit selber versunken war? Nur der Weltschbpfer hat alle zu sich berufen und vom Throne der Herrlichkeit erscholl eine Stimme: „Geschopfe meiner Hånd ertrinken im Meer und ihr freut euch und singt? Hat doch Pharao und sein ganzes Heer, hat doch die Kraft des Unreinen selber auch Gott geschaffen... Und sein Erbarmen ist iiber allen seinen Geschopfen." — So steht’s geschrieben!" — Dies ist unser Gott der Rache. JfldlMhe Ethik. Von einem Rabbiner. Ethik lieiflt im Sinne des griechischen Wortes „Ethos", die Lehre von dem Sittlichen, dem Gu ten, dasselbe was wir auch mit dem Worte Moral bezeichnen. Das wahrhaft Gute bedeutet aber das hochste Gut im sittlichen Sinne. Und dieses bildet seit den åltesten Zeiten Gegenstand der jttdischen Tugendlehre. Zur Zeit als die antiken Denker noch im Unklaren waren Uber das hdchste Gut des Lebens, die Hedoniker in der Lust, die Eudaimonlsten in der Gliickseligkeit, die Utilitaristen in der NUtzlichkeit es zu finden glaubten, da hat die mosaische Sittenauffassung långst schon die Forderung aufgcstellt, „das G u t e und R e c h t e in den Augen Gottes zu Uben." Jahrtausende bedurfte es, bis der groBe Konigsberger Denker Kant die Tugendlehre auf den måchtigen Grundbau kategorischen Imperativs d. h. auf das Pflichtgebot des Guten an sich errichtete, wåhernd schon 730 vor uns. Ztrechng. der Prophet Micha ausrief: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was g u t ist und was der Ewige dein Gott von dir fordert: Nur das Recht iiben, Billigkeit lieben und in Demut wandeln vor deinem Gott!" Die j U d i s c h e Ethik ist in all’ den Jahrhunderten seit damals, wenn nicht besser, keineswegs schlimmer geworden. Und dennoch fanden sich stets Leute, die von der jUdischen Ethik behaupteten, sie sei eine selbstsUchtige und lehre ihre Anhånger die Ausbeutung Anderer. Solange die Lehre einer Gesamtheit selbst nicht diskreditiert wird, handeln ihre Mitglieder, s. z. s. auf eigene Verantwortung, deren ethische Verfehlungen eine Ausnahme bilden, welche die Regel beståtigt. Wehe aber, wenn diese Lehre selbst unwidersprochen verunglimpft werden darf, ein Schweigen, das ohnmåchtiges, ja schuldbewuBtes Zugeståndnis bedeutete. Zu den Rufern im Streite gegen die jiidische Ethik antiker und moderner Zeit, einem Manetho, Apion, Lorqui, Eisenmenger, Wagenseil, Brimanus etc. gesellte sich gegenwårtig ein Mann, der trotz des wissenschaftlichen Apparates seiner Werke in urteilsfåhigen Kreisen eigentlich keiner Widerlegung mehr bedurfte, wenn nicht seine Theorien in den Kopfen, auf die er es abgesehen, so verwirrend wirkte. In der von elektrischer Spannung geladenen Athmosphåre bilden sie oft den geradezu verheerenden Funken. Wer da in tråges Schweigen sich hUllt, der scheint Ubereinzustimmen. Es ist der Schriftsteller H. St. C h a m b e r 1 a i n, der in. seinem Werke: „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" in dem Kapitel, wo er von dem Eintritt der Juden in die abendlåndische Kultur spricht, gelegentlich der Behandlung des „Gesetzes Moses und der angeblichen Fesseln Esras und Nehemias" wortlich sagt: „Ein reinhumanisierter Jude ist aber kein Jude mehr, weil er, indem er der Idee des Judentums entsagt, aus dieser Nationalitåt.. ipso facto ausgetrete ist . . . Wenn der jUdische EinfluB auf geistigem und kulturellem Gebiet in Europa die Oberhapd gewånne, so wåren wir um ein weiteres Beispiel negativer zerstorender Wirkung reicher"... („Grundlagen", Volksausgabe, S. 545.) Endlich etwas, wodurch die Welt, die leider so arm geworden, reicher werden wiirde; nur wollen wir untersuchen, ob gerade durch das negative, zerstorende Beispiel des Judentums. Die „jUdische Ethik wird da gleichsam auf die Anklagebank der Oeffentlichkeit gezerrt. Es soli hier keine theoretische Abhandlung Uber sie, sondern gleichsam ein Querschnitt durch dieselbe geboten werden. Wir wollen ihr empfindsames Nervensystem bloBlegen, das mit wundersamer Innigkeit auf ienen vierfachen Reiz zurUckwirkt, in welchem seit altersher unser Teuerstes und Geistigstes pulsiert: Unsere Gottinnigkeit, werktåtige Menschenliebe, Lauterkeit im Verkehr und Familientreue. Ueber deren angeblichen „negativen und zerstfirenden" Charakter mag das Urteil dann von selbst erfolgen. Die genannten 4 sozialen LebensåuBerungen bilden seit undenklichen Zeiten s. z. s. den Pulsschlag lebendiger jUdischer Ethik. Einen besonderen Zweig derselben bieten die sogenannten „SittenbUcher", u. zw. erst seit dem 13. Jahrhundert, welche sich da die frommsten Rabbiner sie pflegten, groBer Beliebtheit erfreuten. Die Jahrhunderte vom 13. aufwårts hatten die traurigsten Verfolgungen der Juden zu verzeichnen; KreuzzUge, schwarzer Tod, Flagellanten usw., denen ganze bltihende jUdische Gemeinden zum Opfer fielen. Da wåre es nur natilrlich gewesen, daB sich in den Herzen ihrer Ueberreste HaB und Erbitterung gegen die unmenschlichen Horden Juden verbreitet die „JUdische Volksstimme*.