Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Set* I Nr. 18. — Am 8. Mftrz warden fai Londoner Jewish Co!, tete die pldaeogischen Karse fAr hebråische Lehror erøffnet, ArsMsche Demonstrationen in Jernsalem. Die mit so viel Reklame veranstaltete Demon« stration der Araber, an der anseblich 75.000 aus der Umgebung 2ugestrømte Araber hatten teilnehmen sollen, fiel, setbst nach den gewiB nicht judenfreundlichen teiegraphischen Berichten der Korrespondenten der Londoner nichtjfid. Presse, ziemlich schwach aus. Es beteiiigten sich an ihr nur 5000 Araber. Die Demonstration verlief vollkommen ruhig. Eine Deputation des christlich-muselmanischen Komitees flbergab den verschiedenen Konsuln der europ&ischen Machte die aufgestellten Forderungen zur Uebermittlung an ihre Regierungen. — Herbert Samuel und General Bols besuchten das technische Departement der Zion. Kommission, wobei sie die Bewasserungspiane priiften. Sie machen jetzt eine Reise durchs Land. Auf elner Sitzung der Ortsgruppe des Aerzteverbandes PalSstinas in Jaffa, wurde nach Anhørung eines Vortrages Dr. Jermanns Aber die okonomische Lage der Aerzté in Pal&stina, u. a. folgende Resolution angenommen: Das Zentralkomitee des Aerzteverbandes Palåstinas soli sich vermittels der judischen Presse an alle liid. Aerzte der Welt mit einem offenen Brief wenden, um sie Aber die schwere okonomische Lage der Aerzte Pal&stinas aufzuki&ren, da deren Organisierung vor Freigabe der Immigration nach Pal&stina und der Sanierung des Landes unmoglich ist. — Im Rothschild-Spita! zu Jerusalem befindct sich z. Zt. folgendes Personal: 16 Aerzte, 8 diplofflierte Krankensch western und eine Oberschwester, 40 Krankenschwestern, die dort den Beruf erlernen, din Verwalter und 2 Gehilfen, 5 Pharmazeuten, 3 Feldscher, 4 Gehilfen im Laboratorium, eine Hilfsschwester im Rontgenkabinett, 9 Beamte in den toneren Kliniken, 3 Gehilfen in der Zalmklinik, 10 Beamte und efnfache Arbeiter, 2 Maschinisten, 21 Waschfrauen, 5 Schneiderinnen, 6 Køchinnen, 3 Serviertøchter. Von Woche zu Woehe. / Moritz Benedikt. Am 18. d. um Mitternacht ist der Wiener Zeitungsmagnat, Mitglied des ehemaligen østerreichischen Herrenhauses, Moritz Benedikt gestorben, der vor ToresschluB der østerreichiseh-ungarischen Monarchie unter Clam-Martiniz Preir und Nobilis wurde. Eine rAcksichtslose Arbeitsnatur ist mit ihm aus der Welt geschieden. Ein Mann, der durch Jahrzehnte hindurch, die øffentliche Meinnng Oesterreichs schuf; ein Verfechter des Manchesterliberalismus, gleich bereit der Aristokratie und den BørsengrØBen zu dienen, wie er jede freiereRegung des Volkes und des Arbeiters zu un. terdrQcken versuchte. Nur einem Ziele nachjagend, der GrøBe seines Blattes, dessen Herausgeber und Chefredakteur er in eigener Person war, hatte er alles, was sich diesem Ziele hindernd in den Weg setzte, vergiftete er, durch starres Festhaiten am Dualismus und durch Verhinderung eines nationalen Ausgleiches to Oesterrelch das gesamte offentliche Leben. Seine Leitartikel, die von jedem Juden als heilig angesehen wurden, an denen nicht zu rAtteln und zu zweifeln war, erzeugten bei den gl&ubigen Lesern and dem schlecht informierten Au sian de eine Vorstellung von Oesterreich, die im vollsten Gegensatz zur Wirklichkeit stand. Das Prototyp der Journaille, wie ihn ein Karl Kraus in grandiosem Wurfe zeichnete, beutete er seine Arbeitskråfte bis zum Ermatten aus. Mitschuldig am Weltkrieg, Zertrtimmerer der Habsburgermonarchie, die er stOtzen wollte. Zur GrøBe — die in ihm heute nicht einmal die Schmøckchen der liberalen Provinzblatter sehen — fehlte ihm das volle Verst&ndnis fAr soziale Forderung und das Verstøndnis fAr M&nner, die unter ihm keuchend arbeiteten. Wir Zionisten waren diesem Verfechter der Assimilation nie hold gesinnt. Wir sagen nicht einmal De mortuis nil nisi bene. Er hat uns gegenBber seine berAchtigte Totschweigepolitik getrieben, hatte in seiner Redaktion einen Mann sitzen, der zu den grøflten Menschen des Jahrhnnderts gezihlt werden wird, licB ihn rackern und schuften, and konnte doch nicht verhindern, daB aus der Redaktionsstube der „Tante in der Fichtegasse'4 die welterobernde zionistische Bewegung Ientsprang, die hente triumphierend toren Siegeszug Aber die Welt hålt. Dr. fheodor Herzl wollte er totschweigen, hatte nicht das Herz und nicht die OrØØe, diesen Mann, den er zu seinem Tintenkuii herabwArdigen wollte und dem er die schønsten Perlen deutscher Literatur verdankte, wie sie auf dem Gebiete des Feuilletons nur noch ein Ludwig Speidel und KArnberger schuf, anzuerkennen. Wir weinen Moritz Benedikt keine Trane nach, der durch seine blendenden Artikel die Provinzjudenschaft einem deutschen Imperialismus im alten Oesterreich dienstbar machte, sie in den NationalitatenhaB zerrte und sie so den grøBten Gefahren ausgesetzt hat. Es møgen ihn bejubeln und beweinen, denen er Gott war, uns war er nicht einmal ein Gøtze. VOLKSWIRTSCHAFTUCHES. Die Notenabstempelung in Ungarn. Von Fritz Ro deck. Nach der øechoslovakischen und Osterreichischen Republik geht nunmehr auch Ungarn an die Abstempelung der dort im Umlaufe befindlichen Noten als Vorstufe zur Schaffung einer elgenen W&hrung. Mit dieser Notenabstempelung soli, so wie in der Cechoslovakei, eine Art Zwangsanleihe verbunden werden, indem 10 Prozent als GebAhr abgezogen und 40 Prozent von den zur Abstempelung gelangenden Noten zurUckbehalten und hiefilr mit 4 Prozent verzinsliche Anleihetitres ausgegeben werden, welche zu Steuer zahlungszwecken verwendet werden konnen. Das ist im wesentlichen das alte Auskunftsmittel von in Fi nanznoten befindlichen Staaten, das man Steureantizipationen nennt, welche Ahnlich wie eine Vermagenssteuer wirkt. Diese Zwangsanleihe soli angeblich zur EinschrØnkung des In Ungarn allerdings sehr groBen Notenumlaufes dienen, der ebenso eine Folge der wilden Papiergeldausgabe unter der Råteregierung, wie der ungarische Finanzminister Ba ron Koranyi behauptet, aber auch der zahlreichen Schiebungen, der mit einem Agio kursierenden ungestempelten Valuta nach Ungarn sein dArfte. Aber die gewAnSchte Einschr&nkung des Notenumlaufes in Ungarn: dtirfte durch die' Jetzt im Gange befindliche Notenabstempelung nicht erreicht werden. Das un garische Publikum hat sich natArlich sofort nach Bekanntwerden des Abstempelungsplanes auf alle nur irgend erréichbaren Werte gestiirzt, auf Waren, atuf Børsenpapiere und Devisen, von denen letztere geradezu sprunghaft im Preise stiegen. Eine Menge ungestempelter Noten wird wohl auch nach dem letzten Geltungsgebiet der ungestempelten Kronen nach Polen hinUbergebracht worden sein. Die Kaufleute, die ja die Hfilfte des zur Abstempelung gelan genden Geldes gegen fragwørdige Anleihetitres hergeben mAssen, haben die Preise entsprechend, meist auf das Doppelte des frAheren Preises, hinaufgesptzt, wenn sie es nicht vorzogen, ihre GeschSfte Uberhaupt geschlossen zu halten, um nicht gegen Bezahlung in ungestempelten Kronen verkaufen zu mAssen; alles Erscheinungen, wie sie auch bei der Abstempelung in der Cechoslovakei zeigten, wie Aberhaupt die ungarische Notenabstempelung im wesentlichen eine Nachalynung der Cechischen Notenabstempelung darstellt. Aber die Voraussetzungen waren dort ganz anders als in Ungarn, und dørfte auch der Erfolg ein ganz anderer sein. Vor allem ist Ungarn mit seinem doppelt so groBen Notenumlauf im Verhåltnis' zur Cechoslovakei von vornherein im Nachteil (7 Milliarden øecliische Kronen gegen 15 Milliarden ungarische Kronen). Wenn schon die Cechoslovakei genøtigt war, die eingezogenen Noten zu stempeln und zu Zahlungen des Staates zu verwenden, so dtirfte dies bei Ungarn, das sich Aberdies noch sehr verspitet an die Notenabstempelung macht, in noch viel st&rkerem MaBe der Fali sein. Aber auch sonst wagt sich Ungarn unter viel ungtinstigeren Bedingungen als die Cechische Republik an dieses Exoeriment. Die Cechoslovakei ist ein industriel! hoch entwickeltes Land, wtihrend Ungarn .eine kønstlich entwickeite Industrie besessen hat, der jetzt provisorisch und durch den Friedensvertarg wahrscheinlich definitiv der grøBte Tel! ihrer Kohlenquellen ihre Erzvorkommen, ihre Hochøfen und auBerdem noch wirtschaftlich hochwichtige Gebiete, wie z. B. die Weingegenden, entzogen werden. Die Cechoslovakei ist eine uneriaBliche Vprbedingung før die Støtzung und Aufrechterbaltung einer eigenen Gold- oder auch nur Goldkernvaluta, ein sehr ausfuhrføhiges Land. Man denke nur $n die øecbiscben Zuckerexporte. Von lich gehort die Cechosiovaklsche Republik 2u den „alliierten und assoziierten" Staaten, deren Wirtschaftsleben dnrch den Sieg der Entente stark angeregt wurde, Ungarn dagegen hat den Krieg verloren und øberdies noch eine Reihe von gewaitsameji Umw&Izungen hinter sich und befindet sich heute trotz aller Schlagworte von „christlich-nationaler Ordnung" in wirtsBhaftlich ganz dcrangiertem Zustande. Kurz, das Experiment, das in Cechien unter gønstigeren Voraussetzungen im groBen und ganzen doch miBlungen ist (zum Beweise diene der derzeitige Kurs der Devise Prag im Auslande), dørfte in Ungarn noch viel grUndlicher miBlingen, es wird wahrscheinlich weder eine bedeutende Einschr&nkung des Notenumlaufes, noch eine nennenswerte Hebung der Devise Budapest erzielt werden. Die Notenabstempelung ist vielleicht auf Grund des Friedensvertrages eine Notwendigkeit før Ungarn, aber wirtschaftlich wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach’tiberwicgend ungønstig wirken. Was ihre Riickwirkung auf die østerreichischc Valuta betrifft, so wird man, wenn man von den Abstempelungsverlusten einiger unvorsichtig nach Ungarn liefernder Kaufleute und Industriellen absieht, die dort Depots haben, die Folgen der Abstempelung als før uns vorteilhaft beurteilen dørfen. Durch die Notenabstempelung in Ungarn wird das Geltungsgebiet der ungestempelten Krone auf Polen eihgeschrtinkt und aus Ungarn wurden, wie bereits er. w&hnt, moglichst viel ungestempelte Kronen dorthin abgeschoben, also in Polen ebenso wie in Ungarn selbst ein starkes Angebot ungestempelter Kronen hervorgerufen, was den Kursfall der ungestempelten Kronen in den letzten Tagen mitverursacht hat. Da høchstwahrscheinlich før østerreichische Lieferungen nach Polen jetzt Zahlung to deutschøsterreichischen Kronen verlangt und gegeben werden dtirfte, wird gleichzeitig die Nachfrage nach osterreichischen Kronen einigermafien vermehrt, was den Kurs unserer Valuta gønstig beeinflussen dtirfte, wie die Nachfrage in Budapest nach den keiuer Abstempelung mehr untérliegenden osterreichischen Kronen. Was die oben erwflhnten Lieferungen osterreichischer Kaufleute nach Ungarn anlangt, so ist es bezeichnend før die magyarische, bolschewikische ebenso wie christlichnationale Gewaltt&tigkeit, daB die før diesé Lieferungen als Oegenwert bei den ungarischen Banken, besonders bei der ungarischen Postsparkasse, entstandenen Guthaben seinerzeit von der R&teregierung gesperrt wurden, so daB die Kaufleute, ganz anders als bei der Sperre in der 5echischen Republik, nicht einmal innerhalb Ungarns øber die Guthabungen verftigen konnten. Diese osterreichischen, gar nicht unbedeutenden Kapitalien liegen dort bis heute brach. da die jetzige Regierung trotz ihres „christlichnationalen Kurses" es noch nicht fur notwendig befunden hat, diese Verføgung der Rateregierung aufzuheben. Unsere Industriellen und Kaufleute haben denn auch bei sp&teren Verk&ufen nach Ungarn sich diese Erfahrungen zur Lehre dienen lassen heute wird nach Ungarn nur mehr gegen Barzahlung in Wien oder in irgendeinem anderen Osterreichischen oder auslSndischen Platze geliefert. »W. M. Z." Ungarn kann man das nicht behaupten. Und schlie8-|Berlin. Literatur. Die Weltbticher. Eine j ø d i s c h e Schriftenfolge. 8. Heinrich Loewe: Schelme und Narren mit lødischen Kappen. Geh. M. 3.50, gebunden M. 4.50. Welt-Verlag, Berlin. Vom køstlichen Volkshumor ist das Btichlein durchtrankt. Eine Freude ftir Folkloristen und Volksforscher. Till Eulenspiegels Streiche im jtidischen Leben. Efraim Greidiker, Mordche Rackewer, Schaike Feifer und Herschel Ostropoiier. Dessen letzteren lustige Streiche des ofteren auch in unserem Blatte verøffentlicht waren. Auf 63 Seiten kann dieses Thema nicht erschopft sein. Des Rajzer Maggid ist gar nicht gedacht. Vielleicht wird Heinrich Loewe, der unermødliche Forscher und Sucher im jtidischen Schrifttum auch dieses Schelmen gedenken. Eine Sammlung dieser Schnurren ist vor Jahren bereits erschienen, doch meinem Ged&chtnis entfallen. Es ware zu vergleichen, interessant, wie der ungarische Maggid seine østlichen Kollegen beeinfiuBt, oder umgekehrt. DaB Loewe in dem Btichlein die vergleichende Forschung anwendet, tut dem" Ganzen gut. Wir erwarten mit Zuversicht eine Erweiterung dieser Sammlung. Die WeltbUcher. Eine jødische Schriftenfolge. 7. Henry Qeorge: Moses der Gesetzgeber. Qeheftet M. 3.50, gebunden M. 4.50. Welt-Verlag,