Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S€He 2. »JttøfSCltø VOLKSSTflWVie.* jUdisch wtfetøn kann. Ihr Jaden: 2 Listen stod Euch vorgelesft: Éh» antisøfftfttsche detrtsche und eine jlidische. Welche wollet tor wahlen? Soli m den Fragen der Hagada auch noch diese hinzukommen? UMkikri Die deutscfidemokntfScfte Freiheitspartei hat mit der deudeilp'Kønalen Phrtei, der christlfCfiSozteten deutschen TOfkspartei, der deutschen natiottalsozialistischen Arbeiterpartei und dem Bunde der Landwirte ein Wahlbiindnis zu dem Zwecke abgeschlossen, damit alle diese Parteien in den Wahlkreisen Brilnn und Ifclau geschlossen ftlr eine Bewerberliste in den Wahlkampf treten. Wir hatfen schon wiederholt unseren Standpunkt dahin pr&zisiert, daB es ftir uns vollstfindig interesselos ist, ob die deutschdemokratische Freiheitspartei jene Qrundsåtze auch praktisch betatigt, die sie auf ihr Banner geschrieben hat und daB wir uns insbesondere in die innern und fiufleren Angelegenheiten dieser Partei sowie der fibrigen Parteien auch publizistisch nicht einzumengen haben. Die Politik ist ein unsauberes Geschaft und es iiberrascht uns infolgedessen durchaus nicht, wenn Dr. Baeran als Listenftihrer der deutschdemokratischen Freiheitspartei auftritt, ebensowenig, wie es uns iiberraschen wlirde, wenn irgend eine deutschdemokratische Parteigrofle die Liste irgend einer antfsemitischen Partei fiihren wird. Es wundert uns auch nicht; wenn der „Volksfreund“, der sich iiber diese politischen Extratouren aufregt, es in einem Atem den Jiidischnationalen veriibelt, daB sie den Deutschdemokraten den Schritt zu den Deutschradikalagrarisch Klerikalen dadurch erleichtern, daB sie nicht so gesinnungslos sind, fiir eine fremde Kandidatur aufzutreten, sondern eine eigene aufzustellen. Wir wissen ganz genau, daB siimtliche politische Parteien ausgezeichnet Kombdie im politischen Theater zu spielen verstehen. Uns drSngt sich nur die eine Frage auf: Ob sich die im Wahlkreise Briinn und Iglau wahlberechtigten Juden auch diesmal iiber alle Moral hinwegsetzen und ihre Stimmen zu Gunsten einer Kandidatenliste abgeben werden, auf der sich die Namen ihrer wtitendsten Hasser und Feinde befinden, ob sie sich auch diesmal von Personen an die Kette legen lassen werden, welche sich aus personlichen Grunden, aus bloBer Mandathascherei nicht scheuen, die in der deutschdemokratischen Freiheitspartei vereinigten Juden auch dem antisemitischen Karren vorspannen zu lassen, ob sie die jUdischen Drahtzieher, die, wie uns bekannt ist, an diesem Wahlblindnisse mitgewirkt und sich dafiir die stillschweigende UnterstUtzung oder wenigstens Duldung, in anderen Wahlkreisen als Kandidaten auftreten zu durfen, gesichert haben, nicht endlich kraftig anspeien und ob dieser Charakterlosigkeit ihnen nicht zumindest den ihnen gebiihrenden Faustschlag ins Gesicht versetzen werden. Diesmal wird die hdrteste Kraftprobe seitena der neu entstandenen Einheitspartei an die Gesinnungswar mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht ganz tiberwunden. Meine Eltern iibersiedelten damals wieder nach Goding und ich hatte Gelegenheit, die dortige Judenstadt und mehrere Juden kennen zu lernen. Durch die Erfahrungen stiirzte das Ghetto von Vorurteilen ein. Aus Bekanntschaften mit Juden keimte die Freundschaft, und zwar eine treue und schone Freundschaft. In Briinn und Wien vergrofierte sich der Kreis meiner jUdischen Bekannten, die Vorurteile schwanden, obgleich sich die Gewohnheit aus meiner Kindheit ab und zu meldete; und die Gewohnheit ist mUchtig und schrecklich. Die jUngere, in der nationalen Schule aufwachsende Generation vermag den Antisemitismus nicht so zu empfinden, wie wir ihn empfunden haben. Es wird mehr Uber den sozialen Unterschied von Juden und Christen philosophiert, es werden Wagner s, Nietzsches, Lagardes, Gobineaus Theorien gelesen; unser Antisemitismus war abergl&ubisch, klerikal. Ist es nicht sonderbar, daB wir Cechen keinen Theoretiker des Antisemitismus haben? In der Hilsneraff&re meldete sich der primitiv, alte, rohe Antisemitismus und bezwang auch einen groBen Teil der Sechischen Intelligenz. Oft gedachte ich damals des betenden Leopold hinter dem Dunajowitzer Tore — vielleicbt machte ich all das Unschone, wozu mich riamals der Antisemitismu6 verleitet hatte, wieder got. (Erschienen in „Besedy Casu“ vom 24. Februar 1911.) i jr^aFVt ‘Tf H Nr. 14. losigkeit der Juden gestellt und wir kfinnen die im Brflnner Und Iglauer Kreise waMberechtigten Juden, wenn sfc auch bisher in fremdnationaien Lagern gestanden sind, nicht ftir so verkommen und charakterlos halfen, daB sie auch bei dieser Kraftprobe unterliegen konnten. Wir konnen nicht glauhen, daB sich die Juden diesmal dazu bergeben werden, fiir die antlsemitische Liste zu stimmen, ohne befiirchten zu miissen, daB die Hånd, die diesen Stimmzettcl abgeben wiirde, verdorren komite. Und weil wir diese Ueberzeugung liaben, halten wir es fiir unsere Pflicht, noch in Ietzter Stunde die in den fremdnationaien Lagern stehenden Juden dariiber aufzuklaren, daB sie zur Vertretung ihrer Interessen ihre eigenen Vertreter unbedingt benotigen und daB sie vollståndig verlassen sein werden, wenn nicht jiidisclie Vertreter in die Nationalversammlung einziehen werden. Der „Volksfreund" meint zwar, daB die Judischnationalen ohne Aussicht in den Wahlkampf eintreten. Diese Behauktung zeigt wiederum einmal von dem Ernste und der Griindlichkeit, mit der politische Fragen behandelt werden. Die Jiidischnationajen werden in der Slowakei vielleicht schon im ersten Skrutinium ein Mandet, jedenfalls aber 20.000 Stimmen auf sich vereinigen, sodaB im zweiten Skrutinium samtiiche in der Cechosiovakei fiir die Liste der „vereinigten jiidischen Parteien" abgegebenen Stimmen zusammen gezåhlt werden und in diesem Falle mit 4—5 Abgeordneten fiir die Nationalversammlung zu rechnen ist. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet kommt es auf jede einzelne jiidisclie Stimme in der £.-sl. Republik an und unsere Bemiihungen mussen infolgedessen auch dahin gehen, daB uns keine einzige jiidische Stimme verloren gehe. In diesen Bemiihungen sollten sich diesmal såmtliche Juden der C.-sl. Republik vereinigen, rn. Pessach-Gedanken. Da lese ich wieder im Buche des Propheten Jeremia; das Kapitel 23 hat’s mir besonders angetan. Von den Hirten spricht es, die zerstreuet und zugrunde gerichtet die Schafe der Weide. Aber der Herr wird zusammenbringen den Ueberrest seiner Schafe, aus all’ den Låndern, wohin er sie verstoflen hat.. Und dann haben mich stets die Verse 7 und 8 dieses wunderbar, herrlichen Kapitels angeregt: „Wahrlich, siehe Tage kommen, Spruch des Herrn, daB man nicht mehr sagen wird: So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels heraufgebracht aus dem Lande Mizraims; sondern: So wahr der Herr lebt, der heraufgebracht und herbeigefuhrt den Samen des Hauses Israel aus dem Lande des Nordens und aus all’ den Ldndern, wohin ich sie verstoBen...“ Jeremias, weitausblickender Seher, du dachtest der fernen Zeiten der Zukunft, und deine Zukunft, sie ist nun zur Gegenwart geworden. Heute begreifen wir, was Jeremias erhofft und ersehnt, was er erschaut und ersehen, wir begreifen heute das Wort, das Israel zuerst geprågt hat und das so vielfach miBverstanden wurde, das einzige Wort, Geulah, E r 1 6 s u n g. Das Friihrot des Pessah-Tages leuchtet auf. Die Schatten der langen finsteren Winternacht weichen, die Alten und das Alte schwinden vor den Strahlen der jungen Fruhlingssonrie, ein gewaltiger Chor, ertbnt, angestimmt von einer hellen jugendiichen Schar: „Gott, Måchtiger bau auf Dein Haus, die Zeit ist nah." — Ein Erlosungsfest feiern wir, ein Freiheitsfest, das uns durch die Pforten der Gegenwart filhrt in den glanzenden Tempel der Zukunft. Die Schwachen und die Schwankenden, die Feigen und Furchtsamen, die Hohnenden und Spottenden, wie stehen sie da, wenn sie der machtige Ruf umbraust: „Jetzt hier, im kommenden Jahre im Lande Israels, jetzt Knechte, im kommenden Jahre Freie." Sie lesen diese Worte, alljåhrlich, manche lesen sie auch nicht, denn sie haben am Pessah- Abend anderes zu tun. Und die diese Worte lesen, sie verstehen sie oft nicht, oder wollen sie nicht verstehen, sie sind ihnen ein „Symbol", ein fliichtiger Schemen. Nein, die Worte der uralten „Hagada" sind nicht allein „Worte, Worte". — Geschichte besteht nicht aus Worten, Geschichte, das ist F.ntwicklung, Aufstieg. Geschichte, das ist eine Summe von Tatsachen, die nach einem Resultat rufen. Das bedeutet fiir uns das schmachtige Buchlein, genannt „Hagada". Das Brod der Tranen afi lange genug unser Volk. Die Zionsharfe ertonte zu wehmutigen Gesången, zu Liedern, die schluchzten und weinten. Aus finsteren Tiefen rangen sie sich empor die wehrnrOtigen Psalmen und Poesien Judas. Und nun hat Israels Saitenspiel eine andere Tonart angeschlagen. Weg mit der Trauer, das Lied Israels einem gewaltigen Freilieitssange gleiche es und dieser tone aus in den Kehrreim: „Knechte sind wir gewesen". Das ist der Ton, der die „Hagada" durclizieht. Dunkle Nacht, du bist geschwunden, der Morgen ist gekommen, sein Strahl erleuchtet die alte Zionsburg, um die sich unsere Jugend schart, hoffnuugsfreudig, arbeitslustig. . . Brod des Bleitds afien unsere Vater, Sinnbild aus alter Zeiten Qual. Die Sklavenfesseln sind gebrochen und aus der Nacht schreitet Israel dem Lichte entgegen. Nein, nicht allein fromme Legenden enthålt die „Hagada", nicht allein sanfte SprUchlein, Kinder-Historien, feine Auslegungen von Bibelversen, die „Hagada" enthalt vielmelir, wenn man wiil, die ganze Philosophie unsercr Geschichte. Man singt frohlichen Herzens das „Lied vom Bocklein". Dem einen ist es eine Schnurre, dem anderen tiefsinnige Mystik, der eine sieht darin das Possenhafte, der andere das Kabbalistische. Weder das eine, noch das andere ist riclitig. Ganz etwas .anderes wiil es besageu. Eine tausendjåhrige Erfahrung spricht es aus, gekleidet in ein kindliches Liedchen. Und diese Erfahrung ist grausam, wie das Leben, aber auch trostlich, wie die Hoffnung. Grausam ist das Leben: es lehrt die Bewaltigung des Schwachen durch den Starken. Die Uebermacht siegt und der Ohnmåchtige stiirzt zusammen. Die neueste Philosophie erbarmungslos baut sie diese Gedanken auf. Die Geschichte alter und neuer Zeiten spricht von den Pharaonen und den Napoleoniden und den groBen Bataillonen, mit denen der Herr ist. Steine sprechen davon und Tatsachen lassen sich nicht hinwegdisputieren. Furchtbar klingt die Moral der Geschichte. Wir haben diese Wahrheiten an unserem Leib erlebt, wir sahen „Throne bersten, Reiche zittern". Und doch trostlich ist die Hoffnung. Der alhvaltende Geist kann nicht besiegt werden. Er besiegt den Todesengel. Auch dies haben wir erfahren und dieser Erfahrung und siiBen Hoffnung freuen wir uns. Wie konnte unser Volk vernichtet werden, das Volk, das immer hoffte, dem Morgenlichte entgegenharrte, gleich dem Wåchter in der Nacht." Was vermochte Pharaonen- oder anderer List gegen uns, die wir sangen das Lied von dem Schwachen, den der Stårke iiberwUltigt, der Starke, der aber doch erkennen muB: es gibt eine Grenze fiir jede Gewalt und diese heiBt: der Geist des Heiligen, gepriesen sei sein Name . . . Das ist unsere Geschichts-Philosophie und die trugt nicht. Wir haben, um mit dem Midrasch zu sprechen, mit Wolfen und Lowen und Schlangen gekampft. Mancher Feigling verzweifelte, verlieB schnode unser Kriegslager und fliichtete sich in Sicherheit. Und mancher Doppelt-Kluge sieht spottisch zuriick auf die Tage unserer Vergangenheit, mochte sie aus dem Gedåchtnisse verdrången, lebt nur in der Gegenwart, nur das Leben in ihr behålt fiir ihn recht. Wir mochten allen diesen Gegenwartsmenschen das Wort der „Hagada" erklaren, mochten ihnen sagen, daB sie nicht nur ein Handbiichlein ist fur fromme Seelen, naive Herzen, sondern auch ein gewaltiges Geschichtsbuch, ein philosophisches Buch, ein Buch der Padagogik, das sich an die Jugend wendet, aber auch an die Vater und diesen immer und immer wieder einsehårft das Bibelwort: „Erzahle deinem Sohne." Nicht nur erzahlen wollen wir, sondern auch erklåren und erziehen. Pessah, ein Fest der Jugend ist es, und diese bedarf des Unterrichtes und der Erziehung. Darin sind sie groBe Meister gewesen unscre Alten. Sie waren Psychologen. Diese aber gehen von Tatsachen aus und entwickeln aus ihnen die Ideen. Nennt diese Methode die induktive. Die alten Juden kannten diesen Ausdruck niciit. Was sind Namen? „Schall und Rauch", sagt der alte Goethe, auf Namen kommt es nicht an, wenn wir mit ihnen nicht Begriffe verbinden. Unser Judentum huldigte demnach dem Anschauungsunterricht, unterrichtete die Kinder nach ihrer Beanlagung, nach ihrem Wege", wie der Spruchdichter sagt, hutete sich vor abstrakten Darstellungen, lehrte durch das konkrete Bild. Ein Bild, ein gestaltenvolles, ein mannigfaltiges ist uns der Seder-Abend. Wie zieht da das Wandelbild unserer Geschichte vor dem geistigen Auge der Jugend voriiber von jenen grauen Tagen, da unsere Voreltern im Lande der Pyramiden seufzten, bis auf unsere Tage der lichten Gegenwart. Auch auf uns sehen die Jahrtausende hernieder, wie einst auf.die Krieger Napoleons, da sie sich am FuBe der Pyramiden zur Schlacht gegen die Mameluken riisteten. Nur ein kleiher Unterschied ist, oder wenn man wiil, ein groBer, zwischen den Grenadieren Bonapartes und uns. Wohin ist die Macht des Korsen gekommen? Entschwunden ist sie, wie die des Ph:t-