Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stht 4 nKHMSCfVE fOLKSSTfMWE.' Nr. 13. Der Verband JBdischer Prauén im C.*sl. Staate in Prag und die jiidische Frauenorganisation flir Mfihren in BrQnn bleiben als selbstfindige von einan-; der unabhftngige Verbånde bestehen. Beide Organisationen erklåren ihre Bereitwilligkeit in allen sozialen und wirtschaftlichen Fragen mit einander Filhlung zu nehmen und in stetém Kontakte zu bleiben und setzen zu diesem Zwecke einen AusschuB ein, in den jede der beiden Organisationen je 3 Mitglieder entsendet und der die gemeinsamen Richtlinien zu beschlieBen und die gemeinschaftlichen Angelegenheiten gemeinsam zu beraten hat. Der Verband Jildischer Frauen in der e.-sl. Republik gibt die Erklårung ab, daB er keine Organisation jildischer Frauen aus Mahren seinem Verbande anschlieBen bezw. bereits angeschlossene Verbande der jildischen Frauenorganisation fiir Mahren itv Briinn angliedern werde. 4. Die heutige Versammlung beschlieflt, daB die nachste Frauentagung von dem sechsgliedrigen Ausschusse nach Briinn einzuberufen sein wird. Plenarversammlung des JUd. Nationalrates in Wien. Der Sekretar erstattet einen Tatigkeitsbericht des Bilros, aus welchem namentlich die Aktion fiir die Heimbefbrderung der Kriegsgefangenen hervorzuheben ist. Abgeordneter S t r i c k e r berichtet iiber seine Londoner Reise, soweit sie den Nationalrat betrifft. In dem Momente, wo sich in den einzelnen Landern nnlaBlich des Umsturzes Nationalrate gebildet haben, wurde in Paris, einem gesunden Instinkte folgend, eine Stelle geschaffen, welche eine Vertretung aller dieser Rate bildet, namlich das Komitee der jtidischen Delegationen bei der Friedenskonferenz. Dieses hat es sich zur Aufgabe geinacht, wahrend der Friedenskonferenz filr die Juden aller Lånder zu intervenie. ren und deren Forderungen vor der Friedenskonfe.. renz und dem Vftlkerbunde zu vertreten. Wir Zionisten haben immer betont, daB wir Vertreter des jildischen Volkes sind. Deshalb haben sich Juden aller Parteifårbungen um Rat und Beistand an uns gewendet. Es ware den Juden einfach unbegreiflich, wenn die Zionisten erklåren wiirden, daB die Fragen, welche die Juden in den Exillåndern betreffen, sie nicht interessierten, und daB ihr Augenmerk nur auf Paiastina gerichtet sei. Um aber die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Jhdeh wahren zu konnen, ist es unbedingt notig, daB eine legitimierte Vertretung der Juden vor der Friedenskonferenz, respektive dem Volkerbunde geschaffen werde. Daraus ergibt sich die Konsequenz, daB wir in Oesterreich alles daransetzen miissen, um die Idee des Nationalrates bestehen zu lassen. Unsere Aufgabe muB es sein, immer in Verbindung mit dem Komitee der Delegationen der jiidischen Nationalrate in Paris zu bleiben und die jiidische Bevdlkerung aufzuklaren, wie -wichtig die Schaffung einer legitimierten Vertretung der Juden der Diaspora ist. Die Geschichte der Nationalrate ist fast iiberall dieselbe. Anfangs waren im Nationalrat alle Parteirichtungen vertreten, spater sind die Poale Zion und der Jiidische Bund ausgetreten, bloB in BeBarabien sind bis heute alle Parteien im Nationalrat vertreten. Ueberall hat es sich gezeigt, daB die Zionisten tatsachlich die Stiitzen der politischen Arbeit sind. Wir miissen trachten, daB auch in Zukunft zwischen uns und der Delegation in Paris die regste Kommunikation bestehen bleibt. Unsere Parole ist: Schaffung einer legitimierten Vertretung der Juden bei der Friedenskonferenz und beim Volkerbunde. Die Wahl der Nationalrate filr die einzelnen Lånder ist in London besprochen worden. In allen Låndern sollen auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes beider Geschlechter Nationalrate geschaffen werden, die in Paris als Vertreter der Juden ihres Landes auftreten kdnnen. AuBer in WeiBruflland, wo die Wahlen nach Angabe dortiger Vertreter jeden Tag ausgeschrieben werden konnen, bestehen in allen anderen Låndern Griinde, die dafiir sprechen, daB die Wahlen gegenwårtig nicht durchgefilhrt werden sollen. DaB wir nicht in Paris vertreten sind, hat seinen Grund darin, daB das feindliche Ausland noch nicht zugelassen wird. Fiir die Gewerbesektion berichtet Irgenieur Arje, welcher den Tatigkeitsbericht erstattet. In der verflossenen Arbeitsperiode hat die Gewerbesektion sich bemiiht, die einzelnen Abteilungen auszubauen und die Gewerbesektion als solche sowohl in den nationalen als auch in den nicht jfidischnationalen Kreisen bekanntzumachen. Der Berufsberatung ist es gelungen, den seit lange vermiBten technischen Beirat endlich zu schaifen. Wir sind nun in der Lage, die sich an unsere Berufsberatungsabteilung wendenden jungen Leute fiir die allerverschiedensten Berufskategorien beraten zu kdnnen. Die Gesamtsumme der von unserer Berufsberatungsabteilung eingehend Beratenen ist schon recht betråchtlich. Die meisten dieser jungen Leute haben sich dem Gewerbe gewidmet, und zwar vornehmlich dem Baugewerbe, in welchem sie sich auch besonders bewåhrt haben. Viele haben auch Berufe wie Elektrotechnik, Schlosserei und iiberhaupt der Metallverarbeitung ergriffen. Viele haben sich auch den Bekleidungsprofessionen und besonders dem Schneiderhandwerke gewidmet. Die Erfahrung Iehrt, daB sich die wenigsten der von unserer Berufsberatungsstelle Beratenen schlieBlich den freien Berufen widmen. Unser Arbeitsnachweis erfreut sich bereits allgemeiner Popularitåt, was darin zum Ausdruck kommt, daB sich viele Arbeitgeber bei uns melden und bei uns Arbeiter anfordern. Es ist uns somit bereits zum groBen Teile gelungen, das Vorurteil zu beseitigen, welches jiidischen Arbeitern entgegengebracht wird. Bisher haben sich bei uns ungefåhr 350 Arbeitgeber gemeldet, und zwar sind die meisten Anmeldungen erst in der letzten Zeit erfolgt. Unter den Arbeitgebern befinden sich bereits solche, welche ansschlieBIich unseren Arbeitsnachweis ia Anspruch nehmen und zu den regelmåBigen Abnehmern unserer Arbeiter gehoren. Bei Betrachtung der Verteilung dieser Vermittlungen auf die einzelnen Berufe ergibt sich, daB die meisten Bewerber in der Land- und Forstwirtschaft untergebracht wurden, in zweiter Reihe, steht das Baugewerbe, in welchem sich unsere Arbeiter besonders bewåhren. Dies konnten wir aus verschiedenen Schreiben der Arbeitgeber ersehen, welche ihre besondere Zufriedenheit åuBerten. Sehr viele Arbeiter sind auch in der Papierindustrie, in der Bekleidungsindustrie usw. untergebracht. Unser Arbeitsnachweis wird groBtenteils von solehen Stellunglosen in Anspruch genommen, welche sich der manuellen Arbeit widmen. Unser Berufskataster, welcher eine Unterlage fiir unsere Arbeiten bildet, entwickelt sich immer mehr. Er hat bereits einen Umfang vofl 11.500 Karten erreicht; es wird interessant sein, das Material dieses Berufskatasters wissenschaftlich zu bearbeiten, um zu zeigen, daB sich die Juden durchaus nicht, wie allgemein behauptet wird, ausschlieBlich dem Handel und den freien Berufen widmen. Wir sind bestrebt, diesen Berufskataster auszubauen und werden dann tatsachlich das Material fiir eine wichtige wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Berufsschichtung der Juden Deutschosterreichs besitzen. Wahrend der letzten Tåtigkeitsperiode der Gewerbesektion hat es sich gezeigt, daB diese bereits als zentrale Organisation in jiidischen Gewcvbeangelegenheiten bei den jiidischen Vereinen anerkannt wird. Eine vom Verein „Jischuw Erez Israel" auf unsere Befiirwortung vom „Joint" errichtete Schlosserwerkståtte im 20. Bezirk ist heute in der Lage, zum Beispiel Schlosser und SchlUssel ziemlich vollståndig auszufiihren, die man als Massenartikel absetzen kann und in den Handel bringen konnte. Erwåhnt sei besonders, daB in dieser Werkståtte fast ausschlieBlich Arbeiter im Alter von iiber 35 Jahren beschåftigt sind, welche friiher nie auf dem Gebiete eines Gewerbes tåtig waren. Es sind dies orthodoxe Juden, welche aus ihrem AeuBeren nie auf eine gewerbliche Tiichtigkeit schlieBen lassen wiirden. Die Erfahrung hat gelehrt, daB viele Institutionen in letzter Zeit ebenfalls auf den Gedanken gekommen sind, die FSrderung des Gewerbes in ihren Tåtigkeitsbereich aufzunehmen. Dadurch ist eine Zersplitterung der Arbeit eingetreten. Aus dieser Erwågung heraus hat das Pråsidium des Jiidischen Nationalrates den BeschluB gefaBt, eine Ausgestaltung der Gewerbesektion zu einem Gewerbeforderungsamte vorzunehmen. Regierungsrat Ing. Ldwy gibt in kurzen Umrissen an, wie er sich die Tåtigkeit dieses Amtes vorstellt. W. M. Z. Presseschau. Der siegzigste GeburtStag des Pråsidenteif Masaryk. Israelitisches Wochenblatt fiir die Schweiz: Am 7. Mårz ist Prof. Masaryk 70 Jahre alt gevvorden. Die jiidische Oeffentlichkeit sollte an diesc ,t Tag nicht achtlos vortibergehen. Denn Masaryk ist seit jeher jedem Unrecht entgegengetreten. das dem jiidischen Volke oder einem ihrer Angehtingen im Wirkungskreise seines Wortes oder seiner Fe ler nahe gekommen ist. Aber nicht etwa, weil er ein Judenfreund ist, sondern weil es ihm, selbst der Sohn eines gedriickten und miBkannten Volkes, m t:i mochte sagen, fast instinktmftBig an die Seite jener ti.ieb, welchem Unrecht geschah. Es ist erstaunlich und ein Lichtpunkt in dem Dunkel dieser Kriegs- und Revolutionszeit, daB cii so feiner und seelenvoller Mensch zur Macht g.:- langt ist. Masaryk ist als Sohn eines slovakischc i Kutschers in Hodonin (Ooding) zur Welt gekommen. Unter Milhen und Sorgen, wie sie sonst das Erbteil des arrnen jiidischen Studenten sind, hat er das Gymnasium absolviert und spSter eine Dozentur in Wien erreicht. Ein Feind alier chauvinistischen P.cgungo •. aller national verbråmten Liigen und Legenden, fiihrte er einen Kampf gegen zwei Schriften, von dcnen eine als die „Koniginhofer Handschrift" bekan ” ist und welche beweisen sollten, daB die éechiscl c Literatur ins 9. Jahrhundert zuriickreicht. Mit dem Scharfsinn des groBen Gelehrten wies er diese viel gefeierten Werke als die Fålschung eines Bibliothekars Namens Hanak nach. Das machte ihn in aller Welt bekannt, bei den Cechen aber nicht beliebt. Als vor etwa 20 Jahren ein Jude Namens Hilsner vor dem Schwurgericht in Pisek in Bohmen wegen Ritualmordes zum Tode verurteilt wurde, da stemmte er sich mit der ganzen Kraft seines edlen Charakters gegen diese Justizschande und verlor wieder viel von seinem EinfluB. Masaryk hatte Jahr um Jahr auch in Amerika viel besuchte Vorlesungen auf Universitåten und Colleges gehalten. Er war eine universale Personlichkeit auch vor dem Kriege. Nun sitzt der arme Kutscherknabe auf dem Hrad§in, eine der schonsten Konigsburgen Europas und versucht von dort aus die Geschicke seines Volkes zu leiten. Cechen und Slovaken bilden jetzt eine Nation. Nach den historischen Gesetzen muBten sie im feind - lichen Gegensatz zu den Deutschen im eigenen neuen Reiche und in Deutschland sein. Aber Masaryk vcfkiindete vom ersten Augenblicke an den Frieden der Nationalitåten. Sein Schiller und Freund, der Minister des AeuBern Benes, hat gegen die nationalchauvinistische Richtung gesprochen und seine Politik versohnlich orientiert. Den Juden in Bohmen, von denen viele durch Generation deutsch empfunden ha. ben, von den Deutschen aber, die leider auch in Bohmen zum groBen Teil antisemitisch fiihlen, ztiriickgewiesen wurden, weist er einen Weg. Den Juden in der Slovakei erging es åhnlich mit den Magyaren. Masaryk crmoglicht ihnen jenen Ausweg, den wir Zionisten seit einem Vierteljahrhundert predigeti. Die jiidische bjationalitåt ist in der Cechoslovakei anerkannt, der Jude steht auBerhalb des deutsch-slavischen Kampfes und er kann nichts besseres tun, als Masaryks Spuren folgend fiir die Versohnung der beiden Nationen zu arbeiten, damit die neue Republik gedeiht und ihren Platz im Volkerbunde voll Ehren und Erfolg einzunehmen vermag. Damit konnen die Juden ihre Dankbarkeit dem greisen Pråsidenten beweisen, dem wir von der freien Schweiz aus ein herzliches „ad multos annos“ zurufen. Die nåchsten Aufgaben des Komites der Jtidischen Delegationen. — Interview init Dr. Ringel. -- Aus Paris kommend, passierte das Mitglied der Jud. Delegationen Dr. Michael R i u g e 1, Prås. des JUd. Nationalrates fUr Ostgalizien, mit dem Ententezuge Zurich, bei welcher Gelegenheit er die Freundlichkeit hatte, dem Vertreter der „Jud. Presszentrale Zurich" gegenuber folgende AeuBerungen zu machen. Auf unsere Frage, iiber die nåchsten politischen Aufgaben des Komitees der Jud. Delegationen åufierte sich Dr. Ringel: „Am 18. Mårz wird es ein Jahr, seitdem wir uns in Paris als Komitee der Jud. Delegationen konstituiert liaben. Die Beendigung der Arbeiten der Frie-