Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDISCHE VOLKSSTIMME. Bezngspref se: halbjfihrig. Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Letpzlg. ganzjfthrig. iWHp1 Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum C. K—‘30. Deutschdsterreich. Kronen 50.— Unverlangte redaktionelle Beitrfige werden nicht Deutschland, ganzjfthrig .... honoriert. Manuskripten ist RQckporto belzufQgen. Jahrgang XXI. BrQnn, VttA. »ummer 14. Passachgedanken zu den Nationalversammlungswahlen. Wir lesen dieser Tage eines der wundersamsten Biicher unserer jiidischen Literatur, das kurz benannt Hagada heiBt. Hagada kat exochen. Denn alle Juden, die noch etwas jtldisches Wissen besitzen, wissen sofort, daB es slch hier um die ErzShlung des Auszuges aus Aegypten handelt. Eine grandiose Epopoe. Qriechen, Romer, Germanen hatten in eiri Heldenepos gewandelt, was wir Juden in schlichter Form von Fragen und Antwort gekleidet haben. Tage schwerster Not ziehen an unserem geistigen Auge voriiber. Plage, Fronarbeit, Unterdriickung, Versklavung. Die Juden in Aegypten sind die veraehtetsten Heloten, und aus ihnen soilte das „Licht der Welt" hervorgehen. Alles, was die Welt an Kulturerrungenschaften aufzuweisen hat, die hehrsten Ideen und Ideale hat sie diesem Helotenvolk zu verdanken. Ein Funke sprang in die verhaltene Glut der jiidischen Leidenschaft des jiidischen Pathos und ein gewaltiger GeiaLward.geboren 1 Am Anfang unserer Ger, schichte steht die Gestalt Mosis, der mit der Feuerglut seines Geistes, seiner ethischen Kraft die Juden aus Aegypten herausfiihrte, der Arbeiter zu Herren, der Sklaven zu Freien machte. Die Hagada ist durchdrungen von dem Jubel des Freigewordenen, von dem Lobe des Mensch gewordenen Sklaven. Das Pessachfest hat fiir uns Juden, die mit allen Fasern unserer Herzen an unserem Judentum hangen, die Bedeutung eines Freiheitsfestes. Es hat auch eine groBe soziale Bedeutung. Jeder, der hungert, jeder Darbende, jeder Schwache soli kommen und mitfeiern. Der Knecht, der Fremdling ist gerne gesehen. Er soli nicht bedriickt werdenl: denn Knechte und Fremdlinge waret Ihr im Lande Aegypten, dringt uns immer ins Ohr. j Der Freie, der sich in harter Arbeit seine Frei- I heit erworben hat, ist dieser Freiheit nicht wiirdig, wenn er andere unterdriickt. Dieser groBe ethische Gedanke zieht sich, durch all’ unser Schrifttum. Die jlldische Ethik, die nach Hermann Cohen Grundlage jeder Ethik sein soli, die Grundlage der Ethik iiberhaupt ist. Solche Gedanken uberkommen uns am Pessachfeste. Und heute um so mehr, als wir Juden der Cechoslov. einen Schritt weiter auf der Bahn der Erreichung unserer Freiheit machen wollen, die wir im Begriffe sind, jiid. Vertreter in unser neues, junges Parlament zu wahlen. Wir rufen allen Juden zu: Jeder, der Interesse an der Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums hat, wåhle die Liste der vereinigten jiidischen Parteien.“ Die Hagada erzShlt uns von 4 Fragenden. Nennt deren Charaktere, und låBt einen, den sie „Roschoh" den Bosewicht nennt, fragen: „Was håbet Ihr denn da fiir einen Dienst“. Er fragt „Ihr“ und nicht wir, und das kann ihm die Hagada nicht vergessen. Auch wir haben heute viele Volksgenossen, die da fragen,, was soli Eucjr dif.^Wahl? Wozu wollet Ihr elgene Kandidaten aufstellen? Wozu soli Euch dies?* Es sind doch der Kandidaten genug. Wozu noch jiidische? Wir antworten, weil uns die anderen Kandidaten nie vertreten werden. Weil wir Jiidischnationale gleich bei Beginn der Wahlbewegung erkannt haben, daB die Konstellation der Parteien eine derartige sein wird, daB von ihnen die Juden unmoglich eine Vertretung erhalten konnen. Wer soil uns Juden im Pariamente vertreten? Bis nun hat die sogenannte deutschdemokratische Freiheitspartei gar keinen Juden kandidiert. Dafiir aber beinahe durchwegs Christlichsoziale, Deutschnationale, Antisemiten. In Brunn ebenso, wie in Iglau, in Ung._Hradisch, nicht minder wie in MShr.-Ostrau. Die ganze deutschdemokratische Freiheitspartei ist FEUILLETON. Th. G. Masaryk: Unser Herr Filchsel.*) Aus dem Cechischen flbersetzt von Dr. O. Donath. In den Fiinfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde jedes Slowakenkind in der Umgebung von Qoding durch die Schule, das Haus, die Kirche und durch die ganze Gesellschaft zum Antisemitismus erzogen. Die Mutter verbot uns Kindern, uns Lechners zu nfthern, weil Juden angeblich Blut christlicher Kinder brauchen. Ich ging also Lechners Hause in groBem Bogen aus dem Wege und dasselbe taten alle meine Cejkowitzer Kameraden. In der Kirche u. in der Schule wurden wir håufig vor den Juden gewarnt. War der Herr Kaplan in guter Stimmung, so ersuchte er den Lehrer, daB er die „Judenweise" anstimme, einen Gassenhauer, in dem das Beten der Juden nachgeahmt werden solite mit dem Text „taijterl — taijterl — taijterltai —“ Der Aberglaube vom Christenblut war in mich so tief eingedrungen, daB ich jedesmal, wenn ich zufallig einem Juden nahe kam — absichtlich nåherte ich mich keinem — diesem auf die Finger blickte, ob an ihnen kein Blut klebe. An dieser dummen Gewohnheit hielt ich lange fest. , *) Mit Erlaubnis des Uebersetzers aus der „W. M. Z." Und dennoch liebte ich Herrn Filchsel, „unseren Herrn Filchsel“, wie wir ihn zu Hause zu nennen pflegten. Ich entsinne mich, daB unser Familienantisemitismus eine philosemitische Ausnahme zulieB; als Kind kam es mir aber nicht zum Bewufltsein, daB Herr Fiichsel auch ein Jude war. Herr FUchsel war ein Hausierer aus Qoding; die Mutter pflegte von ihm Leinwand zu kaufen. Von Zeit zu Zeit suchte uns Herr Fiichsel auf und wir alle freuten uns, wenn er kam; er breitete vor uns seine Waren aus, erzåhlte, aus welcher Fabrik sie seien, wem und wie viel er davon verkauft håbe; er berichtete, was es in Qoding und in den umliegenden Ortschaften Neues gebe usw. DaB es dabei nicht immer Ohne Klatsch, wenn auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, abging, versteht sich von selbst. Zum SchluB pflegte er mir ein Stiickchen von einem Bleistift zu schenken. — Wir liebten Herrn Fiichsel, er war „unser Herr FUchsel**. Durch Bekanntschaft, Zusammenleben, wirtschaftliche Wechselbeziehungen, vergaB man an das Blut — dieser Aberglaube galt nur fUr diejenigen Juden, mit denen wir nicht in BerUhrung kamen; es hatte aber jeder Ritualmordglåubige seinen Herrn FUchsel. Die ittdischen Kinder hatten ihre eigene Schule oder ihren eigenen Lehrer und wir Kinder wuchsen voneinandergetrennt und einander fremd auf. Sie hatten ihr JUdisches Ghetto, wir unser christliches. An der Realschule in Auspitz hatte ich einen iiidischen MitschUler. Ich ging ihm aus dem Wege und jetzt wahrend der Wahl im deutscharischen Block untergetaucht. Die Juden, die in der Leitung dieser Partei stehen, haben, um eine aussichtslose Senatskandidatur durch einen Juden zu besetzen, alle Prinzipien, alle Programme fallen gelassen. Es ist demzufolge den Juden die Parole ausgegeben worden, bevor einem jUdischen Kandidaten die Stimmen zu geben, lieber einem antisemitischen. Pessach, das Fest der Befreiung steht vor der TUr. Die Erinnerung an eine grandiose Tat jUdischer Geschichte. Und wir, die Nachkommen dieses so groBen Geschlechtes, sind so klein, so kleinlich, daB wir noch immer nicht imstande sind, die Freiheit genieBen zu wollen, die uns zusteht, Unsere Juden schlagen sich in die Brust, behaupten, gute Juden zu sein. Wollen fiir das Judentum etwas leisten. Halten am Judentum, weil Erinnerung, weil Pietat, weil Atavismus sie daran bindet. Feiern jlldische Feste, werden -bei festlich , geschmiickter Tafel, in den „Kittl“ gehiillt, als Kdnige den Seder geben, werden ihren Kindern auf die Frage „Ma nischtanoh4* zur Antwort geben.: Awodim hoinuI Wir aber fragen Sie: Hoinu? Wir wa r e n? Nein, wir sind noch Knechte. Wir sind noch Kneclite eines fremden Volkstums, wir sind noch Sklaven fremder Kultur. Welchen Zweck hat es laut auszurufen: Leschonoh haboh biruschalajim! Wenn man nicht einmal den Mut aufbringt, sich jiidisch zu bekennen. Pessach steht vor der Ture, das Befreiungsfest naht. Werden die Juden der Cechoslovakei dem Befreiungsfeste eine Befreiungstat folgen Jassen? Werden die Juden, nachdem sie sich an der Hagada erfreut haben, auch durch die Abgabe der Stimmzetteln bekunden, daB sie zu uns, die wir das Judentum erhalten wollen, bekommen wollen? Wir glauben es. Denn es geht iiber jiidische Intelligenz, es geht ilber jlldische Begriffe, antisemitisch zu wahlen, wenn man blickte auf seine Finger... Wir qualten ihn in unchristlicher Weise, obgleich er ein seelensguter Junge war. Er war nicht iiberaus klug, gehorte zu den schlechteren Schlilern und widerlegte unsere Anschauungen iiber das Judentum. Dieser jiidische Mitschiiler bekehrte mich vom Antisemitismus. Wir unternahmen einst einen Ausflug in die Polauer Berge. Am Riickweg rasteten wir im Gasthaus zu Dunajowitz, um unsere Jause zu nehmen. Es wurde Wein und Bier getrunken, geraucht, die Professoren toilten mit uns und die Zielscheibe der Witze war „Leopold". (Ich erinnere mich an sein Aussehen, aber den Namen håbe ich vergessen.*) Die Sonne war vor dem Untergehen — Leopold verschwand vom Tische und man ging ihn suchen; die Knaben fanden ihn, hinter einem Tore betend. Nun liefen auch andere Knaben hinaus, ura ihn zu beobachten und beim Gebet zu necken. Auch ich ging mir ihn ansehen. Niemals werde ich vergessen, wie mich Leopold verbliiffte: er stand hinter einem Tore, an einem unreinen Orte, offenbar um nicht gesehen zu werden. Er verneigte sich stets und betete. Mit einem Male verging mir alle Lust zum Scherzen. Wåhrend wir toilten, vergaB Leopold nicht seines Gebetes; von diesem Augenblick angefangen *) Wie aus dem Kataloge der Auspitzer Realschule ersichtlich ist, handelt es sicb um Leopold P r i 1 i s a u e r aus Mikultschitz bei QOdIng. Dieser war nicht, wie Masaryk angibt, ein scblechter Schiller, sondern der dritte in der Lokation. Jtt&Wahler und W&hlerinnen sammelt und zeichnet fiir den Wahlfond.