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Jüdische Volksstimme · 1920-03-25 · Heft 13 (25.3.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 13 (25.3.1920)
Date
1920-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13. „JOmsCHE VOLK88T1MME." dcnskonferenz muB aber auch eine grundliche Reorganisation und Aenderung der Arbeitsmethoclen miseres Komitees nach sich ziehen. Momentan sind auf politischem Gebiete — und dieses ist und bleibt die Hauptaufgabe des Komitees — noch zwei Angelegenlieiten von Wichtigkeit: die Wahrunj* der Rechte der Juden in den Vertrågen mit Ungarn und der Tiirkei. Die ungarische Minderheit muB angesichts des dort herrschenden Judenhasses umsomehr vom Pariser Komitee geschiitzt werden. als es ihr niclit cinmal mdglich war, wegen des dort herrschenden Schreckenregimentes eine Delegation nach Paris zu entsenden. In der Tiirkei hatten die Juden unter dem alten Regime eine vveitgehende religios-nationale Autonomie. Jetzt handelt es sich darum, daB ihnen die Minoritåtsrechfe in weitgehender Weise gcsichert werden, umsomehr als einerseits ein tiirkischer Chauvinismus erwacht und anderseits bei den underen Volkern im Osten der Kampf um die eigenen Rechte nur zu oft mit Unduldsamkeit verbunden isf, Flir den Balkan ist es noch von grofier Wichtigkeit, wie das Los der Juden Salonikis geregelt werden wird. Die Liga der Nationen ist eine unserer grofien Hoffnungen fur die Zukunft. Die Liga zeigt sich lebenskråftig und wird — entgegen dem Skcptizismus der Zweifler — zu einem machtvollen Organ der internationalen Gerechtigkeit sich entwickeln. Das Komitee der JUd. Delegationen wird nun dariiber zu wachen haben, daB jede Verletzung der uns in den neuen Friedensvertrågen garantierten Minoritatsrechte zu Kenntnis der Liga der Nationen kornmt, daB einer der Staaten diese Verletzung vor den Rat des Volkerbundes bringt und daB év. der internationale Gerichtshof dariiber entscheidet. Was nun die Juden Ostgaliziens betrifft, so kanu ich nicht sagen, daB sie in dem Vertragsentwurfe alle die Rechte zugesichert bekamen, die sie als Minimum der nationalen Existenz in Ostgalizien betrachten. Der Text, wie er bis September v. J. noch bestand, war noch dazu in gewissen, auf unscre Rechte beziigl. Artikeln undeutlich stylisiert, sodaB diese Bestimmungen des Traktates in einem fiir uns unglinstigen Sinne interpretiert werden konnten. Es bestand daher die Gefahr, daB bei boswiUiger Interpretation, dieser Vertrag uns sogar weniger gewåhrt hatte, als der polnische Minoritiitenvertrag. Infolge der iiber meine Anregung im Oktober v. J. unternommenen Schritte, sind diese Zweideutigkeiten zum groBten Teile in einem fiir uns giinstigen Sinne umredigiert worden. Tatsache bleibt noch immer, daB wir Juden Ostgaliziens noch weit davon entfernt sind,; unsere berechtigten Forderungen erfiillt zu sehen. Angesichts der neuen Sachlage jedoch, konnen und miissen alle Schritte unternommen werden, um in dem Traktate, der neu redigiert werden wird, misere Rechte zu sichern. Infolge dieses lang andauernden Provisoriums schwebt die Judenhéit Ostgaliziens sowohl politisch wie wirtschaftlich in der Luft. Hoffen wir, daB jetzt, wo die russische Frage von der Friedenskonferenz bald geregelt werden diirfte, auch das ungliickliche Ostgalizien durch eine endgiltige Losung bald zur Ruhe kommen vvird, wobei, wie ich hoffe, die Entente, die in der Judcnfrage bei der Friedenskonferenz so oft ihren guten Willen bewiesen hat, auch jetzt die schwere und gefahrvolle Lage der Juden Ostgaliziens in dem iiber dieses Land abzuschlieBenden Traktate beriicksichtigen wird. Sprache allein kein Merkmal einer Nationalitet sei und daB der Jude, ob er nun déutsch, cechisch oder polnisch spreche, sich mit Recht zu seiner — der jiidischen — Nationalitet zahlen konne. Er sprach dann von dem groBen Eindrucke, den die mechtige zionistische Bewegung in Amerika auf ihn gemacht håbe und daB er dem zionistischen Gedanken einen hohen ethischen Wert beimesse. Dies sei wenigstens seine persOnliche Meinung. GLtlCKVi ONSCHE DER AMERIKANISCHEN ZIONISTEN AN MASARYK. Von der ainerikanischen zionistischen Organisation langte folgendes Telegramm ein: Die zionistische Organisation in Amerika schlieBt sich ihren zionistischen Genossen und der Judenschaft in der Cechoslovakei an und entbietet dem Præsidenten Ma s a r y k zu seinem 70. Geburtstag ihre wårmsten Gliickwiinsche und der Cechischen Nation ihre tief empfimdede Gratulation zu diesem Festtag, zu Ehren des sicgreichen Fiihrers und edlen Staatsmannes, welchcr gemeinsam mit dem Cechoslovakischen Volke die Minoritåtsrechte der Juden in der Cechoslovakei anerkannt und gesichert hat, — als Vorzeichen der freien und humanen Denkungsweise, welche im ccchischen Volke gegeniiber den Juden herrschcn wird. Dem Pråsidenten und der Republik wiinsch n wir aufs herzlichste: Schalom ubracha. Brand eis. Mack, Wise, de Haas. Zehn Millionen Dollar fiir die iiidlsche Not Europas. — Ein neuer BeschluB des Joint. — Mitte Feber fand in Newyork eine Sitzung des Exeicutivkomitees des American Joint Distribution Cormnittee statt, an welcher auBer dem Pråsidenten Felix M. Warburg noch teilnahmen: Jakob H. Schiff, Paul Baerwald, Louis Marshall, Artur Lebmaun, Dr. Judah L. Magnes, Julius J. Dukas, Abraham J. Elkus, Alexander Kohn, Cyrus L. Sulzberger, Dr. Cyurs Adler, Richter Julian W. Mack, Albert Lucas, Morris Engelmann, MiB Harriet B. Lowenstein und Julian Leawitt. Pråsident Warburg teilte mit, daB das Pråsidium des Joint mit den bedeutendsten jiidischen Bankiers von Amerika und dem Auslande in Unterhandlungen stehe, die daraui abzielen, eine neue Finanzorganisation zu schaffen, deren ausschliefiliche Aufgabe der Aufbau der durch den Krieg zerstdrten jiidischen Gemeinwesen und judischer Unternehmungen wåre. Es sei alle Aussicht vorhanden, daB die Verhandlungen zu dem gewiinschten Ergebnisse fiihren werden. Diese Finanzorganisation werde mit einem Mindestkapital von zehn Millionen Dollar ausgeriistet sein und ihre Arbeit rasch in Angriff nehmen miissen. Der Bericht des Pråsidenten wurdc zustimmend zur Kenntnis genommen. Ebenso der weitere Bericht, daB die nach Bern entsendete Kommission dort sehr gute Arbeit leiste. Auch in der Ukraine håbe die Hilfsaktion, fiir welche zunåchst 100.000 Dollar bewilligt wurden, bereits begonnen. Der Bericht weist auf die besonderen Kredite fiir Bankaushilfen fiir Wien, Litauen, Lettland. Konstantinopel, Palåstina und Deutschland in Form von koscheren Lebensmitteln und Mazzos hin. Dem in Budapest tåtigen American Relief Committee wurden fiir die hungernden Kinder in Ungarn eine Million Dollar iiberwiesen. In Budapest und anderen ungarischen Stadten wurden amerikanische Kriegskiichen errichtet. Auch aus Belgrad sind Bittgesuche um Hilfe fiir hungernde Kinder eingelaufen, die jetzt in Behandlung stehen. 1 RUNDSCHAU. Pråsident Masaryk iiber das Nationaljudentum. Am 8. Mårz d. J. wurde vom Pråsidenten Masaryk eine Deputation des Stadtrates von Goding, seiner Heimatstadt, empfangen, die ihm die Gliickwiinsche dieser Stadt zu seinem 70. Geburtstage iiberbrachte. Im Verlaufe der Audienz fragte der Pråsident nach dem Verhåltnis zu den Minoritåten in Goding. Der Biirgermeister erklårte, daB in Goding eine deutsche und eine nationaljiidische Minoritåt bestehe. Der jiidische Stadtrat Ing. Steinitz fugte hinzu, daB von den 1000 Juden Godings zirka 900 natfonal organisiert seien. Pråsident Masaryk erklårte, daB ihm die nationaljiidische Idee sehr sympathisch sei, da er eine Gesundung der Verhåltnisse von ihr er war te, sowohl im Judentum selbst als auch nach auBen. Er erwåhnte, daB er die im Verfassungs-. gesetze durchgefiihrte Anerkennung der jiidischen Nationalitåt begrUBe und daB man jedem Juden die Moglichkeit geben miisse, seine Nationalitåt wahr und offen anzugeben, wobei er hervorhob, daB die Pathologle der Juden. Ueber Einladung der Palåstinasektion des Jiidischen Medizinervereines in Wien hielt Dr. Sanel B e e r einen interessanten Vortrag iiber die gegenwårtigen Erscheinungen der Nervositåt beim jiidischen Volke. Der neurotische Zug ist ein Zeichen der Zeit, fiihrte der Vortragende aus. Der Krieg hat nicht nur die Anomalien des Geistes und der Seele vermehrt, sondern ist selbst das Produkt des pathologischen Geistes der Menschheit. Die seelischen Verwundungen, denen der Jude seit fast zwei Jahrtausenden ausgesetzt ist, der seelische Konflikt, der seinesgleichen nicht hat, verbunden mit den unnatiirlichen Lebensbedingungen, der bestehenden rechtlichen und sozialen Stellung, die ein freies Ausleben des Juden unmdglich macht, sind die Ursache der håufigen nervosen Erkrankungen der Kinder Israels. Nicht eine auf anatomischer oder physiologischer Grundlage fuBende ethnische Eigenart ist verantwortlich. Nur von einer radikalen Aenderung der Stellung der Juden den anderen Volkern gegeniiber ist eine Genesung des jiidischen Geistes zd erwarten. Sette 5 WWWfcawaiæaéioiaM—*i *^i * ■ j j—bm—aanin ' im _uat Die Ldsung des Problems kann nur in zionistischérh Sinne erfolgen. Der von jiidischen Hånden bearbeitete Boden Palåstinas wird nicht bloB Spekulanten und Doktoren aller Fakultåten hervorbringen, sondern zu produktiven Berufen zuriickfiihren, in denen das korperlich und seelisch kranke Volk die Moglichkeit zur Gesundung finden wird. An die iiidiscben Eltern richtete Dr. Beer die Mahnung, fiir eine Erstarkung der Jugend zu sorgen und das håufigc Hochstudium der Kinder, das nicht den geistigen Kråften aller entspricht, einzuschrånken. Zusammentrltt der palåstinensichen Delegiertenversammlung. Vom 21. bis 23. Feber tagte in Jaffa die zehnfe Versammlung d. „Waad Hazmani“. Vom „Waad Hazirim“ waren anwescnd dessen Pråsident Ussischkin, Dr. Eder u. a. Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte: 1. Bericht iiber die gegenwårtige Lage. 2. Frage der Einberufung der palåstinensischen Delegiertenversammlung. 3. Art und Ordnung der Wahlen von 3 Vertretern des Jischub in den „Waad Hazirim‘‘. 4. Wahl von 3 Vertretern des „Waad Hazmani" in die Erziehungskommission. 5. Wahl eine.s Delegierten fiir die Ziiricher Welthilfskonferenz. 6. Immigrations- und Arbeitsfrage. 7. Die Lage in Obergalilåa. 8. Varia. Wie nun der „J. P. Z.“ aus Jaffa berichtet wird, hat der „Waad Hazmani" auf dieser Versammlung beschlossen, die Delegiertenversammlung der palåstinensischen Juden einzuberufen. Selbst Ussischkin, der, wie bekannt, auf der 8. Versammlung des „Waad Hazmani", die am 22. und 23. Oktober 1919 in Jaffa stattfand, sich gegen die Einberufung der Delegiertjenversammlung energisch ausgesprochen hatte, hat der Einberufung zugestjmmt. Die Wahlen zur Delegiertenversammlung werden am 18.. April und die Eroffnung am 6. Mai (Lag b’Omer) stattfinden. In die Erziehungskommission vom „Waad Hazmani“ wurden Rabb. Ostrowsky (Misrachi),- Doktor Thon und Rahel Katzenelson gewåhlt. POLEN. Die fiir Mitte Februar geplanté Reise der von der Delegation des Jild. Nationalrates fiir Ostgalizien und der ostgalizischen zion. Landesorganisation erwåhlten Kommission nach Amerika, wurde aus verkehrstechnischen Griinden auf die erste Mårzwochc verschoben. — Laut einem in Warschau eingelaufenen telegr. Bericht hat das Joint Distribution Committee beschlossen, 230.000 Dollars fiir produktive Zwecke in Polen zu assignieren, die bestimmt sind får die Erteilung von Darlehen an Handwerker und Kleinhåntller. Das Geld wurde Dr. Goldmann, dem neuernannten Generaldirektor des „Joint" fiir Europa, zur Vcrfågung gestellt. — Die poln. Telégraphenagentur berichtet, daB nach „Lebensfragen" der jud. Landtagsklub sich an die franz. Mission in Warschau mit mehreren neuen Protokollen uber Ueberfålle von Franzosen auf Juden gewandt und die Mission um Durchfiihrung einer Untersuchung gebeten håbe. ENGLAND. Israel Sieff ist nach ungefåhr neunmonatiiciiem Aufenthalte in Palåstina nach England zuriickgehert. Er erklårte einem Vertreter des „Jewish ExpreB", daB die Lage in Palåstina sich allmåhlich bessere und im allgemeinen sehr hoffnungsvoll ist. Die Gcruchte iiber die antizionistischen Demonstrationen seien stark iibertrieben und es sei nicht alles fiir wahr anzusehen, was die Journalisten telegraphierten. — — Prof. E. M. Keynes, der wåhrend der Friedenskonferenz finanzieller Berater der engl. Regierung war und desser bekanntes Werk, das die Bedingungen des Friedensvertrages scharf kritisiert, allgemein groBtes Aufsehen erregt hat, arbeitet seit långerer Zeit mit in dem sog. Advisory Committee der zion. Parteileitung, dem die Ausarbeitung der Finanzplåne und die Untersuchung der vorliegenden Kolonisationsplåne nach ihrer finanziellen Seite hin obliegt. AuBer den Vertretern des A. C. gehoren dpsem Komitee, dessen. Vorsitzender Herbert Samuel ist, noch an: Frank Goldsmith, Hartley Withers ur1'* der amerikanische Nationaldkonom B. Flexner. — Israel Zangwill veroffentlicht im „Jewish Guardian" einen Brief, worin er die Beschuldigung, daB er durch sein Auftreten die Animositåt der Araber gegen die zion. Bestrebungen in Palåstina hervorgerufen håbe, zuruckweist.

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